Posts Tagged ‘Geschichte’

Leben in einer zerstörten Stadt

März 13, 2020
Parade in Münster

1945: Ein britisches Militärorchester in den Straßen Münsters. Foto: Stadt Münster, Sammlung Stadtmuseum

Münster (SMS) Am 2. April 1945 rollten britische und amerikanische Panzer durch eine Stadt, die in Asche und Ruinen versank. Die Alliierten bahnten sich ihren Weg über den Prinzipalmarkt, der wie die gesamte Innenstadt einer Trümmerwüste glich. Damit fand die zwölfjährige Herrschaft des Nationalsozialismus in Münster ihr Ende und das britische Militär übernahm die Regierungsgewalt in der Stadt: Die Nachkriegszeit hatte begonnen.
Die Bilanz des Nationalsozialismus bestand nach 1945 nur aus Zerstörung und Tod, das Leben der meisten Menschen war geprägt von der Not des Alltags und dem kräftezehrenden Wiederaufbau der Stadt. In Fotos und Filmausschnitten dokumentiert die Präsentation „Münster 1945 – 75 Jahre Ende Zweiter Weltkrieg“ im Stadtmuseum eindrucksvoll das Elend von Zwangsarbeitern und das Leben der Zivilbevölkerung ebenso wie die Zerstörung der Stadt und den Beginn der britischen Besatzungszeit.
Das Jahr 1945 steht so für vielfache Brüche und Kontinuitäten. Bedingungslose Kapitulation und die Aufteilung Deutschlands gehörten ebenso dazu wie die Tatsache, dass nur wenige Menschen zu einem Innehalten und bewussten Neuanfang fähig waren.
Die Ausstellung ist ab Freitag, 20. März, bis zum Sonntag, 24. Mai, im Museum an der Salzstraße zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Vor 75 Jahren: Auschwitz wird befreit

Januar 14, 2020

Münster (SMS) Auch fast 75 Jahre nach der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 und dem Ende der Herrschaft der Nationalsozialisten stellen sich elementare gesellschaftliche Fragen: Wie war der Holocaust möglich? Welche Rolle spielten die gewöhnlichen Menschen dabei in Deutschland und in Europa? Warum nahmen einige mit größtem Eifer an der Verfolgung von Jüdinnen und Juden teil, während andere Mitläufer waren? Warum haben so Wenige den Menschen geholfen, die zu Opfern gemacht wurden?
Die Villa ten Hompel präsentiert die Ausstellung „Einige waren Nachbarn“ vom 15. Januar bis 15. Februar im Foyer der Bezirksregierung Münster zusammen mit der Bezirksregierung Münster, dem Evangelischen Forum Münster, der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Münster, dem Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie“, der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und dem Verein „Spuren Finden“.
Die Ausstellung „Einige waren Nachbarn – Täter – Opfer und Mitläufertum“ des United States Holocaust Memorial Museum Washington D.C. soll herausfordern, über die Motive und Zwänge nachzudenken, die die Entscheidungen und Verhaltensweisen der gewöhnlichen Menschen während des Holocaust beeinflussten. Seit 2018 sind das United States Holocaust Memorial Museum Washington D.C. und der Geschichtsort Villa ten Hompel Münster offiziell Kooperationspartner.
Schirmherr der Wanderausstellung, die in NRW an mehr als 20 Orten auf Initiative der Villa ten Hompel präsentiert wird, ist Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet: „Diese besondere Ausstellung des United States Holocaust Memorial Museum Washington D.C. mahnt und ruft uns auf, aufzustehen gegen Rassismus und Antisemitismus, für Menschenwürde, Freiheit und das friedliche Zusammenleben in unserem Land.“
Der öffentliche Festakt zur Ausstellung findet am Freitag 31. Januar um 13 Uhr im Foyer der Bezirksregierung Münster am Domplatz mit Sara J. Bloomfield (Direktorin des United States Holocaust Memorial Museum Washington), Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (Antisemitismus-Beauftragte von NRW), Dorothee Feller (Regierungspräsidentin Münster), Markus Lewe (Oberbürgermeister der Stadt Münster) und Christoph Spieker (Leiter der Villa ten Hompel) statt. Gäste sind herzlich willkommen.
Info:
„Einige waren Nachbarn – Täter – Opfer und Mitläufertum“ im Foyer der Bezirksregierung Münster, Domplatz 1-3, 15. Januar bis 15. Februar. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 9 bis 16 Uhr, samstags 9 bis 13 Uhr. Der Eintritt ist frei.
Gruppen, insbesondere Schulklassen, aber auch Studenten und Gruppen der Erwachsenenbildung, können bei der Villa ten Hompel drei pädagogische Angebote buchen: Einen Ausstellungsrundgang, ein Kombiangebot aus Rundgang und lokalhistorischem Stadtrundgang und einen Workshop. Zudem wird ein umfassendes Begleitprogramm sowohl in der Villa ten Hompel wie auch in der Bezirksregierung angeboten: www.villatenhompel.de

Ausstellung in Münster

Blick in die Ausstellung „Einige waren Nachbarn – Täter – Opfer und Mitläufertum“ Foto: Stadt Münster

Die Villa ten Hompel erforscht seit 20 Jahren die NS-Zeit

Dezember 19, 2019

Der Stab des Befehlshabers der Ordnungspolizei Heinrich Lankenau (fünfter von rechts) am 11.10.1941 (50. Geburtstag Lankenaus). Foto: Villa ten Hompel

Das Jahr geht dem Ende zu, Zeit, Bilanz zu ziehen. Besonders gilt dies für den Geschichtsort Villa ten Hompel, der gerade sein 20jähriges Bestehen mit einer Matinee beging. Die Villa ten Hompel, im 3. Reich Sitz eines Befehlshabers der Ordnungspolizei, ist nicht nur ein Museum, sondern auch Veranstaltungs- und Bildungsort, der nicht zuletzt historisch Forschenden vom Schüler bis zum Doktoranden mit Rat und Hinweisen zur Seite steht, wenn es um die NS-Zeit geht. Kernthema der Villa ist aber die Rolle der Ordnungspolizei in der NS-Zeit, insbesondere ihre Beteiligung am Völkermord an den Juden. Die Frage nach den Motiven der Beteiligten treibt die Historiker in der Villa bis heute um, allen voran Dr. Christoph Spieker, der mir einige Fragen beantwortete:

Wie bzw. warum kam es aus Sicht der Villa ten Hompel zur Entstehung des Nationalsozialismus? Was sind die Ursachen und die Beweggründe für den Völkermord an den Juden gewesen?

„Ihre Frage, wie es zur Entstehung des Nationalsozialismus kam, möchte ich exemplarisch mit zwei Hinweisen beantworten:

der Existenz und Propaganda einer nationalen Hybris,

der Konstruktion einer künstlich erzeugten sogenannten ‚Volksgemeinschaft‘, die politisch, religiös und gesellschaftlich Unerwünschte ausschloss,

dem ungebrochenen Militarismus ohne Akzeptanz der Kriegsschuld und -niederlage,

sowie einem Antisemitismus in einer Gesellschaft, die in demokratische Regeln nur flüchtig eingeübt war.

Im letzten Punkt sind auch Ursachen für die schrecklichen Gewalttaten gegen die Menschen zu suchen, die die Nationalsozialisten nicht in ihrer ‚Volksgemeinschaft‘ haben wollten und sie zwangsweise ausschlossen, sterilisierten und ermordeten.“

Wie verhält sich die Villa ten Hompel zur Aussage des Buchs Hitler’s Willing Executioners von Daniel J. Goldhagen, wonach ganz gewöhnliche Deutsche überzeugte Vollstrecker des Holocaust gewesen seien?

„Der Geschichtsort Villa ten Hompel entstand kurz nach der Diskussion um die Bücher von Daniel J. Goldhagen und Christopher Browning, die nicht nur in der Geschichtswissenschaft große Resonanz fanden. Beide Arbeiten basieren auf Ermittlungen gegen Polizeibataillone, wie Sie vom Befehlshaber der Ordnungspolizei im Wehrkreis VI mit Sitz in der Villa ten Hompel in den Jahren von 1940-44 aufgestellt und als Teilnehmer in den ‚Weltanschauungskrieg‘ entsandt wurden. In unserer Forschungs- und Bildungsarbeit im Geschichtsort Villa ten Hompel beschäftigen wir uns seit Gründung der Gedenkstätte vor knapp 20 Jahren mit nationalsozialistischen Tätern. Wissenschaftliche Grundlage bieten dabei Pionierarbeiten wie die Brownings, der (deutlicher als Goldhagen) individuelle Tatmotive und konkrete Handlungskonstellationen in den Blick nahm, um zu erklären, wie aus ‚ganz normalen‘ Polizisten (in Anlehnung an Brownings wegweisende Studie der ‚ordinary men‘) Täter werden konnten, die sich teils ohne eindeutige Befehle und für zahlreiche Fälle nachweisbar freiwillig an Kriegsverbrechen beteiligt haben. Darüber hinaus fragen wir nach der Verantwortung von ‚ganz normalen‘ Beamten, die als ‚Schreibtischtäter‘ eine zentrale Funktion im nationalsozialistischen Verfolgungsapparat übernahmen.

Je intensiver wir uns mit Motiven dieser Ordnungspolizisten beschäftigen, desto facettenreicher wird unser Bild von Tätern, aber auch von Opfern und so genannten ‚Bystandern‘ des Holocaust. Was wir zweifelsohne feststellen können: Ohne die ‚gewissenhafte‘ und ‚gründliche‘ Arbeit der Polizei und der Verwaltungen hätte der Völkermord nicht seine grausame, für die Opfer besonders tragische, bürokratische Effizienz erlangen können. Hier knüpfen wir an die so genannte neuere Täterforschung an. Dabei versuchen wir auch weniger ‚prominente‘ Täter in den Blick zu nehmen und beschäftigen uns auch mit den ‚kleineren‘ Verwaltungsbeamten aus der Region, um die Alltäglichkeit der NS-Verbrechen zu unterstreichen.

Warum wurde Ihr Institut ausgerechnet in Münster gegründet? Es gab doch auch höhere Ordnungspolizeikommandaturen andernorts. Geht das auf das Engagement einer bestimmen Person zurück oder zeichnete sich die Ordnungspolizei, die von Münster aus befehligt wurde, durch irgendwelche historischen Besonderheiten aus?

Ich denke beide Gründe spielen eine Rolle: Einerseits hatte der Geschichtslehrer Winfrid Nachtwei (später MdB der Grünen)  in seinen Forschungen die Villa als historischen Ort entdeckt, andererseits ist Münster mit mehr als 20 Bataillonen einer der ‚größten‘, personalintensivsten BdO-Standorte.

Aber die Zahlen sind erst im Laufe der Forschungen deutlich geworden, also hat Ersteres mehr Wahrscheinlichkeit.

Was wussten die ganz gewöhnlichen Deutschen vom Holocaust, bzw. war es möglich, dass sie im Einzelfall zumindest von den Vernichtungslagern im Osten nichts wussten?

„Ich bin immer davon ausgegangen, dass die Vertreibung der Juden sehr bekannt war, die ‚Greuel der SS‘ sprichwörtlich oft kolportiert wurden – z.B. ein Geistlicher in Südlohn von der Kanzel – die Dimension der Vernichtung  – mit den Massenerschießungen und Gaskammern – sich aber nicht allen erschlossen hat. BBC hat berichtet, die niederländischen Zeitungen auch, der Polizist Henneboel berichtet aus den Niederlanden, dass Kollegen gesagt hätten, die Deportierten kämen ‚bald aus den Schornsteinen‘ … usw.

Kurz: Fragmentarisches Wissen gab es, Zeugen sicher auch, der Historiker Heinz Boberach beispielsweise hat uns versichert, seit 1942 von der Vernichtung gewusst zu haben.“

Für die einen Kriegerdenkmäler, für die anderen Steine des Anstoßes

April 23, 2019

Farbbeschmierungen am häufig kritisierten Dreizehner-Denkmal. Foto: Stadt Münster/ Fritz von Poblotzki

Münster (SMS) Kein Jahrhundert brachte so viele Denkmäler hervor wie das 20. Jahrhundert. Auch in Münster und Umgebung prägte sich eine Gedenklandschaft mit zahlreichen Kriegerehrenmalen aus, die überwiegend nach dem Ersten Weltkrieg entstanden sind. Sie dienten der ehrenden Erinnerung an gefallene Soldaten. Ihre Erinnerungsmotive werden heute kritisch hinterfragt.
Max Twickler vom Institut für Didaktik der Geschichte der Universität Münster blickt am nächsten Themenabend des Stadtarchivs auch über Münster hinaus und führt in die Entwicklung der Kriegerdenkmalskultur in Deutschland ein. Im Mittelpunkt stehen dabei die Weimarer Jahre. Daneben geht es um die identitätsstiftende Funktion der Ehrenmale zum Zeitpunkt ihrer Setzung.
Wie stellen wir uns heute zu den Erinnerungsmotiven der Kriegerehrenmale? Welche Rolle spielen sie in der heutigen geschichtskulturellen Auseinandersetzung? Fragen, zu denen Denkanstöße gegeben werden sollen.
Im Kern befasst sich der Referent mit der münsterschen Denkmallandschaft und ihren Veränderungen. Er konzentriert sich dabei auf die Debatte um die steinernen Erinnerungsorte in Münster, wobei auch die Rolle verschiedener Gremien der Stadtpolitik angesprochen wird. Anhand themenbezogener Geschichten aus dem Münsterland zeigt Twickler Möglichkeiten des künftigen Umgangs mit den steinernen Zeugen ihrer Zeit auf und erläutert, wie sich die einzelnen Vorgehensweisen begründen lassen. Eine Diskussion schließt sich an.
Info: Der Themenabend beginnt am Donnerstag, 25. April, um 18 Uhr im Stadtarchiv, An den Speichern 8. Um Anmeldung wird gebeten per E-Mail an archiv@stadt-muenster.de oder unter Tel. 02 51/4 92-47 01. Detaillierte Informationen zu den Kriegerdenkmälern, Mahnmalen und Kriegsgräberstätten im Stadtgebiet von Münster finden sich im Stadtnetz unter www.stadt-muenster.de/kriegerdenkmale/startseite

Historikertag über „Gespaltene Gesellschaften“

September 25, 2018

Frankfurt/Münster, 25. September 2018 (vhd) In der Zeit vom 25. bis 28. September 2018 findet an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) der 52. Deutsche Historikertag unter dem Motto „Gespaltene Gesellschaften“ statt. Heute abend wurde der Historikertag feierlich eröffnet. Mehr als 3500 Besucher werden erwartet. 500 Referenten aus dem In- und Ausland tauschen sich in über 100 Sektionen zu aktuellen Forschungsthemen aus. Partnerland des diesjährigen Historikertages sind die Niederlande.

In allen Gesellschaften in Gegenwart und Geschichte sind Schichtungen, Teilungen oder auch Spaltungen durchaus üblich. Die Stimmenvielfalt ist natürlich umso hörbarer, je mehr gesellschaftliche Gruppen sich wie heute an dem politischen Willensprozess beteiligen. Historiker und Historikerinnen aus dem In- und Ausland werden auf dem Historikertag in Münster die langen und oftmals mühsamen Prozesse aufzeigen und diskutieren, in denen von der Antike bis zur Gegenwart immer neue Herausforderungen bewältigt werden mussten. „Die Geschichte kann und soll neue Verständnishorizonte eröffnen, Entwicklungen kritisch hinterfragen und erklären. Auf diese Weise entsteht ein gemeinsamer Erfahrungsraum, unser kulturelles Gedächtnis. Es ist letztlich dieser Erfahrungsraum, der unsere Bewertungsmuster, Ziele und Visionen für die Zukunft formt“, so die Vorsitzende des Verbandes der Historiker und  Historikerinnen Deutschlands (VHD), Prof. Dr. Eva Schlotheuber.

In über 100 wissenschaftlichen Sektionen wird die historische Perspektive auf „gesellschaftliche Spaltungen“ aus unterschiedlichen Forschungsblickwinkeln und bezogen auf alle Epochen eingenommen. Die aktuelle Relevanz des Mottos wird in einigen Veranstaltungen unmittelbar erkennbar. Um etwa der Frage nachzugehen, wie Historikerinnen und Historiker auf Rechtsextremismus, Demokratieverachtung, Fremdenfeindlichkeit und Verrohung reagieren können, veranstaltet der VHD eine Podiumsdiskussion mit dem Titel „Bedeutet die neue Rechte eine Gefahr für die Demokratie?“. Sie findet statt am Mittwoch, dem 26. September 2018, von 13:30 Uhr bis 14:30 Uhr im Juridicum Raum 4. Inhaltlich anschließend wird in einer zusätzlichen Sektion unter dem Titel „Die Komfortzone verlassen? Zur politischen Relevanz von Geschichtswissenschaft heute“ diskutiert, wie sich unsere Einsichten in die historische Dimension gegenwärtiger Probleme und Gestaltungsaufgaben überhaupt für politische Debatten und Entscheidungen fruchtbar machen lassen.  Diese Veranstaltung ist öffentlich und nicht nur für angemeldete Teilnehmer zugänglich. Sie findet am Mittwoch, dem 26. September 2018, um 18:30 Uhr im Juridicum Raum 1 statt.

Partnerland des 52. Deutschen Historikertages ist unser Nachbar die Niederlande. Die Verbindung Münsters zu den Niederlanden sei traditionell eng, wie Prof. Dr. Peter Funke, Sprecher des Ortskomitees des Historikertages Münster betont. Nicht nur, dass mit dem „Friede von Münster“ 1648 die Geburt der Niederlande einherging, es existieren seitdem vielfältige kulturelle und wissenschaftliche Beziehungen, die weiter vertieft werden sollen. In einer gemeinsamen Veranstaltung des VHD mit seinem Partnerverband, der Koninklijk Nederlands Historisch Genootschap (KNHG) zum Westfälischen Frieden 1648/2018 wird nach dessen Wirkmächtigkeit bis heute gefragt. Die Podiumsdiskussion findet am Donnerstag, dem 27. September 2018, von 9 Uhr bis 11 Uhr im Juridicum Raum 4 statt.

Weitere Programmpunkte

Neben den wissenschaftlichen Sektionen bietet der Historikertag im LWL Museum für Kunst und Kultur weitere Foren für die Digitale Geschichtswissenschaft, für Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer. Erstmals wird es auf dem Historikertag ein Nachwuchsforum geben. Hier können sich Nachwuchsforscherinnen und -forscher über Berufs- und Karriereplanungen informieren und sich vernetzen. Die schon bewährte Posterausstellung laufender Promotionsprojekte findet dort ebenfalls ihren Platz. Universitäre und außeruniversitäre Einrichtungen stellen sich im Forum „Geschichte vor Ort. Forschung und Beruf in Westfalen“ vor. Darüber hinaus informiert eine große Verlags- und Fachausstellung über aktuelle Programme und Vorhaben aus Wissenschaft, Kultur und Bildung.

Ein vielfältiges Begleitprogramm in Münster und Umgebung öffnet den Historikertag in die Stadt hinein. Das gesamte Programm ist unter www.historikertag.de abrufbar.

Jugend im Gleichschritt – Ausstellung über HJ

August 23, 2018
Kinder in HJ-Uniform

Diese Postkarte von Berta Hummel mit zwei Kindern in HJ-Uniform (Foto) trägt den Schriftzug „Lieb Vaterland, magst ruhig sein!“. Foto: Stadt Münster

Münster (SMS) Die offizielle Gründung der Hitlerjugend erfolgte am 4. Juli 1926 beim zweiten Parteitag der NSDAP in Weimar. Bereits 1922 hatte es einen Vorläufer gegeben, den „Jugendbund der NSDAP“, der allerdings verboten worden war. In den Jahren von 1926 bis 1933 hatte die Jugendorganisation nur eine begrenzte Anzahl von Mitgliedern, was sich durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 änderte. In der  NS-Diktatur war die Hitlerjugend eine der zentralen Organisationen zur Prägung nachfolgender Generationen im Sinne des Regimes. Im Stadtmuseum wird ab dem 30. August eine Ausstellung zur Hitlerjugend gezeigt. Die Präsentation „Jugend im Gleichschritt!? Die Hitlerjugend zwischen Anspruch und Wirklichkeit“ ist eine Wanderausstellung des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln. Sie wird durch münsterbezogene Exponate erweitert.

Ein Grund zum Feiern? Münster und der Westfälische Frieden

April 29, 2018

Die Ausstellung „Ein Grund zum Feiern? Münster und der Westfälische Frieden“ im Stadtmuseum Münster widmet sich der Rezeptionsgeschichte des Westfälischen Friedens, wobei die Jubiläen 1748, 1848, 1898 und 1948 im Fokus stehen. Im Anschluss an die Ratifikation des Westfälischen Friedens hatte es 1649 in Münster einen Festakt gegeben doch die folgenden Jahrhunderte sollten eine ganz andere Sicht auf den Westfälischen Frieden offenbaren, als man heute annehmen sollte.

Die Jubiläen des Friedens im Jahr 1748 und 1848 wurden in Münster nur ignoriert. Die katholische Stadt nahm den Westfälischen Frieden vor allem als Schwächung des Katholizismus im Deutschen Reich wahr, während die protestantischen Reichsstädte Süddeutschlands wie etwa Nürnberg und Augsburg große Friedensfeste veranstalteten.

Wilhelm Bolte: Friedensdenkmal in Münster, eingeweiht 1905. Foto: Stadtmuseum Münster

Erst 1898 gedachte die Stadt Münster erstmals offiziell des Westfälischen Friedens. Wobei kein großer Festakt für die Bevölkerung geplant wurde, sondern lediglich ein Treffen von Historikern an den Friedensschluss in Münster erinnerte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden das monumentale Historienbild über die Friedensverhandlungen im Rathaussaal von Fritz Grotemeyer und das 1942 eingeschmolzene münstersche Friedensdenkmal. Diese Werke können jedoch nicht in einen Zusammenhang mit einer großen Feierstimmung anlässlich des Jubiläums in Zusammenhang gebracht werden.

Für die Nationalsozialisten war der Westfälische Frieden Grundlage um gegen den Erbfeind Frankreich Stimmung machen zu können. So plante die Partei, den 300. Jahrestag 1948 für ihre Zwecke zu missbrauchen. Einen Einblick in die bereits 1940 aufgebaute, aber nie eröffnete Propagandaausstellung geben erhaltene, damals angefertigte Gemäldekopien sowie dokumentarische Fotografien. Erst nach der Gedenkwoche 1948 erfolgte vor dem Hintergrund des verlorenen Zweiten Weltkriegs eine Umbewertung des Westfälischen Friedens zum Einigungsfrieden. Erst seit einigen wenigen Jahrzehnten ist Münster „Die Stadt des Westfälischen Friedens“, an dessen Jubiläen sie jetzt regelmäßig erinnert.

Die Ausstellung „Ein Grund zum Feiern? Münster und der Westfälische Frieden“ im Stadtmuseum verdeutlicht, wie abhängig das Urteil über den Westfälischen Frieden von den jeweiligen zeithistorischen Umständen war. Zur Veranschaulichung werden in der Ausstellung Gemälde, Medaillen, Grafiken, Plakate, Postkarten, Fotos, Filmaufnahmen, Inszenierungen und Animationen aus 350 Jahren Geschichte des Westfälischen Friedens in Münster zusammen mit bedeutenden Leihgaben, etwa dem berühmten Weinlöwen aus Nürnberg, ausgestellt.

Zur Ausstellung, die bis zum 2. September 2018 zu sehen ist, erscheint ein Katalog, der im Stadtmuseum Münster an der Salzstraße erhältlich ist (Sandstein Verlag, 9,80 Euro).

Quelle: Stadt Münster

Abrechnung mit den 68ern

April 26, 2018

Aufgrund der Gegenproteste im 68er-Stil verlief der gestrige Abend der AfD Münster mit Dr. Karlheinz Weißmann nicht ohne Komik und Grusel. In der Mitte der Veranstaltung fiel kurzzeitig das Licht aus. Dann klingelte ein deponierter Wecker, der erst gefunden werden musste. Die lärmenden und schreienden Gegendemonstranten aus dem linken Spektrum wurden von der Polizei nahe an den Eingang der Stadtbibliothek als Veranstaltungsort herangelassen und waren am Anfang der Veranstaltung ständig im Hintergrund zu hören.

Dr. Karlheinz Weißmann beim Vortrag in Münster

Der Vortrag des Geschichtslehrers und rechtskonservativen Publizisten Weißmann über den „Kulturbruch ’68: Die linke Revolte und ihre Folgen“ selbst erwies sich eigentlich als ziemlich unspektakulär historisch-darstellend und reihte sich weitgehend ein in die gängige 68er-Kritik, die man ähnlich heute eigentlich überall lesen kann, allerdings ohne auch positive Aspekte von ’68 hervorzuheben. ’68 sei nicht das Gründungsdatum der Zivilgesellschaft gewesen, wie die 68er-Apologeten behaupteten, vielmehr habe es in den 50er und 60er Jahren eine breite, vielfältige öffentliche Diskussionskultur gegeben, die durch die 68er zerstört worden sei. ’68 sei ein Kulturbruch im Sinne einer Revolution gewesen, die die Umwertung aller Werte und die Veränderung der Lebensweise zur Folge gehabt habe. Die Reformära der 70er Jahre und der Marsch durch die Institutionen könnten als Triumph der 68er gedeutet werden, wenn auch die Revolte zunächst gescheitert sei.

Ihren Ausgang hatte die 68er-Bewegung in den USA, referierte Weißmann, wenn sie auch in Deutschland vom kommunistischen Ostblock unterstützt worden sei. Die verwöhnten Kinder der Wohlstandsgesellschaft in den USA, die gewohnt waren, dass jeder ihrer Wünsche erfüllt würde, aber dann mit Wehrpflicht und Kriegseinsatz in Vietnam konfrontiert gewesen seien, hätten die Basis der dortigen Studentenbewegung gebildet. Sozialistische Utopien sollten mit einem Bündnis der progressiven Intelligenz mit Randgruppen verwirklicht werden.  Das Denken drehte sich um Befreiung des Trieblebens, Ablehnung der Industrie- und Konsumgesellschaft sowie Ablehnung jeglicher Hierarchien.

Deutsche Austauschstudenten in den USA seien von dieser Bewegung angesteckt und mit Aktionsformen wie Sit-in oder Go-in vertraut gemacht worden. Weißmann zeichnete den historischen Gang der Ereignisse wie die Massendemonstrationen im Gefolge der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg und des Attentats auf Rudi Dutschke nach. Die „Schlacht am Tegeler Weg“, bei der Bruchsteinplatten und Rockerbanden gegen die Polizei eingesetzt worden seien, hätten zur Aufrüstung der Polizei mit Helm und Schild geführt. Das Ende des Tschako-Polizisten sei also auch ein fragwürdiger Erfolg von ’68. Dazu kommen die Todesopfer der RAF, die sich aus der 68er-Bewegung entwickelt habe. Vor allem aber habe ’68 psychische Schäden und eine allgegenwärtige ideologische Imprägnierung der Gesellschaft hinterlassen, glaubt Weißmann, und eben auch eine Protestkultur wie vor der Tür der Stadtbibliothek Münster, die Andersdenkenden die Meinungs- und Versammlungsfreiheit abspreche.

 

 

Kriegerdenkmäler in Münster: Bildersturm nach dem Schildersturm?

Februar 19, 2018

Foto: Grafenstein

Münster hat in der jüngsten Vergangenheit eine heftige Debatte um die Umbenennung des Hindenburgplatzes in  Schlossplatz erlebt. Nach den Straßenschildern aus vergangenen Zeiten haben die Fraktionen von CDU, SPD und Grünen in der Bezirksvertretung Mitte nun neue Steine des Anstoßes entdeckt: Die vielen Kriegerdenkmäler in Münster, die noch aus der Vergangenheit als bedeutende Garnisonsstadt stammen. Eine Diskussion um den Umgang mit diesen Relikten der Vergangenheit soll nun entfesselt werden, droht nach dem Schildersturm gegen Straßenschilder nun ein Bildersturm gegen Monumente und Standbilder?

Die Linkspartei versteigt sich zu dem verrückten Vorschlag, umstrittene Monumente abzutragen und auf einem Denkmalfriedhof der Stadt endzulagern. Das dürfte bei dem Kriegerdenkmal am Mauritztor, das an die Gefallenen der Einigungskriege 1864 – 1871 erinnert, ein ziemlicher Kraftakt werden, denn es hat einen Umfang von 23 Metern. Seit 1909 steht es da: trutzig, klotzig, Stein gewordener Zeitgeist. Auf den Reliefs sind Krieger und trauernde Frauen zu sehen, wegen der vielen nackten Haut bekam das Heldengrab im Volksmund den Namen „Schinken-Denkmal“ verpasst. Das dramatische von Bernhard Frydag geschaffene Denkmal war aber durchaus ernst gemeint, als es mit einer nationalen Feier, mit Fahnen und Schellenbaum eingeweiht wurde. Oberbürgermeister Max Jungeblodt sah die Aufgabe dieses städtischen Denkmals darin, „den Helden, die für Deutschlands Ehre kämpften und starben, im edelsten Sinne nachzueifern.“ Von Deutschlands Ehre und Helden wird man heute in der Stadt des Westfälischen Friedens wohl nichts mehr wissen wollen. Trotzdem haben die Denkmäler ihre Existenzberechtigung, weil sie an frühere Kriege erinnern und das Geschichtsbewusstsein wachhalten. Ob nun alle Denkmäler mit erläuternden Hinweistafeln versehen werden müssen, sei dahingestellt, denn auch das Internet kann mittlerweile zur Erklärung einzelner Denkmäler viel beitragen.

Auf der alten Fotografie von der Einweihung mit Honoratioren, Pickelhauben und Verbindungsstudenten erkennt man, dass das Denkmal ursprünglich noch einen kleinen Aufbau auf seinem Dach hatte, der heute fehlt.  Foto: Stadtarchiv Münster

Münster: ein altes Kriegerdenkmal inmitten der Skulptur-Projekte 2017

Juni 26, 2017

Train-Denkmal

Kriegerdenkmäler, die an deutsche Gefallene des Ersten oder Zweiten Weltkrieges erinnern, haben in der Gegenwart keinen leichten Stand mehr: Die Toten, an die häufig namentlich erinnert wird, sind oft vergessen und linke Gruppierungen schänden die Denkmäler in ihrem Hass auf die Vorfahren mit Schmierereien. Historische Denkmäler lassen sich allgemein für die Nachwelt oft nur noch schwer erschließen, etwa wegen der altertümlichen Sprache, die sie verwenden. In Münsters Promenade steht noch das alte Train-Denkmal. Train (frz.) ist das alte Wort für die militärischen Nachschubtruppen. Das Denkmal wurde 1925 vom Traditionsverein des westfälischen Trainbataillons Nr. 7 errichtet und erinnert an die Gefallenen der Einheit im Ersten Weltkrieg. 1928 wurde seitlich noch Tafeln in den Boden eingelassen, die auch an zwei (!) Gefallene der Einheit im Kolonialkrieg 1904-1907 in Deutsch-Südwestafrika und einen (!) gefallenen Trainsoldaten bei der Niederschlagung des Boxeraufstands erinnern. Dies führte dazu, dass das Kriegerdenkmal zum Kolonialdenkmal umgedeutet wurde, obwohl es sonst keine kolonialen Bezüge enthält, und entsprechend seit den 1980er Jahren problematisiert wurde. Kam es in Südwest nicht zum Völkermord an den Herero und Nama?  Müsste es nicht mit Erklärtafeln versehen werden, die nicht an deutsche Opfer, sondern an die afrikanischen Opfer der Deutschen erinnern, oder sogar umgestaltet werden? Die Verwaltung der Stadt setzte lange

Lara Favaretto: Momentary Monument

Widerstand gegen solche Projekte entgegen und verwies darauf, dass das Train-Denkmal eine historische Quelle sei, die sich unverändert dem Urteil der Geschichte stellen müsse. Auch verwahrte sich die Bundesregierung noch bis 2015 gegen die Einordnung der Kriegsgreuel in Südwestafrika (heute Namibia) als Völkermord. Schon 2010 war aber ein Antrag der SPD in Münster erfolgreich, das Train-Denkmal mit einer erläuternden Hinweistafel zu versehen, die daran erinnert, dass „viele Hererofamilien in die Wüste gezwungen wurden, wo sie elend zu Grund gingen“. Das Wort „Völkermord“ wurde also vermieden. „Wir gedenken auch der zehntausenden Toten der unterdrückten Völker“, heißt es weiter. Das „auch“ hat ein Schmierfink, der der gefallenen deutschen Soldaten nicht mehr gedenken will,  mit Bedacht durchgestrichen und ein „heute“ darüber gesetzt.

Im Rahmen der laufenden Skulptur-Projekte 2017 setzte die Künstlerin Lara Favaretto ihr Kunstwerk „Momentary Monument – The Stone“ als Replik auf das Train-Denkmal am Ludgerikreisel. Es soll als eine Art Spardose für Menschen in Abschiebehaft verstanden werden, der Stein enthält einen entsprechenden Schlitz zum Einwerfen von Geld. Nach dem Ende der Skulptur-Projekte wird „The Stone“ jedoch wieder abgetragen, sodass dem Groll und den Schuldgefühlen(?) der Train-Denkmal-Gegner nicht dauerhaft entsprochen wird. Schon abgeräumt wurde die Kunst-Guerilla-Aktion „Proud America“ von Christian Nachtigäller, der zu Beginn der Skulptur-Projekte das Train-Denkmal mit einem Lattengerüst und einem Fass in den Nationalfarben der USA ergänzte, die offenbar nach Lesart des Künstlers die koloniale Tradition des Westens fortführen. Es bleibt offen, ob dem Train-Denkmal weitere „Umgestaltungen“ und „Ergänzungen“ drohen oder es seinen Frieden als vergessenes historisches Relikt wieder finden darf.

Weiterführende Links:

Eine vollständige Dokumentation des Kriegerdenkmals findet sich hier.

Wortwörtlich steht auf den Bodentafeln: „Es starben den Heldentod für Kaiser und Reich“. Dies erregt heute die Gemüter als Ausdruck übertriebener Heldenverehrung, bedeutet aber lediglich, sie sind „gefallen“ im Sinne von „im Kampf gestorben“.

Ein Beitrag für Radio Q hat 2015 die Kontroverse um das Train-Denkmal umfassend dargestellt.