Archive for the ‘Fotografie’ Category

Die Villa ten Hompel erforscht seit 20 Jahren die NS-Zeit

Dezember 19, 2019

Der Stab des Befehlshabers der Ordnungspolizei Heinrich Lankenau (fünfter von rechts) am 11.10.1941 (50. Geburtstag Lankenaus). Foto: Villa ten Hompel

Das Jahr geht dem Ende zu, Zeit, Bilanz zu ziehen. Besonders gilt dies für den Geschichtsort Villa ten Hompel, der gerade sein 20jähriges Bestehen mit einer Matinee beging. Die Villa ten Hompel, im 3. Reich Sitz eines Befehlshabers der Ordnungspolizei, ist nicht nur ein Museum, sondern auch Veranstaltungs- und Bildungsort, der nicht zuletzt historisch Forschenden vom Schüler bis zum Doktoranden mit Rat und Hinweisen zur Seite steht, wenn es um die NS-Zeit geht. Kernthema der Villa ist aber die Rolle der Ordnungspolizei in der NS-Zeit, insbesondere ihre Beteiligung am Völkermord an den Juden. Die Frage nach den Motiven der Beteiligten treibt die Historiker in der Villa bis heute um, allen voran Dr. Christoph Spieker, der mir einige Fragen beantwortete:

Wie bzw. warum kam es aus Sicht der Villa ten Hompel zur Entstehung des Nationalsozialismus? Was sind die Ursachen und die Beweggründe für den Völkermord an den Juden gewesen?

„Ihre Frage, wie es zur Entstehung des Nationalsozialismus kam, möchte ich exemplarisch mit zwei Hinweisen beantworten:

der Existenz und Propaganda einer nationalen Hybris,

der Konstruktion einer künstlich erzeugten sogenannten ‚Volksgemeinschaft‘, die politisch, religiös und gesellschaftlich Unerwünschte ausschloss,

dem ungebrochenen Militarismus ohne Akzeptanz der Kriegsschuld und -niederlage,

sowie einem Antisemitismus in einer Gesellschaft, die in demokratische Regeln nur flüchtig eingeübt war.

Im letzten Punkt sind auch Ursachen für die schrecklichen Gewalttaten gegen die Menschen zu suchen, die die Nationalsozialisten nicht in ihrer ‚Volksgemeinschaft‘ haben wollten und sie zwangsweise ausschlossen, sterilisierten und ermordeten.“

Wie verhält sich die Villa ten Hompel zur Aussage des Buchs Hitler’s Willing Executioners von Daniel J. Goldhagen, wonach ganz gewöhnliche Deutsche überzeugte Vollstrecker des Holocaust gewesen seien?

„Der Geschichtsort Villa ten Hompel entstand kurz nach der Diskussion um die Bücher von Daniel J. Goldhagen und Christopher Browning, die nicht nur in der Geschichtswissenschaft große Resonanz fanden. Beide Arbeiten basieren auf Ermittlungen gegen Polizeibataillone, wie Sie vom Befehlshaber der Ordnungspolizei im Wehrkreis VI mit Sitz in der Villa ten Hompel in den Jahren von 1940-44 aufgestellt und als Teilnehmer in den ‚Weltanschauungskrieg‘ entsandt wurden. In unserer Forschungs- und Bildungsarbeit im Geschichtsort Villa ten Hompel beschäftigen wir uns seit Gründung der Gedenkstätte vor knapp 20 Jahren mit nationalsozialistischen Tätern. Wissenschaftliche Grundlage bieten dabei Pionierarbeiten wie die Brownings, der (deutlicher als Goldhagen) individuelle Tatmotive und konkrete Handlungskonstellationen in den Blick nahm, um zu erklären, wie aus ‚ganz normalen‘ Polizisten (in Anlehnung an Brownings wegweisende Studie der ‚ordinary men‘) Täter werden konnten, die sich teils ohne eindeutige Befehle und für zahlreiche Fälle nachweisbar freiwillig an Kriegsverbrechen beteiligt haben. Darüber hinaus fragen wir nach der Verantwortung von ‚ganz normalen‘ Beamten, die als ‚Schreibtischtäter‘ eine zentrale Funktion im nationalsozialistischen Verfolgungsapparat übernahmen.

Je intensiver wir uns mit Motiven dieser Ordnungspolizisten beschäftigen, desto facettenreicher wird unser Bild von Tätern, aber auch von Opfern und so genannten ‚Bystandern‘ des Holocaust. Was wir zweifelsohne feststellen können: Ohne die ‚gewissenhafte‘ und ‚gründliche‘ Arbeit der Polizei und der Verwaltungen hätte der Völkermord nicht seine grausame, für die Opfer besonders tragische, bürokratische Effizienz erlangen können. Hier knüpfen wir an die so genannte neuere Täterforschung an. Dabei versuchen wir auch weniger ‚prominente‘ Täter in den Blick zu nehmen und beschäftigen uns auch mit den ‚kleineren‘ Verwaltungsbeamten aus der Region, um die Alltäglichkeit der NS-Verbrechen zu unterstreichen.

Warum wurde Ihr Institut ausgerechnet in Münster gegründet? Es gab doch auch höhere Ordnungspolizeikommandaturen andernorts. Geht das auf das Engagement einer bestimmen Person zurück oder zeichnete sich die Ordnungspolizei, die von Münster aus befehligt wurde, durch irgendwelche historischen Besonderheiten aus?

Ich denke beide Gründe spielen eine Rolle: Einerseits hatte der Geschichtslehrer Winfrid Nachtwei (später MdB der Grünen)  in seinen Forschungen die Villa als historischen Ort entdeckt, andererseits ist Münster mit mehr als 20 Bataillonen einer der ‚größten‘, personalintensivsten BdO-Standorte.

Aber die Zahlen sind erst im Laufe der Forschungen deutlich geworden, also hat Ersteres mehr Wahrscheinlichkeit.

Was wussten die ganz gewöhnlichen Deutschen vom Holocaust, bzw. war es möglich, dass sie im Einzelfall zumindest von den Vernichtungslagern im Osten nichts wussten?

„Ich bin immer davon ausgegangen, dass die Vertreibung der Juden sehr bekannt war, die ‚Greuel der SS‘ sprichwörtlich oft kolportiert wurden – z.B. ein Geistlicher in Südlohn von der Kanzel – die Dimension der Vernichtung  – mit den Massenerschießungen und Gaskammern – sich aber nicht allen erschlossen hat. BBC hat berichtet, die niederländischen Zeitungen auch, der Polizist Henneboel berichtet aus den Niederlanden, dass Kollegen gesagt hätten, die Deportierten kämen ‚bald aus den Schornsteinen‘ … usw.

Kurz: Fragmentarisches Wissen gab es, Zeugen sicher auch, der Historiker Heinz Boberach beispielsweise hat uns versichert, seit 1942 von der Vernichtung gewusst zu haben.“

Abstand halten von Raupen und ihren Nestern

Juni 17, 2019

Die Raupennester des Eichenprozessionsspinners sind derzeit an vielen Bäumen zu finden. Foto: Grafenstein

Münster (SMS) Seit Mitte Mai ist es von Tag zu Tag sichtbarer geworden: Der Eichenprozessionsspinner verbreitet sich auch in Münster rasant. An einigen Stellen im Stadtgebiet warnen inzwischen Schilder davor, die Raupen oder Nester zu berühren, denn gesundheitliche Beschwerden könnten die Folge sein. Besonders Allergiker sollten Abstand halten.

Das Amt für Grünflächen, Umwelt und Nachhaltigkeit erfasst alle Meldungen, die von Bürgern eingehen und städtische Flächen betreffen. Sie werden nach einer  Gefährdungsabschätzung der jeweiligen Dringlichkeit entsprechend abgearbeitet. „Wir kommen, wenn es notwendig ist. Aber wir haben leider nicht die Kapazitäten, immer sofort zu kommen“, bittet Stadtförster Hans-Ulrich Menke mit Blick auf die lange Liste der Einsatzorte um Verständnis für dieses Vorgehen. Vorrang haben öffentliche Spielplätze, Kindergärten, Schulen und Sportanlagen.

Der Eichenprozessionsspinner mag es warm und trocken. Die entsprechende Witterung begünstigt seine Verbreitung. In Münster tritt der Eichenprozessionsspinner im gesamten Stadtgebiet auf, nahezu alle Eichen auf öffentlichen Flächen sind inzwischen betroffen. In diesem Jahr kommt durch die wechselnde Witterung ein besonderer Umstand hinzu: Die Schlupfzeit der Larven hat sich über mehr als sechs Wochen ausgedehnt, so dass an vielen Stellen Eichen wiederholt befallen wurden. So mussten zum Beispiel an einigen Schulen bereits viermal Gespinste und Raupen abgesaugt werden. Einsätze an anderen Stellen verzögerten sich dadurch. Inzwischen hat die Stadtverwaltung sechs Hubsteiger-Kolonnen und drei Bodentrupps im Einsatz, um in den dringendsten Fällen kommen zu können.

Die Gespinste kleben an den Eichenstämmen, vorzugsweise unter den Astgabeln. Die Raupen mit den gefährlichen Brennhaaren werden zum Teil noch bis wenigstens Mitte Juli aktiv sein. Dann folgt bis Ende August die Puppenruhe in den Nestern, bevor die harmlosen Nachtfalter schlüpfen. Die Brennhaare der Raupen bleiben allerdings in den Nestern. Für die Mitarbeiter des Grünflächenamtes und die beauftragten Fachfirmen gehen die Einsätze gegen den Eichenprozessionsspinner daher weiter: „Da es diesmal sehr viele Gespinste gibt, werden wir bis zum Herbst / Winter damit beschäftigt sein, die Nester zu entfernen“, erläutert Hans-Ulrich Menke. Eine flächendeckende Beseitigung – auch an Waldwegen oder im Außenbereich – sei allerdings nicht möglich und auch nicht nötig.

Sind die befallenen Bäume in privatem Besitz, müssen die Eigentümer die notwendigen Maßnahmen veranlassen. Sie sollten Kontakt mit einer Fachfirma aufnehmen. Informationen zum Eichenprozessionsspinner gibt es im Stadtportal (www.stadt-muenster.de/umwelt).

Studieren in der Fahrradstadt Münster

April 24, 2019

Kunst ruft an der Universitäts- und Landesbibliothek (ULB) zu kritischem Denken auf. Foto: Grafenstein

Die Westfälische Wilhelms-Universität (WWU) in Münster ist mit rund 45000 Studenten eine der größten Universitäten in Deutschland und erfreut sich anhaltender Beliebtheit. Warum ist das so?

Münster ist die holländischste Stadt Deutschland, in der das Verkehrsmittel der Wahl die Leeze, das Fahrrad, ist. Mithin auch für Studenten eine kostengünstige Variante, am Individualverkehr teilzunehmen. Die verteilten Universitätsgebäude konzentrieren sich auf den inneren Stadtwesten, sodass im Gegensatz zu weltfremden Campusuniversitäten eine gute Integration in das Leben dieser Großstadt gegeben ist, ein Vorlesungsbesuch auch mit einem Einkaufsbummel in der Altstadt, einem Eis in einem Straßencafé oder mit einem abendlichen Kneipenbummel verbunden werden kann.

Studiert man an unterschiedlichen Fakultäten, rollt man mit dem Fahrrad von Veranstaltung zu Veranstaltung. Fahrradfahren ist sehr erfrischend und macht gute Laune. Die WWU hat außerdem aufgrund ihrer Größe eine sehr großes Angebot an Sportkursen, aus denen man wählen kann, hier bleibt kein Wunsch unerfüllt und keine noch so kuriose Sportart ausgelassen.

Natürlich gibt es auch ein sehr großes und ausdifferenziertes Angebot an Hochschulgruppen, Verbindungen und studentischen Initiativen sowie Vereinigungen in der Stadt, in denen man sich engagieren kann. Es ist allerdings auch anzuraten, sich irgendwo anzuschließen, da man an dieser Massenuniversität leicht vereinzeln und in der Anonymität untergehen kann, Professorenkontakt kann in den Massenvorlesungen je nach Fach auch eine Schwierigkeit sein. Ebenfalls Folge der Größe der Universität ist Größe der Universitäts- und Landesbibliothek (ULB), die ebenfalls eine der größten Deutschlands ist, was bedeutet, das für Haus-, Seminar- und Abschlussarbeiten eine Vielzahl benötigter Literatur schon vor Ort vorhanden ist und nicht per Fernleihe bestellt werden muss. Große Bedeutung hat an der WWU unter anderem die Lehrer- und Juristenausbildung sowie die Forschung zu religiösen Fragen. In der Stadt sind nebem einem Uni-Repetitorium auch viele private juristische Repetitorien angesiedelt, darunter mit seinem Hauptsitz Alpmann+Schmidt.

Das stark wachsende Münster mit seinen über 300 000 Einwohnern bietet mittlerweile eine lebendige Kneipenlandschaft und Kino- und Theaterszene, dabei aber eine ruhige, dem Studieren zuträgliche Atmosphäre, Grünschneisen und Naherholungsgebiete in Universitätsnähe wie den Aasee mit seinen beliebten Liegewiesen und mit dem Münsterland ein Umland, das zu Fahrradausflügen in die Natur einlädt. Studieren in Münster – eine gute Wahl!

Prinzipalmarkt: Blick auf das Rathaus des Westfälischen Friedens. Foto: Grafenstein

 

Für die einen Kriegerdenkmäler, für die anderen Steine des Anstoßes

April 23, 2019

Farbbeschmierungen am häufig kritisierten Dreizehner-Denkmal. Foto: Stadt Münster/ Fritz von Poblotzki

Münster (SMS) Kein Jahrhundert brachte so viele Denkmäler hervor wie das 20. Jahrhundert. Auch in Münster und Umgebung prägte sich eine Gedenklandschaft mit zahlreichen Kriegerehrenmalen aus, die überwiegend nach dem Ersten Weltkrieg entstanden sind. Sie dienten der ehrenden Erinnerung an gefallene Soldaten. Ihre Erinnerungsmotive werden heute kritisch hinterfragt.
Max Twickler vom Institut für Didaktik der Geschichte der Universität Münster blickt am nächsten Themenabend des Stadtarchivs auch über Münster hinaus und führt in die Entwicklung der Kriegerdenkmalskultur in Deutschland ein. Im Mittelpunkt stehen dabei die Weimarer Jahre. Daneben geht es um die identitätsstiftende Funktion der Ehrenmale zum Zeitpunkt ihrer Setzung.
Wie stellen wir uns heute zu den Erinnerungsmotiven der Kriegerehrenmale? Welche Rolle spielen sie in der heutigen geschichtskulturellen Auseinandersetzung? Fragen, zu denen Denkanstöße gegeben werden sollen.
Im Kern befasst sich der Referent mit der münsterschen Denkmallandschaft und ihren Veränderungen. Er konzentriert sich dabei auf die Debatte um die steinernen Erinnerungsorte in Münster, wobei auch die Rolle verschiedener Gremien der Stadtpolitik angesprochen wird. Anhand themenbezogener Geschichten aus dem Münsterland zeigt Twickler Möglichkeiten des künftigen Umgangs mit den steinernen Zeugen ihrer Zeit auf und erläutert, wie sich die einzelnen Vorgehensweisen begründen lassen. Eine Diskussion schließt sich an.
Info: Der Themenabend beginnt am Donnerstag, 25. April, um 18 Uhr im Stadtarchiv, An den Speichern 8. Um Anmeldung wird gebeten per E-Mail an archiv@stadt-muenster.de oder unter Tel. 02 51/4 92-47 01. Detaillierte Informationen zu den Kriegerdenkmälern, Mahnmalen und Kriegsgräberstätten im Stadtgebiet von Münster finden sich im Stadtnetz unter www.stadt-muenster.de/kriegerdenkmale/startseite

Sehenswürdigkeiten im Sauerland: Burg Altena und Sorpesee

April 20, 2019

Die Burg Altena an der Lenne wurde Anfang des letzten Jahrhunderts rekonstruiert. Hier zog die erste ständige Jugendherberge der Welt ein. Ein vielseitiges Geschichtsmuseum unterhält die Besucher der Burganlage.

Der Sorpesee kann mit einem Ausflugsboot erkundet werden, das kurz vor der Sorpetalsperre anlegt.

Islamkritik: Sarrazin trifft Khorchide in Münster

März 20, 2019

Die laut Thilo Sarrazin durch den Islam in der westlichen Welt geschaffene „dauerhafte Problemlage“ lässt die Menschen nicht los, obwohl man meinen könnte, in den Debatten um Islam und Islamkritik seien alle Positionen ausgetauscht, füllen Veranstaltungen mit der Islamkritik Sarrazins weiterhin die Säle, und Sarrazins neuestes Buch „Feindliche Übernahme – Wie der Islam die den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht“ avancierte zum bestverkauften politischen Sachbuch des Jahres.

In Münster traf Sarrazin auf Einladung des Hayek-Club Münsterland auf den Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide, der an der WWU Münster die Ausbildung muslimischer Religionspädagogen leitet und einen modernen aufgeklärten Islam mit historisch-kritischer Koran-Exegese vertritt. Vor über 300 zahlenden Gästen in der Stadthalle Hiltrup, darunter offenkundig auch AfD-Anhänger und Muslime, traten sie in den Dialog und stellten sich den Fragen der Zuhörer.

Sarrazin mit Khorchide

Der Journalist Klaus Kelle (Mitte) moderierte den Schlagabtausch zwischen Sarrazin (li.) und Khorchide (re.). Foto: Grafenstein

Sarrazin findet den Titel seines neuen Buches „Feindliche Übernahme“ selbst etwas harsch, angespielt werde aber an die feindliche Übernahme im Wirtschaftsleben, die ja freundlich verlaufe. So würden Muslime in Deutschland und Europa in zwei Generationen auch ohne Gewaltanwendung die Mehrheit bilden, da sie jünger und gebärfreudiger seien, hinzu komme noch die muslimische Einwanderung. Gleichwohl hält Sarrazin den Islam für eine „Gewaltideologie im Gewande einer Religion“. Der Koran predige Hass und Gewalt gegen Ungläubige und die Unterdrückung von Frauen, die Aufrufe zu Liebe seien nur auf Gläubige bezogen. Die islamische Weltsicht sei der individuelle Freiheit und dem selbständigen Denken abhold, fördere Rückständigkeit und Autoritarismus und sei ursächlich für den technisch-zivilisatorischen Rückstand der islamischen Welt und die im statistischen Durchschnitt niedrigen Bildungsleistungen von Muslimen.

In der politischen Konsequenz müsse die die Einwanderung von Muslimen niedrig gehalten werden und von den hier lebenden Muslimen ein Bekenntnis zur säkularen Gesellschaft eingefordert werden, da der Staat an den religiösen Überzeugungen der Menschen selbst nichts ändern könne.

Khorchide warf Sarrazin vor, den Islam wortwörtlich wie ein Pierre Vogel zu lesen: „Warum verbreiten sie die Lesart der Salafisten?“ Es würden allein 500 Stellen der Barmherzigkeit im Koran zu lesen sein. Sarrazin sei voreingenommen und verschweige, dass Juden und Christen im Islam die „ewige Glückseligkeit“ versprochen werde. Die islamische Welt sei in Bewegung und nicht so statisch, wie Sarrazin suggeriere, der Atheismus sei in islamischen Ländern im Vordringen, Muslime in den USA und Kanada seien überdurchschnittlich gebildet.

Khorchide

Mouhanad Khorchide, ein liberaler Islamgelehrter, dessen Durchsetzungskraft in der islamischen Welt aber vielfach bezweifelt wird. Foto: Grafenstein

Was das alles mit Friedrich August von Hayek, Freiheit, Wettbewerb und Liberalismus zu tun haben soll? Christophe Lüttmann, Vorsitzender des Hayek Clubs, erklärte auf meine Nachfrage dazu, dass ihn die Frage bewege, worüber man noch öffentlich reden könne, es müsse die Meinungsfreiheit und eine liberale Diskussionskultur verteidigt werden, in der alle Themen besprochen werden können. Dass dies notwendig ist, machte eine Gegendemonstration des Bündnisses „Keinen Meter den Nazis“ mit rund 100 Teilnehmern deutlich, die sich dagegen wandte, dass solche Podiumsdiskussionen überhaupt stattfinden, seien die Positionen Sarrazins doch schlechthin „indiskutabel“, so Bündnis-Initiator Carsten Peters.

Veranstaltungen in dieser Größenordnung sollen beim Hayek-Club Münsterland weiterhin die Ausnahme bleiben, so Lüttmann, jedoch habe man nach diesem Erfolg für 2020 die Vision, eine große mehrtägige Konferenz mit Workshops auszurichten.

Anmerkung des Verfassers: Das Buch „Feindliche Übernahme“ (2018) bietet keine Belegstelle für die Aussage, in zwei Generationen (60 Jahre) würden Muslime die Mehrheit stellen. Sarrazin führt auf Seite 254 f. Statistiken an, wonach für das Jahr 2050 selbst bei Zugrundelegung hoher Einwanderung ein europaweiter Anteil von Muslimen bei 14 Prozent, in Deutschland von 19,7 Prozent erwartet wird.  Für 2050 erwartet Sarrazin aufgrund eigener Überschlagsrechnung, dass dann maximal 40 Prozent aller Geburten in Deutschland auf Muslime entfallen werden (Sarrazin 2018, 257 f.).

Literaturhinweis: Sarrazin, Thilo: Feindliche Übernahme. München 2018.

 

„In geheimnisvoller Mission“ in Bochum

Februar 14, 2019
Bonds Hubschrauber Little Nellie

Der Ein-Mann-Hubschrauber Little Nellie aus „Man lebt nur zweimal“ (1967). Foto: Grafenstein

In Bochum ist noch bis 31. März die Ausstellung „In geheimer Mission – Der Spion, der aus Wattenscheid kam“ über die James-Bond-Filme zu sehen. Diese präsentiert Devotionalien und Requisiten aus der Sammlung des Filmjournalisten Dr. Siegfried Tesche. Höhepunkte der Ausstellung sind Bond-Autos, eine Düsenrucksack und Little Nellie, der schlagkräftige Mini-Hubschrauber aus „Man lebt nur zweimal“. Darum gruppieren sich jede Filmplakate und Kostüme aus den Filmen, an den Ausstellungswänden kann man sich über die Filmhandlungen und das Leben der verschiedenen Bonddarsteller informieren, vor allem Sean Connery  und Roger Moore sind hier zu nennen. Man erfährt auch einiges über die kommerzielle Ausschlachtung der Bond-Filme durch Spielzeugproduzenten und andere Konsumgüterhersteller. Hintergrund des Ausstellungstitels ist, dass einer autorisierten Bond-Biografie John Pearson zufolge der von Ian Fleming erschaffene Film-Agent 1920 in Wattenscheid, heute ein Teil Bochums, geboren worden sein soll.

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Ein Sunbeam Alpine Serie II – Das erste Bond-Auto. Foto: Grafenstein

Vertrauenskrise zwischen Volk und Politikern

Dezember 5, 2018

Gerhard Papke sprach beim Hayek Club. Foto: Grafenstein

Gerhard Papke war ehemals ein führender Politiker der FDP und Vizepräsident des Landtags in NRW, überwarf sich jedoch mit seinem einstigen Weggefährten Christian Lindner über den Umgang mit der Migrationskrise und dem Islam bzw. Islamismus. Beim Hayek-Club Münsterland gab er sich als überparteilicher Warner vor einer Vertrauenskrise zwischen Politikern und Volk. Die Probleme in Deutschland reichten weit über den Zustand einzelner Parteien hinaus. Die Parteien hätten sich weit von der Lebensrealität der Bürger entfernt, die Politik habe oft nur noch Effekthascherei und Show anzubieten.

Drei Politikfelder hob Papke hier besonders hervor: Migration, Deutschland und Europa sowie Wertevermittlung.

Im Feld der Migration könne jetzt, aber auch in Zukunft, keine Entwarnung gegeben werden. Die Bevölkerung Afrikas werde sich verdoppeln, die Zuwanderung werde daher wieder zunehmen und dabei all unsere Vorstellungskraft sprengen. Die afrikanischen und arabischen Zuwanderer hätten ein sehr niedriges Bildungsniveau und andere Werteverständnisse, insbesondere auch im Verhältnis von Frau und Mann. Dies führe dazu, dass es bei Übergriffen auf Frauen wie an Silvester 2016 oft an Unrechtsbewusstsein fehle, denn nach dem Verständnis der Täter hätten sich Frauen nachts nicht mehr in der Öffentlichkeit aufzuhalten. Das seien enorme kulturelle Herausforderungen, Deutschland müsse zum Schutz der wehrhaften Demokratie gegen den Islamismus aufstehen. Eine Verniedlichung der Probleme seitens der Politiker müsse hier zu einem Aufbegehren der Bürger führen. Solange ein Schutz der EU-Außengrenzen nicht möglich sei, sei ein Schutz der deutschen Landesgrenzen notwendig. Dieser finde derzeit nicht wirksam statt. Auch wer keine oder gefälschte Papiere habe, müsse leider an der deutschen Grenze nur „Asyl“ sagen, um ins Land zu kommen.

Auf EU-Ebene müsse die Souveränität der europäischen Staaten wieder wertgeschätzt werden. Die Vielfalt seiner Völker sei die Stärke Europas. Durch die Masseneinwanderung und die Bekämpfung der Nationalstaatlichkeit würde die Menschen kulturell entwurzelt, diese sehnten sich aber nach Haltepunkten wie Familie, Freunde, kulturelle Identität und Heimat.

Nicht zuletzt konstantiert Papke eine Sehnsucht der Bürger nach mehr Anstand. Höflichkeit und Respekt würden wieder geschätzt, daher müsse es einen Richtungswandel im Schul- und Bildungssystem geben. Zum Erziehungsauftrag der Lehrer müsse auch die Vermittlung von Werten gehören.

Historikertag: Wolfgang Schäuble sieht zunehmende Spaltung der Gesellschaft

September 25, 2018

Münster, 25. September 2018 (exc) Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble sieht die deutsche Gesellschaft zunehmend in „ängstliche“ und in „selbstbewusste“ Gruppen gespalten. Die einen begegneten der global vernetzten Welt „rückwärtsgewandt“, die anderen „zukunftsoffen“, sagte er am Dienstagabend zur Eröffnung des 52. Deutschen Historikertags an der Universität Münster, der sich bis Freitag mit dem Thema „Gespaltene Gesellschaften“ befasst. Der soziale Zusammenhalt sei vielerorts in Gefahr, so der Politiker. Es gelte, „den unausweichlichen Wandel für alle erträglich zu gestalten, die Sorgen ernst zu nehmen und Zutrauen in die Zukunft zu vermitteln.“ Die Zersplitterung der Öffentlichkeit, auch in sozialen Medien, sei eine Herausforderung für die Demokratie. Die Debatten würden rigider als früher geführt und „zunehmend unversöhnlich – bis zur Gewalt auf der Straße. Da gilt es den Anfängen zu wehren.“

Die Eröffnungsredner des Historikertags.

Von links: Ulrich Bongertmann, Vorsitzender des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD), Khadija Arib, Vorsitzende der Zweiten Kammer des niederländischen Parlaments, Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble, Prof. Dr. Eva Schlotheuber, Vorsitzende des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD), WWU-Rektor Prof. Dr. Johannes Wessels (verdeckt), NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, Schirmherr des Historikertags (Foto: Thorsten Marquardt).

Der Geschichtswissenschaft kommt nach den Worten von Schäuble eine bedeutende Rolle zu: „In derart aufgewühlten Zeiten kann der Blick in die Geschichte helfen – nicht als nostalgischer Rückzugsraum, sondern um die aktuellen Entwicklungen in größere historische Linien einzuordnen und besser zu verstehen.“ So lasse sich heute auch „unnötigen Dramatisierungen“ entgegenwirken. Die Geschichtswissenschaft selbst sehe sich einem Populismus ausgesetzt, der wissenschaftliche Erkenntnis in Frage stelle. Umso mehr sollten Historiker die eigene Expertise auch außerhalb von Fachkreisen verständlich vermitteln. „Selbstreflexiv, kritisch und als Widerhaken in Komfortzonen, in denen wir uns als erinnernde Gesellschaft eingerichtet haben.“

Zur Eröffnungsfeier kamen rund 800 Gäste aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. Es sprachen auch der Schirmherr des Historikertags, NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, sowie Schäubles niederländische Amtskollegin Khadija Arib, Vorsitzende der Zweiten Parlamentskammer, und der Vorsitzende des Geschichtslehrer-Verbands (VGD), Ulrich Bongertmann. Auf den Festakt folgte ein Empfang des NRW-Ministerpräsidenten im Schloss. Die Niederlande sind in diesem Jahr Partnerland des Historikertages. Auf dem größten geisteswissenschaftlichen Kongress Europas befassen sich rund 3.500 Forscher aus dem In- und Ausland in gut 90 Sektionen mit Forschungen zu gesellschaftlichen Spaltungen.

„Historische Kenntnis schult Kritikfähigkeit, Toleranz, Dialogbereitschaft“

Die Vorsitzende des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD), Prof. Dr. Eva Schlotheuber, hob die „bedrückende Aktualität“ hervor, die das Kongress-Thema „Gespaltene Gesellschaften“ in den vergangenen Wochen erhalten habe. „Zwar erscheint im historischen Vergleich, etwa zu früheren Standesgesellschaften oder der Weimarer Republik, unsere heutige Gesellschaft eher gut integriert und konsensfähig.“ Im Zuge der Globalisierung und Digitalisierung hätten sich die Rahmenbedingungen aber enorm gewandelt. „Die Stimmenvielfalt ist durch die sozialen Medien hörbarer.“ Das werde oft als Fragmentierung beschrieben. Eher komme es aber zu einer „Verdichtung: Wir hören und wissen mehr, direkter und schneller voneinander.“ Angesichts der heute engeren Beziehungen im Internet bedürfe es neuer Umgangsregeln. „Die Größe oder Tiefe des Dissenses macht also nicht den Unterschied, sondern die Wahrnehmbarkeit und der Umgang damit.“ Schlotheuber: „Es ist wichtig, dass sich Historikerinnen und Historiker öffentlich zu Wort melden. Historische Kenntnis schult Kritikfähigkeit, Toleranz und Dialogbereitschaft.“

Schottenportal in Regensburg

Juli 30, 2018