Posts Tagged ‘Deutschland’

Vertrauenskrise zwischen Volk und Politikern

Dezember 5, 2018

Gerhard Papke sprach beim Hayek Club. Foto: Grafenstein

Gerhard Papke war ehemals ein führender Politiker der FDP und Vizepräsident des Landtags in NRW, überwarf sich jedoch mit seinem einstigen Weggefährten Christian Lindner über den Umgang mit der Migrationskrise und dem Islam bzw. Islamismus. Beim Hayek-Club Münsterland gab er sich als überparteilicher Warner vor einer Vertrauenskrise zwischen Politikern und Volk. Die Probleme in Deutschland reichten weit über den Zustand einzelner Parteien hinaus. Die Parteien hätten sich weit von der Lebensrealität der Bürger entfernt, die Politik habe oft nur noch Effekthascherei und Show anzubieten.

Drei Politikfelder hob Papke hier besonders hervor: Migration, Deutschland und Europa sowie Wertevermittlung.

Im Feld der Migration könne jetzt, aber auch in Zukunft, keine Entwarnung gegeben werden. Die Bevölkerung Afrikas werde sich verdoppeln, die Zuwanderung werde daher wieder zunehmen und dabei all unsere Vorstellungskraft sprengen. Die afrikanischen und arabischen Zuwanderer hätten ein sehr niedriges Bildungsniveau und andere Werteverständnisse, insbesondere auch im Verhältnis von Frau und Mann. Dies führe dazu, dass es bei Übergriffen auf Frauen wie an Silvester 2016 oft an Unrechtsbewusstsein fehle, denn nach dem Verständnis der Täter hätten sich Frauen nachts nicht mehr in der Öffentlichkeit aufzuhalten. Das seien enorme kulturelle Herausforderungen, Deutschland müsse zum Schutz der wehrhaften Demokratie gegen den Islamismus aufstehen. Eine Verniedlichung der Probleme seitens der Politiker müsse hier zu einem Aufbegehren der Bürger führen. Solange ein Schutz der EU-Außengrenzen nicht möglich sei, sei ein Schutz der deutschen Landesgrenzen notwendig. Dieser finde derzeit nicht wirksam statt. Auch wer keine oder gefälschte Papiere habe, müsse leider an der deutschen Grenze nur „Asyl“ sagen, um ins Land zu kommen.

Auf EU-Ebene müsse die Souveränität der europäischen Staaten wieder wertgeschätzt werden. Die Vielfalt seiner Völker sei die Stärke Europas. Durch die Masseneinwanderung und die Bekämpfung der Nationalstaatlichkeit würde die Menschen kulturell entwurzelt, diese sehnten sich aber nach Haltepunkten wie Familie, Freunde, kulturelle Identität und Heimat.

Nicht zuletzt konstantiert Papke eine Sehnsucht der Bürger nach mehr Anstand. Höflichkeit und Respekt würden wieder geschätzt, daher müsse es einen Richtungswandel im Schul- und Bildungssystem geben. Zum Erziehungsauftrag der Lehrer müsse auch die Vermittlung von Werten gehören.

Unternehmensnachfolger verzweifelt gesucht

November 30, 2018

„In den nächsten 4 Jahren geht man von mindestens 600.000 Unternehmen aus, für die in Deutschland der Generationen-wechsel ansteht. Die Dunkelziffer kommt on top noch dazu“, so Dorothee Schenten vom KompetenzCenter Wirtschaft in Dortmund, das Unternehmensnachfolgen vermittelt. Die Unternehmensnachfolge gleicht einem Notstandsgebiet, die Gründergeneration ist in die Jahre gekommen.
Was ist schief gelaufen, dass aktuell aus allen Wirtschaftsecken ein Ruf wie Donnerhall erschallt: Wir suchen Unternehmensnachfolger! Merklich wabert ein schleichender Prozess durchs Land: „Ich finde keinen Nachfolge und schließe mein Unternehmen ab“, es ist ein Knockout für die deutsche Wirtschaft. Hier setzt ein Dominoeffekt ein. Wichtige Fachkompetenz geht verloren, genauso wie Arbeitsplätze. Der scheidende Unternehmer als Auftraggeber fehlt zukünftig, auch die Vielfältigkeit am Markt geht verloren.
Eine große Zahl von Nachfolgern und Nachfolgerinnen ist nötig, damit die Schlagkraft der deutschen Wirtschaft weiterhin aufrechterhalten werden kann. In der heutigen globalen Welt, macht das Thema Generationenwechsel vor keiner
Landesgrenze halt. Jedes Unternehmen, das keinen Nachfolger findet und die Türen schließt, ist ein unwiederbringlicher Verlust für den deutschen Wirtschaftsstandort.

Nicht außer Acht zu lassen sind die Aktivitäten ausländischer Investoren bei ihren Einkaufstouren durch die kleinen- und mittelständischen Unternehmen. Die Kritik und die Sorge zugleich nimmt Schenten in Unternehmergesprächen regelmäßig wahr. Auffallend ist aber auch, dass ausländische Investoren entscheidungsfreudiger sind als inländische.

Ganz am Anfang der Entscheidungsprozesse steht für den Unternehmer  immer eine große Hürde, weiß Schenten: „Hinter einem Lebenswerk die Tür abzuschließen, fällt jedem Unternehmer schwer. Der emotionale Aspekt darf nicht unterschätzt werden. Wie bei vielen anderen Entscheidungen im Unternehmeralltag sind weiche und harte Faktoren zu berücksichtigen, geprägt von einem hohen Maß an Individualität. Zuallererst braucht der Unternehmer eine Person
seines Vertrauens, der er sich offenbaren kann: Ich will abgeben, was muss ich jetzt tun?“
Viele betroffene Unternehmer befinden sich in einer üppigen Lage, so Schenten: “Die Umsatzkurve steigt kräftig nach oben. Heißt aber auch, das Arbeitspensum ist fast unerträglich angestiegen. Kaum Zeit zum Durchschnaufen, um sich mal Gedanken zu machen um Weiterentwicklungen. Klärungsprozesse, wie es mit dem Firmen-Lebenswerk weitergehen soll, bleiben aus. Und natürlich auch mit wem? Oder doch noch ein wenig abwarten, denn es läuft ja so gut? Die Unternehmer möchten gerne reden, eigentlich, aber das Tagesgeschäft lässt ihnen kaum Zeit zum Atmen. Die angesprochene jüngere Garde „Ich kann eine Firma leiten“, befindet sich aktuell auch in dem Sog der totalen Arbeitsüberlastung. Die eigene Selbstständigkeit wird erst einmal hinten angestellt. Wieso ein Risiko eingehen, wenn doch der gute Arbeitsplatz als Angestellter möglich
ist. Heißt, der Mut zur Selbständigkeit bleibt auf der Strecke?“

Der stille Wunsch der Gründerväter und Mütter hat sich zu einem brennenden Anliegen gefestigt:
Wo ist der vermeintliche „Siamesische Zwilling“? Der, der so tut wie ich und mein Unternehmen in die Zukunft führt? Wir wissen heute, dass viele Söhne und Töchter aus Familienbetrieben, geprägt durch das Elternhaus, kein Interesse am Unternehmerdasein oder an der Branche haben. Mit einem überschaubaren Entwicklungsspielraum könnte das schon ganz anders aussehen. Dies setzt auf beiden Seiten eine gute Portion Toleranz voraus; denn Nachfolger lassen sich nicht gerne ständig auf die Finger schauen, schon aber über die Schulter. Der externe Nachfolger sieht das nicht anders.
Also was läuft denn so wirklich schief im Lande von „Made in Germany“?
Unternehmensnachfolge muss endlich einen Status der Normalität erreichen. Es sollte als Chance begriffen werden und präsenter in den Köpfen aller sein. Die Alt-Unternehmer verbergen nicht ihre Enttäuschung über fehlenden Respekt zu geschaffenem Firmenwert, über fehlenden Arbeitseifer. Ja, die Alten haben geschuftet. Haben etwas aufgebaut und stoßen sich an der Ignoranz der Jungen, effizientere Arbeitsweisen und einer anderen Vorgehensweise in der Welt 4.0. Ein Körnchen Wahrheit ist auf beiden Seiten zu finden.

Schenten stellt am Anfang dieser Gespräche erst einmal die Herausforderung für beide Seiten da. „Mit einem Lebenswerk im Rucksack und neuen Impulsen in die Zukunft zu starten. Die Mischung macht’s, aus langjähriger Erfahrung und neuen Ideen. Da gehören zwei zu, die das auch zulassen und sich zuhören. Unser Credo ist: Wir bringen die richtigen Nasen zusammen.“
Die Weisheit ist nicht neu: Nur wer redet, dem kann geholfen werden! Genau hier liegt einiges im Argen, so Schenten.

Merkel – das politische Chamäleon

Januar 15, 2017

Angela Merkel, Pastorentochter und Physikerin, ist zweifellos überdurchschnittlich intelligent und gebildet, aber ein Charisma-Ausfall und auch kein besonderes rhetorisches Talent. Ich verstehe nicht wirklich, wie sie Millionen Menschen für sich einnehmen und das ganze Land nach sich ausrichten kann. Ich erinnere mich an einen Wahlkampfauftritt auf dem Domplatz in Münster, den Merkel damit einleitete, dass heute sicher alle einen schönen Tag an ihrem Swimmingpool verbracht hätten. CDU-Anhänger gehören freilich oft zum saturierten Bürgertum, aber ein Pool in jedem Garten gehört da sicher nicht dazu. Das wirkte unbeholfen.

Ihre Fähigkeit Angriffe an sich abprallen zu lassen ist aber berühmt – Teflon-Merkel heißt sie auch. Dabei geht sie selbst in der Regel nicht mit herabwürdigenden Angriffen auf die Gegner los,

In diesem Zusammenhang ist Merkels Bescheidenheit und Offenheit hervorzuheben, weil sie nicht die promovierte Physikerin hervorkehrt. Deswegen können sich viele Wähler mit ihr identifizieren, da sie durchschnittlich wirkt, wie eine biedere Haus- oder Geschäftsfrau. In CDU-Kreisen heißt sie auch „Mutti“, obwohl sie keine Kinder hat.

Ihre Herkunft aus dem protestantischen Pfarrhaus verbürgt, dass sie gut auf die Mentalität der Menschen in einer christlichen Mehrheitsgesellschaft einzugehen weiß. Sie ist dabei absolut skandalfrei und eine Meisterin der Selbstbeherrschung, frei von Entgleisungen.

Doch wofür steht Merkel eigentlich? Sie trat anfangs als liberalkonservative Reformerin auf, um sich dann linksökologisch umzuentscheiden, wurstelt sich so von Krise zu Krise durch. Als Schröder Kanzler war, befleißigten sich alle der Formel „richtig und wichtig“. Jetzt heißt es nur noch mit „Wir schaffen das“ durchzuhalten. Merkel war im DDR-Regime angepasst und unauffällig – Widerstandsleistung Null. Nach der Wende hat sie ihre Anpassungsfähigkeit an das BRD-System unter Beweis gestellt. Heute ist sie eine Meisterin darin, sich den Wählern anzupassen und sich an der Macht zu halten. Insbesondere hat sie auch die CDU an die sozialdemokratische Grundströmung im Land angepasst. Merkel ist ein politisches linksliberalkonservativökologisches Chamäleon, das sich an jede politische Umgebung und Stimmung anzupassen und fast jede Position einzunehmen vermag. Opposition gegen Sie aus der Mitte heraus ist daher schwer möglich, was SPD und Grüne schmerzlich erfahren müssen. Mittlerweile passen sich aber auch Menschen an Merkel an, denn in der Krise schart sich die Bevölkerung oft ums Zentrum der Macht. Dabei haben sie es nicht leicht, denn sich an ein Chamäleon anzupassen ist schwierig.

Es wird schon geunkt, man müsse heute berufliche und gesellschaftliche Nachteile in Kauf nehmen, wenn man offen gegen Merkel opponiert. Wie soll eigentlich vor diesem Hintergrund die Nachfolge von Merkel CDU-intern aussehen und gestaltet werden? Starke Kronprinzen oder –prinzessinnen  sind weit und breit nicht in Sicht.

Auf der Suche nach Heimat in Gesichtern von Menschen

August 17, 2016

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Man verbindet mit Heimat gemeinhin Landschaften, Orte, Kultur, Bräuche und Stimmungen, der Fotograf Carsten Sanders sucht sie aber in Gesichtern von Menschen.  Er hat dazu Deutschland bereist und hunderte von Porträtbildern von Menschen erstellt, die Deutschland als ihre Heimat ansehen. Das sich ergebende Gesamtbild ist äußerst vielfältig und schließt neben Kopftuchträgerinnen und Behinderten auch Prominente und Stars wie den mittlerweile verstorbenen Hans-Dietrich Genscher oder den Fußballer Sebastian Schweinsteiger mit ein. Alle sind auf gleichmütig wie auf Passbildern dreinsehende Zeitgenossen reduziert und nivelliert.

Noch bis zum 27. August ist die Ausstellung „Heimat. Deutschland – deine Gesichter“ in der Dominikanerkirche an der Salzstraße 10 in Münster zu sehen. Aktuell kann dort auch ein Projekt besichtigt werden, eine großes Modell von Münster zu erstellen (siehe Foto).

Mehr Informationen der Galerie Schemm, die die Ausstellung präsentiert, finden sich hier.

 

Deutschland, das Land der nach links verschobenen Mitte

September 14, 2015

Gibt es wirklich einen politischen Rechtsruck in Deutschland, wie neuerdings verschiedene Stimmen behaupten? (Siehe auch letzter Beitrag.) Es spricht viel mehr für einen Linksruck.

Die Rechte ist natürlich sehr aktiv, aber es gibt auch viel im Land, worüber sich nationale, konservative oder libertäre Rechte aufregen können. Aufnahme unabsehbarer, freudig begrüßter Flüchtlingsströme, Energiewende, Kita-Ausbau, Abschaffung der Studiengebühren, Aussetzung der Wehrpflicht, Gender-Mainstreaming, Frauenquote, Mindestlohn, Mietpreisbremse, Rettungspolitik für EU-Pleiteländer, das sind alles linke Projekte, die vorangetrieben werden, soviel „internationale Solidarität“ war nie.
Die CDU ist nach verbreiteter Meinung nach links gerückt. In den Großstädten sind trotzdem reihenweise die CDU-Bürgermeister aus dem Akt gejagt worden. Im Bund regiert die SPD statt der FDP mit, die in der Bedeutungslosigkeit verschwunden ist. Es gibt nur noch ein Land, wo Linke, SPD und Grüne nicht mitregieren: Bayern. Auch im Bund könnten diese drei Parteien zusammen regieren, die  Mehrheit im Bundestag haben sie schon.

In diesen beiden Grafiken kann der krasse Linksruck in den Länderregierungen im vergangenen halben Jahrzehnt nachvollzogen werden:

Zusammensetzung des Bundesrats 2010.

Zusammensetzung des Bundesrats 2015.

Nicht nur auf Regierungsebene, auch in der Bevölkerung lässt sich ein Linksruck nachvollziehen:

„Die Entwicklung der absoluten Zahlen scheint der Vorstellung Recht zu geben, dass die Bevölkerung der Bundesrepublik sich in ihren politischen Ansichten langsam aber beharrlich nach links verschiebt, sodass politische Mehrheiten für die bürgerlichen Parteien eben nur dadurch gewonnen werden können, im gemäßigten linken Spektrum angesiedelte Inhalte in die eigene Programmatik zu integrieren. Daraus resultiert die Problematik, als immer noch gedachte Volkspartei [gemeint ist: die CDU] das eigene inhaltliche Spektrum kontinuierlich nach links erweitern zu müssen, gleichzeitig jedoch die konservative Klientel durch Bedienung deren Interessen bei der Partei zu halten. Trotz oder aufgrund dieses Versuchs scheinen die Bürgerlichen von Wahl zu Wahl mehr Wähler an die Nichtwählerschaft zu verlieren.“ (Tomas Spahn: Für eine Neuordnung der Politik des Bürgertums Berlin 2013, S.10)

Die regional begrenzte CSU hat noch konservatives Profil, scheitert jedoch mit allen Vorstößen auf Bundesebene. Die rechtskonservative AfD ist die Reaktion auf den Linksruck der CDU und die Verwässerung liberaler Prinzipien durch die FDP. In Sachsen hat sie die NPD und die FDP verdrängt, sich selbst aber schon wieder gespalten. Es sind also eher Neuaufstellungen auf der Rechten im Gange. Wahlerfolge von Rechtsparteien gab es schon früher (REP, DVU und NPD), die Wahlerfolge der AfD halten sich im Rahmen.

Das gilt allerdings auch für die Erfolge der teils radikalen Linkspartei. Eine Links-Rechts-Polarisierung, wie sie hier für Europa behauptet wird, hat sich in Deutschland noch nicht bundesweit durchgesetzt.

Nach wie vor kreist in Deutschland alles um eine nach links verschobene Mitte.

Integrationsschwierigkeiten

Mai 27, 2015

Integrationsschwierigkeiten: In meiner Nachbarschaft sind seit einiger Zeit in ehemaligen Wohnungen für britische Soldaten „Flüchtlinge“ (Sprachgebrauch der Presse) einquartiert, diese besiedeln jetzt ganze Häuserzüge. Statt Englisch hört man nun in der Gegend ein unverständliches Sprachengewirr. Kleine Kinder mit orientalischem Aussehen toben vor den Häusern, jugendliche Migranten sitzen manchmal im Freien und konsultieren ihre Smartphones. Neulich sah ich in einer Bäckerei eine alte und sehr schlecht und ärmlich gekleidete Frau, die möglicherweise zu den Flüchtlingen gehört: Sie versuchte mit D-Mark-Münzen zu bezahlen. Die Verkäuferin versuchte ihr deutlich zu machen, dass das „no Euro“ seien und sie damit nicht bezahlen könne. Mitleidig bot sie der alten Frau ein Gebäckstück vom kostenlosen Probierangebot an. Die Frau blieb eine ganze Weile schweigend stehen, nahm dann ein Stück und bedankte sich auf Deutsch.

Wer hat der alten Frau die ganzen Pfennige angedreht, fragte ich mich. Auf dem Balkan, insbesondere auch im Kosovo, war die D-Mark offizielles Zahlungsmittel. Damit könnte der merkwürdige D-Mark-Patriotismus der Migrantin zusammenhängen.

Integrationsschwierigkeiten II: Gestern sah ich die tobenden Flüchtlingskinder ein viel zu großes, vielleicht gespendetes, Damenrad herumschieben. Die Bordsteinkante erwies sich als zu großes Hindernis. Krachend fiel das Rad zu Boden, die Rückleuchte zerschellte.
Migranten ist vielfach der Fahrradgebrauch der Frau fremd. Die Stadt bietet deshalb wie andere große Kommunen eigens Fahrradfahrkurse für Migrantinnen an, wenn der Mann sie denn teilnehmen lässt. Diese fühlen sich nach erfolgter Schulung regelrecht befreit, mit wehendem Rock können sie nun unbeaufsichtigt vom Mann am radelnden Lebens Münsters teilhaben. Das Fahrrad als Symbol für westliche individuelle Selbstbestimmung und Emanzipation, wer hätte es gedacht.

Integrationsschwierigkeiten III: Wo vermeintliche oder tatsächliche Flüchtlinge einquartiert werden, sind ihre linken Unterstützer nicht fern. Vor der Münsteraner Hautklinik hat ein Protestcamp gegen die Abschiebung von Kosovaren sein Lager aufgeschlagen, auch Demonstrationszüge gibt es. Die Parolen die üblichen: „Bleiberecht für alle“, „Stop Deportation“ (!), der Erfolg mäßig: Zehn Kosovaren wurden kürzlich trotz allen Protestes über Nacht abgeschoben.

Bleiberecht für alle, nun gut, wozu dann aber noch ein Asylrecht mit langwieriger Prüfung von Asylberechtigungen, wenn doch immer das gleiche Ergebnis herauskommen soll? Ich weiß nicht, ob das bis zum Ende gedacht ist.

Protestcamp in Münster.

Protestcamp in Münster.

Die Alternative für Deutschland (AfD) in Münster: Rechtspopulisten oder neue bürgerliche Kraft?

Mai 14, 2014

In Münster geht der Wahlkampf auf die Zielgerade. Sowohl Europa- als auch Kommunalwahlen stehen hier an. Von den anderen Parteien heftig angefeindeter Neuling auf der politischen Bühne ist die Alternative für Deutschland (AfD), die sich in der Münsteraner Stubengasse vor ihrem zum Wahlkampfmobil umfunktionierten Feuerwehrauto („Eurowehr“) vorstellte. Die Partei, die sich aus der Ablehnung des Euro entwickelte, hat ihre EU-Kritik mittlerweile breit ausgebaut, wie ein Vortrag von Professor Joachim Starbatty zeigte. „Dieses Europa wollen wir nicht! Da räumen wir auf!“, versprach Starbatty. Finanzpolitisch angeschlagene Länder sollten den Euro verlassen können und einen Schuldenschnitt bekommen, meinte Starbatty. Länder und nicht Banken müssten gerettet werden, war der Kommentar Starbattys zur europäischen Rettungspolitik.  Zum Schluss forderte Starbatty die „Rückkehr zum Recht“, da die AfD die Rechtsstaatlichkeit in der EU unter die Räder gekommen sieht. Hier setzte auch der Vorredner, der Rechtsanwalt Marcus Pretzell, ein ehemaliger FDP-Politiker, an: Er kritisierte, dass Deutschland ein unverhältnismäßig geringes politisches Gewicht in der Europa hätte, etwa im Hinblick auf die schmale Umsetzung von deutschen Wählerstimmen in Mandate im Europaparlament.
Am Rande der Kundgebung der AfD demonstrierte eine Gruppe von Jusos mit Trillerpfeifen und Sprechchören, aus denen man heraushören konnte, dass sie der AfD Nationalismus und Rechtspopulismus vorwerfen. In einem kursierenden Antifa-Flyer wurde der AfD außerdem „Marktradikalismus“ und „Elitismus“ bescheinigt.

Auf kommunalpolitische Ebene vertritt die AfD analog zu ihren europapolitischen Kritik an der Rettungspolitik, Münster dürfe nicht für schlechter wirtschaftende Kommunen in Haftung genommen werden. Einem neuen großen Freizeitbad für Münster, wie es die SPD fordert, steht man  in AfD-Kreisen ablehnend gegenüber, da in der Finanzpolitik Solidität und Schuldenabbau Vorrang haben sollen.

Mario Mieruch, Sprecher der AfD in Münster begrüßte die Anwesenden.

Mario Mieruch, Sprecher der AfD in Münster, begrüßte die Anwesenden.

Prof. Joachim Starbatty versuchte den Weg zu einem besseren Europa zu weisen.

Prof. Joachim Starbatty wetterte gegen Brüssel.

Starbatty versprach den Zuhörern, die AfD werde in Europa aufräumen.

Starbatty versprach den Zuhörern, die AfD werde in Europa „aufräumen“.

Eine Gruppe von Jusos hatte sich versammelt um gegen den Wahlkampf der AfD zu protestieren.

Eine Gruppe von Jusos hatte sich versammelt, um gegen den Wahlkampf der AfD zu protestieren.

Goodbye Tommy: Briten verlassen Münster

Juli 4, 2013
Prinz Andrew in Uniform lauscht Oberbürgermeister Markus Lewe.

Prinz Andrew in Uniform und Oberbürgermeister Markus Lewe.

Nach 68 Jahren Stationierung in Münster verabschiedeten sich heute die letzten britischen Truppen mit einer kleinen ungestörten Zeremonie vor dem Rathaus am Prinzipalmarkt. Prinz Andrew und Oberbürgermeister Markus Lewe richteten vom Balkon des Stadtweinhauses freundliche Worte des Danks und der Anerkennung an die angetretenen Soldaten und die Bevölkerung und beschworen den historischen Moment. Lewe behauptete, die Münsteraner hätten die Briten nie als Besatzer, sondern stets als Befreier angesehen. Dudelsackpfeifer sorgten mit sentimentalen Klängen für die musikalische Umrahmung. Beifall aus der dichten Menschentraube der Zuschauer, dann war es vorbei – englischen Slang sprechende Passanten, joggende Soldaten und Military-Police-Patrouillen im Münsteraner Nachtleben sind Vergangenheit. Welche Nachwirkungen der britischen Präsenz in Nordwestdeutschland werden bleiben?  Vielleicht ist Deutschland nicht nur amerikanischer, sondern auch ein Stück britischer geworden.

Die Briten packen ein, es geht ins UK oder "andere Teile der Welt", wie Prinz Andrew ankündigte.

Die Briten packen ein, es geht ins UK oder „andere Teile der Welt“, wie Prinz Andrew ankündigte.

Historische Bildungsstätten in Nordrhein-Westfalen I: IP Vogelsang

Januar 14, 2013

Der Internationale Platz Vogelsang in der Eifel wurde als NSDAP-Parteischulungszentrum für NS-Nachwuchsführer errichtet und nach dem 2. Weltkrieg bis 2006 als Kaserne von Briten, dann Belgiern benutzt. Die einstige Benennung als „Ordensburg“ und die Abgeschiedenheit gab zu viel Legendenbildung um den Ort Anlass. Durch Bäume am Hang ist der landscharchitektonische Entwurf des Architekten mit dem sprechenden Namen Clemens Klotz heute etwas verdeckt, wie ein vom Dschungel umwucherter Azteken-Tempel. Die auf dem Gelände gemachten Fotos können die Wirkung der Anlage aus größerer Entfernung nicht ganz wiedergeben. Es handelt sich um die drittgrößte Anlage von NS-Herrschafts- und Kolossalarchitektur in Deutschland nach dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg und der KdF-Anlage Prora. Sie macht ganz besonders deutlich, wie die NS-Architektur durch historische – in diesem Fall mittelalterliche –  Verbrämung und Bemäntelung eines Betonbaukörpers damaligen konservativen Stimmungen den Eintritt der Moderne im Bauwesen erträglich zu machen versuchte.  Nach der seinerzeitigen Ruinenwerttheorie sollte NS-Monumentalarchitektur auch noch im zerstörten oder beschädigten Zustand geeignet sein, nachfolgende Generationen zu beeindrucken. Bildungsferne Nazi-Parteimitglieder hatten auf Vogelsang oft ihren ersten Kontakt mit wissenschaftlichem Lehrpersonal. Neben der weltanschaulichen Schulung standen Sport (Leichtathletik, Schwimmen, Reiten, Segeln) und militärische Übungen, aber auch Einübung gesellschaftlicher Umgangformen auf dem Lehrplan. Wegen schlechten Benehmens mussten viele Teilnehmer der Schulungen das Programm vorzeitig abbrechen und die Anlage verlassen. Ein großer Teil der Absolventen fiel an den Fronten des 2. Weltkriegs. Viele waren administrativ am Vernichtungs- und Kolonialprogramm in Osteuropa beteiligt. Der zukünftige Erhalt und die Nutzung der Anlage ist bis heute umstritten. Die Vorschläge reichten von ikonoklastisch motiviertem Totalabriss bis hin zu umfassendem Denkmalschutz. Bis 2014 soll jetzt ein Besucherzentrum mit drei Ausstellungen zur Geschichte und dem entstandenen Nationalpark sowie ein Kulturkino fertiggestellt sein. Bei meinem Besuch dort standen die meisten Unterkünfte allerdings leer. Eine Fotoserie findet sich hier:

Vogelsang

Musikalische Erinnerungen II: Wagner auf der Dresdener Barrikade

Dezember 22, 2012
Richard Wagner als junger Mann.

Richard Wagner als junger Mann.

Was haben Bayreuth und Dresden miteinander zu tun, abgesehen von der recht zügigen Verbindung durch einen Interregionalexpress der Bahn? In beiden Städten wirkte Richard Wagner – in Dresden auch politisch als Unterstützer der Revolutionäre beim Mai-Aufstand 1849. Die historischen Bilder zeigen eindrucksvoll, dass die Dresdener  schon im 19. Jahrhundert nicht verlegen darin waren, für Freiheit und Demokratie auf die Straße zu gehen und Barrikaden zu errichten, während Sie sich in unserer Zeit den Montagsdemonstrationen anschlossen und damit am Zusammenbruch der DDR beteiligt waren oder sich alljährlich der Instrumentalisierung der Bombenkriegsgedenkens durch Rechtsradikale mit Großkundgebungen erwehren.

Gottfried Semper, der bekannte Dresdener Architekt, entwarf höchstselbst eine der Barrikaden. Wie viele Liberale musste er nach dem Scheitern der Revolution aus Deutschland fliehen, auch Richard Wagner wurde steckbrieflich gesucht. Die politischen Verfolgungen nach 1849 leiteten einen Aderlass von freiheitsliebenden Intellektuellen aus Deutschland ein, von dem die USA profitierten, von dem sich Deutschland aber bis heute, scheint es, nicht ganz erholt hat. Hierin ist einer der Gründe zu sehen, warum viele sagen, dass man in Deutschland die echten Liberalen an einer Hand abzählen könne.

Gottfried Semper

Gottfried Semper