Archive for Juni 2014

Ernst Jünger: Ein Egoschriftsteller wird durchleuchtet

Juni 16, 2014

In diesem Jahr besinnt man sich in Deutschland auf die Vergangenheit des vor hundert Jahren ausgebrochenen ersten Weltkriegs wie lange nicht. In Münster läuft derzeit die Vortragsreihe „Gelehrte im Theater“ zum Thema „Menschheitsdämmerung – der erste Weltkrieg und die Künste“. Ein Künstler, der den ersten Weltkrieg intensiv abbildete und reflektierte war auch Ernst Jünger, um den das Referat von Professor Helmuth Kiesel, Heidelberg, kreiste. Kiesel erwies dabei als ausgewiesener Kenner.

Kiesel hat die Veränderungen nachverfolgt, die Jünger über die Jahrzehnte an seinem Erstlingswerk „In Stahlgewittern“ vornahm. Außerdem hat er das Jüngers Report zugrunde liegende Kriegstagebuch ediert. Er konnte damit zeigen, wie Jünger dieses heroisierend verarbeitete. Zur Lektüre empfiehlt er die letzte Fassung der Stahlgewitter von 1978, da sie von Altersweisheit geprägt sei. Das Buch sei ein einzigartiges und stilistisch hervorragendes Egodokument mit hoher Authentizität, frei von Hass, Legendenbildung oder Politik. Nur die Fassung von 1924 enthalte nationalistische Ergänzungen, die 1934 zurückgenommen wurden.

Im Krieg hätten sich Jünger, der ein schlechter Schüler war, plötzlich Aufstiegschancen und Erfolgserlebnisse geboten. Obwohl daher positiv als „Heldenbuch“ konzipiert, hätten Linke in den „Stahlgewittern“ ein pazifistisches Wirkungspotential entdeckt, was Kiesel angesichts der Brutalität der Kampfschilderungen nachvollziehen kann, wenn er auch ins Bewusstsein ruft, dass Jünger triste Seiten des Krieges wie das Elend der Lazarette und Verbandsplätze weglässt, obwohl er sie durchaus miterlebt hat. Mit seinem Bellizismus, seiner naturwissenschaftlichen Kälte und seinem Ästhetizismus sei Jünger Exponent seiner Epoche gewesen.

Seine höchste Auflage erreichte das Buch in den 1930er und 1940er Jahren, als sich viele Menschen erneut mit dem Krieg auseinanderzusetzen hatten, jedoch bleibt es weit hinter der Auflage des Millionenbestsellers „Im Westen nichts Neues“ zurück.  Der zum geflügelten Wort gewordene Buchtitel „In Stahlgewittern“ hat Jünger übrigens aus dem Werk des Schriftstellers Hermann Stehr übernommen, so vermutet es Kiesel. Kiesel hätte gerne schon viel früher zu Ernst Jünger und seinem Bruder Friedrich Georg gearbeitet, jedoch war das Thema in der Germanistik lange Zeit tabuisiert und ein Karrierekiller. Gut, dass jetzt endlich die seriöse Aufarbeitung von Jüngers Frühwerks begonnen hat, die ja auch eine überfällige Entzauberung dieses umstrittenen wie wandlungsfähigen Egoschriftstellers mit sich bringt.

Zur Lektüre:  file:///C:/Users/Lenovo/Downloads/13851-28046-1-SM.pdf

 

Sommergedicht

Juni 9, 2014

Zerfließendes Eis –

Am Strand liegen unter Meeresdösen.

Es ist so heiß.

Brütende Hitze, brennende Sonne, unklare Gedanken.

Durch glühende Straßen müssen wir wanken,

Wir räkeln uns wie Schlangen,

Nackte Bräune weckt das Verlangen.

Sehnen nach Kühlung und

Rauch von Grillfeuern vernebelt uns.

Nach dem blauen  Himmel kommt Spannung und Dunst.

Dann ein Knall –

Dem Gewitterdonner folgt Regen.

Morgen müssen wir uns wieder bewegen.