Merz macht mobil

Februar 16, 2020
Illustration Merz-Auftritt

Stefan Friedrich (li.) vom Berliner Forum Mittelstand begrüßte Friedrich Merz (re.), der die Lacher und das Publikum auf seiner Seite hatte. Foto: Forum Mittelstand.

Bejubelt von Junger Union, eingeladen vom Berliner „Forum Mittelstand“ um Stefan Friedrich, und umlagert von einer Pressemeute trat Friedrich im prall gefüllten Berliner Ballhaus auf und gab eher in der Art eines „Elder Statesman“ recht launig seine Einschätzung zur politischen Lage zum Besten. Auf die beharrlichen Nachfragen von BILD-Journalist Nikolaus Harbusch, ob er Kanzler oder Parteivorsitzender der CDU werden wolle, mauerte Merz und wurde nicht konkret. „Er wolle seinen Beitrag leisten“, die CDU wieder über 35 Prozent zu bringen. Vor allem das Wiedererstarken politischer Kräfte rechts der Union treibe ihn um und habe ihn auch zur Kandidatur für den Parteivorsitz 2018 bewegt. Er sprach diesbezüglich sogar von „Gesindel“, nahm diese Formulierung jedoch auf Nachfragen aus dem Publikum wieder zurück.

Das Erstarken der politischen Ränder sei ein Ergebnis von Orientierungslosigkeit und empfundener Führungslosigkeit. Die Streitkultur in der politischen Mitte müsse wiederbelebt werden, die Groko habe diese beschädigt, es sei ein Fehler der FDP gewesen, nicht in die Jamaika-Koalition im Bund gegangen zu sein, dann wäre die SPD die größte Oppositionspartei geworden und nicht die AfD. Die CDU sei in einer ähnlich gefährlichen Lage wie die SPD, sie müsse jetzt in der ganzen Breite Themen anbieten. Noch könne man an die AfD verlorene Wähler zurückholen, aber nicht mehr lange. Wie das gelingen soll wurde deutlich, als Merz über das Problem der Vollverschleierung an Universitäten räsonierte, das Immigrationsthema ansprach und Bemerkungen zu Grenzkontrollen machte.

Zur außenpolitischen Lage merkte Merz an, dass die Wiederwahl Trumps bevorstehe und China an seine große Vergangenheit wieder anknüpfe. Aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit von diesen beiden Ländern müsse sich Europa befreien. Trump mache das, was er angekündigt habe, die Pax Americana gehe jetzt dem Ende zu, was unter anderem an den nach dem 2. Weltkrieg geschaffenen internationalen Institutionen sichtbar werde. Das werfe die Frage auf, welchen Beitrag jetzt „wir“ zur Stabilisierung der internationalen Lage, etwa im Nahen Osten, beitragen werden. Deutschland sei zwar durch Größe und geostrategische Lage zur Übernahme internationaler Verantwortung gezwungen, allein könne es aber freilich wenig ausrichten, Europa hingegen viel.

Hinsichtlich des Klimawandels konstatierte Merz: „Wir haben ein ernsthaftes Problem!“ Die CDU müsse hier eigene Lösungen anbieten. Eine CO2-neutrale Wirtschaftsweise  sei aber nur mit der Industrie realisierbar, nicht gegen sie, alles andere führe ins Elend.

„CrimeBoy“ gesucht: Verbrecherjagd im Internet

Februar 3, 2020
Verbrecherjagd in Münster

Verbrecherjagd in Münster soll ins Internet gestreamt werden. Foto: Privat

Münster (SMS) Ein neuer Fall für Münsters Spürnasen: nach Wilsberg und Thiel soll in Zukunft auch der „CrimeBoy“ Kriminalfälle lösen, die die Domstadt in Atem halten. Zumindest wenn es nach dem münsterschen Filmemacher Simon Jöcker geht. Seine Idee: Eine regionale Krimi-Webserie für den Internet-Kanal „YouTube“ zu entwickeln. Der Filmservice Münster.Land des städtischen Presseamtes unterstützt ihn dabei. „CrimeBoy“ soll ein junges Format mit jugendlicher Bildsprache werden, in der Live-Streams, Vlogs und Chatverläufe zum Stilmittel gehören. „CrimeBoy“ spielt in der Gaming-Szene und im Studentenmilieu. Darüber hinaus werden die einzelnen Stories zwischen den Veröffentlichungen der Videoclips auf einem fiktionalen Instagram-Kanal weitergeführt. So erscheint auch zwischendurch mal eine Instagram-Story mit einem Hinweis zur Lösung des Falls auf dem Handy.

Die Geschichte kurz zusammengefasst: Ein erfolgloser Gaming-Blogger löst einen Kriminalfall, dokumentiert seine Recherchen dazu in seinem Live-Stream und wird darüber unverhofft doch noch zum Influencer. Mit diesem neuen Genre des „Crimefluencers“ löst er in den folgenden Episoden weitere Fälle und macht auch eine persönliche Entwicklung vom unproduktiven Nerd zum erfolgreichen Game Changer durch. Bei der Webserie steht neben den Kriminalgeschichten der Regionalfaktor stark im Vordergrund. Während Fernsehsendungen größtenteils in Köln gedreht werden, soll hier Münster viel stärker mit eingebunden werden. So spielt die erste Folge zum Beispiel rund um die Lambertikirche mit ihrer Türmerin und dem Nachtwächter auf dem Prinzipalmarkt.

Was Simon Jöcker im Moment noch etwas Kopfzerbrechen bereitet, ist die Finanzierung der Web-Serie: „CrimeBoy“ ist ein Non-Profit-Projekt, das in keinen der bestehenden Fördertöpfe passt und deshalb über Crowdfunding finanziert werden soll. Zuerst will Jöcker eine Pilotfolge drehen. Wenn das Format gut ankommt, möchte er mit Hilfe von Sponsoren oder Partnern weitere Folgen einer achtteiligen Staffel verwirklichen. Da das Format besonders heimatnah sein soll, sucht die Produktion nun nach einem männlichen Hautdarsteller aus dem Münsterland (Spielalter 18 bis 25). Es wäre schön, wenn der Bewerber Schauspielerfahrung hätte, so Jöcker. Showreels oder Bewerbungsvideos könnten auf casting@crimeboy.de eingereicht werden.

Um die Umsetzung der Pilotfolge zu finanzieren, hat Jöcker bereits ein Crowdfunding eingerichtet. Dabei können Unterstützer einen frei wählbaren Betrag spenden und bekommen dafür eine symbolische Gegenleistung zurück – zum Beispiel einen Titel im Abspann, eine Statistenrolle oder eine Einladung zur Premiere im Kino. Die Finanzierungsphase läuft vom 3. Februar bis 1. März 2020 auf: www.startnext.de/crimeboy . Ein Crowdfunding-Video und aktuelle Infos zum Projekt gibt es auf www.crimeboy.de, dem YouTube-Kanal CrimeBoy und auf der Facebook-Seite CrimeBoy. Regelmäßige Updates und Stories finden sich auf Instagram unter crimeboy_.
Filmemacher Simon Jöcker hat Filmregie in Hollywood studiert, arbeitete als Fernsehredakteur und Autor bei der ARD und hat sich danach als Videoproduzent für Social-Media-Filme in Münster selbstständig gemacht. Neben seinen beruflichen Tätigkeiten produziert er auch in seiner Freizeit regelmäßig Webvideos für und über Münster.

Vor 75 Jahren: Auschwitz wird befreit

Januar 14, 2020

Münster (SMS) Auch fast 75 Jahre nach der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 und dem Ende der Herrschaft der Nationalsozialisten stellen sich elementare gesellschaftliche Fragen: Wie war der Holocaust möglich? Welche Rolle spielten die gewöhnlichen Menschen dabei in Deutschland und in Europa? Warum nahmen einige mit größtem Eifer an der Verfolgung von Jüdinnen und Juden teil, während andere Mitläufer waren? Warum haben so Wenige den Menschen geholfen, die zu Opfern gemacht wurden?
Die Villa ten Hompel präsentiert die Ausstellung „Einige waren Nachbarn“ vom 15. Januar bis 15. Februar im Foyer der Bezirksregierung Münster zusammen mit der Bezirksregierung Münster, dem Evangelischen Forum Münster, der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Münster, dem Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie“, der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und dem Verein „Spuren Finden“.
Die Ausstellung „Einige waren Nachbarn – Täter – Opfer und Mitläufertum“ des United States Holocaust Memorial Museum Washington D.C. soll herausfordern, über die Motive und Zwänge nachzudenken, die die Entscheidungen und Verhaltensweisen der gewöhnlichen Menschen während des Holocaust beeinflussten. Seit 2018 sind das United States Holocaust Memorial Museum Washington D.C. und der Geschichtsort Villa ten Hompel Münster offiziell Kooperationspartner.
Schirmherr der Wanderausstellung, die in NRW an mehr als 20 Orten auf Initiative der Villa ten Hompel präsentiert wird, ist Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet: „Diese besondere Ausstellung des United States Holocaust Memorial Museum Washington D.C. mahnt und ruft uns auf, aufzustehen gegen Rassismus und Antisemitismus, für Menschenwürde, Freiheit und das friedliche Zusammenleben in unserem Land.“
Der öffentliche Festakt zur Ausstellung findet am Freitag 31. Januar um 13 Uhr im Foyer der Bezirksregierung Münster am Domplatz mit Sara J. Bloomfield (Direktorin des United States Holocaust Memorial Museum Washington), Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (Antisemitismus-Beauftragte von NRW), Dorothee Feller (Regierungspräsidentin Münster), Markus Lewe (Oberbürgermeister der Stadt Münster) und Christoph Spieker (Leiter der Villa ten Hompel) statt. Gäste sind herzlich willkommen.
Info:
„Einige waren Nachbarn – Täter – Opfer und Mitläufertum“ im Foyer der Bezirksregierung Münster, Domplatz 1-3, 15. Januar bis 15. Februar. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 9 bis 16 Uhr, samstags 9 bis 13 Uhr. Der Eintritt ist frei.
Gruppen, insbesondere Schulklassen, aber auch Studenten und Gruppen der Erwachsenenbildung, können bei der Villa ten Hompel drei pädagogische Angebote buchen: Einen Ausstellungsrundgang, ein Kombiangebot aus Rundgang und lokalhistorischem Stadtrundgang und einen Workshop. Zudem wird ein umfassendes Begleitprogramm sowohl in der Villa ten Hompel wie auch in der Bezirksregierung angeboten: www.villatenhompel.de

Ausstellung in Münster

Blick in die Ausstellung „Einige waren Nachbarn – Täter – Opfer und Mitläufertum“ Foto: Stadt Münster

Die Villa ten Hompel erforscht seit 20 Jahren die NS-Zeit

Dezember 19, 2019

Der Stab des Befehlshabers der Ordnungspolizei Heinrich Lankenau (fünfter von rechts) am 11.10.1941 (50. Geburtstag Lankenaus). Foto: Villa ten Hompel

Das Jahr geht dem Ende zu, Zeit, Bilanz zu ziehen. Besonders gilt dies für den Geschichtsort Villa ten Hompel, der gerade sein 20jähriges Bestehen mit einer Matinee beging. Die Villa ten Hompel, im 3. Reich Sitz eines Befehlshabers der Ordnungspolizei, ist nicht nur ein Museum, sondern auch Veranstaltungs- und Bildungsort, der nicht zuletzt historisch Forschenden vom Schüler bis zum Doktoranden mit Rat und Hinweisen zur Seite steht, wenn es um die NS-Zeit geht. Kernthema der Villa ist aber die Rolle der Ordnungspolizei in der NS-Zeit, insbesondere ihre Beteiligung am Völkermord an den Juden. Die Frage nach den Motiven der Beteiligten treibt die Historiker in der Villa bis heute um, allen voran Dr. Christoph Spieker, der mir einige Fragen beantwortete:

Wie bzw. warum kam es aus Sicht der Villa ten Hompel zur Entstehung des Nationalsozialismus? Was sind die Ursachen und die Beweggründe für den Völkermord an den Juden gewesen?

„Ihre Frage, wie es zur Entstehung des Nationalsozialismus kam, möchte ich exemplarisch mit zwei Hinweisen beantworten:

der Existenz und Propaganda einer nationalen Hybris,

der Konstruktion einer künstlich erzeugten sogenannten ‚Volksgemeinschaft‘, die politisch, religiös und gesellschaftlich Unerwünschte ausschloss,

dem ungebrochenen Militarismus ohne Akzeptanz der Kriegsschuld und -niederlage,

sowie einem Antisemitismus in einer Gesellschaft, die in demokratische Regeln nur flüchtig eingeübt war.

Im letzten Punkt sind auch Ursachen für die schrecklichen Gewalttaten gegen die Menschen zu suchen, die die Nationalsozialisten nicht in ihrer ‚Volksgemeinschaft‘ haben wollten und sie zwangsweise ausschlossen, sterilisierten und ermordeten.“

Wie verhält sich die Villa ten Hompel zur Aussage des Buchs Hitler’s Willing Executioners von Daniel J. Goldhagen, wonach ganz gewöhnliche Deutsche überzeugte Vollstrecker des Holocaust gewesen seien?

„Der Geschichtsort Villa ten Hompel entstand kurz nach der Diskussion um die Bücher von Daniel J. Goldhagen und Christopher Browning, die nicht nur in der Geschichtswissenschaft große Resonanz fanden. Beide Arbeiten basieren auf Ermittlungen gegen Polizeibataillone, wie Sie vom Befehlshaber der Ordnungspolizei im Wehrkreis VI mit Sitz in der Villa ten Hompel in den Jahren von 1940-44 aufgestellt und als Teilnehmer in den ‚Weltanschauungskrieg‘ entsandt wurden. In unserer Forschungs- und Bildungsarbeit im Geschichtsort Villa ten Hompel beschäftigen wir uns seit Gründung der Gedenkstätte vor knapp 20 Jahren mit nationalsozialistischen Tätern. Wissenschaftliche Grundlage bieten dabei Pionierarbeiten wie die Brownings, der (deutlicher als Goldhagen) individuelle Tatmotive und konkrete Handlungskonstellationen in den Blick nahm, um zu erklären, wie aus ‚ganz normalen‘ Polizisten (in Anlehnung an Brownings wegweisende Studie der ‚ordinary men‘) Täter werden konnten, die sich teils ohne eindeutige Befehle und für zahlreiche Fälle nachweisbar freiwillig an Kriegsverbrechen beteiligt haben. Darüber hinaus fragen wir nach der Verantwortung von ‚ganz normalen‘ Beamten, die als ‚Schreibtischtäter‘ eine zentrale Funktion im nationalsozialistischen Verfolgungsapparat übernahmen.

Je intensiver wir uns mit Motiven dieser Ordnungspolizisten beschäftigen, desto facettenreicher wird unser Bild von Tätern, aber auch von Opfern und so genannten ‚Bystandern‘ des Holocaust. Was wir zweifelsohne feststellen können: Ohne die ‚gewissenhafte‘ und ‚gründliche‘ Arbeit der Polizei und der Verwaltungen hätte der Völkermord nicht seine grausame, für die Opfer besonders tragische, bürokratische Effizienz erlangen können. Hier knüpfen wir an die so genannte neuere Täterforschung an. Dabei versuchen wir auch weniger ‚prominente‘ Täter in den Blick zu nehmen und beschäftigen uns auch mit den ‚kleineren‘ Verwaltungsbeamten aus der Region, um die Alltäglichkeit der NS-Verbrechen zu unterstreichen.

Warum wurde Ihr Institut ausgerechnet in Münster gegründet? Es gab doch auch höhere Ordnungspolizeikommandaturen andernorts. Geht das auf das Engagement einer bestimmen Person zurück oder zeichnete sich die Ordnungspolizei, die von Münster aus befehligt wurde, durch irgendwelche historischen Besonderheiten aus?

Ich denke beide Gründe spielen eine Rolle: Einerseits hatte der Geschichtslehrer Winfrid Nachtwei (später MdB der Grünen)  in seinen Forschungen die Villa als historischen Ort entdeckt, andererseits ist Münster mit mehr als 20 Bataillonen einer der ‚größten‘, personalintensivsten BdO-Standorte.

Aber die Zahlen sind erst im Laufe der Forschungen deutlich geworden, also hat Ersteres mehr Wahrscheinlichkeit.

Was wussten die ganz gewöhnlichen Deutschen vom Holocaust, bzw. war es möglich, dass sie im Einzelfall zumindest von den Vernichtungslagern im Osten nichts wussten?

„Ich bin immer davon ausgegangen, dass die Vertreibung der Juden sehr bekannt war, die ‚Greuel der SS‘ sprichwörtlich oft kolportiert wurden – z.B. ein Geistlicher in Südlohn von der Kanzel – die Dimension der Vernichtung  – mit den Massenerschießungen und Gaskammern – sich aber nicht allen erschlossen hat. BBC hat berichtet, die niederländischen Zeitungen auch, der Polizist Henneboel berichtet aus den Niederlanden, dass Kollegen gesagt hätten, die Deportierten kämen ‚bald aus den Schornsteinen‘ … usw.

Kurz: Fragmentarisches Wissen gab es, Zeugen sicher auch, der Historiker Heinz Boberach beispielsweise hat uns versichert, seit 1942 von der Vernichtung gewusst zu haben.“

Der Schatz vom Grafenbauernhof

Oktober 15, 2019

Die bayerische Adelsfamilie v. Grafenstein leitet sich genealogisch von der Oberpfälzer Bauernfamilie Graf ab, die seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges auf dem nach ihr benannten Grafenbauernhof in Oberweißenbach bei Vilseck, nördliche Oberpfalz, saß und im 18. Jahrhundert im Zusammenhang mit einer kleinen Nachblüte des Oberpfälzer Eisengewerbes durch den Betrieb von Eisenhämmern, Eisenhandel und Fuhrwerksbetrieb zu Wohlstand gelangt war. Durch ihr Geschick und glückliche Heirat brachten die Graf die Hammergüter Altneuhaus, Altenweiher, Heringnohe und Hammergänlas in ihren Besitz.  1757 ersuchte Johann Georg Graf (1718-1802), Besitzer von Altneuhaus und Hammergänlas und Landrichter zu Parkstein, den bayerischen Kurfürsten Max Joseph um Verleihung des Adelsprädikats, damit er zu patriotischen Diensten fähiger werde und seinen Gütern und Geschäften besser vorstehen könne. Dem Gesuch wurde im Frühjahr 1758 entsprochen und dem Johann Georg Graf der Name von Grafenstein verliehen. Sein Sohn Johann Georg jun. (1742-1823) wird von der Genealogie des in Bayern immatrikulierten Adels als Stammvater der Familie von Grafenstein genannt, da von dessen drei Söhnen alle drei Linien der Familie abstammen.

Grabstein in der Kirche St. Ägidius in Vilseck für (Johann) Georg von Grafenstein (1718 – 1802), der in zweiter Ehe mit der Anna Barbara Mayer (1707 -1792) verheiratet war. Beide wurden 85 Jahre alt.

Den Grafenbauernhof gibt es heute noch, er befindet sich seit rund 200 Jahren im Besitz der Familie Trummer, die eine alte Sage um ihre Vorgänger auf dem Hof überliefert hat, denn der einstige Aufstieg der einfachen Bauernfamilie Graf erzeugte in der Nachwelt Verwunderung, die nach einer Erklärung verlangte:

Der Grafenbauer Georg Graf (1675-1742) träumte, so die Sage, nachts von einer alten Frau, die ihm sagte, er solle nach Regensburg fahren, dort werde er auf der Steinernen Brücke sein Glück finden. Der Grafenbauer wusste zunächst nicht, was er vom Ratschlag der Hexe halten sollte, aber nach der Morgensuppe ließ er seinen Knecht die Kutsche für die Reise nach Regensburg anspannen. Nach der Fahrt durch das Vilstal Richtung Süden kam er nachmittags in Regensburg an. Zu Fuß begab er sich zur Steinernen Brücke und ging auf ihr lange Zeit auf und ab, ohne dass etwas passierte. Da kam am Abend ein Unbekannter auf den Georg Graf zu und fragte, ob er ihm helfen könne, anscheinend kenne er sich nicht in der Stadt aus. Der Grafenbauer erzählte ihm seinen Traum. Der Fremde entgegnete, dass auch er etwas Wirres geträumt hätte: In „Weisserboch“ beim Grafenbauern hinter dem Haus sollen drei Truhen Gold vergraben sein, aber er kenne weder dieses Weisserboch noch den Grafenbauern. Freudig rief der Georg Graf aus, dass er ja der Grafenbauer von Weisserboch sei, und eilte sogleich zu seiner Kutsche zurück, um nach Oberweißenbach zurückzufahren.  Am nächsten Morgen begann der Bauer mit seinen Knechten hinter dem Haus einen Graben auszuheben und tatsächlich: Er stieß auf eine Holztruhe, randvoll mit Gold und Silbermünzen, sodann auf eine weitere, ebenfalls voll mit Kostbarkeiten. Mit diesen Gold- und Silbermünzen, so die Sage, kauften die Grafenbauern und ihre Nachkommen all die großen Hammergüter, darunter später auch meinen Heimatort Röthenbach, und auch ihren Adelsnamen. Nach der dritten Truhe suchte der Grafenbauer jedoch vergeblich, sie soll noch heute auf dem Gelände des Grafenbauenhofes zu finden sein,  dieweil die Familie Trummer freilich schon viele vergebliche Anstrengungen unternommen hat, auch mit Sonargeräten, den Schatz zu entdecken.

Woher aber stammte dieser Schatz? Auch davon weiß die Sage zu berichten. Demnach soll der Grafenbauerhof bis in den Dreißigjährigen Krieg hinein Sitz eines Steuereintreibers gewesen sein. Dieser war sehr gefürchtet und unbeliebt, da er alle Bauern, die ihrer Steuerpflicht nicht nachkamen, in den Turmanbau des alten Wohnhauses einsperren und schmachten ließ. Als die Gegend von plündernden Horden unsicher gemacht wurde, vergrub der Steuereintreiber bei Nacht und Nebel die gehorteten Steuereinnahmen unter den Büschen, ehe er selbst von der Soldateska erschlagen oder verschleppt und das Haus niedergebrannt wurde. So geriet das vergrabene Gold in Vergessenheit.

Blick auf die Anhöhe in Oberweißenbach, auf der der Grafenbauernhof und der Jungbauernhof liegen, beides einst Besitz der Familie Graf, schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts aber der Familie Trummer gehörig.

Literaturhinweise:

Eckehart Griesbach: Truppenübungsplatz Grafenwöhr – Geschichte einer Landschaft, 2. Auflage, 1985.

Vereinigung des Adels in Bayern e. V. (Hrsg.), Genealogisches Handbuch des in Bayern immatrikulierten Adels. Bd. 21, Verlag Degener & Co., Neustadt an der Aisch 1996.

Abstand halten von Raupen und ihren Nestern

Juni 17, 2019

Die Raupennester des Eichenprozessionsspinners sind derzeit an vielen Bäumen zu finden. Foto: Grafenstein

Münster (SMS) Seit Mitte Mai ist es von Tag zu Tag sichtbarer geworden: Der Eichenprozessionsspinner verbreitet sich auch in Münster rasant. An einigen Stellen im Stadtgebiet warnen inzwischen Schilder davor, die Raupen oder Nester zu berühren, denn gesundheitliche Beschwerden könnten die Folge sein. Besonders Allergiker sollten Abstand halten.

Das Amt für Grünflächen, Umwelt und Nachhaltigkeit erfasst alle Meldungen, die von Bürgern eingehen und städtische Flächen betreffen. Sie werden nach einer  Gefährdungsabschätzung der jeweiligen Dringlichkeit entsprechend abgearbeitet. „Wir kommen, wenn es notwendig ist. Aber wir haben leider nicht die Kapazitäten, immer sofort zu kommen“, bittet Stadtförster Hans-Ulrich Menke mit Blick auf die lange Liste der Einsatzorte um Verständnis für dieses Vorgehen. Vorrang haben öffentliche Spielplätze, Kindergärten, Schulen und Sportanlagen.

Der Eichenprozessionsspinner mag es warm und trocken. Die entsprechende Witterung begünstigt seine Verbreitung. In Münster tritt der Eichenprozessionsspinner im gesamten Stadtgebiet auf, nahezu alle Eichen auf öffentlichen Flächen sind inzwischen betroffen. In diesem Jahr kommt durch die wechselnde Witterung ein besonderer Umstand hinzu: Die Schlupfzeit der Larven hat sich über mehr als sechs Wochen ausgedehnt, so dass an vielen Stellen Eichen wiederholt befallen wurden. So mussten zum Beispiel an einigen Schulen bereits viermal Gespinste und Raupen abgesaugt werden. Einsätze an anderen Stellen verzögerten sich dadurch. Inzwischen hat die Stadtverwaltung sechs Hubsteiger-Kolonnen und drei Bodentrupps im Einsatz, um in den dringendsten Fällen kommen zu können.

Die Gespinste kleben an den Eichenstämmen, vorzugsweise unter den Astgabeln. Die Raupen mit den gefährlichen Brennhaaren werden zum Teil noch bis wenigstens Mitte Juli aktiv sein. Dann folgt bis Ende August die Puppenruhe in den Nestern, bevor die harmlosen Nachtfalter schlüpfen. Die Brennhaare der Raupen bleiben allerdings in den Nestern. Für die Mitarbeiter des Grünflächenamtes und die beauftragten Fachfirmen gehen die Einsätze gegen den Eichenprozessionsspinner daher weiter: „Da es diesmal sehr viele Gespinste gibt, werden wir bis zum Herbst / Winter damit beschäftigt sein, die Nester zu entfernen“, erläutert Hans-Ulrich Menke. Eine flächendeckende Beseitigung – auch an Waldwegen oder im Außenbereich – sei allerdings nicht möglich und auch nicht nötig.

Sind die befallenen Bäume in privatem Besitz, müssen die Eigentümer die notwendigen Maßnahmen veranlassen. Sie sollten Kontakt mit einer Fachfirma aufnehmen. Informationen zum Eichenprozessionsspinner gibt es im Stadtportal (www.stadt-muenster.de/umwelt).

Was geht auf den Geländen der ehemaligen York- und Oxfordkaserne vor sich?

Mai 15, 2019

Großen Wert wird bei den Abbrucharbeiten (hier York) auf Recycling gelegt. Foto: NRW.URBAN

Münster (SMS) Die Vorbereitungen für die Realisierung der beiden neuen Wohnquartiere York und Oxford schreiten weiter voran. Die städtische Tochtergesellschaft KonvOY steuert in enger Zusammenarbeit mit den Fachämtern, den Stadtwerken Münster und anderen Versorgungsträgern alle Maßnahmen. Die Größenordnungen der Projekte sind enorm: Es entstehen insgesamt ca. 3000 Wohneinheiten in Kombination mit sozialer Infrastruktur, Räumen für Handel, Gewerbe und Dienstleistungen, öffentlichen Einrichtungen, Kultur- und Kreativräumen sowie große Grün- und Freizeitflächen. Bei diesen Dimensionen ist klar, dass viele Arbeitsschritte parallel laufen.

Abbrucharbeiten zur Vorbereitung von Straßen- und Leitungsbau
Auf beiden Arealen werden aktuell noch verbliebene, nicht erhaltenswerte Altgebäude sowie versiegelte Flächen zurückgebaut. Im Anschluss kann begonnen werden, die Ent- und Versorgungsleitungen zu verlegen und die Straßen zu bauen.
Der Kampfmittelräumdienst und die Feuerwehr begleiten diese Phase intensiv: Wie schon in den letzten Wochen erlebt, kann es an den bereits ermittelten Verdachtspunkten zu Blindgänger-Funden kommen.
Im Zusammenhang mit den Abbrucharbeiten kommen auch Artenschutzmaßnahmen zum Einsatz: An beiden Standorten wurden beispielsweise Nisthilfen aufgehängt.
Die Stadtverwaltung legt großen Wert auf Recycling. Eine große Menge abgebrochenes schadstofffreies Material ist für eine Wiederverwertung vorgesehen, zum Beispiel der Betonabbruch für den Straßenbau. Daraus ergeben sich weniger An- und Abfahrtsverkehre sowie Kosteneinsparungen.

Zeigt den Bagger-Einsatz in der York-Kaserne

Bagger-Einsatz für die neue Baustraße zur Anbindung der ehemaligen York-Kaserne an den Heeremansweg. Foto: NRW.URBAN.

Baustraßen mit späteren Funktionen
Damit möglichst viele Arbeitsschritte parallel passieren können, entsteht auf beiden Arealen  jeweils eine Baustraße für die Zu- und Abfahrt der Baufahrzeuge.
Auf dem York-Areal befindet sich seit Ende April eine neue Anbindung über den Heeremansweg an das Gewerbegebiet im Bau. Diese Straße hat eine hohe logistische Funktion, um die gleichzeitig ablaufenden Arbeitsschritte zu ermöglichen. Neben dem Abbruch, dem Straßen- und Leitungsbau wird die Baustraße auch für die Hochbauarbeiten im nördlichen Quartier durch die Wohn+Stadtbau genutzt, die voraussichtlich im Sommer 2020 beginnen sollen. Die Trasse der Baustraße bleibt über die Bauzeit hinaus erhalten – im künftigen Wohnquartier wird sie als Umweltspur von Bussen und Fahrrädern genutzt werden.
Baubeginn für die neue Baustraße auf dem Oxford-Areal ist Mitte Mai. Sie schafft während der Baumaßnahmen eine Verbindung von der Straße Bernings Kotten zum Arnheimweg. Über diese Trasse wird die Anbindung der Baufelder im nördlichen Bereich sichergestellt, etwa zum Wohn+Stadtbau-Projekt „Wohnen mit Aussicht“, dessen Bauphase voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte 2020 starten wird. Auch der Neubau des Kirchenzentrums der Lukas-Kirchengemeinde wird davon profitieren. Auch diese Baustraße muss später nicht komplett zurückgebaut werden; sie wird zum größten Teil umgestaltet zu einem Weg in der Grünfläche des zukünftigen Quartiers.

York-Quartier: Neue Adresse für das Amt für Grünflächen, Umwelt und Nachhaltigkeit
Zwei ehemalige Mannschaftsgebäude, die Häuser  12 und 14 der ehemalige York-Kaserne, werden ab Sommer eine neue Adresse der Stadtverwaltung sein. Das Amt für Grünflächen, Umwelt und Nachhaltigkeit zieht – für einen vorübergehenden Zeitraum – in die Gebäudeblöcke, die zwischenzeitlich vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) als Büroräume genutzt wurden. Die Vorbereitungen für den Umzug der ca. 170 Arbeitsplätze laufen auf Hochtouren.

Bau der Kita und Jugendeinrichtung am Wiegandweg
Mit dem ersten Hochbauprojekt auf der ehemaligen York-Kaserne ist die Wohn + Stadtbau bereits in der Bauphase. Die denkmalgeschützte ehemalige Krankenstation der Kaserne (sie befindet sich an der südlichen Mauer des York-Areals und damit direkt am Wiegandweg) wird umgebaut und mit einem Neubau erweitert. Es entstehen eine Kindertagesstätte (mit Platz für acht Gruppen) und ein Zentrum für Jugendliche. Voraussichtliche Fertigstellung ist im 3. Quartal 2020.

Tiefbauarbeiten im Wiegandweg
Im Juni starten am Wiegandweg Tiefbauarbeiten: Die Kanalisation wird saniert, die Straße wird erneuert ebenso wie die Versorgungsleitungen. Diese Maßnahmen sind Voraussetzungen für die Erschließung des südlichen Teils des York-Quartiers und der neuen Kita.
Der Baustellenverkehr für den Kita-Neubau und die Erschließung des südlichen Quartierteils wird weitestgehend nicht über den Wiegandweg, sondern über das ehemalige Kasernengelände geführt. Auch für diesen Verkehr wird die Baustellenstraße genutzt werden.

Die Adelsfamilie Droste zu Hülshoff und Münster

Mai 15, 2019

Wilderich Freiherr von Droste zu Hülshoff überreicht sein Buch an Bürgermeisterin Beate Vilhjalmsson. Foto: Presseamt Münster

Münster (SMS) Wilderich Freiherr von Droste zu Hülshoff überreichte in der Rüstkammer des Rathauses sein Buch „900 Jahre Droste zu Hülshoff“ an Bürgermeisterin Beate Vilhjalmsson (Bild). Darin beleuchtet er die Geschichte der Adelsfamilie. Sie ist nicht allein durch Annette von Droste-Hülshoff („Die Judenbuche“) eng mit Münster verbunden. Durch die Jahrhunderte haben immer wieder Familienmitglieder in Münster und im Münsterland gelebt und die Geschichte der Stadt mitgeprägt. Sechs Familienmitglieder waren Bürgermeister in Münster. Der Jurist und Schriftsteller Freiherr von Droste zu Hülshoff lebt in der Nähe von Freiburg. Er  repräsentiert die 24. Generation der Familie. Neben juristischer und kulturpolitischer Fachliteratur hat er auch über Annette von Droste-Hülshoff publiziert und hält Fachvorträge.

Lyrikertreffen in Münster: Poetisch denken!

Mai 14, 2019

Das renommierte Lyrikertreffen in Münster steht wieder an. Foto: Stadt Münster

Münster (SMS) Seit 40 Jahren reisen Lyriker und Lyrikerinnen aus dem In- und Ausland zum Internationalen Lyrikertreffen an, das vom Kulturamt der Stadt Münster und vom Literaturverein Münster veranstaltet und von der Kunststiftung NRW gefördert wird. In ihrem Gepäck: Strophen und Verse. In diesem Jahr gehören auch Instrumente dazu. Werfen wir ein Blick auf Programm, das die Lesungen der Gedichte begleitet.

Warum überhaupt Lyrik?
Walther von der Vogelweide, Johann Wolfgang von Goethe, Novalis – Namen, die Erinnerungen an die Schulzeit wecken. Warum musste man Schiller-Balladen auswendig lernen? Oder den Aufbau von Versmaßen verstehen? Christian Metz stellt zu Beginn des Lyrikertreffens gleich die Frage aller Fragen: Warum überhaupt Lyrik?
Der promovierte Germanist beschäftigt sich auf mannigfaltige Weise mit Literatur – in Forschungsarbeiten, Essays, Literaturkritiken, als Privatdozent in der Hochschullehre. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt im Feld der Gegenwartslyrik. Doch ist die Gattung überhaupt noch zeitgemäß? Christian Metz ist überzeugt: Die Poesie ist auf Erfolgskurs. Er bilanziert den aktuellen Stand der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, wagt eine Bestandsaufnahme des Lyrikbooms der vergangenen 20 Jahre und befasst sich mit Autoren und wie sie sich in den sozialen Medien präsentieren. Der Titel seines Buches, das Metz dem Publikum präsentiert, lässt sich treffend für das Lyrikertreffen auch als Aufforderung für die gesamte Veranstaltung lesen: „Poetisch denken“!

Hohe Kunst des Übersetzens von Lyrik
Und wie denkt man poetisch in anderen Sprachen? Das Übersetzen von Lyrik ist ein zweites großes Thema beim Lyrikertreffen – und es ist eine hohe Kunst. Erfahren lässt sie sich in einer Lesung mit anschließendem Workshop. Den Schriftsteller und Herausgeber Hans Thill begleiten die drei syrischen Autoren Mohammad Al-Matroud, Lina Atfah und Aref Hamza sowie ihre Übersetzer Brigitte Oleschinski, Joachim Sartorius und Julia Trompeter. Ihre Gedichte hat Thill zusammen mit Mahmoud Hassanein in der Anthologie „Deine Angst – Dein Paradies“ veröffentlicht.
In Syrien waren die Dichterinnen und Dichter ganz vorn bei denen, die sich für eine Demokratisierung der Gesellschaft einsetzten. Sie haben es gebüßt durch Verfolgung und Exil, jetzt leben einige von ihnen in Deutschland. Die Gedichte, die sie lesen, richten den Blick in ihre Heimat, erzählen von Krieg und Frieden, von Hoffnung und Träumen. Beteiligt am Workshop sind Studierende der Westfälischen Wilhelms-Universität, die sich im Vorfeld des Lyrikertreffens mit dem Übersetzen von Gedichten beschäftigt haben. Welche Tücken das Sprach-Handwerk des Übersetzens birgt, können hier alle Interessierten ganz direkt erleben.

Ausnahmelyriker Paul Celan
Um Dichtung im Angesicht des Krieges geht es auch beim Memorial, das ein fester Bestandteil des Lyrikertreffens ist. Der künstlerische Leiter Hermann Wallmann hat es im Vorgriff auf das Celan-Jahr 2020 programmiert, wenn der 100. Geburtstag und der 50. Todestag des Ausnahmelyrikers zusammenfallen. Der Autor und Literaturkritiker Helmut Böttiger wird in Münster Celans jüdische Familiengeschichte, sein lyrisches Werk und seine Liebe zur Schriftstellerin Ingeborg Bachmann beleuchten.
Böttiger zählt zu den renommiertesten Literaturkritikern Deutschlands, war nach seiner Promotion als Literaturredakteur tätig und hat sich intensiv mit dem Werk und der Person Celans beschäftigt. „Celan ist fast so etwas wie ein Heiliger, hat das berühmteste Gedicht nach 1945 geschrieben: die ‚Todesfuge‘. Das wird mit ihm gleichgesetzt – er wurde so gelesen: Als einer, der in schöner Sprache die Schuld der Deutschen ausgedrückt hat und dadurch die Möglichkeit gegeben hat, dass die Deutschen sich von ihrer Schuld entlastet fühlen können“, erklärte Böttiger im Deutschlandfunk.
Termine:
Deine Angst – Dein Paradies. Gedichte aus Syrien: Lesung mit Übersetzungsworkshop, Freitag, 24. Mai, 11-14 Uhr, Studiobühne, Domplatz 23
Warum Lyrik? Christian Metz: Die Lyrik der Gegenwart, Freitag, 24. Mai, 16-17 Uhr, Theatertreff, Neubrückenstraße 63
Celan-Memorial. Helmut Böttiger über Paul Celan, Samstag, 25. Mai, 14-15 Uhr, Theatertreff, Neubrückenstraße 63
Info: www.lyrikertreffen-muenster.de, Karten an der Theaterkasse, (02 51) 59 09-100

Studieren in der Fahrradstadt Münster

April 24, 2019

Kunst ruft an der Universitäts- und Landesbibliothek (ULB) zu kritischem Denken auf. Foto: Grafenstein

Die Westfälische Wilhelms-Universität (WWU) in Münster ist mit rund 45000 Studenten eine der größten Universitäten in Deutschland und erfreut sich anhaltender Beliebtheit. Warum ist das so?

Münster ist die holländischste Stadt Deutschland, in der das Verkehrsmittel der Wahl die Leeze, das Fahrrad, ist. Mithin auch für Studenten eine kostengünstige Variante, am Individualverkehr teilzunehmen. Die verteilten Universitätsgebäude konzentrieren sich auf den inneren Stadtwesten, sodass im Gegensatz zu weltfremden Campusuniversitäten eine gute Integration in das Leben dieser Großstadt gegeben ist, ein Vorlesungsbesuch auch mit einem Einkaufsbummel in der Altstadt, einem Eis in einem Straßencafé oder mit einem abendlichen Kneipenbummel verbunden werden kann.

Studiert man an unterschiedlichen Fakultäten, rollt man mit dem Fahrrad von Veranstaltung zu Veranstaltung. Fahrradfahren ist sehr erfrischend und macht gute Laune. Die WWU hat außerdem aufgrund ihrer Größe eine sehr großes Angebot an Sportkursen, aus denen man wählen kann, hier bleibt kein Wunsch unerfüllt und keine noch so kuriose Sportart ausgelassen.

Natürlich gibt es auch ein sehr großes und ausdifferenziertes Angebot an Hochschulgruppen, Verbindungen und studentischen Initiativen sowie Vereinigungen in der Stadt, in denen man sich engagieren kann. Es ist allerdings auch anzuraten, sich irgendwo anzuschließen, da man an dieser Massenuniversität leicht vereinzeln und in der Anonymität untergehen kann, Professorenkontakt kann in den Massenvorlesungen je nach Fach auch eine Schwierigkeit sein. Ebenfalls Folge der Größe der Universität ist Größe der Universitäts- und Landesbibliothek (ULB), die ebenfalls eine der größten Deutschlands ist, was bedeutet, das für Haus-, Seminar- und Abschlussarbeiten eine Vielzahl benötigter Literatur schon vor Ort vorhanden ist und nicht per Fernleihe bestellt werden muss. Große Bedeutung hat an der WWU unter anderem die Lehrer- und Juristenausbildung sowie die Forschung zu religiösen Fragen. In der Stadt sind nebem einem Uni-Repetitorium auch viele private juristische Repetitorien angesiedelt, darunter mit seinem Hauptsitz Alpmann+Schmidt.

Das stark wachsende Münster mit seinen über 300 000 Einwohnern bietet mittlerweile eine lebendige Kneipenlandschaft und Kino- und Theaterszene, dabei aber eine ruhige, dem Studieren zuträgliche Atmosphäre, Grünschneisen und Naherholungsgebiete in Universitätsnähe wie den Aasee mit seinen beliebten Liegewiesen und mit dem Münsterland ein Umland, das zu Fahrradausflügen in die Natur einlädt. Studieren in Münster – eine gute Wahl!

Prinzipalmarkt: Blick auf das Rathaus des Westfälischen Friedens. Foto: Grafenstein