„Der junge Karl Marx“ – Historienfilm über die Anfänge des Kommunismus

März 3, 2017

2018 wird der 200. Geburtstag von Karl Marx gefeiert. In den Kinos ist jetzt schon der Film „Der junge Karl Marx“ von Raoul Peck gestartet, begleitet von Vorträgen von Prominenten mit Kommunismus-Bezug wie Gregor Gysi oder Jürgen Trittin.
Nach dem endgültigen Scheitern des Kommunismus durch den Zusammenbruch des Warschauer Paktes könne man wieder zugeben, wo Karl Marx auch Recht hatte –  diesen Gedanken aus der SZ trug bei der Filmpremiere in Münster der Politologe Hendrik Meyer vor. Der Kapitalismus als Forschungsgegenstand sei nicht verschwunden, er habe sich nur weiterentwickelt, heiße heute „Marktwirtschaft“. Aus Arbeitern seien „Arbeitnehmer“ und aus Kapitalisten „Arbeitgeber“ geworden. Mit Armut bringe man heute das sogenannte Prekariat in Verbindung. Die Grundprinzipien des Kapitalismus Wachstum, Profit und Eigentum seien nach wie vor in Kraft. Auch die Schere zwischen Arm und Reich gehe immer weiter auseinander. Die heutige Sozialdemokratie sei in gewisser Hinsicht die Vollstreckerin des kommunistischen Manifests, dessen Entwicklungsweg der Film aufzeige, denn der Sozialstaat mache den Klassenkampf unnötig, wenn er den Klassengegensatz auch nicht überwinde. Der Kalte Krieg, und damit indirekt der Kommunismus, sei ein Motor für die Sozialpolitik in der Bundesrepublik gewesen, die die Arbeiterklasse quasi in die bürgerliche Gesellschaft eingemeindet habe.
Marx hat nach Meinung von Meyer die Globalisierung zwar richtig vorhergesagt, als Prophet eines zwangläufigen Scheiterns der „Bourgeoisie“ sei er jedoch widerlegt.

Der Film selbst bekommt in den Medien nur mäßige Kritiken. Ein Theoretiker wie Marx (August Diehl) ist kein dankbares Objekt einer Verfilmung, auf dieses Problem der Philosophie-Darstellung wurde in diesem Blog schon hingewiesen. Einen größeren dramatischen Konflikt bietet schon die Figur des Industriellensohns Friedrich Engels (Stefan Konarske), der die Lebenslage der Industriearbeiter aus nächster Nähe kennen lernt und studiert, was ihn in Gegensatz zu seinem Vater und dessen Freunden bringt. Die Motivation von Marx bleibt im Film hingegen eher im Dunkeln, abgesehen von einer sehr dramatisierenden Szene, in der illegale Holzsammler von einer Reiterschwadron niedergeritten werden, was Marx zufällig als Zeuge erlebt. Letztlich thematisiert der Film eine Männerfreundschaft im politischen Aktivismus, umrahmt von kämpferischen Frauenfiguren wie Jenny v. Westphalen (Vicky Krieps), in Auseinandersetzung mit politischer Unterdrückung und Exil, aber auch mit anderen bedeutenden Linken der Zeit, wie dem Frühsozialisten Pierre-Joseph Proudhon, gegen die sich die beiden jungen Männer zu profilieren und durchzusetzen versuchen. Der Film gipfelt in der erfolgreichen Radikalisierung des „Bunds der Gerechten“: Marx und Engels erklären der Gedanken der Brüderlichkeit der Menschen für obsolet und setzen an seine Stelle den Klassenkampf.

Die schlimmen Folgen der kommunistischen Lehren der wohlmeinenden jungen Theoretiker, die im Film als sympathische Kumpeltypen von nebenan rüberkommen, Not, Verderben, Unterdrückung und Massenmord, symbolisiert durch Namen wie Stalin und Mao, werden im Film und auch im historischen Überblick des Abspanns nicht thematisiert, was bedenklich ist, da sich seit der Finanzkrise 2008 und dem Entstehen eines Niedriglohnsektors durch die Reformen der Agenda 2010 wieder ein Unbehagen an der Marktwirtschaft breitmacht, zu der aber bis heute keine sinnvolle Alternative bekannt ist.

Die kritische Edition von „Mein Kampf“: Entmystifizierung eines politischen Symbols

Februar 17, 2017

2_ifz_mk_editionsbaende_stehendHeftige Kontroversen und Ängste rief die 2016 erschienene Kritische Edition von „Mein Kampf“  in der deutschen und internationalen Öffentlichkeit hervor. „Das absolut Böse“ lasse sich nicht durch Kommentierung neutralisieren, meinte etwa Jeremy Adler jüngst in der Süddeutschen Zeitung. Dies sah Othmar Plöckinger als Mitherausgeber der Edition bei einem Vortrag in der Villa ten Hompel anders: Niemand werde durch diese Veröffentlichung zum Neonazismus verführt. Im heutigen Rechtsextremismus habe „Mein Kampf“ ohnehin nur noch symbolische, aber nicht inhaltliche Bedeutung.

Die kritische Edition leiste einen Beitrag zur „Entmystifizierung“ dieses „politischen Symbols“. Die Anmerkungen zu Hitlers Text seien schon grafisch diesem „auf Augenhöhe“ gegenübergestellt, wollten nicht nur historisch und begrifflich erläutern und ergänzen, sondern, wo dies immer auch möglich sei, widerlegen und widersprechen. Der große Verkaufserfolg mit bisher 85 000 abgesetzten Exemplaren rühre aus dem Interesse des Bildungsbürgertums an einer historisch eingeordneten Quelle her. Auch der ungeheure Medienhype erklärt laut Plöckinger den Erfolg des sperrigen kiloschweren zweibändigen Werks, das zu einem relativ günstigen Selbstkostenpreis angeboten werde.

Dr. Othmar Plöckinger verteidigte die Kritische Edition

Dr. Othmar Plöckinger verteidigte die kritische Edition

Plöckinger gab auch Einblicke in die Arbeit an der kritischen Edition. Das Denken an die historischen Konsequenzen von „Mein Kampf“ habe es manchmal schwer gemacht, die Pose wissenschaftlicher Distanz durchzuhalten, zumal die Veröffentlichung einer solchen Edition neben politischen auch ethische Fragen im Hinblick auf die Opfer des Nationalsozialismus aufwerfe. Es sei aber ein tolles Erlebnis gewesen, Hitler durch akribische Recherche und neue Quellen-Funde Lügen und Verdrehungen nachweisen zu können.

Über sechs Jahre hatte ein  Team unter Einbindung von 80 Wissenschaftlern verschiedenster Disziplinen im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte an der Kommentierung gearbeitet. 70 Jahre nach Hitlers Tod konnte Sie dann veröffentlicht werden, da der Urheberrechtsschutz ausgelaufen war. Unkommentierte Nachdrucke von „Mein Kampf“ sind in Deutschland nach wie vor als Volksverhetzung mit Strafverfolgung bedroht, obwohl vollständige Textausgaben leicht aus dem Internet gezogen oder antiquarisch erworben werden können.

Frauke Petry brachte in Münster tausende Gegendemonstranten auf die Straße

Februar 10, 2017

Tausende Gegendemonstranten brachte ein Besuch der AfD-Bundesvorsitzenden Frauke Petry und ihres Manns Marcus Pretzell in Münster auf die Straße. Angaben reichten von 6000 bis 8000 Gegendemonstranten, die sich in aufgeheizter Stimmung lauthals Gehör verschafften, aber von der Polizei auf Abstand gehalten wurden. Gewalttätige Zwischenfälle wurden noch nicht vermeldet. Vereinzelt wurden Feuerwerkskörper gegen das Rathaus des Westfälischen Friedens gefeuert, in dem Petry anlässlich des Neujahrsempfangs der AfD Münster vor 300 Gästen sprach. Anders als die Rheinische Post vermeldeten die Westfälischen Nachrichten in ihrem Liveticker, dass von den geladenen 300 Gästen nur 200 erschienen seien. Da die Gegendemonstranten den Prinzipalmarkt in großem Massen versperrten, war ein Durchkommen schwer. Die Polizei eskortierte jedoch auch Gäste durch die Menschenmenge.

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Der sonst abends erleuchtete Prinzipalmarkt bot ein gespenstisches Bild, da die Kaufleute aus Protest gegen Petry die Fassadenbeleuchtungen abgeschaltet hatten. Dafür hatten sie vielfach Europafahnen aus den Fenstern gehängt.

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In Wurfweite zum abgesperrten Rathaus schrien die Demonstranten immer wieder Parolen wie „Nazis raus!“ oder „Ganz Münster hasst die AfD“, wobei der AfD auf Plakaten selbst Schüren von Hass vorgeworfen wurde. Regelmäßig gab es auch Buhkonzerte, wenn Personen auf das Rathaus zusteuerten. Zu der Gegendemonstration hatte ein breites Bündnis von Parteien, Kirchen und Gewerkschaften mobilisiert. Petry kann sich nicht darüber beklagen, dass sie ignoriert würde.

Merkel – das politische Chamäleon

Januar 15, 2017

Angela Merkel, Pastorentochter und Physikerin, ist zweifellos überdurchschnittlich intelligent und gebildet, aber ein Charisma-Ausfall und auch kein besonderes rhetorisches Talent. Ich verstehe nicht wirklich, wie sie Millionen Menschen für sich einnehmen und das ganze Land nach sich ausrichten kann. Ich erinnere mich an einen Wahlkampfauftritt auf dem Domplatz in Münster, den Merkel damit einleitete, dass heute sicher alle einen schönen Tag an ihrem Swimmingpool verbracht hätten. CDU-Anhänger gehören freilich oft zum saturierten Bürgertum, aber ein Pool in jedem Garten gehört da sicher nicht dazu. Das wirkte unbeholfen.

Ihre Fähigkeit Angriffe an sich abprallen zu lassen ist aber berühmt – Teflon-Merkel heißt sie auch. Dabei geht sie selbst in der Regel nicht mit herabwürdigenden Angriffen auf die Gegner los,

In diesem Zusammenhang ist Merkels Bescheidenheit und Offenheit hervorzuheben, weil sie nicht die promovierte Physikerin hervorkehrt. Deswegen können sich viele Wähler mit ihr identifizieren, da sie durchschnittlich wirkt, wie eine biedere Haus- oder Geschäftsfrau. In CDU-Kreisen heißt sie auch „Mutti“, obwohl sie keine Kinder hat.

Ihre Herkunft aus dem protestantischen Pfarrhaus verbürgt, dass sie gut auf die Mentalität der Menschen in einer christlichen Mehrheitsgesellschaft einzugehen weiß.

Doch wofür steht Merkel eigentlich? Sie trat anfangs als liberalkonservative Reformerin auf, um sich dann linksökologisch umzuentscheiden, wurstelt sich so von Krise zu Krise durch. Als Schröder Kanzler war, befleißigten sich alle der Formel „richtig und wichtig“. Jetzt heißt es nur noch mit „Wir schaffen das“ durchzuhalten. Merkel war im DDR-Regime angepasst und unauffällig – Widerstandsleistung Null. Nach der Wende hat sie ihre Anpassungsfähigkeit an das BRD-System unter Beweis gestellt. Heute ist sie eine Meisterin darin, sich den Wählern anzupassen und sich an der Macht zu halten. Insbesondere hat sie auch die CDU an die sozialdemokratische Grundströmung im Land angepasst. Merkel ist ein politisches linksliberalkonservativökologisches Chamäleon, das sich an jede politische Umgebung und Stimmung anzupassen und fast jede Position einzunehmen vermag. Opposition gegen Sie aus der Mitte heraus ist daher schwer möglich, was SPD und Grüne schmerzlich erfahren müssen. Mittlerweile passen sich aber auch Menschen an Merkel an, denn in der Krise schart sich die Bevölkerung oft ums Zentrum der Macht. Dabei haben sie es nicht leicht, denn sich an ein Chamäleon anzupassen ist schwierig.

Es wird schon geunkt, man müsse heute berufliche und gesellschaftliche Nachteile in Kauf nehmen, wenn man offen gegen Merkel opponiert. Wie soll eigentlich vor diesem Hintergrund die Nachfolge von Merkel CDU-intern aussehen und gestaltet werden? Starke Kronprinzen oder –prinzessinnen  sind weit und breit nicht in Sicht.

Dominique Sarres: Für ein Recht auf Cannabis-Rausch

Dezember 15, 2016

Die Legalisierung von Cannabis findet immer mehr Fürsprecher. Der liberale Münsteraner Cannabis-Aktivist Dominique Sarres stand mir für ein Interview zur Verfügung. Er betreibt auf Facebook die Seite Marlene Mortler absetzen, die sich gegen die Drogenbeauftragte der Bundesregierung richtet.

BvG: Herr Sarres, Sie betreiben auf Facebook eine erfolgreiche Seite mit der Losung „Marlene Mortler absetzen“, die Sie auch auf T-Shirts drucken. Warum haben Sie sich gerade auf die Drogenbeauftragte der Bundesregierung eingeschossen?

Sarres: Marlene Mortler personifiziert wie kaum ein anderer Politiker die Bigotterie und Starrsinnigkeit der gesamten Bundesregierung im Hinblick auf den Erhalt einer veralteten und nachweislich ineffektiven und sogar insbesondere für Kinder und Jugendliche schädlichen Drogenpolitik. Man muss sich einmal vor Augen führen, dass die Politik zwar immer stets bemüht ist, den Schutz der uns nachfolgenden Generation durch
eine simple Verbotspolitik wie eine Monstranz vor sich her zu tragen, in Wirklichkeit mit der derzeitigen Gesetzgebung jedoch nichts anderes tut, als den illegalen Schwarzmarkt mit all seinen negativen und kriminellen Begleiterscheinungen zu schützen. Denn keinen Dealer interessiert es, wie alt der Käufer ist. Deswegen wird er auch wohl kaum nach einem Personalausweis fragen. Ebenso problematisch ist, dass keiner weiß, ob nicht
Streckmittel wie etwa Bleisulfat zugesetzt wurden. Auch weiß kein Käufer wirklich, wieviel THC eigentlich in dem gekauften Cannabis enthalten ist.

BvG: Wie verbreitet ist eigentlich der Cannabis-Konsum in der deutschen Gesellschaft?

Sarres: Dazu gibt es verschiedene Annahmen. Mindestens wird von etwa vier bis sieben Millionen Konsumenten ausgegangen. Wahrscheinlich ist jedoch, dass sich die Zahl im zweistelligen Millionenbereich bewegt. Es ist die Frage, ob man nur Personen mit einbezieht, die täglich konsumieren, oder auch jene, die das sporadisch
am Wochenende tun, statt eben ein Bier oder ein Glas Wein zu trinken. Gleich wie man es betrachtet, unter der derzeitigen Rechtslage ist jeder von diesen Konsumenten für den Staat ein Krimineller. Auch wenn diese Menschen niemandem schaden, nach medizinischen Erkenntnissen nicht mal sich selbst. Die Rechtslage ist
paradoxerweise so, dass zwar der Konsum legal ist, der Besitz und der Erwerb jedoch illegal. Das an sich zeigt bereits, wie absurd die derzeitigen Gesetze sind. Wenn man Cannabis konsumieren möchte, ohne mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen, müsste man sich einen Affen halten und diesen entsprechend darauf dressieren, einen Joint drehen zu können und je nach Bedarf durch die Runde reichen zu lassen.

BvG: Sie sind für die vollständige Legalisierung von Cannabis?

Sarres: Wenn die Frage dahin abzielt, ob Cannabis auch als Genussmittel für Erwachsene erhältlich sein sollte, dann ja. Es wäre absurd, anzunehmen, dass eine Legalisierung als medizinisches Cannabis ausreichend wäre, um kriminellen Strukturen die Geschäftsgrundlage zu entziehen. Hier muss man schon unterscheiden zwischen medizinischer Notwendigkeit und entsprechender fachärztlicher Betreuung sowie dem Wunsch nach gelegentlicher Entspannung. Der Konsum von Cannabis auch als Genussmittel ist weit verbreitet, zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten und wird auch weiter bestehen bleiben.

BvG: Was ist der Unterschied zwischen Legalisierung und Entkriminalisierung?

Sarres: Die von mir befürwortete Entkriminalisierung heißt, den Besitz von Cannabis nicht mehr unter Strafe zu stellen und damit letztlich Polizei und Justiz zu entlasten. Zudem könnten Bund, Länder und Kommunen jährlich Milliarden an Mitteln für die sinnlose Strafverfolgung einsparen und in andere Maßnahmen investieren oder sogar Steuern senken, wie es etwa in Colorado geschehen ist. Für den Verbraucher hat die  Kriminalisierung weit schlimmere Konsequenzen als der Genuss selbst. Man denke nur an junge Auszubildende oder Studenten oder Personen, die auf den Führerschein angewiesen sind, der regelmäßig entzogen wird, und zwar auch dann, wenn nachweislich keine Rauschfahrt vorliegt. Es reicht oft der bloße Verdacht. Das kann erhebliche
persönliche und berufliche Konsequenzen nach sich ziehen, die einfach  unverhältnismäßig sind zu der vermeintlichen Straftat.

BvG: Warum dann nicht auch Legalisierung?

Sarres: Auch die befürworte ich. Mit dem Begriff „Legalisierung“ ist im Grunde die Regulierung des Cannabisverkaufs gemeint. Der Verkauf würde über niedergelassene und lizenzierte Fachgeschäfte erfolgen, deren Mitarbeiter befähigt sind, Kunden zu beraten. Denn damit wird es für Konsumenten uninteressant, Cannabis auf dem Schwarzmarkt zu kaufen, wo sie weder die Herkunft noch die Sorte oder den Gehalt an THC oder CBD in Erfahrung bringen können. In einem Fachgeschäft wäre das alles deklarationspflichtig. Die Transparenz würde erhöht. Ganz nebenbei sorgt man so auch für eine steigende Zahl an sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. In den USA spricht man bereits von einem
„Job-Wunder“.

BvG: Aber was ist mit Kindern?

Sarres: Der Verkauf an Minderjährige sollte natürlich weiterhin unter Strafe stehen und entsprechend geahndet werden.

BvG: Gibt es für Sie ein Recht auf Rausch?

Sarres: Eine Welt ohne Rausch ist schlicht illusionär. Schon archäologische Funde belegen, dass die Menschheit sich stets mit Drogen berauschte. Und dies tut sie bis heute, völlig unabhängig von der Frage, ob politische Verantwortliche dazu Verbote erlassen. Einem mündigen, erwachsenen Bürger sollte nicht vorgeschrieben werden, was er zu tun oder zu lassen hat, sofern er nicht Dritten mit diesen Handlungen schadet.

BvG: Wo gibt es noch politische und gesellschaftliche Widerstände dagegen?

Sarres: Die Widerstände machen sich vor allem in den sogenannten Volksparteien wie CDU/CSU und SPD bemerkbar. Aber es wäre zu kurz gegriffen, es darauf zu reduzieren. So ist zum Beispiel auffällig, dass selbst die Grünen, die für die Einbringung des  Cannabiskontrollgesetzes in den Bundestag wirklich unseren Dank verdient haben, einmal in Verantwortung wie mit Kretschmann in Baden-Württemberg schnell geneigt sind, ihre Versprechen zu vergessen. In anderen Bundesländern und Kommunen hingegen tun sich Grüne, FDP und Linke zusammen, um etwa Anträge für Modellprojekte zu stellen. Man merkt, es bewegt sich etwas.

BvG: Cannabis gilt doch aber als eine Einstiegsdroge?

Sarres: Ich bemühe bei dieser absurden Behauptung immer gerne die eigens vom Bundesministerium für Gesundheit 1997 in Auftrag gegebene „Kleiber-Studie“. Das Bundesministerium wurde dereinst bezeichnenderweise noch geführt vom heutigen CSU-Chef Horst Seehofer. Die Studie kommt klar zu dem Ergebnis, dass Cannabis eben keine sogenannte „Schrittmacherfunktion“ für den Umstieg auf andere Substanzen besitzt. Im Gegenteil könnte man Cannabis sogar als „Ausstiegsdroge“ bezeichnen. Denn es hilft regelmäßig Menschen, von anderen potenziell weit schädlicheren Drogen wie Opioiden oder Alkohol loszukommen.

BvG: Drohen aber nicht gesundheitliche Beeinträchtigungen bei Cannabis-Konsum wie zum Beispiel Psychosen?

Sarres: Wir sprechen hier natürlich von einer bewusstseinsverändernden Droge. Es ist klar, dass der Konsum natürlich auch Nachteile haben kann. Das ist aber wie bei anderen Drogen auch stets abhängig von der Art und Häufigkeit des Konsums. Wer jeden Tag Bier trinkt, wird auch irgendwann Beeinträchtigungen seiner geistigen Gesundheit haben. Trotzdem wäre es falsch, in Cannabis grundsätzlich einen Auslöser für eine  Verschlechterung der psychischen Gesundheit zu sehen. Studien zeigen vielmehr, dass solche aus vorab bestehenden Stimmungen und Problemen resultieren und weniger aus der pharmakologischen Wirkung der Cannabinoide.

BvG: Macht Cannabis-Konsum aber nicht faul?

Sarres: Das ist ebenso ein Mythos wie der Punkt Einstiegsdroge. Es gibt keine fundierten Belege, dass Cannabis zu einem amotivalen Syndrom führen könne. Hier sind  wir im Bereich der Klischees. Es gibt grundsätzlich faule Menschen. Einige davon konsumieren Cannabis, andere Tabak oder Alkohol. Und es gibt zahlreiche Gegenbeispiele
wie erfolgreiche Schauspieler, Musiker, Künstler, auch Politiker, die schon zugaben, Cannabis konsumiert zu haben oder immer noch zu konsumieren.

BvG: Nachdem alle vorgebrachten Argumente gegen Cannabis ihrer Meinung nach nicht stichhaltig sind, warum eigentlich ist Cannabis immer noch verboten?

Sarres: Das hat nicht zuletzt historische Gründe. Der Feldzug gegen Cannabis begann schon in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts, kurz nachdem die Prohibition von Alkohol gescheitert war. Die nun sozusagen arbeitslos gewordenen, selbsternannten Weltverbesserer wie Harry J. Anslinger mussten sich eine andere Beschäftigung
suchen und kamen schnell auf die Idee, Cannabis zu verbieten. Man versuchte so, neben wirtschaftlichen Interessen, wie der Verhinderung einer entsprechenden Hanfindustrie, gleichzeitig rassistische Ressentiments zu schüren. Daher rührt auch die mehrheitlich in den USA übliche Bezeichnung von Cannabis als „Marihuana“. Dies klingt fremd, mexikanisch. Nachdem nämlich einige Mexikaner in den USA zu Wohlstand und Einfluss gekommen waren, versuchte man sie zu stigmatisieren. Auch Nixon tat dies einige Jahrzehnte später mit der Schaffung des sogenannten „Krieges gegen die Drogen“. Der ehemalige Berater John Ehrlichman offenbarte später, dass das Ziel der Kampagne die Diffamierung der politischen Gegner war. Dazu zählten Liberale, Bürgerrechtler und afroamerikanische Aktivisten. Man wollte dafür sorgen, dass die Öffentlichkeit Hippies mit Marihuana und Schwarze mit Heroin assoziierte und beides stark kriminalisiert wurde. So konnte man Gegner verhaften und mundtot machen. Deutschland hat diese Gesetzgebung nach dem Zweiten Weltkrieg unreflektiert übernommen und hält daran bis heute fest – ungeachtet der Tatsache, dass im Herkunftsland dieses Verbotes dasselbe immer weiter aufweicht.

BvG: Zum Abschluss: Sind Sie auch für die Entkriminalisierung aller anderen Drogen?

Sarres: Portugal hat mit der Entkriminalisierung aller Drogen vor etwa 15 Jahren sehr gute Erfahrungen gemacht. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass die mit Bestrafung und Stigmatisierung einhergehende Ausgrenzung von manchmal sogar kranken Menschen nicht das Ziel sein kann und darf.

Erschienen in eigentümlich frei, Nr. 169.

Radiopremiere

November 16, 2016

Am Sonntag, 20.11.2016, ist ab 19 Uhr die Sendung „Tradition und Wandel in Münster“ im Bürgerfunk auf der Frequenz von Antenne Münster (95,4 & Kabel 91,2 MHz) zu hören. Ich war mit einem Beitrag über Lo Graf von Blickensdorf an der Sendung beteiligt, die von jungen Journalisten und Studenten gestaltet wurde. Hört doch mal rein! Wer nicht im Sendegebiet wohnt, kann auch den Livestream der Internetseite von Antenne Münster bemühen.

Nachtrag 16.2.2017: Der Beitrag kann hier abgerufen und gehört werden: https://www.nrw-medientrainer.com/hören/beiträge-aus-2016/radiokurs-september-2016/

 

Schreckenstein

November 1, 2016

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Halloween, Reformationstag, Allerheiligen, Allerseelen. Eine gruselige Zeit, durch die Medien geistern Horrorclowns, die Passanten erschrecken, kleine Kinder fordern in schwarzen Kostümen Süßigkeiten, die Bäume werfen ihr goldenes Oktober-Laub ab, durch die Zeitumstellung werden die Tage noch kürzer und versinken im Schwarz. Jetzt ist es Zeit für Katholiken, auf die Friedhöfe zu gehen. In Münster befindet sich ein aufgelassener Friedhof mit eindrucksvollen Grabmälern an der Wilhelmstraße. Nicht erschrecken, hier sehen wir die letzte Ruhestätte von Ludwig Roth von Schreckenstein (1789 – 1858), aus Süddeutschland stammender preußischer General und Kriegsminister, in jüngeren Jahren Teilnehmer am Russland-Feldzug Napoleons, in älteren Jahren Erzieher des Prinzen Friedrich, des späteren Drei-Tage-Kaisers. Die Klinge seines  Säbels ist leider vor einiger Zeit von der lebensgroßen Grabfigur abgebrochen worden und wird aus Angst vor Vandalen nicht ersetzt. Eine Grabkerze zeigt, dass in Münster niemand vergessen wird.

Aufruf zum Ungehorsam?

Oktober 29, 2016

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In einem wissenschaftlichen Kontext ist das Kunstwerk „GEHORCHE KEINEM“ an der ULB Münster zu verstehen. Derselbe Sachverhalt kann in verschiedenen Büchern ganz unterschiedlich dargestellt sein, zum selben Thema gibt es unterschiedliche Lehrmeinungen, unter denen sich der Akademiker erst zurechtfinden muss. Blindlings der erstbesten Autorität zu folgen, ist da wirklich verkehrt, letztlich muss sich jeder seine eigene Meinung bilden.

Weißer Luther – bunter Luther

Oktober 29, 2016

p1000292Zum Beginn des Jubiläumsjahres 500 Jahre Reformation wurden am Münsterschen Prinzipalmarkt weiße Lutherstatuen aufgestellt, die heute um 19 Uhr bunt illuminiert werden sollen. Ein ungewohnter Anblick in der katholisch geprägten Kulisse Münsters. Einige Figuren waren von Passanten schon beschriftet oder mit Umhängen versehen worden. Immerhin rund ein Viertel der Einwohner Münsters sind Protestanten.

Vera Lengsfeld über die Demokratie in Deutschland: „Haben wir noch Meinungsfreiheit?“

September 28, 2016
Vera Lengsfeld, eine immer noch engagierte Publizistin.

Vera Lengsfeld, einst DDR-Bürgerrechtlerin und bis heute immer noch engagierte Publizistin, war auf Einladung des Hayek-Clubs Münsterland in Münster zu Gast.

„Haben wir noch Meinungsfreiheit?“ Auf diese Leitfrage ihres Vortrags antwortete Vera Lengsfeld mit einer Anklage gegen Angela Merkel, Politik und Medien, aber auch die schweigende Mehrheitsbevölkerung, also eher mit einer politischen Bestandsaufnahmen statt einer juristischen. „Die Demokratie wird uns unter den Füßen weggezogen“, meint Lengsfeld, „und die Mehrheit schweigt dazu“. Sie hätte nach dem Untergang der DDR nicht gedacht, sie müsse sich noch einmal für Meinungsfreiheit in Deutschland einsetzen, aber so weit sei es gekommen.

Die Kommunikation zwischen Politik und Medien auf der einen, den Bürgern auf der anderen Seite sei in der gegenwärtigen Krise durch ein Glaubwürdigkeitsproblem massiv gestört.  Aufgrund der Großen Koalition kontrolliere der Bundestag die Regierung nicht mehr. Es bestehe keine parlamentarische Opposition, die diesen Namen verdiene oder Alternativen anböte.  Die Politik breche reihenweise Verträge und bürde der Gesellschaft gewaltige Kosten auf, die – noch – durch eine funktionierende Wirtschaft aufgefangen würden, was den Umfang der Krise – noch – verdecke.

Auch die Medien kontrollierten die Regierung nicht mehr, sondern fungierten mit „totalitärem Kampagnenjournalismus“ als ihr Verkündungsorgan, etwas bei der Durchsetzung der „Masseneinwanderung“ von Menschen im vergangenen Jahr. Merkel ändere in diesem Zusammenhang nur ihre Rhetorik, aber nicht ihre Politik, sie sei ohne jede Einsicht in ihre Fehler. Merkel habe im Alleingang die Grenzen für alle geöffnet, stelle sich jetzt aber als Opfer des Dublin-Verfahrens dar. Indem Merkel den Gedanken des postfaktischen Zeitalters aufgreife, erkläre sie die Menschen für unmündig und nur ihren Gefühlen folgend, dabei sprächen gerade die Fakten gegen Merkel. Merkel-Kritiker würden deswegen als „Nazis“ verunglimpft, Meinungsäußerungen, die Unbehagen an der gegenwärtigen Situation äußerten, würden auf Facebook als Hatespeech aus dem Verkehr gezogen. Die Berater, die Justizminister Heiko Maas dabei zur Seite stünden, seien wie Julia Schramm pikanterweise selbst mit Hasstiraden bekannt geworden oder hätten wie Anetta Kahane früher für die Stasi gearbeitet. Letztere habe es zum Problem erklärt, dass die Leute im Internet immer noch sagen könnten, was sie wollen.

Weitere Einschränkungen der Meinungsfreiheit macht Lengsfeld an dem immer hasserfüllteren Vorgehen gegen andere Meinungen im Land fest, so werde die Person und die wirtschaftliche Existenz von Akif Pirincci vernicht, für Äußerungen, die er so nie getan habe,  der angesehene Professor Jörg Baberowski sei wegen Einwanderungskritik in die rechtsradikale Ecke gerückt worden und der Falk Richter habe ein Hass-Theaterstück gegen eine Reihe von politisch andersdenkenden prominenten Frauen aufgeführt. Auch die Demonstrationsfreiheit sei bedroht, wenn Kundgebungen nur noch unter massivem Polizeischutz stattfinden könnten. Unter den Bedingungen von Sprach- und Denkverboten sei der freie Austausch von Meinungen und damit das Erfolgsrezept der Demokratie außer Kraft gesetzt. Es gebe eine vorauseilende Anpassung die vermutete Mehrheitsmeinung, und abweichenden Meinungen werde nicht mehr argumentativ begegnet.

Was ist aber der Ausweg aus der verfahrenen Situation? Wir müssen lernen, unsere Meinung wieder frei zu äußern, so Lengsfeld. Die Überwindung des giftigen Klimas der Denunziation und der Stigmatisierung Andersdenkender  könne dann zu einer ehrlichen und ergebnisoffenen Diskussion über die Zukunft des Landes führen.