Archive for November 2012

Was ist das Erfolgsgeheimnis von James Bond?

November 30, 2012

Als ich vor einiger Zeit den finanzkritischen Thriller „The International“ von Tom Tykwer sah, dessen Plot als Anlehnung an James-Bond-Abenteuer gilt, wurde mir klar, was ein Grundmuster und wohl auch ein Erfolgsgeheimnis der James-Bond-Geschichten darstellt: Die Bösen sind in der Mehrzahl der Fälle übergeschnappte, kriminell tätige Unternehmer, die die Welt zerstören, Staaten erpressen oder sich eine anti-soziale private Utopie erfüllen wollen. Dazu zählen etwa Drax mit seinem Raumfahrtkonzern oder der Großreeder Stromberg.

James Bond hingegen repräsentiert eigentlich den Typus des kleinen Angestellten mit Anzug, und zwar so, wie viele kleine Angestellte in Staat oder Wirtschaft gerne wären, wenn sie sich trauten. Zu den Phantasien des ein oder anderen Angestellten mag es gehören, dem Chef einmal eine Bombe unter den Schreibtisch zu schieben oder ihn sonstwie zur Rechenschaft zu ziehen. Auch diese möglicherweise tief in der kleinbürgerlichen Psyche schlummernde Sehnsucht darf der Mann mit der Lizenz zum Töten regelmäßig am Ende des Films bedienen. Nach der Überwindung des Alpha-Männchens realisiert Bond dann im Abspann noch weitere Träume des Durchschnittsmannes mit leichtbekleideten Frauen im Gummiboot.

Bond steht durch und durch auf der Seite des Staates. Die Handlanger seiner Feinde sind nicht ideologisch, sondern monetär motivierte Kriminellen- oder Spionage-Netzwerke. Die Sowjets sind kaum ernsthaftes Feindbild in den James-Bond-Abenteuern, obwohl sie doch in der Zeit, als die Filme anliefen, offizielle Widersacher des Westens waren. Oft kooperiert Bond sogar mit ihnen gegen die Gangster und Geschäftemacher, die oft von mehr oder weniger blonden deutschen Darstellern verkörpert werden (Curd Jürgens, Gert Fröbe). Darin dürfte sich nicht nur die Prägung Ian Flemings aus der 30 Commando Assault Unit, einer Kommandotruppe für Geheimdiensteinsätze im Zweiten Weltkrieg, niederschlagen: Das britische Publikum wurde in der Serie unterschwellig auch immer positiv an die letzten militärischen und politischen Großerfolge Britanniens vor dem Niedergang des Empires erinnert. Zugleich bekommen gewichtige Figuren, die an Akteure des deutschen Wirtschaftswunders erinnern, vom Agenten aus dem ökonomisch abgehängten United Kingdom doch noch eins ausgewischt. In der Folge „Goldeneye“ ist das Motiv des zu bekämpfenden Bösewichts sogar explizit ein Relikt des Zweiten Weltkriegs: Ein Sohn Lienzer Kosaken, die auf deutscher Seite kämpften, will sich an Großbritannien für die Auslieferung seiner Eltern an Stalins Exekutionskommandos rächen.

Der Darsteller Daniel Craig bricht mit diesen typologischen Zuordnungen, da er selbst blond und blauäugig ist. Die Auseinandersetzung mit den alten deutschen Erzfeinden scheint also Schnee von gestern zu sein. Die Folgen mit Daniel Craig greifen aber auch nicht direkt die aktuellen Konfrontationen Großbritanniens mit dem religiösen Terrorismus und die Auseinandersetzungen auf neuen Kriegsgebieten auf, sondern erzählen alte Fleming-Stoffe noch einmal neu. Konflikten zwischen ideologisch-politischen Kontrahenten geht die Reihe also weiter konsequent aus dem Weg, allein die Folterszenen und die terroristischen Anschläge in den Craig-Folgen haben einen aktuellen Bezug. Es bleiben als verbrecherisch dargestellte Unternehmer und Großkonzerne als Bösewichte vom Dienst, die sogar über die Einsetzung von Bananen-Regierungen bestimmen können, wie in den neueren Folgen gezeigt wird. Politisch korrekt erklärt M in „Skyfall“, dass (politisch oder kulturell nicht zugeordnete) „Individuen“, die „uns“ den Krieg erklärt hätten, die neuen Feinde seien.

„Skyfall“ gilt als neuer Höhepunkt britischen Patriotismus in der Reihe, da hier britische Flaggen das Bild dominieren, die geheimdienstlichen Gefechte auf den britischen Inseln selbst ausgetragen werden und der „Villain“ diesmal ein unpatriotischer abtrünniger Geheimdienstverräter ist, während in Zeiten des hochkochenden schottischen Separatismus Bonds schottische Herkunft herausgestellt und gar der Grabstein der Eltern Bonds auf dem schottischen Landsitz Skyfall in einer Einblendung zu sehen ist. Die Welt ist schlecht und die Staaten sind schwach. Daniel Craig verkörpert einen zunehmend schlecht gelaunten, machtlosen und alternd-angegriffenen James Bond, der in sehr qualvolle Situationen gerät oder sich in zermürbenden privaten Rachefeldzügen aufreibt. Kühle britische Selbstkontrolle stellt man sich manchmal anders vor. In den Strudel der Globalisierung war Bond, wie gezeigt, aber schon geraten, als die echten Geheimdienste noch im Kalten Krieg erfroren.

Aus dem Archiv: Gauweiler und Lafontaine – politische Außenseiter wettern am Nockherberg

November 22, 2012

Dieser Beitrag erschien erstmalig am 11.8.2009 auf ZEIT ONLINE.  Peter Gauweiler hatte Oskar Lafontaine zu einer Kontroverse um Deutschlands Zukunft nach München eingeladen – und der kam am heutigen Abend auch in die „schwarze Höhle des Löwen“, wie Gauweiler den Paulaner am Nockherberg bezeichnete: „Es ist eine Freude und eine Ehre, dass Lafontaine zu uns nach München gekommen ist!“ Beide haben erfolgreich gegen den Vertrag von Lissabon geklagt, und beide sind dem deutschen Gaullismus zuzurechnen, was sich in ihrer Ablehnung des Afghanistan- und Irakkrieges niederschlägt. Gauweiler mit seiner gefestigten Außenseiterposition konnte es also wagen, die Linkspartei auch für CSU-Anhänger, die kaum zwieträchtig neben Anhängern der Linkspartei Platz genommen hatten,  für eine „Wahlkampfdiskussion der anderen Art“ biersaalfähig zu machen. Neben Lafontaine und Gauweiler hatte sich als stummer Ehrengast noch eine weitere Parteidissidentin eingefunden: Hildegard Hamm-Brücher.

Lafontaine und Gauweiler nahmen in gebührendem Abstand voneinander Platz und versuchten auch Gegenpositionen zu beziehen, es hörte sich aber oft so an, als würden sie die gleichen mit unterschiedlichen Schlagwörtern vertreten. So lehnt Lafontaine den Begriff der „humanitären Intervention“ insbesondere im Bezug auf den Afghanistankrieg ab, während Gauweiler ihn im Bezug auf Geiselbefreiungen im Ausland verteidigt. Lafontaine griff die Parteispenden an, Gauweiler hingegen die staatliche Parteienfinanzierung.  Wirtschaftspolitisch eint sie die Sprache des Zorns, der ihnen den Beifall im Saal sichert: Gauweiler will die Banken mit Law-Order-Politik angehen, aber die Steuern senken, Lafontaine gleich die Eigentumsfrage mit Umverteilungspolitik noch ganz anders beantworten: „Eigentum für alle!“ Lafontaine will die Deregulierung des Kapitalverkehrs rückgängig machen – „Dann haben wir Ordnung in Deutschland!“ Gauweiler wetterte gegen angelsächsisches Denken und reinen „Shareholder Value“, gefragt seien statt des Managertypus wieder Familienunternehmer und Verantwortungseigentum, Lafontaine will die betrieblichen Mitarbeiter mehr am Unternehmenserfolg beteiligen. Die „neoliberale Forderung“ nach einer Abgeltungssteuer von 25 % auf Kapital sei „eine verruchte Diskreditierung der Arbeit“. Der Saal tobt. Einige wenige verlassen die raren Sitzplätze im prall gefüllten Paulaner-Saal jedoch vorzeitig, so wirken angewidert vom Populismus. Gauweiler möchte die Atomkraft als Energielieferant überwinden, wenn eine Alternative vorhanden ist, Lafontaine hält die fossilen Brennstoffe schon jetzt für eine taugliche Alternative. Nachdem Lafontaine zuvor schon dagegen polemisiert hatte, dass die Politiker Befehlsempfänger des Kapitals seien, fragt man sich natürlich, ob Lafontaine hier für irgendjemanden im Sold steht. Diese Frage versäumte Gauweiler zu stellen, konterte aber immerhin den Anwurf gegen die Parteispenden mit Hinweis auf das SED-Vermögen der Linkspartei, was Lafontaine natürlich zurückwies.

Beide Politiker hielten sich ansonsten mit parteipolitischen Angriffen auf die jeweilige Gegenseite zurück, von persönlichen Angriffen ganz zu schweigen, eher spielten sie sich gegenseitig die Bälle zu und gaben sich versöhnlich. Sowohl die Linke, als auch die CSU sind Regionalparteien, die Linke im Osten, die CSU in Bayern, insofern bestehen hier Spielräume, weil sie nicht um die selben Bastionen konkurrieren. Lafontaine kehrte seine katholische Erziehung heraus. Gauweiler unterstrich die gemeinsame Gegnerschaft gegenüber den wirtschaftspolitischen Reformen der Schröder-Ära und gegen die Außenpolitik Georg W. Bushs. Beide unterließen es, düstere Zukunftsvisionen zu zeichnen: Lafontaine verteidigte, wie man es von einem Linken erwartet, das utopische Denken. Gauweiler hält das Land nach Wiedervereinigung und EU-Osterweiterung von einer Erfolgsdepression gefangen: Man habe neue Möglichkeiten wie nach 1492, der Entdeckung Amerikas. Feinde für Europa in der übrigen Welt wollen beide nicht erkennen. Gauweiler scheint noch gemäßigter, weil er die Freundschaft mit den USA nicht bedenkenlos auf dem Altar des Pazifismus opfern möchte, während Lafontaine darauf hinwies, dass das Öl im nahen Osten nicht den USA gehöre und keine Kriege rechtfertige.

Peter Gauweiler meinte zum Schluss: Die Linke und die Rechte dürften sich nicht als Feinde verstehen, sondern als gegenseitige Ergänzung. Eine unfreiwilliger Versprecher Lafontaines, als er den schwarzen Peter als „Gauleiter“ anredetete, konnte die Harmonie von rotem Yin und schwarzem Yang kaum trüben.

Waren das nur hoffungslose Außenseiter, die sich mit dieser Veranstaltung gegenseitig Aufmerksamkeit verschafften, oder braut sich hier was zusammen in Deutschland?

Aus dem Archiv: Wo bitte geht´s zur Varusschlacht?

November 20, 2012

Dieser Beitrag erschien erstmalig am 17.5.2009 auf ZEIT ONLINE. Irgendwo im einst sumpfigen Bermudadreieck von Kalkriese, Detmold und Haltern am See wurden im Jahr 9 n. Chr. die Legionen des römischen Feldherrn Varus von aufständischen Germanen unter dem Cheruskerfürsten Arminius aufgerieben. Da sich die Historiker uneins sind, wo genau dies geschah, ist die am 15. Mai 2009 von Kanzlerin Angela Merkel eröffnete Ausstellung „Imperium-Konflikt-Mythos“ über dieses folgenreiche Ereignis auf die genannten Orte verteilt.

Haltern am See gilt nicht als Ort des Gefechts, beherbergte aber eine römische Garnison, die Legionäre stellte, die im tragischen Feldzug des Varus umkamen. In Haltern selbst ist die Ausstellung nochmal auf zwei Orte verteilt, die Seestadthalle und das Römermuseum. In der Halle ist die Hauptausstellung zu sehen, sodass man diese zuerst anpeilen sollte. Wegzeichen weisen den touristischen Legionär vom Bahnhof durch das Kleinstadt-Dickicht. Angekommen, erwartet den Besucher zwar eine nicht zu empfehlende Audioführung, aber eine imposante Ausstellung, die an das Geschehen aus römischer Sicht heranführt. Das römische Imperium wird in voller Breite von den Anfängen mit Romulus und Remus dargestellt, man wächst quasi als Römer in die Zeit des Augustus hinein, die in voller Pracht mit Leihgaben aus ganz Europa vergegenwärtigt wird. Sodann wird man mit dem Imperium in seiner ganzen geografischen Ausdehnung vertraut gemacht, selbst Konflikte fern Rom und Germanien werden ausgebreitet: So die Ost-West-Konfrontation mit dem Partherreich und den damaligen „Palästinakonflikt“ mit einer jüdischen Widerstandsbewegung. Die Ausstellung folgt damit auch dem Lebensweg des Varus, der weit im Imperium herumkam.

Ehe er nach Germanien eilte, ließ Varus im Jüdischen Krieg 2000 Juden kreuzigen, erfährt man in der Ausstellung, irritierend belegt durch einen authentischen, mit einem Nagel durchbohrten Fußknochen. Ein Fakt, über den sich die deutsche Wikipedia im Gegensatz zur Englischen ausschweigt.

Die Römer erobern viele Länder „und glauben nicht an die Gesetze Gottes“, weiß eine biblische Quelle der Juden jener Zeit zu berichten.

Aus dem römischen Glanz der Statuen, Städte und biblischen Schauplätze wird man in der letzten Etappe der Ausstellung in der Seestadthalle wie ein römischer Legionär in das mit Wandverkleidungen gruselig und undurchdringlich simulierte Dickicht der germanischen Wälder geführt. Wie Amazonas-Forscher tasteten sich die Römer entlang der Lippe ins rechtsrheinische Gebiet vor. Das Wrack eines ihrer Lastkähne liegt als Leihgabe in dem noch einige Kilometer Fußweg entfernten Halterner Römermuseum, das neben seiner Dauerausstellung aktuell noch mit Playmobilfiguren den endlos erscheinenden Zug der Divisionen des Varus illustriert.

Zum Schluss führt einen die Ausstellung in der Seestadthalle in weißen Nebel. Die Rüstung muss schwer auf den Schultern der römischen Legionäre gelastet haben. Ihre gefürchtete Waffe, der Wurfspieß (Pilum), war im Buschwerk des Urwaldes nutzlos. Man gelangt an einen Grabstein eines römischen Offiziers, der im „Krieg des Varus“, so die Inschrift, fiel, dessen Gebeine aber auf dem langgestreckten Schlachtfeld blieben.

„Die Niederlage bedeutete, dass die römische Herrschaft, die an der Küste des Ozeans nicht haltgemacht hatte, am Rheinufer ihre Grenze fand.“, so wertete schon der der antike Historiker Florus den für die Römer desaströsen Ausgang der Schlacht. Sie bedeutete die erste dauerhafte Teilung des heutigen deutschen Sprachraums in ein römisch besetztes Gebiet und ein „freies Germanien“. Dies schlägt sich noch heute in kulturellen und ethnischen Unterschieden zwischen Nord- und Süddeutschland bzw. dem Rheinland nieder: Viel weiter als die Römer konnte etwa die römisch-katholische Kirche auch nicht dauerhaft vordringen. Die Deutschen irrten infolgedessen auf ihrer nationalen Identitätssuche irgendwo zwischen der Verehrung römischer Zivilisation einerseits und germanischer Urgewalt andererseits umher. Die ständige Ausstellung des Deutschen Historischen Museums im Berliner Zeughaus lässt nach wie vor die deutsche Geschichte im Jahre 9 n. Christus beginnen.

Hinweis: Die beschriebene Ausstellung kann nicht mehr besucht werden. Die deutsche Wikipedia zu Varus wurde inzwischen bearbeitet. Jedoch befindet sich in Haltern ein Römermuseum, das auch die Zeit der Varusschlacht thematisiert.