Archive for the ‘Lyrik’ Category

Die Adelsfamilie Droste zu Hülshoff und Münster

Mai 15, 2019

Wilderich Freiherr von Droste zu Hülshoff überreicht sein Buch an Bürgermeisterin Beate Vilhjalmsson. Foto: Presseamt Münster

Münster (SMS) Wilderich Freiherr von Droste zu Hülshoff überreichte in der Rüstkammer des Rathauses sein Buch „900 Jahre Droste zu Hülshoff“ an Bürgermeisterin Beate Vilhjalmsson (Bild). Darin beleuchtet er die Geschichte der Adelsfamilie. Sie ist nicht allein durch Annette von Droste-Hülshoff („Die Judenbuche“) eng mit Münster verbunden. Durch die Jahrhunderte haben immer wieder Familienmitglieder in Münster und im Münsterland gelebt und die Geschichte der Stadt mitgeprägt. Sechs Familienmitglieder waren Bürgermeister in Münster. Der Jurist und Schriftsteller Freiherr von Droste zu Hülshoff lebt in der Nähe von Freiburg. Er  repräsentiert die 24. Generation der Familie. Neben juristischer und kulturpolitischer Fachliteratur hat er auch über Annette von Droste-Hülshoff publiziert und hält Fachvorträge.

Lyrikertreffen in Münster: Poetisch denken!

Mai 14, 2019

Das renommierte Lyrikertreffen in Münster steht wieder an. Foto: Stadt Münster

Münster (SMS) Seit 40 Jahren reisen Lyriker und Lyrikerinnen aus dem In- und Ausland zum Internationalen Lyrikertreffen an, das vom Kulturamt der Stadt Münster und vom Literaturverein Münster veranstaltet und von der Kunststiftung NRW gefördert wird. In ihrem Gepäck: Strophen und Verse. In diesem Jahr gehören auch Instrumente dazu. Werfen wir ein Blick auf Programm, das die Lesungen der Gedichte begleitet.

Warum überhaupt Lyrik?
Walther von der Vogelweide, Johann Wolfgang von Goethe, Novalis – Namen, die Erinnerungen an die Schulzeit wecken. Warum musste man Schiller-Balladen auswendig lernen? Oder den Aufbau von Versmaßen verstehen? Christian Metz stellt zu Beginn des Lyrikertreffens gleich die Frage aller Fragen: Warum überhaupt Lyrik?
Der promovierte Germanist beschäftigt sich auf mannigfaltige Weise mit Literatur – in Forschungsarbeiten, Essays, Literaturkritiken, als Privatdozent in der Hochschullehre. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt im Feld der Gegenwartslyrik. Doch ist die Gattung überhaupt noch zeitgemäß? Christian Metz ist überzeugt: Die Poesie ist auf Erfolgskurs. Er bilanziert den aktuellen Stand der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, wagt eine Bestandsaufnahme des Lyrikbooms der vergangenen 20 Jahre und befasst sich mit Autoren und wie sie sich in den sozialen Medien präsentieren. Der Titel seines Buches, das Metz dem Publikum präsentiert, lässt sich treffend für das Lyrikertreffen auch als Aufforderung für die gesamte Veranstaltung lesen: „Poetisch denken“!

Hohe Kunst des Übersetzens von Lyrik
Und wie denkt man poetisch in anderen Sprachen? Das Übersetzen von Lyrik ist ein zweites großes Thema beim Lyrikertreffen – und es ist eine hohe Kunst. Erfahren lässt sie sich in einer Lesung mit anschließendem Workshop. Den Schriftsteller und Herausgeber Hans Thill begleiten die drei syrischen Autoren Mohammad Al-Matroud, Lina Atfah und Aref Hamza sowie ihre Übersetzer Brigitte Oleschinski, Joachim Sartorius und Julia Trompeter. Ihre Gedichte hat Thill zusammen mit Mahmoud Hassanein in der Anthologie „Deine Angst – Dein Paradies“ veröffentlicht.
In Syrien waren die Dichterinnen und Dichter ganz vorn bei denen, die sich für eine Demokratisierung der Gesellschaft einsetzten. Sie haben es gebüßt durch Verfolgung und Exil, jetzt leben einige von ihnen in Deutschland. Die Gedichte, die sie lesen, richten den Blick in ihre Heimat, erzählen von Krieg und Frieden, von Hoffnung und Träumen. Beteiligt am Workshop sind Studierende der Westfälischen Wilhelms-Universität, die sich im Vorfeld des Lyrikertreffens mit dem Übersetzen von Gedichten beschäftigt haben. Welche Tücken das Sprach-Handwerk des Übersetzens birgt, können hier alle Interessierten ganz direkt erleben.

Ausnahmelyriker Paul Celan
Um Dichtung im Angesicht des Krieges geht es auch beim Memorial, das ein fester Bestandteil des Lyrikertreffens ist. Der künstlerische Leiter Hermann Wallmann hat es im Vorgriff auf das Celan-Jahr 2020 programmiert, wenn der 100. Geburtstag und der 50. Todestag des Ausnahmelyrikers zusammenfallen. Der Autor und Literaturkritiker Helmut Böttiger wird in Münster Celans jüdische Familiengeschichte, sein lyrisches Werk und seine Liebe zur Schriftstellerin Ingeborg Bachmann beleuchten.
Böttiger zählt zu den renommiertesten Literaturkritikern Deutschlands, war nach seiner Promotion als Literaturredakteur tätig und hat sich intensiv mit dem Werk und der Person Celans beschäftigt. „Celan ist fast so etwas wie ein Heiliger, hat das berühmteste Gedicht nach 1945 geschrieben: die ‚Todesfuge‘. Das wird mit ihm gleichgesetzt – er wurde so gelesen: Als einer, der in schöner Sprache die Schuld der Deutschen ausgedrückt hat und dadurch die Möglichkeit gegeben hat, dass die Deutschen sich von ihrer Schuld entlastet fühlen können“, erklärte Böttiger im Deutschlandfunk.
Termine:
Deine Angst – Dein Paradies. Gedichte aus Syrien: Lesung mit Übersetzungsworkshop, Freitag, 24. Mai, 11-14 Uhr, Studiobühne, Domplatz 23
Warum Lyrik? Christian Metz: Die Lyrik der Gegenwart, Freitag, 24. Mai, 16-17 Uhr, Theatertreff, Neubrückenstraße 63
Celan-Memorial. Helmut Böttiger über Paul Celan, Samstag, 25. Mai, 14-15 Uhr, Theatertreff, Neubrückenstraße 63
Info: www.lyrikertreffen-muenster.de, Karten an der Theaterkasse, (02 51) 59 09-100

Im Nebel

August 17, 2016

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den anderen,
Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allem ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.

(Hermann Hesse)

Hälfte des Lebens

Mai 16, 2016

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm’ ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

 

(Friedrich Hölderlin: Hälfte des Lebens, 1805)

Prometheus

Mai 3, 2016

Bedecke deinen Himmel Zeus
Mit Wolkendunst!
Und übe Knabengleich
Der Disteln köpft
An Eichen dich und Bergeshöhn!
Mußt mir meine Erde
Doch lassen stehn,
Und meine Hütte
Die du nicht gebaut,
Und meinen Herd
Um dessen Glut
Du mich beneidest.

Ich kenne nichts ärmers
Unter der Sonn als euch Götter.
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät
Und darbtet wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.

Da ich ein Kind war
Nicht wußt wo aus wo ein
Kehrt ich mein verirrtes Aug
Zur Sonne als wenn drüber wär
Ein Ohr zu hören meine Klage
Ein Herz wie meins
Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Wer half mir wider
Der Titanen Übermut
Wer rettete vom Tode mich
Von Sklaverei?
Hast du’s nicht alles selbst vollendet
Heilig glühend Herz
Und glühtest jung und gut
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden dadroben

Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängsteten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal
Meine Herrn und deine.

Wähntest etwa
Ich sollt das Leben hassen
In Wüsten fliehn,
Weil nicht alle Knabenmorgen
Blütenträume reiften.

Hier sitz ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, weinen
Genießen und zu freuen sich
Und dein nicht zu achten
Wie ich!

(Johann Wolfgang v. Goethe: Prometheus, frühe Fassung, erschienen 1778)

Wer jetzig Zeit leben will

Mai 3, 2016

Wer jetzig Zeiten leben will,
muß hab’n ein tapfers Herze,
es hat der argen Feind so viel,
bereiten ihm groß Schmerze.
Da heißt es stehn ganz unverzagt
in seiner blanken Wehre,
daß sich der Feind nicht an uns wagt,
es geht um Gut und Ehre.

Geld nur regiert die ganze Welt,
dazu verhilft Betrügen;
wer sich sonst noch so redlich hält,
muß doch bald unterliegen.
Rechtschaffen hin, rechtschaffen her,
das sind nur alte Geigen:
Betrug, Gewalt und List vielmehr,
klag du, man wird dir’s zeigen.

Doch wie’s auch kommt, das arge Spiel,
behalt ein tapfers Herze,
und sind der Feind auch noch so viel,
verzage nicht im Schmerze.
Steh gottgetreulich, unverzagt
in deiner blanken Wehre:
Wenn sich der Feind auch an uns wagt,
es geht um Gut und Ehre!

(Volkslied, 17. Jahrhundert)

Heinrich Heine über die Westfalen

November 10, 2015

Dicht hinter Hagen ward es Nacht,
Und ich fühlte in den Gedärmen
Ein seltsames Frösteln. Ich konnte mich erst
Zu Unna, im Wirtshaus, erwärmen.

Ein hübsches Mädchen fand ich dort,
Die schenkte mir freundlich den Punsch ein;
Wie gelbe Seide das Lockenhaar,
Die Augen sanft wie Mondschein.

Den lispelnd westfälischen Akzent
Vernahm ich mit Wollust wieder.
Viel süße Erinnerung dampfte der Punsch,
Ich dachte der lieben Brüder,

Der lieben Westfalen, womit ich so oft
In Göttingen getrunken,
Bis wir gerührt einander ans Herz
Und unter die Tische gesunken!

Ich habe sie immer so liebgehabt,
Die lieben, guten Westfalen,
Ein Volk, so fest, so sicher, so treu,
Ganz ohne Gleißen und Prahlen.

Wie standen sie prächtig auf der Mensur
Mit ihren Löwenherzen!
Es fielen so grade, so ehrlich gemeint,
Die Quarten und die Terzen.

Sie fechten gut, sie trinken gut,
Und wenn sie die Hand dir reichen
Zum Freundschaftsbündnis, dann weinen sie;
Sind sentimentale Eichen.

Der Himmel erhalte dich, wackres Volk,
Er segne deine Saaten,
Bewahre dich vor Krieg und Ruhm,
Vor Helden und Heldentaten.

Er schenke deinen Söhnen stets
Ein sehr gelindes Examen,
Und deine Töchter bringe er hübsch
Unter die Haube – Amen!

 

Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermärchen; Caput X.

Sommergedicht

Juni 9, 2014

Zerfließendes Eis –

Am Strand liegen unter Meeresdösen.

Es ist so heiß.

Brütende Hitze, brennende Sonne, unklare Gedanken.

Durch glühende Straßen müssen wir wanken,

Wir räkeln uns wie Schlangen,

Nackte Bräune weckt das Verlangen.

Sehnen nach Kühlung und

Rauch von Grillfeuern vernebelt uns.

Nach dem blauen  Himmel kommt Spannung und Dunst.

Dann ein Knall –

Dem Gewitterdonner folgt Regen.

Morgen müssen wir uns wieder bewegen.

Frühlingsgedicht

März 9, 2014

Um mich herum ist alles im Erblühen,

Grüne Gänge schirmen mich, die Blumen sprießen,

Die jungen Herzen wollen endlich glühen.

 

Der Wind liebkost meine Wangen,

Vöglein zwitschern ihr Lied,

Vorbei das Hoffen und Bangen,

Ob der Winter denn wieder zieht.

 

Jetzt ist er da, der Neu-Beginn.

Wir vergessen die alten Fehler

Und geben uns der Versuchung hin.

In der Bahnhofshalle des Lebens

Februar 3, 2014

Ich warte in der Bahnhofshalle des Lebens.

 

Ich studiere den Fahrplan der Vergangenheits-Schienen.

Die vertanen Chancen,  Ausflüge ans Ende der Nacht,

Einstige Reisegefährten haben es un-weit gebracht,

Alte verfärbte Hoffnungen in zerscherbten Vitrinen.

 

Im Geiste besteige ich einen Zug und fahr‘:

Passiere Erlebtes meiner  bisherigen Reise,

Auch nur Erdachtes und Vorgestelltes, was aber war –

All‘ die Versäumnisse der Abstellgleise.

 

Wie das Frühstück im Sonnenschein –

Ich stellte mir immer vor, mein Herz,

Du hättest dort gelacht und gescherzt.

Wie könnte es wirklich gewesen sein?

 

Ich seh‘ Deinen vermissenden Blick,

Wie er unter den Gästen voller Resignation

Suchend wandert. Traurig warst Du. Kein Zurück

Gibt es auf der Trasse des Lebens zur Endstation.

 

Was will der Fahrplan der Zukunft berichten?

Ich erkenne keine Abfahrts- und Ankunftszeiten:

Er zeigt Pfade der verschlungenen Möglichkeiten,

Die sich zum umentwirrbaren Knäuel verdichten.

 

Durchsage am Bahnsteig. Ein Zug fährt ein.