Archive for the ‘Uncategorized’ Category

Münster als „Sammelpunkt reaktionärer Organisationen“

November 24, 2020

Münster (SMS) So ganz soll in Zeiten der Corona-Pandemie nicht auf die beliebten Themenabende im Stadtarchiv verzichtet werden. Die Kenner der städtischen Geschichte gehen vielmehr online und bieten am 26. November einen weiteren Vortrag an, der bequem und sicher am PC oder Tablet verfolgt werden kann. Der Historiker Timm C. Richter referiert unter dem Titel „Durchglüht vom vaterländischen Geist“ über Reichswehr, Universität und rechtsradikale Netzwerke in Münster in der Zeit von 1919 bis 1933.

Soldaten des Freikorps Lichtschlag postierten sich 1919 vor dem Rathaus.
Foto: Stadtarchiv Münster

 Nach der Revolution 1918 begann auch in Münster mit ersten freien Wahlen eine neue demokratische Zeit. Zugleich aber setzte  soziale Unzufriedenheit ein, politische Krisen wechselten sich ab. In militärischen Kreisen, Universität und politischen Vereinigungen verstärkten sich republikfeindliche radikale Strömungen, deren Wirkung sich bis in die Zeit des Nationalsozialismus entfaltete. Für den preußischen Innenminister Carl Severing (SPD) wurde Münster „im Laufe der ersten Jahre nach dem Weltkrieg zu einem Sammelpunkt reaktionärer Organisationen“.
Der Vortrag zeichnet diese Entwicklung nach und nimmt Akteure und Netzwerke in den Blick.

Richter wird auch erläutern, dass der von Nationalsozialisten strapazierte Begriff des „Völkischen“ keine Neuerfindung der Nazis war, sondern sich einige Jahrzehnte weiter zurückverfolgen lässt. Der Vortrag bleibt nicht bei Begriffserläuterungen, sondern wird die Entwicklung nach 1918/19 auch anhand von vielen Quellen und Abbildungen aus dem Stadtarchiv, also aus der lokalgeschichtlichen Perspektive veranschaulichen.  

Info: Der Themenabend wird live im Internet übertragen und ab 18 Uhr freigeschaltet.
Der direkte Zugang ist über www.stadt-muenster.de/archiv oder den Link www.twitch.tv/stadtarchivms möglich. Wer später noch einmal in den Themenabend hereinhören möchte, hat zwei Wochen Zeit dazu. So lange bleibt das Online-Angebot aktiv.  

Merkel verlangt „nationale Kraftanstrengung“

Oktober 28, 2020

Bund und Länder haben neue Beschlüsse gefasst, um den starken Anstieg der Neuinfektionen mit dem Corona-Virus einzudämmen. Die Gespräche hätten „in einer sehr ernsten Lage“ stattgefunden, erklärte Bundeskanzlerin Merkel. Um eine „akute nationale Gesundheitsnotlage zu vermeiden“, müssten jetzt Maßnahmen ergriffen werden.

Die Beratungen von Bundeskanzlerin Merkel mit den Regierungschefinnen und -chefs der Bundesländer fanden vor dem Hintergrund eines aktuell exponentiell ansteigenden Infektionsgeschehens statt. Alle Beteiligten hätten „bei allem, was wir heute beraten und beschlossen haben“, die vielen Menschen im Blick gehabt, die mit großen Erwartungen, aber auch Sorgen auf die Gespräche geschaut hätten, so Merkel. 

Das Tempo der Ausbreitung des Virus mache die derzeitige Pandemielage sehr ernst, betonte Kanzlerin Merkel im Anschluss an die Beratungen. „Wir erleben einen exponentiellen Anstieg der Zahlen mit Verdopplungszeiten, die sich weiter verkürzt haben“. Das gelte für die Zahl der Infizierten genauso wie die Zahl der Intensivpatienten und der Menschen, die künstlich beamtet werden müssten. 

Gesundheitsnotlage vermeiden

„Wenn es bei diesem hohen Tempo bleibt, dann kommen wir binnen Wochen an die Grenzen der Leistungsfähigkeit unseres Gesundheitssystems“, mahnte die Bundeskanzlerin. Deshalb sei vollkommen klar: „Wir müssen handeln, und zwar jetzt! Wir müssen handeln, um eine akute nationale Gesundheitsnotlage zu vermeiden. Und dafür müssen wir Maßnahmen ergreifen.“

Das wichtigste Instrument zur Eindämmung einer Pandemie sei die Nachverfolgung der Kontakte eines Infizierten. Dieses Instrument stehe an vielen Stellen nicht mehr zur Verfügung, erklärte Merkel. Infektionsketten könnten deshalb nicht mehr unterbrochen werden. Dies bedeute, dass die Kontrolle über das Virus verloren gehe.

Im Frühjahr sei es gelungen, die Infektionszahlen zu senken – „und zwar vor allem durch die Vernunft und Solidarität der Menschen“, bekräftigte Merkel. „Wir wissen jetzt, wir müssen die Kontakte wieder reduzieren und damit auch die Gefahr der Ansteckung herunterbringen. Und deshalb brauchen wir jetzt im Monat November noch einmal eine nationale Kraftanstrengung.“

Bund und Länder hätten nun gemeinsam harte Maßnahmen beschlossen, die für ganz Deutschland gelten, sagte Merkel. Dabei habe man zwei Prioritäten im Auge behalten: Zum einen, dass das wirtschaftliche Leben in Takt gehalten werden müsse. Zum anderen, dass Schulen und Kitas offenbleiben müssten. Im Umkehrschluss bedeute dies, man müsse harte Auflagen erlassen für die Beschränkung von Kontakten im Privaten und im Freizeitbereich.

75 Prozent der Neuinfektionen nicht mehr nachvollziehbar

Merkel betonte, das Infektionsgeschehen habe einen Punkt erreicht, an dem bei 75 Prozent der Neuinfektionen nicht mehr nachzuvollziehen sei, woher sie kommen. Dies bedeute, dass nicht mehr festzustellen sei, welcher Bereich zum Infektionsgeschehen beitrage und welcher nicht. Aus diesem Grund habe man Maßnahmen zur Einschränkung von persönlichen Kontakten beschlossen. Auch die Freizeitgestaltung werde erheblich eingeschränkt. Zudem müssten Gastronomiebetriebe im November schließen. Für von temporären Schließungen betroffene Betriebe und Einrichtungen werde es eine außerordentliche Wirtschaftshilfe geben.

„Das ist heute ein schwerer Tag – auch für politische Entscheidungsträger, denn wir wissen, was wir den Menschen zumuten“, betonte Merkel. Das Ziel sei es, einen Weg zu finden, der einerseits eine nationale Gesundheitsnotlage verhindert und gleichzeitig das wirtschaftliche Leben weitestmöglich aufrechterhält. Sie sei deshalb sehr dankbar, dass Bund und Länder heute zu einer Übereinstimmung gekommen seien. „Bei sehr unterschiedlichen Inzidenzen in den einzelnen Bundesländern machen alle mit, und das ist für mich eine sehr gute Nachricht.“

Die Beschlüsse im Einzelnen

Ab dem 2. November treten die zusätzlichen Maßnahmen bundesweit in Kraft. Sie sind befristet bis Ende November. Nach Ablauf von zwei Wochen werden die Bundeskanzlerin und die Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder sich erneut beraten und ggf. notwendige Anpassungen vornehmen. Auf folgende Beschlüsse haben sich Bund und Länder unter anderem verständigt:

  • Wichtigste Maßnahme in der kommenden Zeit wird es sein, Abstand zu halten und Kontakte zu verringern. Die Bürgerinnen und Bürger werden angehalten, die Kontakte zu anderen Menschen außerhalb der Angehörigen des eigenen Hausstands auf ein absolut nötiges Minimum zu reduzieren.
  • Der Aufenthalt in der Öffentlichkeit ist daher ab sofort nur mit den Angehörigen des eigenen und eines weiteren Hausstandes gestattet, jedoch in jedem Fall mit maximal 10 Personen (Kontaktbeschränkungen).
  • Bürgerinnen und Bürger werden aufgefordert, generell auf nicht notwendige private Reisen und Besuche – auch von Verwandten – zu verzichten. Übernachtungsangebote im Inland werden nur noch für notwendige und ausdrücklich nicht touristische Zwecke zur Verfügung gestellt.
  • Institutionen und Einrichtungen, die der Freizeitgestaltung zuzuordnen sind, werden geschlossen. Dazu gehören unter anderem Theater, Kinos, Freizeitparks, Spielhallen, Bordelle, Fitnessstudios und ähnliche Einrichtungen, der Freizeit- und Amateursportbetrieb auf und in allen öffentlichen und privaten Sportanlagen – mit Ausnahme des Individualsports allein, zu zweit oder mit dem eigenen Hausstand.
  • Veranstaltungen, die der Unterhaltung dienen,werden untersagt. Profisportveranstaltungen können nur ohne Zuschauer stattfinden.
  • Gastronomiebetriebe sowie Bars, Clubs, Diskotheken, Kneipen und ähnliche Einrichtungen werden geschlossen. Davon ausgenommen sind die Lieferung und Abholung mitnahmefähiger Speisen für den Verzehr zu Hause, sowie der Betrieb von Kantinen.
  • Dienstleistungsbetriebe im Bereich der Körperpflegewie zum Beispiel Kosmetikstudios und Massagepraxen werden geschlossen. Medizinisch notwendige Behandlungen, zum Beispiel Physio-, Ergo- und Logotherapien sowie Podologie/Fußpflege bleiben weiter möglich. Friseursalons bleiben unter den bestehenden HygieneAuflagen geöffnet.
  • Der Groß- und Einzelhandel bleibt unter Auflagen insgesamt geöffnet.
  • Schulen und Kindergärtenbleiben offen. Die Länder entscheiden über die erforderlichen Schutzmaßnahmen.
  • Für die von den temporären Schließungen betroffenen Unternehmen, Betriebe, Selbstständige, Vereine und Einrichtungen wird der Bund eine außerordentliche Wirtschaftshilfegewähren, um sie für die finanziellen Ausfälle zu entschädigen.
  • Der Bund wird die bestehenden Hilfsmaßnahmen für Unternehmenverlängern und die Konditionen für die hauptbetroffenen Wirtschaftsbereiche verbessern (Überbrückungshilfe III). Dies betrifft zum Beispiel den Bereich der Kultur und Veranstaltungswirtschaft und die Soloselbstständigen.
  • Auch in der Pandemie wollen wir in Industrie, Handwerk und Mittelstand sicheres Arbeiten möglichst umfassend ermöglichen. Die Arbeitgeber haben eine besondere Verantwortung für ihre Mitarbeiter, um sie vor Infektionen zu schützen. Bund und Länder fordern die Unternehmen eindringlich auf, jetzt wieder angesichts der hohen Infektionszahlen, wo immer dies umsetzbar ist, Heimarbeit oder mobiles Arbeiten zuhause zu ermöglichen.
  • Regelungen zum Schutz besonders vulnerabler Gruppen dürfen nicht zu einer vollständigen sozialen Isolation der Betroffenen führen.
  • Bund und Länder werden die Information über die geltenden Corona-Maßnahmen noch einmal verstärken und durch möglichst einheitliche Maßnahmen die Übersichtlichkeit erhöhen. Sie werden jedoch auch die Kontrollen zur Einhaltung der Maßnahmen flächendeckend verstärken.
  • Bund und Länder sind sich darüber im Klaren, dass es sich um sehr einschneidende Maßnahmen handelt. Aber sie sind notwendig und sie sind mit Blick auf das zu schützende Rechtsgut der Gesundheit der Bevölkerung und zur Abwendung noch umfangreicherer wirtschaftlicher Schäden im Falle einer unkontrollierten pandemischen Entwicklung verhältnismäßig.

Warnung vor dem „politischen Islam“

Oktober 7, 2020
Cover des aktuellen Buchs von Susanne Schröter/ Gütersloher Verlagshaus.

Die Frankfurter Ethnologin Prof. Susanne Schröter warnte bei einer Buchvorstellung mit der Friedrich-Naumann-Stiftung in Münster davor, dass Gesellschaften, die unter den Einfluss des politischen Islam geraten, „kippen“ können. Entscheidend sei für die Zukunft, welche Spielart des Islam die Oberhand gewinne.

Mit Blick auf Frankreich hielt Schröter befriedigt fest, dass sich ein kritischerer Umgang mit dem politischen Islam durchsetze, nachdem viele Probleme lange Zeit beschwiegen worden seien. Präsident Emmanuel Macron habe vor dem Hintergrund des Charlie-Hebdo-Prozesse und weiterer islamistischer Anschläge konkrete Maßnahmen angekündigt. Seit der Jahrtausendwende werde Frankreich von Anschlägen muslimischer Täter heimgesucht, die sich auch gegen Juden richteten. 150 islamistisch dominierte Territorien in Frankreich stünden außerhalb der Kontrolle des Staates. „Es wurde lange versäumt das Ruder konsequent herumzureißen.“ Stattdessen habe man sich mit „Symbolpolitik“ begnügt.

Unter „politischem Islam“ versteht Schröter eine Spielart des Islam, die aufbauend auf einer fundamentalistischen Theologie, d.h. fundamentalistischer Interpretation von Koran und Sunna, sich  die Geselllschaft politisch unterwerfen wolle, sei es mit Gewalt, sei es legalistisch-demokratisch. Der Prophet Mohammed werde, so wie er in einer arabischen Stammesgesellschaft des 7. Jahrhunderts gelebt habe, als ultimatives Vorbild hingestellt, was in der Konsequenz nicht mit Demokratie und Menschenrechten vereinbar sei. Keinesfalls sei sie aber „dem“ sehr heterogenen Islam als Ganzes feindlich gegenüber eingestellt.

Schröter hat sich in der Vergangenheit intensiv mit den kippenden Verhältnissen in Indonesien auseinandergesetzt. Dort habe man beobachten können, wie die Fundamentalisten zunächst liberal anmutend forderten, dass Mädchen in den Schulen auch ein Kopfttuch tragen dürften, dann jedoch immer weitergehende Forderungen stellten, mit der Konsequenz immer restriktiverer Rahmenbedingungen für Frauen. Mittlerweile wurde sogar der christliche Bürgermeister von Jakarta wegen Blasphemie ins Gefängnis geworfen, weil er als Ungläubiger gewagt hatte, den Koran zu interpretieren, so Schröter.

In Deutschland gebe es auch schon die ersten Probleme, wenn auch zeitlich und dramatisch dem Wandel in Frankreich nachhinkend, Schröter spricht von einem „Stresstest“: Religiöses Mobbing an Schulen, Konflikte im Biologieunterricht, Anschläge, subkulturelle Strukturen, die sich um Gebetsräume entwickelten. Es dominiere aber im Gegensatz zu Frankreich noch die Haltung, nicht über den politischen Islam zu sprechen, weil das der politischen Rechten in die Hände spielen könne. Extremistische Muslime würden in Schutz genommen, weil sie doch muslimfeindlicher Diskriminierungserfahrung in einer christlichen Mehrheitsgesellschaft ausgesetzt seien. In diesem Zusammenhang wies Schröter allerdings darauf hin, dass wir es aber mit einer weltweiten Bewegung zu tun hätten, die auch in Ländern erstarke, in denen Muslime in deutlicher Mehrheit seien. Die (wirklichen) Ursachen des erstarkenden Islamismus würden leider nicht erforscht, stattdessen viel Forschungsgelder für die Ergründung von„antimuslimischem Rassismus“, dessen auch sie fortlaufend bezichtigt werde, ausgegeben.

Schröter erregte vergangenes Jahr bundesweit Aufmerksamkeit, weil sie eine Konferenz zum Kopftuch im Islam organisierte und von Gegnern der Veranstaltung gar ihre Entlassung als Professorin gefordert wurde.

Schröter, Susanne: Politischer Islam – Stresstest für Deutschland, 384 Seiten, 25 Euro, Gütersloher Verlagshaus 2019.

Ist Münsters Gastronomie noch zu retten?

April 30, 2020

Münster (SMS) Die Stadtverwaltung hat mit einem Krisengipfel auf die angespannte Lage der Gastronomie in Münster reagiert. Auf Einladung von Oberbürgermeister Markus Lewe trafen am Donnerstag (30. April 2020) im Rathaus etwa ein Dutzend münsterische Gastronomen, Vertreter des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA) und der Industrie- und Handelskammer (IHK) Nordwestfalen auf Experten und Entscheider der Stadtverwaltung.
„Der Corona-Lockdown  trifft Gaststätten, Kneipen und die Hotellerie in Münster mit voller  Wucht. Während in den Betrieben weiterhin Kosten für Pacht und Personal auflaufen, dürfen Sie aus Infektionsschutzgründen schon seit Wochen keine Gäste mehr bewirten“, fasste Lewe die Lage zusammen. Eine Vielzahl der Betriebe sei in ihrer Existenz bedroht. Lewe: „Die  gerade in Münster besonders vielseitige Gastronomie ist eine tragende Säule der besonderen Atmosphäre in unserer Stadt. Wir müssen jetzt alle  an einem Strang ziehen, um dieses Kulturgut für die Zeit nach der Pandemie zu erhalten.“
Hendrik Eggert, Vorsitzender des Münster-Kreises der DEHOGA, sagte: „Wir brauchen jetzt Hilfe. Dabei geht es um immense Summen. Aber doch nur um einen Bruchteil der Zahlungen, die wir in normalen Zeiten in die öffentlichen Kassen einzahlen.“ Eggert machte deutlich, dass er neben der Stadt auch das Land und den Bund in der Pflicht sieht, das Überleben der Gastronomie zu sichern. Joachim Brendel, Geschäftsbereichsleiter Handel und Verkehr der IHK Nord Westfalen, verwies auf die wichtige Funktion der Gastronomie für die Aufenthaltsqualität in der Innenstadt. „Die moderaten Lockerungen im Einzelhandel können ihre Wirkung erst dann entfalten, wenn auch die Gastronomie Schritt für Schritt wieder öffnen kann.“ Das besondere Flair der Innenstadt entstehe aus dem Zusammenspiel von Einkaufen, Flanieren und Verweilen. „Hierzu braucht es zumindest eingeschränkt geöffnete Cafes und Restaurants.“
Wolfgang Heuer, Leiter des städtischen Corona-Krisenstabes, dämpfte einerseits die Hoffnungen auf einen baldigen Normalbetrieb in der münsterischen Gastronomie. „Wenn wir nach den bisherigen Erfolgen bei der Bekämpfung der Pandemie jetzt unvorsichtig werden, kann ein erneuter Ausbruch des Infektionsgeschehens möglicherweise zu noch strengeren Kontaktverboten als bislang führen“, führte Heuer aus. Andererseits skizzierte Heuer aber auch Möglichkeiten für die Betriebe: „Wir suchen gezielt im Vorfeld einer Wiedereröffnung nach Flächen, auf denen wir der Gastronomie vorübergehend zusätzliche Möglichkeiten für die Außenbewirtung anbieten können“, so Heuer. Und er bot eine gemeinsame Vorbereitung von Regeln und Auflagen für die absehbare behutsame Wiederaufnahme gastronomischer Angebote an. Die Stadtkämmerei stundet der Gastronomie bereits in großzügigem Umfang Gewerbesteuerzahlungen. Zusätzlich werden Hilfen für die Gastronomen bei Teilen der Vergnügungssteuer geprüft.
Die Gipfelteilnehmer verabredeten die Fortsetzung der Gespräche im Rahmen einer Task Force unter Beteiligung der Münster-Marketing-Chefin Bernadette Spinnen. Mitglieder werden neben Vertretern der  Gastronomie und der Stadtverwaltung auch Bankenvertreter. Die Task Force wird in Kürze einen ständigen Ansprechpartner für die Gastronomen der Stadt benennen.
Oberbürgermeister Markus Lewe versprach, den Unmut der Gastronomen über die oft schleppenden Auszahlung von Soforthilfen und Überbrückungskrediten an geeigneten Adressen im Land und beim Bund zu platzieren. Außerdem will Lewe beim Land auf größere  Planungssicherheit für die Gastronomie drängen. Lewe: „Es bringt nichts, wenn das Land Veranstaltungen mit großen Teilnehmerzahlen verbietet, aber nicht definiert, welche Teilnehmerzahlen demnächst wieder erlaubt sein werden „, nannte Lewe ein Beispiel.
In Münster gibt es etwa 850 gastronomische Angebote, in denen etwa 5600 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte arbeiten.

Leben in einer verödeten Stadt II

März 17, 2020

Münster (SMS) In Münster gibt es bisher 90 bestätigte Coronafälle (Stand 16.3., 15 Uhr). Damit haben sich die Infektionsfälle seit dem Wochenende verdoppelt. Das  Gesundheitsamt geht von einem weiteren Anstieg in den nächsten Tagen aus.
Oberbürgermeister Markus Lewe: „Die Lage ist ernst. Darauf reagieren wir mit umfassenden Maßnahmen, um einen schnellen Anstieg der Infektionen zu verhindern. Der Gesundheitsschutz steht an erster Stelle. “
Corona lähmt Deutschland und wird auch den Alltag der Münsteranerinnen und Münsteraner verändern. Für das gesamte Stadtgebiet wird jedwede Veranstaltung in geschlossenen Räumen und in der freien Natur untersagt. Krisenstabsleiter Wolfgang Heuer: „Die rechtliche Basis dafür ist eine Allgemeinverfügung der Stadt Münster, die ab Dienstag (17.3.) gilt.“ Danach ist der Betrieb beispielsweise von Diskotheken, Schankwirtschaften und Fitness-Studios ebenso untersagt wie Zusammenkünfte in Sportvereinen.

Keine Gastronomie auf dem Wochenmarkt  
Für den Wochenmarkt am Domplatz verschärfen sich die Auflagen: Beide Märkte (mittwochs und samstags) müssen ohne gastronomische Stände auskommen. Der Verzehr von Speisen und Getränken wird zum Schutz der Gesundheit bis auf weiteres ausgesetzt. Auch für Restaurants und Gaststätten wird es Einschränkungen im Betrieb geben.
Die Stadtverwaltung wird den Besucherverkehr ihrer Kunden nicht in vollem Umfang leisten können. „Wir stellen die öffentliche Ordnung sicher und werden bestimmte Dienststellen auch weiterhin offenhalten“, kündigt Krisenstabsleiter Wolfgang Heuer an. Mithelfen können die Münsteraner selbst: Aktuell verzeichnet die Stadtverwaltung ein hohes  Besucheraufkommen – vor allem im Bürgerbüro und ihren Anlaufstellen in den Stadtteilen, im  Standesamt und in der KfZ-Zulassung. Zum eigenen Schutz und Vorsorge einer möglichen Virusinfektion appelliert die Stadt, nur in dringendsten Angelegenheiten die Verwaltung aufzusuchen.  Sollte ein persönliches Gespräch tatsächlich nötig sein, bittet die Verwaltung die Notwendigkeit des Besuches vorab telefonisch unter Telefon 4 92 0 zu klären und sich einen Termin geben zu lassen. Die Abgabe von Unterlagen kann an den Stadthäusern über die Hausbriefkästen erfolgen.

Die Universität schließt sämtliche Gebäude
Die Gebäude der WWU werden ab Mittwoch, 18.03.2020, 18 Uhr nur noch für Beschäftigte der WWU geöffnet sein.
Spätestens ab Donnerstag, 19.03.2020, ist ein Zugang anderer Personen nicht mehr möglich. Dies gilt ausnahmslos für alle Gebäude der WWU, also auch für die Universitäts- und Landesbibliothek (ULB). Die Leihfrist für entliehene Medien verlängert sich bis zum 27.4.2020. Für die Gebäude des UKM (Fachbereich Medizin) können andere Regelungen gelten

Zwei Coronafälle aus Quarantäne entlassen
Es gibt auch positive Nachrichten. Die ersten beiden „Corona-Erkrankten“ sind inzwischen wieder gesund und aus der Quarantäne entlassen.  „Und Sorgen um die ärztliche Versorgung muss sich niemand machen. Wir sind sehr gut aufgestellt“, betonte Oberbürgermeister Markus Lewe. „Wir stützen uns in Münster und im Münsterland auf ein starkes und leistungsfähiges Gesundheitssystem“, hieß es auf der Pressekonferenz (am 16.3.), an der auch Prof. Hugo Van Aken, Ärztlicher Direktor des UKM, und Dr. Hendrik Oen von der Kassenärztlichen Vereinigung teilnahmen. Keines der über 220 Intensivbetten in dieser Stadt sei überdies von einem „Coronafall“ belegt.

Der Schatz vom Grafenbauernhof

Oktober 15, 2019

Die bayerische Adelsfamilie v. Grafenstein leitet sich genealogisch von der Oberpfälzer Bauernfamilie Graf ab, die seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges auf dem nach ihr benannten Grafenbauernhof in Oberweißenbach bei Vilseck, nördliche Oberpfalz, saß und im 18. Jahrhundert im Zusammenhang mit einer kleinen Nachblüte des Oberpfälzer Eisengewerbes durch den Betrieb von Eisenhämmern, Eisenhandel und Fuhrwerksbetrieb zu Wohlstand gelangt war. Durch ihr Geschick und glückliche Heirat brachten die Graf die Hammergüter Altneuhaus, Altenweiher, Heringnohe und Hammergänlas in ihren Besitz.  1757 ersuchte Johann Georg Graf (1718-1802), Besitzer von Altneuhaus und Hammergänlas und Landrichter zu Parkstein, den bayerischen Kurfürsten Max Joseph um Verleihung des Adelsprädikats, damit er zu patriotischen Diensten fähiger werde und seinen Gütern und Geschäften besser vorstehen könne. Dem Gesuch wurde im Frühjahr 1758 entsprochen und dem Johann Georg Graf der Name von Grafenstein verliehen. Sein Sohn Johann Georg jun. (1742-1823) wird von der Genealogie des in Bayern immatrikulierten Adels als Stammvater der Familie von Grafenstein genannt, da von dessen drei Söhnen alle drei Linien der Familie abstammen.

Grabstein in der Kirche St. Ägidius in Vilseck für (Johann) Georg von Grafenstein (1718 – 1802), der in zweiter Ehe mit der Anna Barbara Mayer (1707 -1792) verheiratet war. Beide wurden 85 Jahre alt.

Den Grafenbauernhof gibt es heute noch, er befindet sich seit rund 200 Jahren im Besitz der Familie Trummer, die eine alte Sage um ihre Vorgänger auf dem Hof überliefert hat, denn der einstige Aufstieg der einfachen Bauernfamilie Graf erzeugte in der Nachwelt Verwunderung, die nach einer Erklärung verlangte:

Der Grafenbauer Georg Graf (1675-1742) träumte, so die Sage, nachts von einer alten Frau, die ihm sagte, er solle nach Regensburg fahren, dort werde er auf der Steinernen Brücke sein Glück finden. Der Grafenbauer wusste zunächst nicht, was er vom Ratschlag der Hexe halten sollte, aber nach der Morgensuppe ließ er seinen Knecht die Kutsche für die Reise nach Regensburg anspannen. Nach der Fahrt durch das Vilstal Richtung Süden kam er nachmittags in Regensburg an. Zu Fuß begab er sich zur Steinernen Brücke und ging auf ihr lange Zeit auf und ab, ohne dass etwas passierte. Da kam am Abend ein Unbekannter auf den Georg Graf zu und fragte, ob er ihm helfen könne, anscheinend kenne er sich nicht in der Stadt aus. Der Grafenbauer erzählte ihm seinen Traum. Der Fremde entgegnete, dass auch er etwas Wirres geträumt hätte: In „Weisserboch“ beim Grafenbauern hinter dem Haus sollen drei Truhen Gold vergraben sein, aber er kenne weder dieses Weisserboch noch den Grafenbauern. Freudig rief der Georg Graf aus, dass er ja der Grafenbauer von Weisserboch sei, und eilte sogleich zu seiner Kutsche zurück, um nach Oberweißenbach zurückzufahren.  Am nächsten Morgen begann der Bauer mit seinen Knechten hinter dem Haus einen Graben auszuheben und tatsächlich: Er stieß auf eine Holztruhe, randvoll mit Gold und Silbermünzen, sodann auf eine weitere, ebenfalls voll mit Kostbarkeiten. Mit diesen Gold- und Silbermünzen, so die Sage, kauften die Grafenbauern und ihre Nachkommen all die großen Hammergüter, darunter später auch meinen Heimatort Röthenbach, und auch ihren Adelsnamen. Nach der dritten Truhe suchte der Grafenbauer jedoch vergeblich, sie soll noch heute auf dem Gelände des Grafenbauenhofes zu finden sein,  dieweil die Familie Trummer freilich schon viele vergebliche Anstrengungen unternommen hat, auch mit Sonargeräten, den Schatz zu entdecken.

Woher aber stammte dieser Schatz? Auch davon weiß die Sage zu berichten. Demnach soll der Grafenbauerhof bis in den Dreißigjährigen Krieg hinein Sitz eines Steuereintreibers gewesen sein. Dieser war sehr gefürchtet und unbeliebt, da er alle Bauern, die ihrer Steuerpflicht nicht nachkamen, in den Turmanbau des alten Wohnhauses einsperren und schmachten ließ. Als die Gegend von plündernden Horden unsicher gemacht wurde, vergrub der Steuereintreiber bei Nacht und Nebel die gehorteten Steuereinnahmen unter den Büschen, ehe er selbst von der Soldateska erschlagen oder verschleppt und das Haus niedergebrannt wurde. So geriet das vergrabene Gold in Vergessenheit.

Blick auf die Anhöhe in Oberweißenbach, auf der der Grafenbauernhof und der Jungbauernhof liegen, beides einst Besitz der Familie Graf, schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts aber der Familie Trummer gehörig.

Literaturhinweise:

Eckehart Griesbach: Truppenübungsplatz Grafenwöhr – Geschichte einer Landschaft, 2. Auflage, 1985.

Vereinigung des Adels in Bayern e. V. (Hrsg.), Genealogisches Handbuch des in Bayern immatrikulierten Adels. Bd. 21, Verlag Degener & Co., Neustadt an der Aisch 1996.

„In geheimnisvoller Mission“ in Bochum

Februar 14, 2019

Bonds Hubschrauber Little Nellie

Der Ein-Mann-Hubschrauber Little Nellie aus „Man lebt nur zweimal“ (1967). Foto: Grafenstein

In Bochum ist noch bis 31. März die Ausstellung „In geheimer Mission – Der Spion, der aus Wattenscheid kam“ über die James-Bond-Filme zu sehen. Diese präsentiert Devotionalien und Requisiten aus der Sammlung des Filmjournalisten Dr. Siegfried Tesche. Höhepunkte der Ausstellung sind Bond-Autos, eine Düsenrucksack und Little Nellie, der schlagkräftige Mini-Hubschrauber aus „Man lebt nur zweimal“. Darum gruppieren sich jede Filmplakate und Kostüme aus den Filmen, an den Ausstellungswänden kann man sich über die Filmhandlungen und das Leben der verschiedenen Bonddarsteller informieren, vor allem Sean Connery  und Roger Moore sind hier zu nennen. Man erfährt auch einiges über die kommerzielle Ausschlachtung der Bond-Filme durch Spielzeugproduzenten und andere Konsumgüterhersteller. Hintergrund des Ausstellungstitels ist, dass einer autorisierten Bond-Biografie John Pearson zufolge der von Ian Fleming erschaffene Film-Agent 1920 in Wattenscheid, heute ein Teil Bochums, geboren worden sein soll.

20190214_153343

Ein Sunbeam Alpine Serie II – Das erste Bond-Auto. Foto: Grafenstein

Unternehmensnachfolger verzweifelt gesucht

November 30, 2018

„In den nächsten 4 Jahren geht man von mindestens 600.000 Unternehmen aus, für die in Deutschland der Generationen-wechsel ansteht. Die Dunkelziffer kommt on top noch dazu“, so Dorothee Schenten vom KompetenzCenter Wirtschaft in Dortmund, das Unternehmensnachfolgen vermittelt. Die Unternehmensnachfolge gleicht einem Notstandsgebiet, die Gründergeneration ist in die Jahre gekommen.
Was ist schief gelaufen, dass aktuell aus allen Wirtschaftsecken ein Ruf wie Donnerhall erschallt: Wir suchen Unternehmensnachfolger! Merklich wabert ein schleichender Prozess durchs Land: „Ich finde keinen Nachfolge und schließe mein Unternehmen ab“, es ist ein Knockout für die deutsche Wirtschaft. Hier setzt ein Dominoeffekt ein. Wichtige Fachkompetenz geht verloren, genauso wie Arbeitsplätze. Der scheidende Unternehmer als Auftraggeber fehlt zukünftig, auch die Vielfältigkeit am Markt geht verloren.
Eine große Zahl von Nachfolgern und Nachfolgerinnen ist nötig, damit die Schlagkraft der deutschen Wirtschaft weiterhin aufrechterhalten werden kann. In der heutigen globalen Welt, macht das Thema Generationenwechsel vor keiner
Landesgrenze halt. Jedes Unternehmen, das keinen Nachfolger findet und die Türen schließt, ist ein unwiederbringlicher Verlust für den deutschen Wirtschaftsstandort.

Nicht außer Acht zu lassen sind die Aktivitäten ausländischer Investoren bei ihren Einkaufstouren durch die kleinen- und mittelständischen Unternehmen. Die Kritik und die Sorge zugleich nimmt Schenten in Unternehmergesprächen regelmäßig wahr. Auffallend ist aber auch, dass ausländische Investoren entscheidungsfreudiger sind als inländische.

Ganz am Anfang der Entscheidungsprozesse steht für den Unternehmer  immer eine große Hürde, weiß Schenten: „Hinter einem Lebenswerk die Tür abzuschließen, fällt jedem Unternehmer schwer. Der emotionale Aspekt darf nicht unterschätzt werden. Wie bei vielen anderen Entscheidungen im Unternehmeralltag sind weiche und harte Faktoren zu berücksichtigen, geprägt von einem hohen Maß an Individualität. Zuallererst braucht der Unternehmer eine Person
seines Vertrauens, der er sich offenbaren kann: Ich will abgeben, was muss ich jetzt tun?“
Viele betroffene Unternehmer befinden sich in einer üppigen Lage, so Schenten: “Die Umsatzkurve steigt kräftig nach oben. Heißt aber auch, das Arbeitspensum ist fast unerträglich angestiegen. Kaum Zeit zum Durchschnaufen, um sich mal Gedanken zu machen um Weiterentwicklungen. Klärungsprozesse, wie es mit dem Firmen-Lebenswerk weitergehen soll, bleiben aus. Und natürlich auch mit wem? Oder doch noch ein wenig abwarten, denn es läuft ja so gut? Die Unternehmer möchten gerne reden, eigentlich, aber das Tagesgeschäft lässt ihnen kaum Zeit zum Atmen. Die angesprochene jüngere Garde „Ich kann eine Firma leiten“, befindet sich aktuell auch in dem Sog der totalen Arbeitsüberlastung. Die eigene Selbstständigkeit wird erst einmal hinten angestellt. Wieso ein Risiko eingehen, wenn doch der gute Arbeitsplatz als Angestellter möglich
ist. Heißt, der Mut zur Selbständigkeit bleibt auf der Strecke?“

Der stille Wunsch der Gründerväter und Mütter hat sich zu einem brennenden Anliegen gefestigt:
Wo ist der vermeintliche „Siamesische Zwilling“? Der, der so tut wie ich und mein Unternehmen in die Zukunft führt? Wir wissen heute, dass viele Söhne und Töchter aus Familienbetrieben, geprägt durch das Elternhaus, kein Interesse am Unternehmerdasein oder an der Branche haben. Mit einem überschaubaren Entwicklungsspielraum könnte das schon ganz anders aussehen. Dies setzt auf beiden Seiten eine gute Portion Toleranz voraus; denn Nachfolger lassen sich nicht gerne ständig auf die Finger schauen, schon aber über die Schulter. Der externe Nachfolger sieht das nicht anders.
Also was läuft denn so wirklich schief im Lande von „Made in Germany“?
Unternehmensnachfolge muss endlich einen Status der Normalität erreichen. Es sollte als Chance begriffen werden und präsenter in den Köpfen aller sein. Die Alt-Unternehmer verbergen nicht ihre Enttäuschung über fehlenden Respekt zu geschaffenem Firmenwert, über fehlenden Arbeitseifer. Ja, die Alten haben geschuftet. Haben etwas aufgebaut und stoßen sich an der Ignoranz der Jungen, effizientere Arbeitsweisen und einer anderen Vorgehensweise in der Welt 4.0. Ein Körnchen Wahrheit ist auf beiden Seiten zu finden.

Schenten stellt am Anfang dieser Gespräche erst einmal die Herausforderung für beide Seiten da. „Mit einem Lebenswerk im Rucksack und neuen Impulsen in die Zukunft zu starten. Die Mischung macht’s, aus langjähriger Erfahrung und neuen Ideen. Da gehören zwei zu, die das auch zulassen und sich zuhören. Unser Credo ist: Wir bringen die richtigen Nasen zusammen.“
Die Weisheit ist nicht neu: Nur wer redet, dem kann geholfen werden! Genau hier liegt einiges im Argen, so Schenten.

Jugend im Gleichschritt – Ausstellung über HJ

August 23, 2018

Kinder in HJ-Uniform

Diese Postkarte von Berta Hummel mit zwei Kindern in HJ-Uniform (Foto) trägt den Schriftzug „Lieb Vaterland, magst ruhig sein!“. Foto: Stadt Münster

Münster (SMS) Die offizielle Gründung der Hitlerjugend erfolgte am 4. Juli 1926 beim zweiten Parteitag der NSDAP in Weimar. Bereits 1922 hatte es einen Vorläufer gegeben, den „Jugendbund der NSDAP“, der allerdings verboten worden war. In den Jahren von 1926 bis 1933 hatte die Jugendorganisation nur eine begrenzte Anzahl von Mitgliedern, was sich durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 änderte. In der  NS-Diktatur war die Hitlerjugend eine der zentralen Organisationen zur Prägung nachfolgender Generationen im Sinne des Regimes. Im Stadtmuseum wird ab dem 30. August eine Ausstellung zur Hitlerjugend gezeigt. Die Präsentation „Jugend im Gleichschritt!? Die Hitlerjugend zwischen Anspruch und Wirklichkeit“ ist eine Wanderausstellung des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln. Sie wird durch münsterbezogene Exponate erweitert.

Liberale und der 20. Juli 1944

Juli 20, 2018

Graf Stauffenberg

Graf Stauffenberg Pop-Art – Design: Burkhard von Grafenstein, Frank von Grafenstein

Warum dürfen sich auch Liberale auf den 20. Juli 1944 beziehen? Die Widerstandskreise, die hinter dem Hitlerattentat des 20. Juli 1944 standen, weisen nicht nur Bezüge zum Christentum,  einem patriotischen Konservatismus und zur Sozialdemokratie, sondern auch zum Liberalismus auf.
Wortwörtlich wurden sie von Nationalsozialisten als „liberal“ gekennzeichnet:

„Das Bekenntnis zur Schuld kam aus einer ethischen Haltung, die die Stauffenbergs und ihre Freunde über die Masse der Mitläufer in allen Schichten der Gesellschaft weit heraushob. Empört stellte einer die Untersuchung gegen die Erhebung führenden Beamten der Geheimen Staatspolizei nach Monaten eingehender Verhöre fest:

‚Die ganz innere Fremdheit, die die Männer des reaktionären Verschwörerkreises gegenüber den Ideen des Nationalsozialismus kennzeichnete, kommt vor allem in der Stellung zur Judenfrage zum Ausdruck. Die Erlebnisse der Jahre [vor] 1933 und die auf ein breites Tatsachenmaterial gestützte Aufklärungsarbeit der NSDAP über die Judenfrage ist an diesem Kreis von Personen spürlos vorübergegangen. Trotz aller bitteren Erfahrungen, die das deutsche Volk und wahrscheinlich auch sie selbst bis 1933 haben machen müssen, stehen sie stur auf dem Standpunkt des liberalen Denkens, das den Juden grundsätzlich die gleiche Stellung zuerkennen will wie jedem Deutschen.‘

Die Aussagen von Berthold und Alexander Graf Stauffenberg gegenüber ihren Vernehmern belegen diese allgemeine Feststellung auch im Einzellfall.“

(Peter Hoffmann: Clauf Schenk Graf von Stauffenberg und seine Brüder, Stuttgart 1993, S. 11. Hervorhebg v. mir)

Die Opposition gegen Hitler kennzeichnete sich auch selbst als liberal:

Helmuth James Graf von Moltke berief sich bei seinen Kontaktversuchen zu den Engländern „in Istanbul auf ungenannte Personen in hohen und militärischen und zivilen Stellen, sowie andere >liberale< Elemente und Arbeitervertreter“ (S. 357).

Die Zielsetzung der Fronde des 20. Juli weist mit der Wiederherstellung der von Hitler außer Kraft gesetzten Grundrechte der Weimarer Verfassung unverkennbar liberale Gehalte auf (S. 343). Die „Regierungserklärung“, die unter Mitarbeit Stauffenbergs entstand, erkennbar aber vom wirtschaftliberalen Nationalkonservativen Carl Goerdeler geprägt war, umfasste:

Wiederherstellung des Rechts; Wiederherstellung der Moral; Kampf gegen die Lüge der Propaganda; Wiederherstellung der Freiheit des Geistes, des Gewisssens, des Glaubens und der Meinung; Erneuerung der Erziehung und Bildung der Jugend auf christlich-religiöser Grundlage bei äußerster Duldsamkeit gegenüber Andersgläubigen,…,eine neue Verfassung, grundsätzliche Freiheit der Wirtschaft; ausgleichende Sozialpolitik; … Zur Wiederherstellung des Rechts gehörten Rechtsgleichheit, …die Bestrafung rechtsbrecherischer Richter, die Sicherheit der Person und des Eigentums, die Auflösung der Konzentrationslager, die Festsetzung einer Verfassung mit Zustimmung des Volks und der Frontsoldaten… Die Judenverfolgung, ‚die sich in den unmenschlichsten und unbarmherzigsten, tief beschämenden und gar nicht wiedergutzumachenden Formen vollzogen hat‘, werde sofort eingestellt. Die Androhung, alle Rechtsbrecher werden der verdienten Strafe zugeführt, gilt natürlich auch für die hier Schuldigen.“

(S. 346 f., Hervorhebg v. mir)

Mit Karl Schenk Graf Stauffenberg engagiert sich heute ein Nachfahre (Enkel) von Claus Schenk Graf von Stauffenberg in der FDP in Bayern.