Archive for the ‘Geschichte’ Category

Leben in einer zerstörten Stadt

März 13, 2020
Parade in Münster

1945: Ein britisches Militärorchester in den Straßen Münsters. Foto: Stadt Münster, Sammlung Stadtmuseum

Münster (SMS) Am 2. April 1945 rollten britische und amerikanische Panzer durch eine Stadt, die in Asche und Ruinen versank. Die Alliierten bahnten sich ihren Weg über den Prinzipalmarkt, der wie die gesamte Innenstadt einer Trümmerwüste glich. Damit fand die zwölfjährige Herrschaft des Nationalsozialismus in Münster ihr Ende und das britische Militär übernahm die Regierungsgewalt in der Stadt: Die Nachkriegszeit hatte begonnen.
Die Bilanz des Nationalsozialismus bestand nach 1945 nur aus Zerstörung und Tod, das Leben der meisten Menschen war geprägt von der Not des Alltags und dem kräftezehrenden Wiederaufbau der Stadt. In Fotos und Filmausschnitten dokumentiert die Präsentation „Münster 1945 – 75 Jahre Ende Zweiter Weltkrieg“ im Stadtmuseum eindrucksvoll das Elend von Zwangsarbeitern und das Leben der Zivilbevölkerung ebenso wie die Zerstörung der Stadt und den Beginn der britischen Besatzungszeit.
Das Jahr 1945 steht so für vielfache Brüche und Kontinuitäten. Bedingungslose Kapitulation und die Aufteilung Deutschlands gehörten ebenso dazu wie die Tatsache, dass nur wenige Menschen zu einem Innehalten und bewussten Neuanfang fähig waren.
Die Ausstellung ist ab Freitag, 20. März, bis zum Sonntag, 24. Mai, im Museum an der Salzstraße zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Vor 75 Jahren: Auschwitz wird befreit

Januar 14, 2020

Münster (SMS) Auch fast 75 Jahre nach der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 und dem Ende der Herrschaft der Nationalsozialisten stellen sich elementare gesellschaftliche Fragen: Wie war der Holocaust möglich? Welche Rolle spielten die gewöhnlichen Menschen dabei in Deutschland und in Europa? Warum nahmen einige mit größtem Eifer an der Verfolgung von Jüdinnen und Juden teil, während andere Mitläufer waren? Warum haben so Wenige den Menschen geholfen, die zu Opfern gemacht wurden?
Die Villa ten Hompel präsentiert die Ausstellung „Einige waren Nachbarn“ vom 15. Januar bis 15. Februar im Foyer der Bezirksregierung Münster zusammen mit der Bezirksregierung Münster, dem Evangelischen Forum Münster, der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Münster, dem Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie“, der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und dem Verein „Spuren Finden“.
Die Ausstellung „Einige waren Nachbarn – Täter – Opfer und Mitläufertum“ des United States Holocaust Memorial Museum Washington D.C. soll herausfordern, über die Motive und Zwänge nachzudenken, die die Entscheidungen und Verhaltensweisen der gewöhnlichen Menschen während des Holocaust beeinflussten. Seit 2018 sind das United States Holocaust Memorial Museum Washington D.C. und der Geschichtsort Villa ten Hompel Münster offiziell Kooperationspartner.
Schirmherr der Wanderausstellung, die in NRW an mehr als 20 Orten auf Initiative der Villa ten Hompel präsentiert wird, ist Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet: „Diese besondere Ausstellung des United States Holocaust Memorial Museum Washington D.C. mahnt und ruft uns auf, aufzustehen gegen Rassismus und Antisemitismus, für Menschenwürde, Freiheit und das friedliche Zusammenleben in unserem Land.“
Der öffentliche Festakt zur Ausstellung findet am Freitag 31. Januar um 13 Uhr im Foyer der Bezirksregierung Münster am Domplatz mit Sara J. Bloomfield (Direktorin des United States Holocaust Memorial Museum Washington), Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (Antisemitismus-Beauftragte von NRW), Dorothee Feller (Regierungspräsidentin Münster), Markus Lewe (Oberbürgermeister der Stadt Münster) und Christoph Spieker (Leiter der Villa ten Hompel) statt. Gäste sind herzlich willkommen.
Info:
„Einige waren Nachbarn – Täter – Opfer und Mitläufertum“ im Foyer der Bezirksregierung Münster, Domplatz 1-3, 15. Januar bis 15. Februar. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 9 bis 16 Uhr, samstags 9 bis 13 Uhr. Der Eintritt ist frei.
Gruppen, insbesondere Schulklassen, aber auch Studenten und Gruppen der Erwachsenenbildung, können bei der Villa ten Hompel drei pädagogische Angebote buchen: Einen Ausstellungsrundgang, ein Kombiangebot aus Rundgang und lokalhistorischem Stadtrundgang und einen Workshop. Zudem wird ein umfassendes Begleitprogramm sowohl in der Villa ten Hompel wie auch in der Bezirksregierung angeboten: www.villatenhompel.de

Ausstellung in Münster

Blick in die Ausstellung „Einige waren Nachbarn – Täter – Opfer und Mitläufertum“ Foto: Stadt Münster

Die Villa ten Hompel erforscht seit 20 Jahren die NS-Zeit

Dezember 19, 2019

Der Stab des Befehlshabers der Ordnungspolizei Heinrich Lankenau (fünfter von rechts) am 11.10.1941 (50. Geburtstag Lankenaus). Foto: Villa ten Hompel

Das Jahr geht dem Ende zu, Zeit, Bilanz zu ziehen. Besonders gilt dies für den Geschichtsort Villa ten Hompel, der gerade sein 20jähriges Bestehen mit einer Matinee beging. Die Villa ten Hompel, im 3. Reich Sitz eines Befehlshabers der Ordnungspolizei, ist nicht nur ein Museum, sondern auch Veranstaltungs- und Bildungsort, der nicht zuletzt historisch Forschenden vom Schüler bis zum Doktoranden mit Rat und Hinweisen zur Seite steht, wenn es um die NS-Zeit geht. Kernthema der Villa ist aber die Rolle der Ordnungspolizei in der NS-Zeit, insbesondere ihre Beteiligung am Völkermord an den Juden. Die Frage nach den Motiven der Beteiligten treibt die Historiker in der Villa bis heute um, allen voran Dr. Christoph Spieker, der mir einige Fragen beantwortete:

Wie bzw. warum kam es aus Sicht der Villa ten Hompel zur Entstehung des Nationalsozialismus? Was sind die Ursachen und die Beweggründe für den Völkermord an den Juden gewesen?

„Ihre Frage, wie es zur Entstehung des Nationalsozialismus kam, möchte ich exemplarisch mit zwei Hinweisen beantworten:

der Existenz und Propaganda einer nationalen Hybris,

der Konstruktion einer künstlich erzeugten sogenannten ‚Volksgemeinschaft‘, die politisch, religiös und gesellschaftlich Unerwünschte ausschloss,

dem ungebrochenen Militarismus ohne Akzeptanz der Kriegsschuld und -niederlage,

sowie einem Antisemitismus in einer Gesellschaft, die in demokratische Regeln nur flüchtig eingeübt war.

Im letzten Punkt sind auch Ursachen für die schrecklichen Gewalttaten gegen die Menschen zu suchen, die die Nationalsozialisten nicht in ihrer ‚Volksgemeinschaft‘ haben wollten und sie zwangsweise ausschlossen, sterilisierten und ermordeten.“

Wie verhält sich die Villa ten Hompel zur Aussage des Buchs Hitler’s Willing Executioners von Daniel J. Goldhagen, wonach ganz gewöhnliche Deutsche überzeugte Vollstrecker des Holocaust gewesen seien?

„Der Geschichtsort Villa ten Hompel entstand kurz nach der Diskussion um die Bücher von Daniel J. Goldhagen und Christopher Browning, die nicht nur in der Geschichtswissenschaft große Resonanz fanden. Beide Arbeiten basieren auf Ermittlungen gegen Polizeibataillone, wie Sie vom Befehlshaber der Ordnungspolizei im Wehrkreis VI mit Sitz in der Villa ten Hompel in den Jahren von 1940-44 aufgestellt und als Teilnehmer in den ‚Weltanschauungskrieg‘ entsandt wurden. In unserer Forschungs- und Bildungsarbeit im Geschichtsort Villa ten Hompel beschäftigen wir uns seit Gründung der Gedenkstätte vor knapp 20 Jahren mit nationalsozialistischen Tätern. Wissenschaftliche Grundlage bieten dabei Pionierarbeiten wie die Brownings, der (deutlicher als Goldhagen) individuelle Tatmotive und konkrete Handlungskonstellationen in den Blick nahm, um zu erklären, wie aus ‚ganz normalen‘ Polizisten (in Anlehnung an Brownings wegweisende Studie der ‚ordinary men‘) Täter werden konnten, die sich teils ohne eindeutige Befehle und für zahlreiche Fälle nachweisbar freiwillig an Kriegsverbrechen beteiligt haben. Darüber hinaus fragen wir nach der Verantwortung von ‚ganz normalen‘ Beamten, die als ‚Schreibtischtäter‘ eine zentrale Funktion im nationalsozialistischen Verfolgungsapparat übernahmen.

Je intensiver wir uns mit Motiven dieser Ordnungspolizisten beschäftigen, desto facettenreicher wird unser Bild von Tätern, aber auch von Opfern und so genannten ‚Bystandern‘ des Holocaust. Was wir zweifelsohne feststellen können: Ohne die ‚gewissenhafte‘ und ‚gründliche‘ Arbeit der Polizei und der Verwaltungen hätte der Völkermord nicht seine grausame, für die Opfer besonders tragische, bürokratische Effizienz erlangen können. Hier knüpfen wir an die so genannte neuere Täterforschung an. Dabei versuchen wir auch weniger ‚prominente‘ Täter in den Blick zu nehmen und beschäftigen uns auch mit den ‚kleineren‘ Verwaltungsbeamten aus der Region, um die Alltäglichkeit der NS-Verbrechen zu unterstreichen.

Warum wurde Ihr Institut ausgerechnet in Münster gegründet? Es gab doch auch höhere Ordnungspolizeikommandaturen andernorts. Geht das auf das Engagement einer bestimmen Person zurück oder zeichnete sich die Ordnungspolizei, die von Münster aus befehligt wurde, durch irgendwelche historischen Besonderheiten aus?

Ich denke beide Gründe spielen eine Rolle: Einerseits hatte der Geschichtslehrer Winfrid Nachtwei (später MdB der Grünen)  in seinen Forschungen die Villa als historischen Ort entdeckt, andererseits ist Münster mit mehr als 20 Bataillonen einer der ‚größten‘, personalintensivsten BdO-Standorte.

Aber die Zahlen sind erst im Laufe der Forschungen deutlich geworden, also hat Ersteres mehr Wahrscheinlichkeit.

Was wussten die ganz gewöhnlichen Deutschen vom Holocaust, bzw. war es möglich, dass sie im Einzelfall zumindest von den Vernichtungslagern im Osten nichts wussten?

„Ich bin immer davon ausgegangen, dass die Vertreibung der Juden sehr bekannt war, die ‚Greuel der SS‘ sprichwörtlich oft kolportiert wurden – z.B. ein Geistlicher in Südlohn von der Kanzel – die Dimension der Vernichtung  – mit den Massenerschießungen und Gaskammern – sich aber nicht allen erschlossen hat. BBC hat berichtet, die niederländischen Zeitungen auch, der Polizist Henneboel berichtet aus den Niederlanden, dass Kollegen gesagt hätten, die Deportierten kämen ‚bald aus den Schornsteinen‘ … usw.

Kurz: Fragmentarisches Wissen gab es, Zeugen sicher auch, der Historiker Heinz Boberach beispielsweise hat uns versichert, seit 1942 von der Vernichtung gewusst zu haben.“

Für die einen Kriegerdenkmäler, für die anderen Steine des Anstoßes

April 23, 2019

Farbbeschmierungen am häufig kritisierten Dreizehner-Denkmal. Foto: Stadt Münster/ Fritz von Poblotzki

Münster (SMS) Kein Jahrhundert brachte so viele Denkmäler hervor wie das 20. Jahrhundert. Auch in Münster und Umgebung prägte sich eine Gedenklandschaft mit zahlreichen Kriegerehrenmalen aus, die überwiegend nach dem Ersten Weltkrieg entstanden sind. Sie dienten der ehrenden Erinnerung an gefallene Soldaten. Ihre Erinnerungsmotive werden heute kritisch hinterfragt.
Max Twickler vom Institut für Didaktik der Geschichte der Universität Münster blickt am nächsten Themenabend des Stadtarchivs auch über Münster hinaus und führt in die Entwicklung der Kriegerdenkmalskultur in Deutschland ein. Im Mittelpunkt stehen dabei die Weimarer Jahre. Daneben geht es um die identitätsstiftende Funktion der Ehrenmale zum Zeitpunkt ihrer Setzung.
Wie stellen wir uns heute zu den Erinnerungsmotiven der Kriegerehrenmale? Welche Rolle spielen sie in der heutigen geschichtskulturellen Auseinandersetzung? Fragen, zu denen Denkanstöße gegeben werden sollen.
Im Kern befasst sich der Referent mit der münsterschen Denkmallandschaft und ihren Veränderungen. Er konzentriert sich dabei auf die Debatte um die steinernen Erinnerungsorte in Münster, wobei auch die Rolle verschiedener Gremien der Stadtpolitik angesprochen wird. Anhand themenbezogener Geschichten aus dem Münsterland zeigt Twickler Möglichkeiten des künftigen Umgangs mit den steinernen Zeugen ihrer Zeit auf und erläutert, wie sich die einzelnen Vorgehensweisen begründen lassen. Eine Diskussion schließt sich an.
Info: Der Themenabend beginnt am Donnerstag, 25. April, um 18 Uhr im Stadtarchiv, An den Speichern 8. Um Anmeldung wird gebeten per E-Mail an archiv@stadt-muenster.de oder unter Tel. 02 51/4 92-47 01. Detaillierte Informationen zu den Kriegerdenkmälern, Mahnmalen und Kriegsgräberstätten im Stadtgebiet von Münster finden sich im Stadtnetz unter www.stadt-muenster.de/kriegerdenkmale/startseite

Münster: Mit dem OB durch Kasernen spazieren

Oktober 17, 2018

Uhrturm-Gebäude in der Oxford-Kaserne; Arbeitsgemeinschaft OXF (Kéré Architecture, Schultz-Granberg Städtebau+Architektur, bbz landschaftsarchitekten, Prof. Mathias Uhl Siedlungswasserwirtschaft)

Münster (SMS) Jahrzehntelang waren die Oxford-Kaserne in Gievenbeck und die York-Kaserne in Gremmendorf für die Bürgerschaft unzugänglich. Nun hat die Stadt die Kasernengelände vom Bund gekauft und aus ehemals militärischem Sperrgebiet sollen „Zwei Stück Münster-Zukunft“ werden, zwei neue Stadtquartiere mit Platz zum Wohnen, Arbeiten und Leben. Die ersten Schritte auf dem Weg in die Zukunft macht Oberbürgermeister Markus Lewe gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern. Er lädt am Sonntag, 28. Oktober, zu geführten Spaziergängen über die Kasernen ein. Nach der symbolischen Übergabe der Kasernen an die Münsteranerinnen und Münsteraner sollen im November weitere Führungen folgen.

Zum Beginn der Rundgänge begrüßen der Oberbürgermeister und Stadtbaurat Robin Denstorff die Gäste bei einem Gläschen  Sekt. Geführt von Fachleuten aus dem Planungsamt und dem Tiefbauamt begeben sich Interessierte dann auf eine Zeitreise und werfen Blicke in die Vergangenheit und Zukunft der beiden Kasernen.
Erstmals sind auch einige Gebäude von innen zu sehen, so der Uhrenturm der Oxford-Kaserne oder das Offizierskasino der York-Kaserne. Beide sollen zu Begegnungsstätten ausgebaut werden.

Zu den Höhepunkten der Führungen zählen 40 Meter lange Bauzaun-Ausstellungen in der großen Turnhalle der Oxford-Kaserne und der alten Panzerhalle der York-Kaserne. Sie dokumentieren die Geschichte der Kaserne und zeigen anschaulich die Entwürfe der künftigen Stadtquartiere.

An markanten Stellen auf beiden Kasernengeländen stehen Schaufenster in die Zukunft: große Banner mit einer Animation der künftigen Ansicht. Spannend wird es auch auf dem Exerzierplatz der Oxford-Kaserne. Hier markiert die Münster School of Architecture (MSA) die Umrisse der geplanten Gebäude.

Pro Kaserne gibt es vier geführte Spaziergänge für jeweils 30 Personen. Die Führungen starten in beiden Kasernen um 11 Uhr, um 12.30 Uhr, um 14 Uhr und um 15.30 Uhr (Dauer: eine Stunde; Teilnahme kostenfrei). Anmeldung erforderlich auf der Website www.zukunft-muenster.de oder telefonisch unter 02 51/4 92-27 85 (Mo-Fr 10-12 Uhr). Die Plätze werden in der Reihenfolge der Anmeldungen vergeben.

Historikertag: Wolfgang Schäuble sieht zunehmende Spaltung der Gesellschaft

September 25, 2018

Münster, 25. September 2018 (exc) Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble sieht die deutsche Gesellschaft zunehmend in „ängstliche“ und in „selbstbewusste“ Gruppen gespalten. Die einen begegneten der global vernetzten Welt „rückwärtsgewandt“, die anderen „zukunftsoffen“, sagte er am Dienstagabend zur Eröffnung des 52. Deutschen Historikertags an der Universität Münster, der sich bis Freitag mit dem Thema „Gespaltene Gesellschaften“ befasst. Der soziale Zusammenhalt sei vielerorts in Gefahr, so der Politiker. Es gelte, „den unausweichlichen Wandel für alle erträglich zu gestalten, die Sorgen ernst zu nehmen und Zutrauen in die Zukunft zu vermitteln.“ Die Zersplitterung der Öffentlichkeit, auch in sozialen Medien, sei eine Herausforderung für die Demokratie. Die Debatten würden rigider als früher geführt und „zunehmend unversöhnlich – bis zur Gewalt auf der Straße. Da gilt es den Anfängen zu wehren.“

Die Eröffnungsredner des Historikertags.

Von links: Ulrich Bongertmann, Vorsitzender des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD), Khadija Arib, Vorsitzende der Zweiten Kammer des niederländischen Parlaments, Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble, Prof. Dr. Eva Schlotheuber, Vorsitzende des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD), WWU-Rektor Prof. Dr. Johannes Wessels (verdeckt), NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, Schirmherr des Historikertags (Foto: Thorsten Marquardt).

Der Geschichtswissenschaft kommt nach den Worten von Schäuble eine bedeutende Rolle zu: „In derart aufgewühlten Zeiten kann der Blick in die Geschichte helfen – nicht als nostalgischer Rückzugsraum, sondern um die aktuellen Entwicklungen in größere historische Linien einzuordnen und besser zu verstehen.“ So lasse sich heute auch „unnötigen Dramatisierungen“ entgegenwirken. Die Geschichtswissenschaft selbst sehe sich einem Populismus ausgesetzt, der wissenschaftliche Erkenntnis in Frage stelle. Umso mehr sollten Historiker die eigene Expertise auch außerhalb von Fachkreisen verständlich vermitteln. „Selbstreflexiv, kritisch und als Widerhaken in Komfortzonen, in denen wir uns als erinnernde Gesellschaft eingerichtet haben.“

Zur Eröffnungsfeier kamen rund 800 Gäste aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. Es sprachen auch der Schirmherr des Historikertags, NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, sowie Schäubles niederländische Amtskollegin Khadija Arib, Vorsitzende der Zweiten Parlamentskammer, und der Vorsitzende des Geschichtslehrer-Verbands (VGD), Ulrich Bongertmann. Auf den Festakt folgte ein Empfang des NRW-Ministerpräsidenten im Schloss. Die Niederlande sind in diesem Jahr Partnerland des Historikertages. Auf dem größten geisteswissenschaftlichen Kongress Europas befassen sich rund 3.500 Forscher aus dem In- und Ausland in gut 90 Sektionen mit Forschungen zu gesellschaftlichen Spaltungen.

„Historische Kenntnis schult Kritikfähigkeit, Toleranz, Dialogbereitschaft“

Die Vorsitzende des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD), Prof. Dr. Eva Schlotheuber, hob die „bedrückende Aktualität“ hervor, die das Kongress-Thema „Gespaltene Gesellschaften“ in den vergangenen Wochen erhalten habe. „Zwar erscheint im historischen Vergleich, etwa zu früheren Standesgesellschaften oder der Weimarer Republik, unsere heutige Gesellschaft eher gut integriert und konsensfähig.“ Im Zuge der Globalisierung und Digitalisierung hätten sich die Rahmenbedingungen aber enorm gewandelt. „Die Stimmenvielfalt ist durch die sozialen Medien hörbarer.“ Das werde oft als Fragmentierung beschrieben. Eher komme es aber zu einer „Verdichtung: Wir hören und wissen mehr, direkter und schneller voneinander.“ Angesichts der heute engeren Beziehungen im Internet bedürfe es neuer Umgangsregeln. „Die Größe oder Tiefe des Dissenses macht also nicht den Unterschied, sondern die Wahrnehmbarkeit und der Umgang damit.“ Schlotheuber: „Es ist wichtig, dass sich Historikerinnen und Historiker öffentlich zu Wort melden. Historische Kenntnis schult Kritikfähigkeit, Toleranz und Dialogbereitschaft.“

Historikertag über „Gespaltene Gesellschaften“

September 25, 2018

Frankfurt/Münster, 25. September 2018 (vhd) In der Zeit vom 25. bis 28. September 2018 findet an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) der 52. Deutsche Historikertag unter dem Motto „Gespaltene Gesellschaften“ statt. Heute abend wurde der Historikertag feierlich eröffnet. Mehr als 3500 Besucher werden erwartet. 500 Referenten aus dem In- und Ausland tauschen sich in über 100 Sektionen zu aktuellen Forschungsthemen aus. Partnerland des diesjährigen Historikertages sind die Niederlande.

In allen Gesellschaften in Gegenwart und Geschichte sind Schichtungen, Teilungen oder auch Spaltungen durchaus üblich. Die Stimmenvielfalt ist natürlich umso hörbarer, je mehr gesellschaftliche Gruppen sich wie heute an dem politischen Willensprozess beteiligen. Historiker und Historikerinnen aus dem In- und Ausland werden auf dem Historikertag in Münster die langen und oftmals mühsamen Prozesse aufzeigen und diskutieren, in denen von der Antike bis zur Gegenwart immer neue Herausforderungen bewältigt werden mussten. „Die Geschichte kann und soll neue Verständnishorizonte eröffnen, Entwicklungen kritisch hinterfragen und erklären. Auf diese Weise entsteht ein gemeinsamer Erfahrungsraum, unser kulturelles Gedächtnis. Es ist letztlich dieser Erfahrungsraum, der unsere Bewertungsmuster, Ziele und Visionen für die Zukunft formt“, so die Vorsitzende des Verbandes der Historiker und  Historikerinnen Deutschlands (VHD), Prof. Dr. Eva Schlotheuber.

In über 100 wissenschaftlichen Sektionen wird die historische Perspektive auf „gesellschaftliche Spaltungen“ aus unterschiedlichen Forschungsblickwinkeln und bezogen auf alle Epochen eingenommen. Die aktuelle Relevanz des Mottos wird in einigen Veranstaltungen unmittelbar erkennbar. Um etwa der Frage nachzugehen, wie Historikerinnen und Historiker auf Rechtsextremismus, Demokratieverachtung, Fremdenfeindlichkeit und Verrohung reagieren können, veranstaltet der VHD eine Podiumsdiskussion mit dem Titel „Bedeutet die neue Rechte eine Gefahr für die Demokratie?“. Sie findet statt am Mittwoch, dem 26. September 2018, von 13:30 Uhr bis 14:30 Uhr im Juridicum Raum 4. Inhaltlich anschließend wird in einer zusätzlichen Sektion unter dem Titel „Die Komfortzone verlassen? Zur politischen Relevanz von Geschichtswissenschaft heute“ diskutiert, wie sich unsere Einsichten in die historische Dimension gegenwärtiger Probleme und Gestaltungsaufgaben überhaupt für politische Debatten und Entscheidungen fruchtbar machen lassen.  Diese Veranstaltung ist öffentlich und nicht nur für angemeldete Teilnehmer zugänglich. Sie findet am Mittwoch, dem 26. September 2018, um 18:30 Uhr im Juridicum Raum 1 statt.

Partnerland des 52. Deutschen Historikertages ist unser Nachbar die Niederlande. Die Verbindung Münsters zu den Niederlanden sei traditionell eng, wie Prof. Dr. Peter Funke, Sprecher des Ortskomitees des Historikertages Münster betont. Nicht nur, dass mit dem „Friede von Münster“ 1648 die Geburt der Niederlande einherging, es existieren seitdem vielfältige kulturelle und wissenschaftliche Beziehungen, die weiter vertieft werden sollen. In einer gemeinsamen Veranstaltung des VHD mit seinem Partnerverband, der Koninklijk Nederlands Historisch Genootschap (KNHG) zum Westfälischen Frieden 1648/2018 wird nach dessen Wirkmächtigkeit bis heute gefragt. Die Podiumsdiskussion findet am Donnerstag, dem 27. September 2018, von 9 Uhr bis 11 Uhr im Juridicum Raum 4 statt.

Weitere Programmpunkte

Neben den wissenschaftlichen Sektionen bietet der Historikertag im LWL Museum für Kunst und Kultur weitere Foren für die Digitale Geschichtswissenschaft, für Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer. Erstmals wird es auf dem Historikertag ein Nachwuchsforum geben. Hier können sich Nachwuchsforscherinnen und -forscher über Berufs- und Karriereplanungen informieren und sich vernetzen. Die schon bewährte Posterausstellung laufender Promotionsprojekte findet dort ebenfalls ihren Platz. Universitäre und außeruniversitäre Einrichtungen stellen sich im Forum „Geschichte vor Ort. Forschung und Beruf in Westfalen“ vor. Darüber hinaus informiert eine große Verlags- und Fachausstellung über aktuelle Programme und Vorhaben aus Wissenschaft, Kultur und Bildung.

Ein vielfältiges Begleitprogramm in Münster und Umgebung öffnet den Historikertag in die Stadt hinein. Das gesamte Programm ist unter www.historikertag.de abrufbar.

Münsters Kriegerdenkmäler im Internet

September 9, 2018

Münster (SMS) „Es gibt nichts auf der Welt, was so unsichtbar wäre wie Denkmäler. Sie werden doch zweifellos aufgestellt, um gesehen zu werden, ja geradezu, um die Aufmerksamkeit zu erregen“, so beschrieb der Schriftsteller Robert Musil im Jahr 1927 seine Einstellung zu Denkmälern. Dies gilt auch heute noch für einige Denkmäler in Münster. Das Kriegerdenkmal am Mauritztor kann dagegen schon aufgrund seiner Größe kaum übersehen werden. Dennoch: wann ist es entstanden, wer hat es angeregt und wie dachten die Münsteraner über dieses mächtige Exemplar?
Antworten auf Fragen wie diese bietet ein neues stadtgeschichtliches Angebot des Stadtarchivs im Internet. Es gibt einen Überblick über die Denkmallandschaft Münsters. Alle im öffentlichen Raum vorhandenen Gedenktafeln, Ehrenmale, Kriegerdenkmale, Mahnmale und Kriegsgräberstätten sind darin nach einem einheitlichem Raster erfasst und beschrieben.
Die neue Website bietet die Möglichkeit, einen Einblick in die geschichtlichen Hintergründe und kurz gefasste Informationen als ersten Ansatzpunkt einer Beurteilung der Denkmäler zu erhalten.  Das in Kooperation mit der Online-Redaktion des Presse- und Informationsamtes entstandene Angebot findet sich ab sofort unter www.stadt-muenster.de/kriegerdenkmale.
Die Internetpräsentation geht über die vom Stadtarchiv 2013 vorgestellte gedruckte Dokumentation „Erinnern im öffentlichen Raum. Kriegerdenkmäler – Ehrenmale – Mahnmale und Kriegsgräberstätten in Münster“ hinaus und erfasst auch die seitdem eingeweihten Gedenkobjekte. Außerdem weicht es in der Einteilung der Denkmäler insofern ab, als zwei neuen Rubriken „Erinnern nach 1945“ und „Erinnern nach 2000“ in rein chronologischer Gliederung nach Datum der Einweihung entstanden sind.
Möglichst alle Krieger-Denkmäler, Erinnerungs- und Gedenkorte sowie Grabstätten und Friedhöfe, die in Zusammenhang stehen mit kriegerischen, gewaltvollen Auseinandersetzungen und Ausgrenzungen, ihren Opfern und Folgen, wurden systematisch erfasst, eingeordnet und einheitlich beschrieben. Dabei erfuhr auch die öffentliche Wahrnehmung der Gedenkorte in Ansätzen Beachtung. Denn die Interpretation eines Denkmals kann sich durchaus ändern; wie auch das Denkmal selbst, etwa durch das Anbringen ergänzender Texttafeln.
Für alle Erinnerungsmale ist gefragt worden, mit welcher Motivation sie errichtet wurden, wer sie initiiert und wer sie wie gestaltet hat. Auch den geschichtlichen Hintergründen widmet  sich das neue Angebot des Stadtarchivs.
Um in diese Sammlung aufgenommen zu werden, muss ein Denkmal oder Mahnmal an gefallene Soldaten oder zivile Opfer von Kriegen, von regime- und kriegsbedingtem Terror und Gewalt erinnern. Ebenfalls erfasst wurden Denkmäler, die als Mahnungen zum friedlichen Zusammenleben aufgefasst werden können. Formen des Gedenkens innerhalb weltlicher und kirchlicher Gebäude sind nicht erfasst worden.

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Das Kriegerehrenmal am Mauritztor ist ein Beispiel aus dem neuen Internetangebot des Stadtarchivs. Es wurde 1909 eingeweiht und soll an die Gefallenen der deutschen Einigungskriege erinnern. Foto: Stadtarchiv Münster

Jugend im Gleichschritt – Ausstellung über HJ

August 23, 2018
Kinder in HJ-Uniform

Diese Postkarte von Berta Hummel mit zwei Kindern in HJ-Uniform (Foto) trägt den Schriftzug „Lieb Vaterland, magst ruhig sein!“. Foto: Stadt Münster

Münster (SMS) Die offizielle Gründung der Hitlerjugend erfolgte am 4. Juli 1926 beim zweiten Parteitag der NSDAP in Weimar. Bereits 1922 hatte es einen Vorläufer gegeben, den „Jugendbund der NSDAP“, der allerdings verboten worden war. In den Jahren von 1926 bis 1933 hatte die Jugendorganisation nur eine begrenzte Anzahl von Mitgliedern, was sich durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 änderte. In der  NS-Diktatur war die Hitlerjugend eine der zentralen Organisationen zur Prägung nachfolgender Generationen im Sinne des Regimes. Im Stadtmuseum wird ab dem 30. August eine Ausstellung zur Hitlerjugend gezeigt. Die Präsentation „Jugend im Gleichschritt!? Die Hitlerjugend zwischen Anspruch und Wirklichkeit“ ist eine Wanderausstellung des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln. Sie wird durch münsterbezogene Exponate erweitert.

Schottenportal in Regensburg

Juli 30, 2018