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Dominique Sarres: Für ein Recht auf Cannabis-Rausch

Dezember 15, 2016

Die Legalisierung von Cannabis findet immer mehr Fürsprecher. Der liberale Münsteraner Cannabis-Aktivist Dominique Sarres stand mir für ein Interview zur Verfügung. Er betreibt auf Facebook die Seite Marlene Mortler absetzen, die sich gegen die Drogenbeauftragte der Bundesregierung richtet.

BvG: Herr Sarres, Sie betreiben auf Facebook eine erfolgreiche Seite mit der Losung „Marlene Mortler absetzen“, die Sie auch auf T-Shirts drucken. Warum haben Sie sich gerade auf die Drogenbeauftragte der Bundesregierung eingeschossen?

Sarres: Marlene Mortler personifiziert wie kaum ein anderer Politiker die Bigotterie und Starrsinnigkeit der gesamten Bundesregierung im Hinblick auf den Erhalt einer veralteten und nachweislich ineffektiven und sogar insbesondere für Kinder und Jugendliche schädlichen Drogenpolitik. Man muss sich einmal vor Augen führen, dass die Politik zwar immer stets bemüht ist, den Schutz der uns nachfolgenden Generation durch
eine simple Verbotspolitik wie eine Monstranz vor sich her zu tragen, in Wirklichkeit mit der derzeitigen Gesetzgebung jedoch nichts anderes tut, als den illegalen Schwarzmarkt mit all seinen negativen und kriminellen Begleiterscheinungen zu schützen. Denn keinen Dealer interessiert es, wie alt der Käufer ist. Deswegen wird er auch wohl kaum nach einem Personalausweis fragen. Ebenso problematisch ist, dass keiner weiß, ob nicht
Streckmittel wie etwa Bleisulfat zugesetzt wurden. Auch weiß kein Käufer wirklich, wieviel THC eigentlich in dem gekauften Cannabis enthalten ist.

BvG: Wie verbreitet ist eigentlich der Cannabis-Konsum in der deutschen Gesellschaft?

Sarres: Dazu gibt es verschiedene Annahmen. Mindestens wird von etwa vier bis sieben Millionen Konsumenten ausgegangen. Wahrscheinlich ist jedoch, dass sich die Zahl im zweistelligen Millionenbereich bewegt. Es ist die Frage, ob man nur Personen mit einbezieht, die täglich konsumieren, oder auch jene, die das sporadisch
am Wochenende tun, statt eben ein Bier oder ein Glas Wein zu trinken. Gleich wie man es betrachtet, unter der derzeitigen Rechtslage ist jeder von diesen Konsumenten für den Staat ein Krimineller. Auch wenn diese Menschen niemandem schaden, nach medizinischen Erkenntnissen nicht mal sich selbst. Die Rechtslage ist
paradoxerweise so, dass zwar der Konsum legal ist, der Besitz und der Erwerb jedoch illegal. Das an sich zeigt bereits, wie absurd die derzeitigen Gesetze sind. Wenn man Cannabis konsumieren möchte, ohne mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen, müsste man sich einen Affen halten und diesen entsprechend darauf dressieren, einen Joint drehen zu können und je nach Bedarf durch die Runde reichen zu lassen.

BvG: Sie sind für die vollständige Legalisierung von Cannabis?

Sarres: Wenn die Frage dahin abzielt, ob Cannabis auch als Genussmittel für Erwachsene erhältlich sein sollte, dann ja. Es wäre absurd, anzunehmen, dass eine Legalisierung als medizinisches Cannabis ausreichend wäre, um kriminellen Strukturen die Geschäftsgrundlage zu entziehen. Hier muss man schon unterscheiden zwischen medizinischer Notwendigkeit und entsprechender fachärztlicher Betreuung sowie dem Wunsch nach gelegentlicher Entspannung. Der Konsum von Cannabis auch als Genussmittel ist weit verbreitet, zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten und wird auch weiter bestehen bleiben.

BvG: Was ist der Unterschied zwischen Legalisierung und Entkriminalisierung?

Sarres: Die von mir befürwortete Entkriminalisierung heißt, den Besitz von Cannabis nicht mehr unter Strafe zu stellen und damit letztlich Polizei und Justiz zu entlasten. Zudem könnten Bund, Länder und Kommunen jährlich Milliarden an Mitteln für die sinnlose Strafverfolgung einsparen und in andere Maßnahmen investieren oder sogar Steuern senken, wie es etwa in Colorado geschehen ist. Für den Verbraucher hat die  Kriminalisierung weit schlimmere Konsequenzen als der Genuss selbst. Man denke nur an junge Auszubildende oder Studenten oder Personen, die auf den Führerschein angewiesen sind, der regelmäßig entzogen wird, und zwar auch dann, wenn nachweislich keine Rauschfahrt vorliegt. Es reicht oft der bloße Verdacht. Das kann erhebliche
persönliche und berufliche Konsequenzen nach sich ziehen, die einfach  unverhältnismäßig sind zu der vermeintlichen Straftat.

BvG: Warum dann nicht auch Legalisierung?

Sarres: Auch die befürworte ich. Mit dem Begriff „Legalisierung“ ist im Grunde die Regulierung des Cannabisverkaufs gemeint. Der Verkauf würde über niedergelassene und lizenzierte Fachgeschäfte erfolgen, deren Mitarbeiter befähigt sind, Kunden zu beraten. Denn damit wird es für Konsumenten uninteressant, Cannabis auf dem Schwarzmarkt zu kaufen, wo sie weder die Herkunft noch die Sorte oder den Gehalt an THC oder CBD in Erfahrung bringen können. In einem Fachgeschäft wäre das alles deklarationspflichtig. Die Transparenz würde erhöht. Ganz nebenbei sorgt man so auch für eine steigende Zahl an sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. In den USA spricht man bereits von einem
„Job-Wunder“.

BvG: Aber was ist mit Kindern?

Sarres: Der Verkauf an Minderjährige sollte natürlich weiterhin unter Strafe stehen und entsprechend geahndet werden.

BvG: Gibt es für Sie ein Recht auf Rausch?

Sarres: Eine Welt ohne Rausch ist schlicht illusionär. Schon archäologische Funde belegen, dass die Menschheit sich stets mit Drogen berauschte. Und dies tut sie bis heute, völlig unabhängig von der Frage, ob politische Verantwortliche dazu Verbote erlassen. Einem mündigen, erwachsenen Bürger sollte nicht vorgeschrieben werden, was er zu tun oder zu lassen hat, sofern er nicht Dritten mit diesen Handlungen schadet.

BvG: Wo gibt es noch politische und gesellschaftliche Widerstände dagegen?

Sarres: Die Widerstände machen sich vor allem in den sogenannten Volksparteien wie CDU/CSU und SPD bemerkbar. Aber es wäre zu kurz gegriffen, es darauf zu reduzieren. So ist zum Beispiel auffällig, dass selbst die Grünen, die für die Einbringung des  Cannabiskontrollgesetzes in den Bundestag wirklich unseren Dank verdient haben, einmal in Verantwortung wie mit Kretschmann in Baden-Württemberg schnell geneigt sind, ihre Versprechen zu vergessen. In anderen Bundesländern und Kommunen hingegen tun sich Grüne, FDP und Linke zusammen, um etwa Anträge für Modellprojekte zu stellen. Man merkt, es bewegt sich etwas.

BvG: Cannabis gilt doch aber als eine Einstiegsdroge?

Sarres: Ich bemühe bei dieser absurden Behauptung immer gerne die eigens vom Bundesministerium für Gesundheit 1997 in Auftrag gegebene „Kleiber-Studie“. Das Bundesministerium wurde dereinst bezeichnenderweise noch geführt vom heutigen CSU-Chef Horst Seehofer. Die Studie kommt klar zu dem Ergebnis, dass Cannabis eben keine sogenannte „Schrittmacherfunktion“ für den Umstieg auf andere Substanzen besitzt. Im Gegenteil könnte man Cannabis sogar als „Ausstiegsdroge“ bezeichnen. Denn es hilft regelmäßig Menschen, von anderen potenziell weit schädlicheren Drogen wie Opioiden oder Alkohol loszukommen.

BvG: Drohen aber nicht gesundheitliche Beeinträchtigungen bei Cannabis-Konsum wie zum Beispiel Psychosen?

Sarres: Wir sprechen hier natürlich von einer bewusstseinsverändernden Droge. Es ist klar, dass der Konsum natürlich auch Nachteile haben kann. Das ist aber wie bei anderen Drogen auch stets abhängig von der Art und Häufigkeit des Konsums. Wer jeden Tag Bier trinkt, wird auch irgendwann Beeinträchtigungen seiner geistigen Gesundheit haben. Trotzdem wäre es falsch, in Cannabis grundsätzlich einen Auslöser für eine  Verschlechterung der psychischen Gesundheit zu sehen. Studien zeigen vielmehr, dass solche aus vorab bestehenden Stimmungen und Problemen resultieren und weniger aus der pharmakologischen Wirkung der Cannabinoide.

BvG: Macht Cannabis-Konsum aber nicht faul?

Sarres: Das ist ebenso ein Mythos wie der Punkt Einstiegsdroge. Es gibt keine fundierten Belege, dass Cannabis zu einem amotivalen Syndrom führen könne. Hier sind  wir im Bereich der Klischees. Es gibt grundsätzlich faule Menschen. Einige davon konsumieren Cannabis, andere Tabak oder Alkohol. Und es gibt zahlreiche Gegenbeispiele
wie erfolgreiche Schauspieler, Musiker, Künstler, auch Politiker, die schon zugaben, Cannabis konsumiert zu haben oder immer noch zu konsumieren.

BvG: Nachdem alle vorgebrachten Argumente gegen Cannabis ihrer Meinung nach nicht stichhaltig sind, warum eigentlich ist Cannabis immer noch verboten?

Sarres: Das hat nicht zuletzt historische Gründe. Der Feldzug gegen Cannabis begann schon in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts, kurz nachdem die Prohibition von Alkohol gescheitert war. Die nun sozusagen arbeitslos gewordenen, selbsternannten Weltverbesserer wie Harry J. Anslinger mussten sich eine andere Beschäftigung
suchen und kamen schnell auf die Idee, Cannabis zu verbieten. Man versuchte so, neben wirtschaftlichen Interessen, wie der Verhinderung einer entsprechenden Hanfindustrie, gleichzeitig rassistische Ressentiments zu schüren. Daher rührt auch die mehrheitlich in den USA übliche Bezeichnung von Cannabis als „Marihuana“. Dies klingt fremd, mexikanisch. Nachdem nämlich einige Mexikaner in den USA zu Wohlstand und Einfluss gekommen waren, versuchte man sie zu stigmatisieren. Auch Nixon tat dies einige Jahrzehnte später mit der Schaffung des sogenannten „Krieges gegen die Drogen“. Der ehemalige Berater John Ehrlichman offenbarte später, dass das Ziel der Kampagne die Diffamierung der politischen Gegner war. Dazu zählten Liberale, Bürgerrechtler und afroamerikanische Aktivisten. Man wollte dafür sorgen, dass die Öffentlichkeit Hippies mit Marihuana und Schwarze mit Heroin assoziierte und beides stark kriminalisiert wurde. So konnte man Gegner verhaften und mundtot machen. Deutschland hat diese Gesetzgebung nach dem Zweiten Weltkrieg unreflektiert übernommen und hält daran bis heute fest – ungeachtet der Tatsache, dass im Herkunftsland dieses Verbotes dasselbe immer weiter aufweicht.

BvG: Zum Abschluss: Sind Sie auch für die Entkriminalisierung aller anderen Drogen?

Sarres: Portugal hat mit der Entkriminalisierung aller Drogen vor etwa 15 Jahren sehr gute Erfahrungen gemacht. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass die mit Bestrafung und Stigmatisierung einhergehende Ausgrenzung von manchmal sogar kranken Menschen nicht das Ziel sein kann und darf.

Erschienen in eigentümlich frei, Nr. 169.