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Ernst Jünger als Untergangsvisionär und Luftkriegsbeobachter

März 30, 2015

Ernst Jüngers Kurz-Roman „Auf den Marmorklippen“, der zu Beginn des Zweiten Weltkriegs erschien, enthält eine reich ausgemalte Untergangsvision:

„Nun war die Tiefe des Verderbens in hohen Flammen sichtbar geworden, und weithin leuchteten die alten und schönen Städte am Rande der Marina im Untergange auf. Sie funkelten im Feuer gleich einer Kette von Rubinen, und kräuselnd wuchs aus den dunklen Tiefen der Gewässer ihr Spiegelbild empor. Es brannten auch die Dörfer und Weiler im weiten Lande, und aus den stolzen Schlössern und den Klöstern im Tale schlug hoch die Feuersbrunst empor. Die Flammen ragten wie goldene Palmen rauchlos in die unbewegte Luft, indes aus ihren Kronen ein Feuer-Regen fiel. … Als ob der Raum ganz luftleer wäre, drang nicht ein Laut herauf; das Schauspiel dehnte sich in fürchterlicher Stille aus. Ich hörte dort unten nicht die Kinder weinen und die Mütter klagen, auch nicht das Kampfgeschrei der Sippenbünde und das Brüllen des Viehes, das in den Ställen stand. Von allen Schrecken der Vernichtung stieg zu den Marmor-Klippen einzig der goldene Schimmer auf. So flammen ferne Welten zur Lust der Augen in der Schönheit des Unterganges auf.“

Thomas Mann Verdikt über Ernst Jünger lautete, dieser sei ein „eiskalter Genüßling des Barbarismus“, was sich hier zu bestätigen scheint. Das Leiden der Menschen erweckt im Erzähler keine Furcht, keine Trauer und kein Mitleid, stattdessen delektiert sich das Erzähler-Ich am „goldenen Schimmer“ der Untergangs-Brände, rückt sie distanziert als „ferne Welten“ von sich, erklärt sie sogar zum „Schauspiel“, entrückt sie als irreal. Amoralischer Ästhetizismus ist dies auch genannt worden. Die derart beschriebene Haltung des Erzählers der Marmorklippen beschränkt sich nicht auf diesen fiktionalen Text. Auch in seinen Tagebüchern des Zweiten Weltkriegs mit dem Titel „Strahlungen“ nimmt Ernst Jünger diese distanzierte Haltung ein. Zwar nimmt er Abstand davon, die Schönheit der brennenden Städte Dresden oder Hamburg im Feuersturm-Angriff britischer Bomberflotten zu preisen, jedoch wurde Ernst Jünger während des Frankreich-Feldzugs und als Besatzungsoffizier in Paris von den Hotels „Majestic“ und „Raphael“ aus Zeuge von Überfliegungen und Bomberangriffen, die ihn sehr beeindruckten. Jedes Mal verglich er sie mit einem Schauspiel (16. und 24. August 1943, 15. September 1943), am 15. September 1943 malte er sie opulent aus:

„Im ‚Raphael‘ aß ich auf meinem Zimmer, als etwas zwanzig Minuten vor Acht die Sirenen Alarm kündeten. Bald ertönte lebhaftes Feuer; ich eilte auf das Dach. Dort eröffnete sich den Augen ein zugleich furchtbares und großartiges Bild. Zwei starke Geschwader überflogen in Keilform von Nordwesten nach Südosten die Innenstadt. Sie hatten offenbar schon abgeworfen, denn in der Richtung, aus der sie kamen, erhoben sich in breiter Ausdehnung Rauchwolken, die bis zum Firmament hinaufragten. Der Anblick war unheilvoll und machte sogleich den Sinnen deutlich, daß dort jetzt Hunderte, ja vielleicht Tausende von Menschen erstickten, verbrannten, verbluteten. Vor diesem düsteren Vorhang lag die Stadt im goldenen Lichte des Sonnenuntergangs. Die Abendröte traf die Flugzeuge von unten; die Rümpfe hoben sich wie Silberfische vom blauen Himmel ab….“

Aus heutiger Sicht ist bemerkenswert, dass das Auftauchen von Fliegern nicht zum panikartigen Aufsuchen des Luftschutzkellers führt, sondern der Weg – wohl nicht nur Jünger – in die entgegengesetzte Richtung führt, um das neuartige Faszinosum besser beobachten zu können. Das Dach des Raphael löst die Marmor-Klippen als erhöhten Standort ab, von dem aus Jünger, gleichsam über den Dingen stehend, das Geschehen beobachtet. Die Schilderungen gipfeln dann in der berüchtigten und umstrittenen, scheinbar snobistischen „Burgunder-Szene“:

„Paris, 27.Mai 1944. Alarme, Überfliegungen. Vom Dache des „Raphael“ sah ich zweimal in Richtung von Saint Germain gewaltige Sprengwolken aufsteigen, während Geschwader in großer Höhe davonflogen. Ihr Angriffsziel waren die Flußbrücken. Art und Aufeinanderfolge der gegen den Nachschub gerichteten Maßnahmen deuten auf einen feinen Kopf. Beim zweiten Mal, bei Sonnenuntergang, hielt ich ein Glas Burgunder, in dem Erdbeeren schwammen, in der Hand. Die Stadt mit ihren roten Türmen und Kuppeln lag in gewaltiger Schönheit, gleich einem Kelche, der zu tödlicher Befruchtung überflogen wird. Alles war Schauspiel, war reine, von Schmerz bejahte und erhöhte Macht.“

Es scheint mir in der Szene wieder einmal darum zu gehen, dass Jünger die ihn „umgebenden apokalyptischen Zustände … durch die Haltung des unbeteiligten Ästheten konterkarieren“ will (Alexander Rubel). Hat der Text noch eine Bedeutungsebene, die nicht so leicht zu erschließen ist? Der Jünger-Forscher Tobias Wimbauer hat 2004 in einer Veröffentlichung, die großes Aufsehen erregte, die Fiktionalität des möglichen zweiten Luftangriffs am Abend ins Spiel gebracht: Am Abend des 27. Mai 1944 habe es gar keinen Luftangriff auf Paris gegeben. Jünger verarbeite in der symbolisch aufgeladenen Stelle die just in diesen Zeitraum eintretende neuerliche Eskalation einer Liebesaffäre, die er in Paris mit der Kinderärztin Sophie Ravoux hatte. Dass die Passage zu erotischen Assoziationen einlädt, scheint offenkundig, ob sie mit der konkreten Liebesaffäre zu tun hatten, will ich dahingestellt lassen. Über Städte allgemein notierte Jünger, sie seien „weiblich und nur dem Sieger hold“, Paris sei auf dem „Altar der Venus gegründet“.
Hinsichtlich des zweiten Luftangriffs am Abend hat Helmuth Kiesel darauf hingewiesen, dass der Text nicht zwingend einen solchen hergibt. Es kann sich auch nur um eine weitere Überfliegung gehandelt haben, die nicht Eingang in die genaue Buchführung der Weltkriegs-Chronisten fand. Wimbauers Auffassung, die Bezeichnung dessen, was sich da am Himmel abspielt, als „Schauspiel“ sei ein Hinweis auf die Fiktionalität der Szene, überzeugt nicht, da Jünger auch Eindrücke von vorangegangen Überfliegungen und Luftangriffen, die bislang nicht in Frage gestellt werden, als „Schauspiel“ kennzeichnet.
Überschlägig kann man festhalten, dass man Ernst Jüngers „Strahlungen“ nicht zu wörtlich auffassen und ihre Authentizität nicht zu streng nehmen sollte, sie sind ein Stück Literatur. Jünger hat in den veröffentlichten Tagebüchern seine Liebesbeziehung sorgfältig vertarnt, Tagebucheinträge unter andere Daten verschoben, welchen Sinn dies auch immer gehabt haben mag, und auch die „Strahlungen“ einschließlich der Burgunder-Szene mehrfach überarbeitet. Vielleicht gab es auch den abendlichen Luftangriff der Burgunder-Szene eigentlich an einem anderen Datum.
Was ist aber zur Person Jüngers zu sagen? Neben der distanzierten, kühlen und heiter-unerschrockenen Selbststilisierung gibt es im Gesamtwerk und gerade auch in den „Strahlungen“ genug Passagen, die zeigen, dass Jünger sogar ein sehr tiefgehendes moralisches und rechtliches Empfinden hatte, Mitleid und Trauer empfinden konnte. Und ja: Ernst Jünger konnte sogar lieben.

Literatur: Tobias Wimbauer (Hg.), Ernst Jünger in Paris, 2011