Archive for Dezember 2012

Musikalische Erinnerungen II: Wagner auf der Dresdener Barrikade

Dezember 22, 2012
Richard Wagner als junger Mann.

Richard Wagner als junger Mann.

Was haben Bayreuth und Dresden miteinander zu tun, abgesehen von der recht zügigen Verbindung durch einen Interregionalexpress der Bahn? In beiden Städten wirkte Richard Wagner – in Dresden auch politisch als Unterstützer der Revolutionäre beim Mai-Aufstand 1849. Die historischen Bilder zeigen eindrucksvoll, dass die Dresdener  schon im 19. Jahrhundert nicht verlegen darin waren, für Freiheit und Demokratie auf die Straße zu gehen und Barrikaden zu errichten, während Sie sich in unserer Zeit den Montagsdemonstrationen anschlossen und damit am Zusammenbruch der DDR beteiligt waren oder sich alljährlich der Instrumentalisierung der Bombenkriegsgedenkens durch Rechtsradikale mit Großkundgebungen erwehren.

Gottfried Semper, der bekannte Dresdener Architekt, entwarf höchstselbst eine der Barrikaden. Wie viele Liberale musste er nach dem Scheitern der Revolution aus Deutschland fliehen, auch Richard Wagner wurde steckbrieflich gesucht. Die politischen Verfolgungen nach 1849 leiteten einen Aderlass von freiheitsliebenden Intellektuellen aus Deutschland ein, von dem die USA profitierten, von dem sich Deutschland aber bis heute, scheint es, nicht ganz erholt hat. Hierin ist einer der Gründe zu sehen, warum viele sagen, dass man in Deutschland die echten Liberalen an einer Hand abzählen könne.

Gottfried Semper

Gottfried Semper

Musikalische Erinnerungen I: Auf, Ansbach-Dragoner! Auf, Ansbach-Bayreuth!

Dezember 22, 2012

In Bayreuth hörte ich das erste Mal Menschen zu einer alten deutschen Marschmelodie ein Lied anstimmen.

 Auf, Ansbach-Dragoner! Auf, Ansbach-Bayreuth!
Schnall um deinen Säbel und rüste dich zum Streit!
Prinz Karl ist erschienen auf Friedbergs Höh’n,
Sich das preußische Heer einmal anzusehen.
Drum, Kinder, seid lustig und allesamt bereit:
Auf, Ansbach-Dragoner! Auf, Ansbach-Bayreuth!

Drum, Kinder, seid lustig und allesamt bereit:
Auf, Ansbach-Dragoner! Auf, Ansbach-Bayreuth!

Aber hören Sie selbst. Das alles wirft Fragen auf: Fränkische Dragoner sollen der preußischen Geschichte eine bedeutende Wendung gegeben haben? Zogen sie tatsächlich mit diesem Lied auf den Lippen in die Schlacht? Wie kommt ein preußisches Regiment zu diesem Namen?

Das alles hängt mit Hohenzollern-Dynastie zusammen, die auch in Bayreuth herrschte. Das Stadtwappen Bayreuths enthält noch heute schwarz-weiße Felder, die klassizistische Architektur wirkt teilweise preußisch. Der Beitrag auf Wikipedia ist leider sehr verkürzt. Ich empfehle die ausführliche Darstellung bei Jochen Seidel.

Zur Melodie des Hohenfriedbergers singende Soldaten tauchen auch in dem sehenswerten Stanley-Kubrick-Film „Barry Lyndon“ auf, der im 18. Jahrhundert spielt. Wer die beiden Beiträge gelesen hat, weiß jetzt, dass das Zeitkolorit der Handlung hier historisch ungenau ausgestaltet ist, da das Lied zum Marsch erst im 19. Jahrhundert geschrieben wurde.

Stadtwappen von Bayreuth

Stadtwappen von Bayreuth

Denkmalschutz mit privaten Mitteln: Auch der Steinernen Brücke wird geholfen

Dezember 20, 2012

Auch am zweiten Bauabschnitt zur Mauerwerkssanierung der Steinernen Brücke in Regensburg beteiligt sich die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) in diesem Jahr mit 125.000 Euro. Umwelteinflüsse und der ständige Verkehrsfluss brachten das Bauwerk an seine Belastungsgrenzen, so dass die Brücke vor drei Jahren aus Sicherheitsgründen gesperrt werden musste. Das Land, die Bayerische Landesstiftung und der Regierungsbezirk Oberpfalz stellen ebenfalls Mittel für die dringend erforderlichen Baumaßnahmen zur Verfügung. Der DSD-Fördervertrag erreicht Oberbürgermeister Hans Schaidinger in diesen Tagen.

Von 1135 bis 1146 wurde in Regensburg die inzwischen älteste, teilweise noch unverändert erhaltene romanische Steinbrücke in Deutschland erbaut. Neben dem Dom ist die Steinerne Brücke über die Donau heute das bedeutendste Wahrzeichen der auch an Naab und Regen liegenden Stadt. Das Gesamtinstandsetzungsprojekt ist detailliert vom Tiefbauamt der Stadt Regensburg in mehrjähriger Planung vorbereitet und mit der amtlichen Denkmalpflege abgestimmt worden. Sogar ein Musterbauwerk auf dem städtischen Bauhof diente der Klärung von Oberflächendetails, die sich an historischen Bauplänen aus den Jahren 1863/1877 sowie einer Fotographie von 1859 orientiert.

Die aus dem Mittelalter stammende Steinerne Brücke in Regensburg ist eines von über 220 Projekten, die die in Bonn ansässige Denkmalschutz Stiftung allein in Bayern dank privater Spenden und Mitteln der GlücksSpirale, der Rentenlotterie von Lotto, fördern konnte.

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Die eingehauste Steinerne Brücke – Foto: Linge/ DSD

Starre Frauenquoten sind überflüssig

Dezember 19, 2012

Zur Aufforderung von EU-Kommissarin Viviane Reding nach Umsetzung des EU-Gesetzesentwurfs zur Einführung einer festen Frauenquote von 40 Prozent in Aufsichts- und Verwaltungsräten erklärte die frauenpolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion Nicole Bracht-Brendt:

„Die ständigen Drohgebärden von EU-Kommissarin Viviane Reding ändern nichts daran, dass die Mehrheit der Deutschen eine Frauenquote in Aufsichts- und Verwaltungsräten von DAX-Unternehmen ablehnt. Die FDP- Bundestagsfraktion wehrt sich gegen die Einmischung Brüssels in unternehmerische Entscheidungen und pocht auf Subsidarität der EU-Staaten. Die FDP-Bundestagsfraktion will mehr Frauen in allen Führungspositionen in der Wirtschaft und öffentlichen Behörden. Dabei unterstützen die Liberalen die Wirtschaft bei ihren vielfältigen Initiativen, um gut ausgebildete Mitarbeiter an sich zu binden. Auch ohne starre Quote ist in den Führungsetagen der Unternehmen spürbar Bewegung: 40 Prozent aller neu besetzten Aufsichtsratsposten gingen im vergangenen Jahr an Frauen. Das ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.“

Kantige Karikaturen aus dem Bundestag: Peer Steinbrück und Marco Buschmann

Dezember 18, 2012

buschmann

Beim Zeichnen dieser beiden Karikaturen fiel mir die in Mimik und Aussehen gefragte Robustizität von Politikern auf, die in den schweren, massiven und kantigen Gesichter von Peer Steinbrück, SPD-Kanzlerkandidat (oben),  und von Marco Buschmann, FDP-Generalsekretär in NRW(unten) zu sehen ist. Die Augen des FDP-Mannes scheinen mir auch leicht katzenhaft-lauernd zu sein. Bei Steinbrück ist im Schnappschuss aus dem Bundestag noch deutlicher die Mobilisierbarkeit von Zorn erkennbar, die eine Voraussetzung für die erfolgreiche Ausübung der Politiker-Tätigkeit im Sinne von Durchsetzungsfähigkeit ist.

Möchten auch Sie gerne jemanden karikierend gezeichnet sehen? Schicken sie mir eine Email an: bvgrafenstein@gmail.com

„Liberalismus – die unersetzbare Idee“ in der Krise

Dezember 18, 2012

Droht ein sang- und klangloses Verschwinden des Liberalismus? Der in Potsdam lehrende Wirtschaftsphilosoph und Publizist Prof. Dr. Gerd Habermann hielt zum Abschluss seiner diesjährigen deutschlandweiten Vortragsreihe  in Münster ein umfassendes Plädoyer für eine liberale Revitalisierung. Der Liberalismus sei ein Ideensystem mit einer lange Zeit siegreichen revolutionären Botschaft. Dass er sich zu Tode gesiegt habe, sei aber eine absurde Behauptung, so Prof. Habermann: In Europa befinde sich der Liberalismus auf dem Rückzug.

Zwar behaupteten alle Parteien „liberal“ zu sein, einer näheren Prüfung der Parteiprogramme halte dies jedoch nicht stand. Insbesondere seien die egalitären, umverteilungsforcierenden Grünen nicht die Erben der noch am ehesten liberalen FDP.  Freiheit bewirke im Sinne des Liberalismus zwar Hebung des allgemeinen Wohlstands, bedeute aber begrifflich nicht Freiheit von Not. Man könne arm und frei zugleich sein. Freiheit bedeute Selbstbestimmung, Disziplinierung und Moralisierung des Menschen durch Unterwerfung unter für alle gleiche Spielregeln, die derzeit gegeißelte Gier werde gezähmt, da in der Marktwirtschaft ein Zwang bestehe, Dienste an den Mitmenschen zu leisten, um seine Bedürfnisse befriedigen zu können.

Hinsichtlich der Eurokrise beklagte Prof. Habermann den Missbrauch des staatlichen Geldmonopols und die vorherrschende naive Einstellung zur EU: Er bezeichnete die Vision Vereinigter Staaten von Europa als Utopismus und Ausdruck deutschen Größenwahns, in dem die aus dem Mittelalter rührende Reichsidee auf Europa übertragen werde.  Selbst angesichts der anhaltenden Gefahr sozialer Unruhen sieht Prof. Habermann noch eine Chance für den Liberalismus, was aber aus dem Publikum auf energische Bedenken stieß.

Sämtliche Bindestrich-Liberalismen hält Prof. Habermann in Übereinstimmung mit der bisherigen Rhetorik der FDP für Verirrungen, mag aber auch eine neuere Wortkonstruktion der FDP-Wahlkämpfer wie „mitfühlender Liberalismus“ nicht mittragen, weil überflüssig. Prof. Habermann warnte davor, dass die Demokratie gerade drohe, totalitär zu werden, da die Zähmung durch Freiheitsrechte, insbesondere das Eigentumsrecht, erodiere. Das liberale Arbeitsvertragsrecht sei längst demontiert, zuletzt durch die Antidiskriminierungsgesetzgebung. Die erstrebte umfassende Herstellung von Gleichheit der Menschen sei unmöglich, da aufgrund der individuellen Vielfalt der Anlagen und Begabungen niemals Startgleichheit hergestellt werden könne. Zwar würden nicht mehr Unternehmen sozialisiert, jetzt aber Menschen, etwa in staatlichen Kitas. Die Erbringer „selbstverständlicher elterlicher Leistungen“ würden durch das Betreuungsgeld zu „Staatsfunktionären“ erhoben. Die in der Politik Besorgnis hervorrufende fortlaufende Dezimierung der Generationen um ein Drittel durch den Geburtenschwund schreibt Prof. Habermann vor allem den Effekten des Wohlfahrtsstaates zu. Die Lehre von der sozialen Gerechtigkeit sei eine Ethik des Raubes, die im Liberalismus vertretene Gerechtigkeit bedeute hingegen die Respektierung der Rechte anderer.

Zu der gutbesuchten Veranstaltung hatten die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und die auch in Münster mit einem Gesprächskreis präsente Friedrich-August-von-Hayek-Gesellschaft eingeladen, die in letzter Zeit immer wieder kontroverse Gäste nach Münster gebracht haben, so den Spiegel-Kolumnisten Jan Fleischhauer, den aus dem Fernsehen bekannten Rechtsanwalt und Publizisten Carlos A. Gebauer  oder EU-kritische FDP-Politiker wie Frank Schäffler oder Thomas Dechant.

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Gerd Habermann diskutiert mit Zuhörern

Spagat zwischen Internet und Ortsunion – Polenz‘ Thesen zur Zukunft der CDU

Dezember 12, 2012

Der abtretende CDU-Routinier Ruprecht Polenz hat sich in einem Thesenpapier über die Zukunft der CDU Gedanken gemacht: „Christlich Demokratische Union: Der Name ist Programm“ heißt es, inhaltlich läuft es darauf hinaus, der CDU neue Wählerschichten in der linken Mitte über den christlichen Gedanken zu erschließen. Einwanderung, Umweltagenda, basisdemokratische Bürgereinbindung, Geschlechtergleichstellung, soziale Gerechtigkeit, Kampf gegen Rechts – all das soll das neue CDU-Image prägen und als christliches Anliegen erkannt und vermarktet werden, die CDU sich auf Bundesebene einig um Angela Merkel als Vorbild scharen.

Auch in der Wahl der Mittel will Polenz sich dem Fortschritt nicht verschließen, er hat sich noch auf seine alten Politprofi-Tage viele virtuelle eifrig diskutierende „Freunde“ und Abonnenten durch intensive Facebook-Aktivitäten erschlossen, ingesamt über 7000, aber auch den Kontakt zur bodenständigen Basis im realen Leben möchte Polenz nicht verlieren.

Lesen Sie mehr darüber in meinem Artikel „Der Spagat zwischen Internet und Ortsunion“, erschienen in der Printausgabe der heutigen Münsterschen Zeitung.

Auseinandersetzungen um Straßennamen: Über den Schildersturm in Deutschland

Dezember 5, 2012
Occupy

Aktivisten der Occupy-Bewegung haben eine täuschend echt wirkendes Straßenschild aufgestellt.

Die Nachrichten über Straßenumbenennungen häufen sich. Was ist los in Deutschland? Wer ist da am Werk und warum? Es erscheint unglaublich, was für ein Gewese um Straßennamen gemacht wird, Zusatzschilder sind oft doppelt so lang wie das eigentliche Schild, Umwidmungen (Name bleibt, es soll künftig aber einer anderer gemeint), Doppelwidmungen (Name bleibt, aber zusätzlich soll noch ein anderer gemeint sein), Umbenennungen (Name bleibt nicht), Gedenktafeln, bilderstürmerischer Vandalismus und Schilderraub, Überklebungen sowie  kreative Projekte lassen die Straßenschilder nicht mehr einfach so stehen,  um sie ihrer banalen Funktion dienen zu lassen, die Orientierung in einer Stadt, die Zustellung  von Post und das Aufsuchen von Wohnungen zu ermöglichen.  Kommissionen, Gremien, Stadträte, Bürgerinitiativen, Anwohnerinitiativen und Künstler zerbrechen sich den Kopf über die richtige Wegweisung, Satiriker machen sich darüber lustig, Internetuser schalten sich ein. Da selbst Professoren ihre Fachautorität wirken lassen und erklären, Straßennamen seien von höchster Bedeutung, breitet sich das Interesse daran immer mehr aus.

Da ist der kritische, mündige und informierte Bürger aktiv geworden, der sich nicht mehr mit von Geschichte und Stadtverwaltungen gelieferten Straßennamen zufrieden geben, zugleich vielleicht seine Innovationsfähigkeit als kreativer Performer unter Beweis stellen will.  Das Internet macht es so leicht wie nie, Namensgeber von Straßen zu identifizieren und sich zu empören, über Mörder, Verbrecher, Wegbereiter des Faschismus, allzu moskowitische Sozialisten und Kolonialisten, die da vermeintlich geehrt werden. Dahinter steht  die denunziatorische Beschäftigung mit Geschichte, wie sie Bernhard Schlink als Kennzeichen unserer Gegenwart erkannt hat, diese Tendenz ist überall in der Gesellschaft wirkungsvoll, nicht nur im Straßennamenkampf.  Die Fähigkeit sich in die historische Vergangenheit einzudenken, die Bereitschaft, historisch zu relativieren, geht zurück. Das Verständnis der Generationen für ihre Vorgängergenerationen nimmt immer weiter ab, wie zum Beispiel der Historiker Eric Hobsbawm erkannt hat, denn der gesellschaftliche Wandel beschleunigt sich immer weiter. Es spiegeln sich also auch gesellschaftliche Umbrüche in den Umbenennungen. Straßenumbenennungen treten ja gehäuft bei Systemwechseln und Revolutionen auf, etwas derartiges scheint umzugehen, wenn auch niemand eine Revolution ausgerufen hat.

Stadtverwaltungen gehen dazu über, bevorzugt die bislang in der Geschichte so wenig berücksichtigten Frauen als Namensgeberinnen zu berücksichtigen, oder sich wie stalinistische Säuberer in Personengruppen festzulegen, die sich nicht mehr in Straßenschilder niederschlagen sollen. Zeitgenössische  Tendenzen können sich auch mit Opfern statt Helden auf Straßenschildern besser identifizieren.  Der Krieg hat als horrifizierender und anstößiger Inhalt von Straßenschildern sowieso ausgedient, sodass neben Personen auch Schauplätze von Schlachten, also Orte, von Straßenschildern verschwinden. Man spricht von Flucht aus der Geschichte, Angst vor der Geschichte,  Angst der Deutschen vor sich selbst.  Erkennbar sind eine in dieVergangenheit gewendete Demokratieverteidigung in alle Richtungen, und europaweit Political Correctness und verschiedene linke Ideologien und Bestrebungen als hauptsächliche  Triebfedern der Umbenennungen.

Straßenbenennungen dienen auch als Zankapfel. Auseinandersetzungen um Straßenschilder mobilisieren Menschen und markieren territoriale Ansprüche verschiedener gesellschaftlicher und politischer Gruppierungen und Milieus. Politische Gruppierungen junger Menschen, von Antifa bis Junge Union, sehen Straßennamen als irgendwie bedeutungsvoll und  als Mittel der politischen Auseinandersetzung an. Diese benennen Straßen eigenmächtig und provisorisch in Nacht- und Nebelaktionen nach Opfern ihrer Feinde um, jene wollen den historischen Bestand erhalten, vor allem natürlich den westdeutschen.  Da sind die Historiker, die mit ihrem Fach auch einmal etwas erreichen wollen, und wenn es die Umbenennung oder den Erhalt eines Straßenschildes geht. Die Vergangenheit bietet eine Fülle  irgendwie moralisch oder politisch aus heutiger Sicht missliebiger Menschen an, die auf Straßenschildern verewigt sind und aus dem Stadtbild entfernt werden könnten. Hinzu kommen Kommunalpolitiker, die sich in Zeiten knapper Stadtsäckel politisch profilieren wollen. Straßenumbenennungen gelten als günstig, und sonstige auftretende Kosten können auf die Anlieger abgewälzt werden. Alle wollen sie ihre Wirkungsmacht erbroben, Schlachtfeld ist die Geschichtspolitik. Verschiedene politische Gruppierungen können aneinandergeraten, verschiedene Geschmäcker, Aktionisten und als moralische Lehrmeister, Richter und Besserwisser auftretende Tugendbürger geraten  mit Besonnenen aneinander, die sich nicht vor Relikten aus anderen Systemen der Vergangenheit fürchten, die die heutige politische Ordnung vermeintlich in Frage stellen. Ältere wollen die vertrauten Schilder oft bewahren, während die mittlere Generation, die die Hebel in der Hand hält, die Gesellschaft mit Umbenennungen auf irgendeine Weise gestalten will.   Dabei kann die manchmal aufschimmernde Vorstellung, man könne und müsse die Gesellschaft mit Straßennamen in erheblichem Maße sozialpädogisch beieinflussen und dabei problematische Geschichte verschwinden lassen, mit einiger Berechtigung als tendenziell totalitär beschrieben werden, denn Angst und Kontrollsucht sind die Väter des Totalitarismus, der unter allen möglichen Vorzeichen  auftreten kann.

Der gesellschaftliche Zusammenhalt schwindet, es wird anscheinend immer schwieriger, dass sich alle auf einen Straßennamen einigen, der von allen akzeptiert wird. Gleichzeitig gerät Europa immer mehr ins Abseits des Welttreibens. Der alternde Kontinent mobilisiert wirtschaftlich nicht mehr so viel wie früher. Die Industrielandschaft verwandelt sich in  Museumslandschaft. In dieser gerät dann in den Fokus, wie die Museumsräume der öffentlichen Straßen und Plätze organisiert sind, welche Gedenkschilder, Tafeln und Kunstwerke an wen oder was erinnern.

Natürlich treten jetzt auch Gedanken auf, wie die Straßenumbenennerei auch wieder begrenzt werden kann. Straßen möglichst neutral nur noch sachbezogen, geschichtslos und apersonal benennen, wie es durchaus schon vielfach geschieht? Das wird den Revolutionären in irgendeiner Zukunft wieder zu wenig politisch sein. Rationale Systeme aus Zahlen und Buchstabenkombinationen, die ganze Städte überziehen, sind eingriffsfester, aber der Code aus Name und Hausnummer hat sich als sehr praktikabel erwiesen. Straßenumbenennungen nur unter bestimmten Bedingungen zu erlauben, wie das in einigen Kommunen geschieht, ist selbst wieder Gewese um Straßennamen. Das Thema wird uns also noch lange erhalten bleiben.