Archive for the ‘Philosophie’ Category

Filmkritik: „Hannah Arendt“ – Bewältigung der Vergangenheitsbewältigung

Januar 15, 2013

Zu den deutschen Filmen der Rubrik „Vergangenheitsbewältigung“ gehören  auch solche, die die Vergangenheitsbewältigung selbst wieder zum Thema machen.  Das ist dann die filmische Bewältigung der Bewältigung. Dazu gehört Michael Verhoevens Film „Das schreckliche Mädchen“, das vom Wühlen einer Schülerin in der NS-Vergangenheit in ihrer niederbayerischen Heimat  handelt.  Jetzt gehört dazu auch der Film „Hannah Arendt“ von Margarethe von Trotta, der von der Auseinandersetzung der Philosophin und Totalitarismus-Theoretikerin mit dem Eichmann-Prozess handelt.  In beiden Filmen werden weibliche Protagonisten der Vergangenheitsbewältigung als Helden und Vorbilder dargestellt, die mit der verbrecherisch-erbärmlichen männlichen Vergangenheit der  Vorväter abrechnen.

Um genau zu sein, muss man sagen, dass in Trottas Film die filmische Bewältigung der philosophischen Bewältigung der öffentlichen Bewältigung der philosophischen Bewältigung der juristischen Bewältigung der NS-Vergangenheit vorliegt. Denn der Film erfasst nicht die Gesamtbiographie Hannah Arendts, sondern konzentriert sich klug auf einen Höhepunkt ihres Lebens: auf ihre Reise nach Jerusalem, ihre Verfolgung des Prozesses gegen den Schreibtisch-Judendeportateur Adolf Eichmann, die Thesen von der Banalität des Bösen und ihre Verurteilung der  NS-Kollaboration der Judenräte, die sie anschließend veröffentlichte, die empörten Reaktion von Freunden und Öffentlichkeit auf diese Thesen,  gekrönt von der Verteidigung und Erläuterung ihrer umstrittenen Thesen,  um die Empörung der Öffentlichkeit abzuwehren.  Die Szenen spielen hauptsächlich im Emigranten- und Intellektuellen-Milieu um Arendt in den USA, zum kleineren Teil in Israel. Erwähnenswert ist hier Axel Milberg als Arendts zweiter Mann Heinrich Blücher, Exkommunist, der den advocatus diaboli für Eichmann spielt. In dieser Ehe ist man dem Prozess gegenüber überaus kritisch eingestellt, Freunde hingegen, teils jüdische Kriegsveteranen, sehnen den Prozess herbei und reagieren höchst emotional auf Arendts gedankliche Kälte und scheinbare Verharmlosung der Täter des Holocaust.

Von entscheidender Bedeutung sind diejenigen Akteure im Film, die Arendt vorwerfen, dem überzeugten Antisemiten und geschickt planenden und agierenden SS-Mann Adolf Eichmann auf den Leim gegangen zu sein.  Als ahnungs- und gedankenlose Befehlsempfänger und Rädchen im Getriebe versuchten sich viele Angehörige der Generation der NS-Täter darzustellen, um die Aussicht auf Integration in die neue Gesellschaftsordnung nach dem 2. Weltkrieg nicht zu verlieren, gesellschaftliche Akzeptanz  zu finden oder schlicht ihren Hals zu retten –  nach dem Motto, sie hätten doch damals nur gehorcht, sie würden auch unter den neuen Umständen zuverlässig funktionieren und niemandem in die Quere kommen. Dies  hat zu erheblichem Misstrauen gegenüber Bürokratie, Technokraten und Funktionsträgern bis heute beigetragen.  Bezüglich Eichmann lag Arendt, nach allem was heute über ihn bekannt ist, wohl falsch, jedoch führten ihre Überlegungen hinsichtlich des verhängnisvollen Wirkens der totalitären Staatsmaschinerie als solcher nicht ganz in die Irre. Viele Beteiligte am Holocaust aus dem Polizei- und Beamtenapparat hegten keine besonders feindseligen Gefühle gegenüber Juden und waren keine Nazis, gehörten weder der Partei, noch SS oder SA an. Diese Mitläufer hat etwa der Historiker Daniel Goldhagen in seinem aufsehenerregenden Buch über „Hitlers willige Vollstrecker“ erfasst, in dem es eigentlich um die Überzeugungstäter geht. Arendt war auch nicht die einzige Zeitzeugin, die Mittelmäßigkeit und Gedankenarmut an einem Repräsentanten des NS-Regimes wie am Faschismus überhaupt zu erfassen meinte.

Man kann eigentlich jedem, auch Regisseuren, nur abraten, eine derart indirekte Annäherung an ein Thema  – hier der Völkermord an den europäischen Juden – zu wählen. Man fragt sich, ob jeder Kinobesucher das nötige Vorwissen mitbringt, um der Handlung und den Dialogen überhaupt folgen zu können. Es ist grundsätzlich auch nicht gerade leicht und dankbar, Philosophie filmisch umzusetzen. Wo ist das Denken in diesen Bildern, im Rauch der Zigaretten, die Barbara Sukowa als Hannah Arendt  fortlaufend quarzen muss? Im Rauschen des Waldes, bevor Martin Heidegger oder der Mossad herannahen? Die Stimme aus dem Off wurde nicht eingesetzt, sodass es in diesem Dialog-Film oft recht ruhig zugeht. Margarethe von Trotta wollte zum Ende ihrer Karriere noch etwas sehr Anspruchsvolles leisten. Sie erwartet auch, wie sie gegenüber den Medien zum Besten gab,  dass die Bewältigung der NS-Vergangenheit uns noch 1000 Jahre beschäftigen werde. Größenwahn macht vor Regisseuren nicht gerade den größten Umweg.  Immerhin hat uns von Trotta gezeigt, dass der Shitstorm einst auf Briefpapier tobte, und damals noch viel geraucht werden durfte, als die Vergangenheitsbewältigung einen ihrer Höhepunkte erreichte. Es lohnt sich aber, Arendts auf Zeitungs-Reportagen basierende Veröffentlichung „Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ nachzulesen.

„Liberalismus – die unersetzbare Idee“ in der Krise

Dezember 18, 2012

Droht ein sang- und klangloses Verschwinden des Liberalismus? Der in Potsdam lehrende Wirtschaftsphilosoph und Publizist Prof. Dr. Gerd Habermann hielt zum Abschluss seiner diesjährigen deutschlandweiten Vortragsreihe  in Münster ein umfassendes Plädoyer für eine liberale Revitalisierung. Der Liberalismus sei ein Ideensystem mit einer lange Zeit siegreichen revolutionären Botschaft. Dass er sich zu Tode gesiegt habe, sei aber eine absurde Behauptung, so Prof. Habermann: In Europa befinde sich der Liberalismus auf dem Rückzug.

Zwar behaupteten alle Parteien „liberal“ zu sein, einer näheren Prüfung der Parteiprogramme halte dies jedoch nicht stand. Insbesondere seien die egalitären, umverteilungsforcierenden Grünen nicht die Erben der noch am ehesten liberalen FDP.  Freiheit bewirke im Sinne des Liberalismus zwar Hebung des allgemeinen Wohlstands, bedeute aber begrifflich nicht Freiheit von Not. Man könne arm und frei zugleich sein. Freiheit bedeute Selbstbestimmung, Disziplinierung und Moralisierung des Menschen durch Unterwerfung unter für alle gleiche Spielregeln, die derzeit gegeißelte Gier werde gezähmt, da in der Marktwirtschaft ein Zwang bestehe, Dienste an den Mitmenschen zu leisten, um seine Bedürfnisse befriedigen zu können.

Hinsichtlich der Eurokrise beklagte Prof. Habermann den Missbrauch des staatlichen Geldmonopols und die vorherrschende naive Einstellung zur EU: Er bezeichnete die Vision Vereinigter Staaten von Europa als Utopismus und Ausdruck deutschen Größenwahns, in dem die aus dem Mittelalter rührende Reichsidee auf Europa übertragen werde.  Selbst angesichts der anhaltenden Gefahr sozialer Unruhen sieht Prof. Habermann noch eine Chance für den Liberalismus, was aber aus dem Publikum auf energische Bedenken stieß.

Sämtliche Bindestrich-Liberalismen hält Prof. Habermann in Übereinstimmung mit der bisherigen Rhetorik der FDP für Verirrungen, mag aber auch eine neuere Wortkonstruktion der FDP-Wahlkämpfer wie „mitfühlender Liberalismus“ nicht mittragen, weil überflüssig. Prof. Habermann warnte davor, dass die Demokratie gerade drohe, totalitär zu werden, da die Zähmung durch Freiheitsrechte, insbesondere das Eigentumsrecht, erodiere. Das liberale Arbeitsvertragsrecht sei längst demontiert, zuletzt durch die Antidiskriminierungsgesetzgebung. Die erstrebte umfassende Herstellung von Gleichheit der Menschen sei unmöglich, da aufgrund der individuellen Vielfalt der Anlagen und Begabungen niemals Startgleichheit hergestellt werden könne. Zwar würden nicht mehr Unternehmen sozialisiert, jetzt aber Menschen, etwa in staatlichen Kitas. Die Erbringer „selbstverständlicher elterlicher Leistungen“ würden durch das Betreuungsgeld zu „Staatsfunktionären“ erhoben. Die in der Politik Besorgnis hervorrufende fortlaufende Dezimierung der Generationen um ein Drittel durch den Geburtenschwund schreibt Prof. Habermann vor allem den Effekten des Wohlfahrtsstaates zu. Die Lehre von der sozialen Gerechtigkeit sei eine Ethik des Raubes, die im Liberalismus vertretene Gerechtigkeit bedeute hingegen die Respektierung der Rechte anderer.

Zu der gutbesuchten Veranstaltung hatten die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und die auch in Münster mit einem Gesprächskreis präsente Friedrich-August-von-Hayek-Gesellschaft eingeladen, die in letzter Zeit immer wieder kontroverse Gäste nach Münster gebracht haben, so den Spiegel-Kolumnisten Jan Fleischhauer, den aus dem Fernsehen bekannten Rechtsanwalt und Publizisten Carlos A. Gebauer  oder EU-kritische FDP-Politiker wie Frank Schäffler oder Thomas Dechant.

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Gerd Habermann diskutiert mit Zuhörern

Freiheit von Herrschaft oder Herrschaft der Freiheit?

Juli 9, 2012

Im Blog des Liberalen Instituts versuchte ich Anarchismus und Liberalismus über die Formeln „Freiheit von Herrschaft“ und „Herrschaft der Freiheit“ voneinander abzugrenzen. Die paradox klingende Formulierung „Herrschaft der Freiheit“ meint einen Zustand, in dem Staatsmacht eingesetzt wird, um Ausübung von willkürlichem Zwang durch Individuen auf andere Individuen durch Ausübung von Zwang abzuwehren, und damit die persönliche Freiheit zu sichern.

Freiheit – Ordnung – Wahrheit

Oktober 2, 2011

 – liberal-zentristische Perspektiven

Wahrheit und Freiheit scheinen einander zu bedingen: „Die Wahrheit wird euch befreien“ heißt es in der Bibel(Joh. 8, 32) und bei Marx.

Recht plausibel scheint mir persönlich die Umkehrung: Die Freiheit wird euch wahrhaftig machen bzw. Die Freiheit wird euch zur Wahrheit führen. Daraus folgt die Notwendigkeit der Unabhängigkeit des Richters.

Ordnung wiederum ist das Fundament für die Wahrheit und die Freiheit:

a)Ohne Ordnung in den Gedanken und ihrer Darlegung gibt es kein Durchdringen zur Wahrheit. Keine wissenschaftliche Abhandlung kann auf Gliederung, Nummerierung und Reihung verzichten.

b)Freiheitliche Gesellschaften stützen sich auf die Ordnung durch geschriebenes Recht.

Was folgert aus all dem politisch?

Die Freiheiten, die uns überliefert wurden, sind zu bewahren und zu verteidigen. Dies hat auch Vorrang vor der Kreation neuer Freiheitsrechte. Die Gleichheit vor dem Gesetz, die gleiche rechtliche Freiheit für alle,  muss verteidigt werden, auch gegen Aushebelungsversuche durch andere Gleichheitsverständnisse.

Werte beziehe ich aus dem Humanismus, der in Europa entwickelten Ethik, historischer Erfahrung und auch aus dem Christentum.

Überlieferte Lebensformen und neuartige Lebensentwürfe, religiöse und nichtreligiöse Vorstellungen koexistieren in der offenen Gesellschaft. Auch gegenüber traditionellen, konservativen und religiösen Werten, Lebensformen, -entwürfen und -stilen ist Toleranz einzufordern. Der eigene Lebensstil soll wiederum anderen nicht aufgezwungen werden und muss privat und auf freiwilliger Basis realisiert werden. Dies erfordert auch die Trennung von Kirchen und Religionsgemeinschaften einerseits und dem Staat andererseits, womit nicht die Schädigung der Religionsgemeinschaften intendiert wird, sondern die Anregung eines religiösen und weltanschaulichen Wettbewerbs, für den Wettbewerbsregeln festzulegen sind.

Ich befürworte Privatinitiative und die Freiheit des Marktes wo dies nur immer vertretbar und möglich ist, negiere den Staat aber nicht bis zur Anarchie. Daraus ergibt sich für mich auch die Übernahme des Prinzips der Subsidiarität, d.h. Probleme sind zuerst in den unteren Ebenen und in Privatinitiative anzugehen, ehe eine höhere Ebene und der Staat bemüht.

Mein Politikverständnis impliziert eine soziale Einstellung, die Schwächere und Unterprivilegierte durch Staat wie Private fordernd fördert und unter den Schutz vor Angriffen und Ausgrenzung stellt. Statt Schwache in die Kriminalität aus Verzweiflung zu treiben, sollen sie mit staatlicher Hilfe auf den Arbeitsmarkt hin orientiert werden. Was der Staat an Sozialhilfe streicht, würde er sich stattdessen Gefängniskosten und sonstigen volkswirtschaftlichen Schaden durch Kriminalität und Armutsfolgen einhandeln. Die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs muss offengehalten werden.

Konservativ ist an mir die Anhänglichkeit gegenüber alten Institutionen und Ordnungsgefügen und Vorsicht gegenüber institutionellen Neuerungen und revolutionärem Pathos und billigen populistischen Effekten und einfachen Lösungen.

Ich bevorzuge auch außenpolitisch in der Vergangenheit bewährte Bündnisse, die von gemeinsamen Werten getragen werden. Ich unterstütze die europäische Einigung auf freiheitlicher und dezentraler Grundlage. Der Wettbewerb der souveränen und historisch gewachsenen europäischen Staaten untereinander soll zum Wohle aller aufrechterhalten werden.

Ich tendiere zu vermittelnden Lösungen des Ausgleichs und auch zentristischen und moderaten Positionen.

Zentrale Werte sind für mich Freiheit auf der einen, Ordnung und Sicherheit auf der anderen Seite. Zusammen sollen sie eine wohlgeordnete Freiheit schaffen, in der sich der Bürger um Leben und Hab und Gut nicht sorgen muss, und sich ohne Angst vor Repressalien durch Staat oder Extremisten friedlich am politischen Geschehen und den gesellschaftlichen Diskursen beteiligen kann. Freiheit hat die Gewährleistung von Sicherheit zur Voraussetzung. Die freie Wirtschaft benötigt ein verlässliches und geordnetes Rechtswesen. Dabei muss Bewusstsein dafür gefördert werden, dass Chaos auch durch Überregulierung und zu viel Bürokratie entstehen kann und Bürokratie Kosten verursacht.

Wissenschaft, Politik, Publizistik und Jurisprudenz sollen sich stets um Wahrheit bemühen, der man so gut wie möglich ins Gesicht sehen muss, auch wenn es schmerzt. Missstände können und sollen in einer offenen Gesellschaft offen angesprochen werden. Dabei ist klar, dass in einer offenen Gesellschaft nicht nur verschiedene Vorstellungen darüber konkurrieren, was richtig, sondern auch was wahr ist. Der Erkenntnisprozess ist dabei nie abgeschlossen, alle Erkenntnis ist ein kritisches Raten.