Archive for the ‘Wirtschaft’ Category

Unternehmensnachfolger verzweifelt gesucht

November 30, 2018

„In den nächsten 4 Jahren geht man von mindestens 600.000 Unternehmen aus, für die in Deutschland der Generationen-wechsel ansteht. Die Dunkelziffer kommt on top noch dazu“, so Dorothee Schenten vom KompetenzCenter Wirtschaft in Dortmund, das Unternehmensnachfolgen vermittelt. Die Unternehmensnachfolge gleicht einem Notstandsgebiet, die Gründergeneration ist in die Jahre gekommen.
Was ist schief gelaufen, dass aktuell aus allen Wirtschaftsecken ein Ruf wie Donnerhall erschallt: Wir suchen Unternehmensnachfolger! Merklich wabert ein schleichender Prozess durchs Land: „Ich finde keinen Nachfolge und schließe mein Unternehmen ab“, es ist ein Knockout für die deutsche Wirtschaft. Hier setzt ein Dominoeffekt ein. Wichtige Fachkompetenz geht verloren, genauso wie Arbeitsplätze. Der scheidende Unternehmer als Auftraggeber fehlt zukünftig, auch die Vielfältigkeit am Markt geht verloren.
Eine große Zahl von Nachfolgern und Nachfolgerinnen ist nötig, damit die Schlagkraft der deutschen Wirtschaft weiterhin aufrechterhalten werden kann. In der heutigen globalen Welt, macht das Thema Generationenwechsel vor keiner
Landesgrenze halt. Jedes Unternehmen, das keinen Nachfolger findet und die Türen schließt, ist ein unwiederbringlicher Verlust für den deutschen Wirtschaftsstandort.

Nicht außer Acht zu lassen sind die Aktivitäten ausländischer Investoren bei ihren Einkaufstouren durch die kleinen- und mittelständischen Unternehmen. Die Kritik und die Sorge zugleich nimmt Schenten in Unternehmergesprächen regelmäßig wahr. Auffallend ist aber auch, dass ausländische Investoren entscheidungsfreudiger sind als inländische.

Ganz am Anfang der Entscheidungsprozesse steht für den Unternehmer  immer eine große Hürde, weiß Schenten: „Hinter einem Lebenswerk die Tür abzuschließen, fällt jedem Unternehmer schwer. Der emotionale Aspekt darf nicht unterschätzt werden. Wie bei vielen anderen Entscheidungen im Unternehmeralltag sind weiche und harte Faktoren zu berücksichtigen, geprägt von einem hohen Maß an Individualität. Zuallererst braucht der Unternehmer eine Person
seines Vertrauens, der er sich offenbaren kann: Ich will abgeben, was muss ich jetzt tun?“
Viele betroffene Unternehmer befinden sich in einer üppigen Lage, so Schenten: “Die Umsatzkurve steigt kräftig nach oben. Heißt aber auch, das Arbeitspensum ist fast unerträglich angestiegen. Kaum Zeit zum Durchschnaufen, um sich mal Gedanken zu machen um Weiterentwicklungen. Klärungsprozesse, wie es mit dem Firmen-Lebenswerk weitergehen soll, bleiben aus. Und natürlich auch mit wem? Oder doch noch ein wenig abwarten, denn es läuft ja so gut? Die Unternehmer möchten gerne reden, eigentlich, aber das Tagesgeschäft lässt ihnen kaum Zeit zum Atmen. Die angesprochene jüngere Garde „Ich kann eine Firma leiten“, befindet sich aktuell auch in dem Sog der totalen Arbeitsüberlastung. Die eigene Selbstständigkeit wird erst einmal hinten angestellt. Wieso ein Risiko eingehen, wenn doch der gute Arbeitsplatz als Angestellter möglich
ist. Heißt, der Mut zur Selbständigkeit bleibt auf der Strecke?“

Der stille Wunsch der Gründerväter und Mütter hat sich zu einem brennenden Anliegen gefestigt:
Wo ist der vermeintliche „Siamesische Zwilling“? Der, der so tut wie ich und mein Unternehmen in die Zukunft führt? Wir wissen heute, dass viele Söhne und Töchter aus Familienbetrieben, geprägt durch das Elternhaus, kein Interesse am Unternehmerdasein oder an der Branche haben. Mit einem überschaubaren Entwicklungsspielraum könnte das schon ganz anders aussehen. Dies setzt auf beiden Seiten eine gute Portion Toleranz voraus; denn Nachfolger lassen sich nicht gerne ständig auf die Finger schauen, schon aber über die Schulter. Der externe Nachfolger sieht das nicht anders.
Also was läuft denn so wirklich schief im Lande von „Made in Germany“?
Unternehmensnachfolge muss endlich einen Status der Normalität erreichen. Es sollte als Chance begriffen werden und präsenter in den Köpfen aller sein. Die Alt-Unternehmer verbergen nicht ihre Enttäuschung über fehlenden Respekt zu geschaffenem Firmenwert, über fehlenden Arbeitseifer. Ja, die Alten haben geschuftet. Haben etwas aufgebaut und stoßen sich an der Ignoranz der Jungen, effizientere Arbeitsweisen und einer anderen Vorgehensweise in der Welt 4.0. Ein Körnchen Wahrheit ist auf beiden Seiten zu finden.

Schenten stellt am Anfang dieser Gespräche erst einmal die Herausforderung für beide Seiten da. „Mit einem Lebenswerk im Rucksack und neuen Impulsen in die Zukunft zu starten. Die Mischung macht’s, aus langjähriger Erfahrung und neuen Ideen. Da gehören zwei zu, die das auch zulassen und sich zuhören. Unser Credo ist: Wir bringen die richtigen Nasen zusammen.“
Die Weisheit ist nicht neu: Nur wer redet, dem kann geholfen werden! Genau hier liegt einiges im Argen, so Schenten.

„Der junge Karl Marx“ – Historienfilm über die Anfänge des Kommunismus

März 3, 2017

2018 wird der 200. Geburtstag von Karl Marx gefeiert. In den Kinos ist jetzt schon der Film „Der junge Karl Marx“ von Raoul Peck gestartet, begleitet von Vorträgen von Prominenten mit Kommunismus-Bezug wie Gregor Gysi oder Jürgen Trittin.
Nach dem endgültigen Scheitern des Kommunismus durch den Zusammenbruch des Warschauer Paktes könne man wieder zugeben, wo Karl Marx auch Recht hatte –  diesen Gedanken aus der SZ trug bei der Filmpremiere in Münster der Politologe Hendrik Meyer vor. Der Kapitalismus als Forschungsgegenstand sei nicht verschwunden, er habe sich nur weiterentwickelt, heiße heute „Marktwirtschaft“. Aus Arbeitern seien „Arbeitnehmer“ und aus Kapitalisten „Arbeitgeber“ geworden. Mit Armut bringe man heute das sogenannte Prekariat in Verbindung. Die Grundprinzipien des Kapitalismus Wachstum, Profit und Eigentum seien nach wie vor in Kraft. Auch die Schere zwischen Arm und Reich gehe immer weiter auseinander. Die heutige Sozialdemokratie sei in gewisser Hinsicht die Vollstreckerin des kommunistischen Manifests, dessen Entwicklungsweg der Film aufzeige, denn der Sozialstaat mache den Klassenkampf unnötig, wenn er den Klassengegensatz auch nicht überwinde. Der Kalte Krieg, und damit indirekt der Kommunismus, sei ein Motor für die Sozialpolitik in der Bundesrepublik gewesen, die die Arbeiterklasse quasi in die bürgerliche Gesellschaft eingemeindet habe.
Marx hat nach Meinung von Meyer die Globalisierung zwar richtig vorhergesagt, als Prophet eines zwangläufigen Scheiterns der „Bourgeoisie“ sei er jedoch widerlegt.

Der Film selbst bekommt in den Medien nur mäßige Kritiken. Ein Theoretiker wie Marx (August Diehl) ist kein dankbares Objekt einer Verfilmung, auf dieses Problem der Philosophie-Darstellung wurde in diesem Blog schon hingewiesen. Einen größeren dramatischen Konflikt bietet schon die Figur des Industriellensohns Friedrich Engels (Stefan Konarske), der die Lebenslage der Industriearbeiter aus nächster Nähe kennen lernt und studiert, was ihn in Gegensatz zu seinem Vater und dessen Freunden bringt. Die Motivation von Marx bleibt im Film hingegen eher im Dunkeln, abgesehen von einer sehr dramatisierenden Szene, in der illegale Holzsammler von einer Reiterschwadron niedergeritten werden, was Marx zufällig als Zeuge erlebt. Letztlich thematisiert der Film eine Männerfreundschaft im politischen Aktivismus, umrahmt von kämpferischen Frauenfiguren wie Jenny v. Westphalen (Vicky Krieps), in Auseinandersetzung mit politischer Unterdrückung und Exil, aber auch mit anderen bedeutenden Linken der Zeit, wie dem Frühsozialisten Pierre-Joseph Proudhon, gegen die sich die beiden jungen Männer zu profilieren und durchzusetzen versuchen. Der Film gipfelt in der erfolgreichen Radikalisierung des „Bunds der Gerechten“: Marx und Engels erklären der Gedanken der Brüderlichkeit der Menschen für obsolet und setzen an seine Stelle den Klassenkampf.

Die schlimmen Folgen der kommunistischen Lehren der wohlmeinenden jungen Theoretiker, die im Film als sympathische Kumpeltypen von nebenan rüberkommen, Not, Verderben, Unterdrückung und Massenmord, symbolisiert durch Namen wie Stalin und Mao, werden im Film und auch im historischen Überblick des Abspanns nicht thematisiert, was bedenklich ist, da sich seit der Finanzkrise 2008 und dem Entstehen eines Niedriglohnsektors durch die Reformen der Agenda 2010 wieder ein Unbehagen an der Marktwirtschaft breitmacht, zu der aber bis heute keine sinnvolle Alternative bekannt ist.

Top Secret: Das Spionagemuseum im Pott ist noch ausbaubar

März 7, 2013

Ein Spionagemuseum würde man in den alten Spionagedrehkreuzen Berlin oder Wien vermuten, aber nicht im Ruhrgebiet. Jedoch: Läuft man durch die weitläufige Mall des CentrO Oberhausen, gelangt man nicht nur an den Rhein-Herne-Kanal. Hinter einer Brücke rechts ist das im vergangenen Jahr eröffnete Spionagemuseum „Top Secret“ etwas abgelegen  zu finden. Puppen von  Geheimsoldaten klettern an der Fassade hoch, die von einem KGB-Hubschrauber gekrönt wird. Offenbar findet nicht gerade jeder Besucher des CentrO den Weg zur Spionageschau.  „Mit der Entwicklung der Besucherzahlen sind wir mittlerweile zufriedener“, so verhalten äußerte sich Marketing Manager Tanja Munzig,  die für die Betreuung der Presse zuständig ist.

Vor allem bei Schulklassen erreiche man mittlerweile eine bessere Resonanz, freute sich Munzig. Die Kinder spreche vor allem der Gegenwartsbezug der Ausstellung an, die auch Internet und soziale Netzwerke thematisiert.  Darin erkennen sie ihre Lebenswirklichkeit wieder, die immer mehr zwischen den Extremen Stalking und  Mobbing im Internet angesiedelt ist. Mit spielerischen Elementen wie einem Laser-Parcours und Geheimgängen preist das Erlebnismuseum auch Familien mit älteren Kindern die Auseinandersetzung mit dem doch heiklen und abgründigen Thema an.

Das Anliegen der Ausstellung in Oberhausen ist, einen Überblick über Spionage und ihre Geschichte zu geben und unterschiedliche Facetten von Spionage aufzuzeigen. Sie richtet sich in erster Linie an ein Laien-Publikum ohne größere Vorkenntnisse, das für die Tätigkeit der Nachrichtendienste und die Problematik  – ohne zu verängstigen – sensibilisiert werden soll. Man will unterhalten, dabei aber seriös bleiben. Der Besucher von jung bis alt sieht sich von der effektvollen Ausstellungsregie selbst in die Rolle des Agenten gerückt, erkennt immer wieder auf Bildschirmen, dass er selbst beobachtet wird, aber auch selbst vielleicht als Kind schon einmal spioniert hat, z.B. beim „Spicken“.

Langfristig plant der hinter der Ausstellung stehende Musical-Veranstalter „Mehr! Entertainment“ zu anderen Themen an weitere Standorten Unterhaltungs-Ausstellungen einzurichten, sich noch mehr jenseits von „Cats“ und „Starlight Express“ zu tummeln, laut Munzig nicht nur „mehr Entertainment“, sondern auch „mehr als Entertainment“ zu bieten. Die Ausstellungsmacher  in Oberhausen selbst haben noch eine ungenutzte Erweiterungsfläche von 200 Quadratmetern in der Hinterhand,  vor dem Haus parkende „Spymobile“ dienen dazu, auf Jahrmärkten und bei anderen Freizeitattraktionen temporär präsent zu sein.   Die Ausstellung soll immer lebendig und auch für den Wiederholungsbesucher interessant bleiben.

Ein Rundgang durch die Ausstellung findet sich hier.

Lesen Sie den ausführlichen Bericht in der kommenden Ausgabe des „Journal for Intelligence, Propaganda and Security Studies„.

FDP-Hoffnungsträger Christian Lindner kritisiert Energiewende und rot-grüne Politik

Februar 6, 2013

DSCN1686Aufgrund der in den Medien thematisierten Politikeraffären tritt  die Auseinandersetzung mit Sachthemen in den Hintergrund, dies beklagte Christian Lindner, FDP-Chef in Nordrhein-Westfalen bei einem Auftritt in Münster. Er verteidigte die EU, kritisierte aber die Energiewende sowie die Haushalts- und Bildungspolitik der rot-grünen Landesregierung in NRW.

Zukünftige Entwicklung Europas

Für die EU forderte Lindner eine klare Verteilung der Kompetenzen sein: Große Fragen müssten in Brüssel entscheiden, nicht kleine. Lindner pries die EU, „sie ist das Studium in Rom“, die unkomplizierte „Urlaubsreise nach Lissabon“, der Euro biete die Möglichkeit von Handelsgeschäften ohne Sorge um Währungsschwankungen. Die EU sei ein Friedens- Wohlstands und Freiheitsprojekt. Deutschland würde ohne die EUR verlieren.  Das Fundament der EU müsse das „Prinzip Verantwortung“ sein. Dieses werde aktuell durch die Staatsschuldenkrise unterspült.  Stabilisierungsarbeiten seien erforderlich.  Man müsse an die Wurzel des Problems gehen, dies sei die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit mancher Staaten.

Die Misere des Landeshaushalts in NRW

Der Landesfinanzminister Norbert Walter-Borjans meine,  die Schuldengrenze sei eine „Selbstentmündigung der Politik“. Schulden seien ein Problem, heiße es von rot-grüner Seite, das sich durch die Inflation erledige.  Hier werde immerhin eine Verfassungsbestimmung angegriffen, meinte Lindner dazu, überdies sei die Verschuldung ökonomisch falsch. Diese Politik gefährde die Glaubwürdigkeit Deutschlands in Europa, denn NRW  gehöre zu den großen Volkswirtschaften in Europa. Es würden „gute Schulden“ für „vorsorgende Sozialpolitik“ gemacht, so heiße es von rot-grüner Seite, doch im Landeshaushalt greife das Umweltministerium  zusätzliche 145 Millionen ab, um in Stiftungen,  Programme und 220 zusätzliche Stellen zu investieren. Es werde in Apparate  und Bürokratie investiert, während bei Kindern, Bildung und Kultur gekürzt werde:  „Hier werden mit grüner Tinte rote Zahlen geschrieben.“

Die FDP werde zur Partei der „reichen Erben“ erklärt, weil sie Vertreter des Mittelstands ist, der aber mit seinem Vermögen mit Mann und Maus im Unternehmen stecke.  80 Prozent der Arbeitnehmer  in Deutschland seien beim Mittelstand beschäftigt. Daher gehe es Deutschland insgesamt gut, wenn es dem Mittelstand gut gehe.

Die sozialistische Regierung Hollande in Frankreich zeige, was Deutschland drohe, wenn Rot-Grün die Macht übernehme: Die Arbeitslosigkeit und Schulden nähmen, das Wachstum ginge zurück.

Egalitäre Bildungspolitik in NRW

Die rotgrüne Regierung versuche das Gymnasium trockenzulegen mit der Zielvorstellung der Einheitsschule. Lindner hält davon nicht, weil es ungerecht sei, unterschiedlich begabte Menschen gleich zu behandeln.  Es werde überdies zu Flucht in die Privatschulen führen.  Aus wohlmeinenden sozialen Motiven würde damit die Spaltung der Gesellschaft befördert.

Energiepolitik setzt auf falsche Energieträger

Der subventionierte Ausbau der Photovoltaik in Deutschland, insbesondere in Bayern, überbiete alle Prognosen, dabei sei die Nutzung von Sonnenenergie in Deutschland so sinnvoll wie Ananaszucht in Alaska, es handel sich um eine volkswirtschaftliche Katastrophe.  Er sei kein Gegner der Energiewende, sie dürfe jedoch nicht zu riskant und teuer ausfallen, eine marktwirtschaftliche Reform der Energiepolitik sei nötig. Bei mehr Wettbewerb würden in Deutschland Wind, Wasser und Biogas als Energielieferanten bedeutsamer werden.

Die Überdehnung des Wohlfahrtsstaates, die Subventionierung der Solarenergie, die Eingriffe ins Schulsystem und das neue Nichtraucherschutzgesetz zeigten, dass sich in der Politik eine Bevormundung des Bürgers durch den Staat als Modell ausbreite. Klima-Aktivisten würden schon öffentlich den chinesischen Staatsautoritarismus als vorbildlich benennen.

Ursachen der FDP-Krise

Die Krise der FDP führt Lindner auf die enttäuschten Erwartungen nach der letzten Bundestagswahl und auf den Mangel an wirtschaftspolitischer Kompetenz, der sich im Umgang mit der Eurokrise gezeigt habe, zurück:  Die FDP habe im Umgang mit den neuen Problemen zu lange an überkommen Vorstellungen festgehalten.  Lindner verbreitet trotz seiner langen Politikerfahrung dennoch Zuversicht, dass die FDP einmal noch zu grundlegenden Reformen im bürokratischen Dickicht der Wirtschafts- und  Sozialpolitik in der Lage sein werde.

„Liberalismus – die unersetzbare Idee“ in der Krise

Dezember 18, 2012

Droht ein sang- und klangloses Verschwinden des Liberalismus? Der in Potsdam lehrende Wirtschaftsphilosoph und Publizist Prof. Dr. Gerd Habermann hielt zum Abschluss seiner diesjährigen deutschlandweiten Vortragsreihe  in Münster ein umfassendes Plädoyer für eine liberale Revitalisierung. Der Liberalismus sei ein Ideensystem mit einer lange Zeit siegreichen revolutionären Botschaft. Dass er sich zu Tode gesiegt habe, sei aber eine absurde Behauptung, so Prof. Habermann: In Europa befinde sich der Liberalismus auf dem Rückzug.

Zwar behaupteten alle Parteien „liberal“ zu sein, einer näheren Prüfung der Parteiprogramme halte dies jedoch nicht stand. Insbesondere seien die egalitären, umverteilungsforcierenden Grünen nicht die Erben der noch am ehesten liberalen FDP.  Freiheit bewirke im Sinne des Liberalismus zwar Hebung des allgemeinen Wohlstands, bedeute aber begrifflich nicht Freiheit von Not. Man könne arm und frei zugleich sein. Freiheit bedeute Selbstbestimmung, Disziplinierung und Moralisierung des Menschen durch Unterwerfung unter für alle gleiche Spielregeln, die derzeit gegeißelte Gier werde gezähmt, da in der Marktwirtschaft ein Zwang bestehe, Dienste an den Mitmenschen zu leisten, um seine Bedürfnisse befriedigen zu können.

Hinsichtlich der Eurokrise beklagte Prof. Habermann den Missbrauch des staatlichen Geldmonopols und die vorherrschende naive Einstellung zur EU: Er bezeichnete die Vision Vereinigter Staaten von Europa als Utopismus und Ausdruck deutschen Größenwahns, in dem die aus dem Mittelalter rührende Reichsidee auf Europa übertragen werde.  Selbst angesichts der anhaltenden Gefahr sozialer Unruhen sieht Prof. Habermann noch eine Chance für den Liberalismus, was aber aus dem Publikum auf energische Bedenken stieß.

Sämtliche Bindestrich-Liberalismen hält Prof. Habermann in Übereinstimmung mit der bisherigen Rhetorik der FDP für Verirrungen, mag aber auch eine neuere Wortkonstruktion der FDP-Wahlkämpfer wie „mitfühlender Liberalismus“ nicht mittragen, weil überflüssig. Prof. Habermann warnte davor, dass die Demokratie gerade drohe, totalitär zu werden, da die Zähmung durch Freiheitsrechte, insbesondere das Eigentumsrecht, erodiere. Das liberale Arbeitsvertragsrecht sei längst demontiert, zuletzt durch die Antidiskriminierungsgesetzgebung. Die erstrebte umfassende Herstellung von Gleichheit der Menschen sei unmöglich, da aufgrund der individuellen Vielfalt der Anlagen und Begabungen niemals Startgleichheit hergestellt werden könne. Zwar würden nicht mehr Unternehmen sozialisiert, jetzt aber Menschen, etwa in staatlichen Kitas. Die Erbringer „selbstverständlicher elterlicher Leistungen“ würden durch das Betreuungsgeld zu „Staatsfunktionären“ erhoben. Die in der Politik Besorgnis hervorrufende fortlaufende Dezimierung der Generationen um ein Drittel durch den Geburtenschwund schreibt Prof. Habermann vor allem den Effekten des Wohlfahrtsstaates zu. Die Lehre von der sozialen Gerechtigkeit sei eine Ethik des Raubes, die im Liberalismus vertretene Gerechtigkeit bedeute hingegen die Respektierung der Rechte anderer.

Zu der gutbesuchten Veranstaltung hatten die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und die auch in Münster mit einem Gesprächskreis präsente Friedrich-August-von-Hayek-Gesellschaft eingeladen, die in letzter Zeit immer wieder kontroverse Gäste nach Münster gebracht haben, so den Spiegel-Kolumnisten Jan Fleischhauer, den aus dem Fernsehen bekannten Rechtsanwalt und Publizisten Carlos A. Gebauer  oder EU-kritische FDP-Politiker wie Frank Schäffler oder Thomas Dechant.

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Gerd Habermann diskutiert mit Zuhörern

Aus der Geschichte der Glasindustrie: Böhmische Glasmacher, bayerische Barone und Fürther „Spiegeljuden“ verwandelten Sand in Gold

November 11, 2010
Postkarte aus Röthenbach, (Kaiserzeit), Gut (links, mit Walmdach das Hammerschloss, recht davon Schornstein, der Branntweinbrennerei, Brauerei, Landwirtschaftsgebäude), Bahnhof, Arbeiterhäuser und Glashütte

Postkarte aus Röthenbach(Kaiserzeit), Hammerschloss (links oben) und Gut, Bahnhof, Arbeiterhäuser und Glashütte

Aufgewachsen auf dem stillgelegten Gut Röthenbach/Oberpfalz entwickelte ich schon früh Interesse für Geschichte, denn eine Umgebung, die derart in die Vergangenheit weist, regt die Phantasie an, sich vorzustellen, wie es früher war, als der Ortsteil um das Gut noch belebt war. Warum wirkte jetzt die Umgebung des herrenhausartigen Hammerschlosses wie ein verlassenes Goldgäbernest, und warum wurde ein so großes Gut Ende der 1960er Jahre aufgegeben?

Auf dem Dachboden des Hammerschlosses stieß ich  zwischen Spinnweben und Staub auch auf  Relikte und Unterlagen aus der Kaiserzeit. Aus Erzählungen wusste ich, dass im Ort einmal eine Glashütte mit böhmischen Glasmachern bestanden hatte, die große Bedeutung für den Ort gehabt haben musste.  Ende der 1990er Jahre fand ich mit dem 1914 geborenen Toni Schröpf den letzten lebenden Glasmacherlehrbub, der die Röthenbachhütte noch in Betrieb gesehen hatte, er erzählte mir alte Glasmachersagen und von Glasmacherbräuchen wie dem „Schimmelkauf“: Die Glasmacher zogen dabei zur Faschingszeit mit einer Pferdeattrappe vor das Schloss und der Baron als Hüttenherr musste bieten, den Erlös vertranken die Glasmacher gleich im Wirtshaus. Mit Geschichten wie diesen füllte sich der verwaiste Ortsteil des Dorfes aus der Glashüttenzeit vor meinen Augen mit immer mehr Leben.

Die Glasmacher vor der Röthenbachhütte in den 1920er Jahren.

Die Glasmacher vor der Röthenbachhütte in den 1920er Jahren.

Mundblashütten für Glasscheiben entwickelten sich noch im Zeitalter der Industrialisierung zu großer Blüte und konnten sich in Ostbayern bis Mitte der 1920er Jahre halten. Dies hatte verschiedene Gründe: Zunächst waren die alten handwerklich versierten böhmischen Glasmacherdynastien in regionaler Nachbarschaft Ostbayerns, sie mussten nur angeworben werden und kamen als eine Art frühe Gastarbeiter mit K.u.K.-Pass in den Bayerischen und Oberpfälzer Wald. In der ostbayerischen Oberpfalz selbst gab es seit alters her eine frühindustriell-wirtschaftlich tätige Schicht, die als Unternehmer auftrat: die zum Teil adeligen Hammerherren, die in sogenannten Eisenhämmern auf vormoderne Weise Roheisen produzierten. Dieses Gewerbe kam mit der Industrialisierung unter Druck, sodass sich diese kleinindustriell tätigen Land-Magnaten nach einer neuen Erwerbsquelle umsehen mussten. An den zahlreichen Wasserläufen der Oberpfalz wurden anstelle der mit Wasserkraft betriebenen Eisenhämmer Glasschleifen und Glaspolierwerke eingerichtet. Dort wurde das von den Glashütten aus Böhmen produzierte Glas auf dem Weg zum Absatzzentrum Nürnberg veredelt. Die in der Glasveredelung tätigen Hammerherren zogen vereinzelt auch Glashütten nach, wie etwa die Familie von Grafenstein im Hammergut Röthenbach mit der Errichtung einer großen Glashütte im Jahr 1873, die auf den Bau einer Bahnstrecke von Weiden nach Nürnberg und frühen Experimenten mit Glasperlproduktion im alten Hammerwerksgebäude folgte. Der Ausbau des Eisenbahnnetzes hatte es ermöglicht, Glashütten auch etwas außerhalb der traditionellen abgelegenen Hüttenstandorten der tiefen Wälder des Bayerischen und Böhmischen Walds zu errichten, die neuen Hütten rückten nach Nordwesten in die nördliche Oberpfalz an die Bahnlinien heran, wo sie die Rohstoffe und Brennstoffe heranfahren und die Produkte zum Transport geben konnten. Problem war zunächst gewesen, dass die Wälder, die das Brennmaterial hätten liefern können, für die vormoderne Eisenindustrie weitgehend gerodet worden waren. Die Brennstofffrage wurde mit lokal in der Oberpfalz entwickelten Torfbrennöfen für Glashütten gelöst, so auch in Röthenbach. Später wurde der im Moor um Röthenbach gewonnene Torf durch aus Böhmen mit der Bahn herangefahrene Braunkohle ersetzt. Sodann braucht man für die Herstellung von Glas auch noch Sand, der in der Oberpfalz in großen Sandgruben gefördert wurde.

Der Sand wurde im Hochofen eingeschmolzen und die Glasmacher formten aus der Schmelzmasse durch Einblasen von Luft mittels Glasmacherpfeifen zunächst geschlossene Zylinder. Dies war eine unglaublich schweißtreibende Arbeit, nicht nur durch Mobilisieren der Lungenkraft, sondern auch durch das Stemmen der schweren länglichen Glaszylinder und der großen Hitze am Ofen. Der Flüssigkeitsverlust wurde seit alters her  mit Bierkonsum erträglich gemacht, der aber nicht zur Trunkenheit führte. In Röthenbach kam das Bier dazu von der Gutsbrauerei des Hüttenherrn.

Die 1905 geborene Glasmacherstochter Anna Hofmann erinnerte sich, wie sie einmal zusammen mit dem Pfarrer die Arbeit in der Hütte beobachtete. „Siehst, Nani“, sagte der Pfarrer, „diese Menschen kommen einmal alle in den Himmel!“ „Warum?“ „Weil die das Fegefeuer schon auf dieser Welt haben.“

Von den durch Aufblasen geformten Zylindern wurde die Kappe abgesprengt, sie wurden an einer Seite aufgeschnitten und plattgewalzt (gestreckt). Anschließend kamen die entstandenen Scheiben (1,3 *1,5 m) in die Glasschleifen, mit Wasserkraft betriebene Werke, wo durch Bewegung auf Steinplatten und Zugabe von Schleifsand die Unebenheiten beseitigt wurden. Dabei wurden die Glassscheiben undurchsichtig. Mit Bereiben durch Polierrot wurden sie in ebenfalls mit Wasserkraft betriebenen Polierwerken wieder durchsichtig gemacht. Die Polierarbeiter wurden durch den Polierstaub selbst rot und gingen als Rothäute durchs Leben. Das entstandene Glas kam nach Nürnberg-Fürth, wo sich zahlreiche Spiegelmacher und -Händler niedergelassen hatten. Diese waren oft Juden, weshalb damals auch – nicht abwertend – von den „Fürther Spiegeljuden“ gesprochen wurde. Die Glasscheiben wurden durch Belegen mit Quecksilber oder Silber zu Spiegeln, gerahmt und häufig exportiert.

Zwischen 1878 bis 1890 gab es eine Vervierfachung des Fürther Spiegelexports in die USA. Mancher Saloonspiegel, also diejenigen Einrichtungsgegenstände, die in keinem Westernfilm fehlen dürfen und meist bei einer Schlägerei zu Bruch gehen, könnte in Bayern produziert worden sein. Dieser Exporterfolg führte zu einem großen Boom neuentstehender Spiegelglashütten mit Mundblasverfahren. Die Röthenbacher Glashütte wurde immer wieder ausgebaut und modernisiert. Die Bevölkerung des Ortes wuchs zwischen 1864 von 121 auf 260 im Jahr 1910. Die Hütte und ihre Tochterbetriebe hatte zu ihren besten Zeiten rund 50 Beschäftigte, auch Filialbetriebe zur Veredelung in anderen Ortschaften. Glasmacher konnten als nach Stückzahlen bezahlte Facharbeiter einen gewissen Wohlstand entwickeln, der auch zum Neid der bitterarmen bäuerlichen Bevölkerung führen konnte. Im Glasarbeiterwirtshaus wurden Feste gefeiert, Zither gespielt, mit benachbarten Glasmacherclans eigene Feste gefeiert, getanzt und gesungen. Glasmacher galten als weltläufiger, selbstbewusster und unabhängiger als Gutsarbeiter, auch wenn sie mal finanziell auf dem Trockenen saßen, wenn der Hüttenofen wegen Absatzflaute nicht rauchte. „Die Glasmacherleut´sind gar lustige Herrn, und wenn Sie mal kein Geld haben, klimpern sie mit den Scherb`n“, so ging ein Spruch in der Oberpfalz. Die Bauern verfolgten hier und da auch die Fabrikherrn der Glas- und Porzellanindustrie mit Missgunst, weil sie ihnen mit besseren Arbeitskonditionen Arbeitskräfte abwerben konnten. Die Arbeiter wohnten in für damalige ländliche Verhältnisse recht großzügigen Werkswohnungen.

Hermann von Grafenstein sen. (1840 - 1902)

Hermann von Grafenstein sen. (1840 – 1902)

Der rührige Hüttengründer Hermann v. Grafenstein sen., mein Ur-Ur-Großvater, konnte mit seinen Aktivitäten in der Glasindustrie seinen Familienzweig auf ein Gleis zu neuem Wohlstand setzen. Seinem Sohn Hermann jun. (1874 – 1955) gelang es, mit der Glashütte als Prestigebetrieb im Rücken, in die Porzellanfabrikantenfamilie Rasel einzuheiraten und mit Kapital seines Schwiegervaters Eduard Rasel sein rustikales Hammerschlösschen umfassend zu sanieren und zu modernisieren, sodass es im Innern im Jugendstil allen Wohnkomfort eines großbürgerlichen Haushalts der Jahrhundertwende bot. Hermann v. Grafenstein jun. war den Zeitzeugen als überaus leutselige Persönlichkeit in Erinnerung, der wie viele Landadelige die Jagd schätzte und als sozial eingestellter Patron seine lokale Beliebtheit wahren konnte. Der wirtschaftliche Wiederaufstieg der Oberpfälzer Hammerherren durch das Umsatteln auf eine andere noch teilweise mit vormodernen Methoden arbeitenden Branche konnte jedoch nicht für immer gutgehen. Mit Beginn der 1890er zogen die USA  Zollschutz gegen die Importe hoch, sodass diese Einnahmequelle langsam versiegte. Die ebenfalls durch staatliche Maßnahmen geschützte bayerische Mundblashütten-Branche rettete sich noch einige Zeit mit massiven Marktabsprachen über die Runden. In den 1920er kam es dann zum Sterben dieser kleinen Mundblashütten, aufgrund von Konzentrationsprozessen und der Durchsetzung von mechanischen Verfahren, insbesondere durch die Verbreitung des Ziehglasverfahrens. Der Ofen in der Röthenbachhütte wurde 1928 endgültig „kaltgeschürt“. Eine jahrhundertealte Glasmachertradition ging damit im Flachglasbereich zu Ende, auch den Röthenbacher Hüttenbaronen ihr letztes industrielles Standbein unaufhaltbar verloren. Später wurde auch die Landwirtschaft auf den oft sandigen und steinigen Böden für unrentabel erklärt und die Nutzflächen an den Staatsforst verkauft. Das landwirtschaftliche Gut hat sich hier über die Jahrhunderte nur als Zweitbetrieb zur Eisen,- dann zur Glasindustrie halten können. In einem alten Hüttenstandort wie Röthenbach findet man heute noch die alten vom Menschen angestauten Weiher, die zur Energieversorgung mit Wasserkraft genutzt wurden, hier und da noch faszinierend grünbläulich schimmernde Rohglasklumpen, ein altes denkmalgeschütztes Arbeiterhaus und das nach über 80 Jahren immer noch rot gefärbte Polierwerksgebäude, das im Grundriss auf das alte Hammerwerk zurückgeht. Die Hütte selbst ist leider nach dem 2. Weltkrieg abgetragen worden.

weitere Fotos: http://www.flickr.com/photos/vongrafenstein/sets/72157625637479152/

weiterführende Lektüre: Burkhard v. Grafenstein: Die Spiegelglasindustrie in Röthenbach, in: Oberpfälzer Heimat, Bd. 51, Pressath: Verlag Bodner, 2006