Archive for Oktober 2011

Vom umgekippten Blumenkübel zur Terrorisierung von Geschäftsinhabern

Oktober 25, 2011

Beschädigte Schaufensterscheibe eines Geschäftes in Münster

In Münster breitet sich merklich Vandalismus aus, dem auch die Schaufensterscheiben von Geschäften und Schnellimbissrestaurants zum Opfer fallen. Mitte letzten Jahres löste die Meldung einer Münsteraner Zeitung über einen von Unbekannten umgekippten Blümenkübel noch eine Internetwelle und bundesweit Gelächter aus. Den Betroffenen in Münster, die mehrfach Attacken dieser Art ausgesetzt sind, ist jedoch nicht mehr zum Lachen zu Mute. Obiges Foto zeigt die Schaufensterseite eines Geschäftes im Münsteraner Stadtteil Gievenbeck, die schon viermal in Folge bei Einbruchsversuchen beschädigt worden ist.  Die Eigentümer behelfen sich nunmehr damit, die beschädigte Scheibe notdürftig mit Postkartenständern zu kaschieren.

Send: Das Freiheitsschwert von Münster

Oktober 25, 2011
Sendschwert

Sendschwert am Rathaus

Vor der Münsteraner Altstadt hatte die Send ihre Zelte aufgeschlagen. Es handelt sich um eine große Kirmes, die dreimal im Jahr die Besucher auf sich zieht. Die Send ist eigentlich aus einem Markt hervorgangen, der an die Synode des Bistums angeschlossen war, für den besondere Freiheiten galten und die Privilegien der Münsteraner Kaufleute außer Kraft gesetzt waren. Dies wird seit Jahrhunderten (auch heute noch) durch das aufgepflanzte Sendschwert am Rathaus von Münster angezeigt. Laut Inschrift wurde es früher auch als Freiheitsschwert bezeichnet. Es zeigte den Marktkaufleuten den besonderen Rechtsschutz an, den die Stadt während der Send gewährte und damit den Markt ermöglichte. Die nunmehr zu Ende gegangene Herbstsend war bei strahlendem Wetter am Wochenende bestens besucht. Vor den Fahrgeschäften bildeten sich lange Schlangen. Es gibt kein Bierzelt, aber viele kleine Gelegenheiten auch den Durst zu löschen, daneben auch Marktstände.

Fahrgeschäfte für Groß und Klein lassen die Sendbesucher in die Luft gehen

Bei sonnigem Herbstwetter drängten sich die Menschen zwischen den Buden.

Vorträge in der Villa ten Hompel: Vergessen und Verkaufen

Oktober 20, 2011

Geschichte ist auch was für junge Leute. In der Villa ten Hompel referierten gestern Nachwuchshistoriker: Lena Bethmann berichtete über die Wahrnehmungen italienischer Militärinternierter in Westfalen während des 2. Weltkriegs, Dennis Romberg brachte den Zuhörern Neuigkeiten über deutsche Atomkraftwerksverkäufe nach Südamerika in den 1970er Jahren zu Ohren.

Dennis Romberg und Lena Bethmann

Dennis Romberg und Lena Bethmann

Wer hätte schon gerade die sozialliberalen Koalitionen unter Willy Brandt und Helmut Schmidt mit fragwürdigen Atomdeals mit südamerikanischen Diktaturen in Zusammenhang gebracht? Doch genau darüber konnte Romberg mehr erzählen, wenn auch die letzten Archive zum Thema nicht geöffnet sind. So profitierten nicht nur das seinerzeitige Regime in Brasilien, sondern auch die weit berüchtigtere Junta in Argentien davon, dass deutsche Firmen sich im internationalen Wettbewerb um Atomverträge nicht beiseiteschieben lassen wollten. Selbst Vorbehalte des seinerzeitgen US-Präsidenten Jimmy Carter wurden von Helmut Schmidt nicht berücksichtigt. Zwar bewegte sich alles im legalen Rahmen, da der Atomwaffensperrvertrag zivilen Handel mit Atomtechnologie erlaubte, jedoch war nicht sichergestellt, dass die beiden Diktaturen in Südamerika nicht atomar aufrüsten würden.
Lena Bethmann wusste interessante Details zur Internierung der italienischen Armee durch die deutschen Streitkräfte nach dem Sturz Mussolinis zu berichten: Schriftliche Hinterlassenschaften der gefangenenen Italiener, die in Deutschland Zwangsarbeit verrichten mussten, wurden im Originaltext vorgestellt. Schlechte Behandlung, ungewohnte Witterung und Eintönigkeit des Lagerlebens machten den Internierten, die von den Deutschen als Verräter angesehen wurden, zu schaffen, führten aber auch zur kritischen Reflexion über den Faschismus  der Achsenmächte – „Der Himmel über Westfalen ist immer grau“ war der Vortrag betitelt.

Die Veranstalter mühten sich mit der Überschrift „Vergessen und Verkaufen“ die thematisch sehr unterschiedlichen Vorträge auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, der in der Tendenz zu bestehen schien,  Deutschland als notorischen Schurkenstaat des vergangenen Jahrhunderts zu vermitteln.

Sagenhafte Gedichte II: Die Lore-Ley (Heinrich Heine, 1824)

Oktober 19, 2011

Ich weiß nicht was soll es bedeuten,
Dass ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl und es dunkelt,
Und ruhig fließt der Rhein;
Der Gipfel des Berges funkelt
Im Abendsonnenschein.

Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar;
Ihr goldnes Geschmeide blitzet,
Sie kämmt ihr goldenes Haar.

Sie kämmt es mit goldenem Kamme
Und singt ein Lied dabei;
Das hat eine wundersame,
Gewaltige Melodei.

Den Schiffer im kleinen Schiffe
Ergreift es mit wildem Weh;
Er schaut nicht die Felsenriffe,
Er schaut nur hinauf in die Höh.

Ich glaube, die Wellen verschlingen
Am Ende Schiffer und Kahn;
Und das hat mit ihrem Singen
Die Lore-Ley getan

Sagenhafte Gedichte I: Der Erlkönig (Goethe, 1782)

Oktober 19, 2011

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? —
Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron’ und Schweif? —
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. —

„Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel’ ich mit dir;
Manch’ bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand.“ —

Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht? —
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
In dürren Blättern säuselt der Wind. —

„Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.“ —

Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düstern Ort? —
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh’ es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau. —

„Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt.“ —
Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan! —

Dem Vater grauset’s; er reitet geschwind,
Er hält in Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
In seinen Armen das Kind war tot.

Auf Hülshoff: Schaurig ist´s, eine verlassene Burg zu sehen.

Oktober 14, 2011

Besuchte erneut den Geburtsort der Dichterin und Schriftstellerin Annette von Droste-Hülshoff, die Burg Hülshoff im Münsterland.

Neben der Kriminalerzählung Die Judenbuche hinterließ die Dichterin auch diverse schauerliche Gedichte wie Der Knabe im Moor.

Bei der Ankunft schien noch die Sonne, aber dann zogen Wolken auf und setzten die Wasserburg in ein spannungsreiches Licht. Das untere Geschoß der Burg kann besichtigt werden. Angestellte geben gerne Auskunft zu allem. Die Burgherrin aus dem Geschlecht derer von Droste zu Hülshoff ist schon betagt und wohnt nicht mehr auf Hülshoff, sie hinterlässt keine männlichen Erben. Still ist es hier geworden, die wenigen Besucher können auch das Burglokal kaum füllen. Ringsum lädt ein englischer Schlossgarten zum Spazieren ein.

Burg Hülshoff

Münsterland Giro: Rennrad statt Leeze, Geschwindigkeit statt Gemütlichkeit.

Oktober 4, 2011
Giro

"Fliegende" Rennradler

Am Tag der Deutschen Einheit fand in der Fahrradstadt Münster zum sechsten Mal der Münsterland Giro statt. Dieses Fahrradrennen gehört mittlerweile zu den drei wichtigsten Eintagesrennen in Deutschland. Sieger bei den Profiradsportlern war nach einem spannenden Finish  Marcel Kittel. Daneben gab es ein Jedermann-Rennen für Amateure und ein Fette-Reifen-Rennen für die Kleinsten.  Auf dem Hindenburgplatz konnte während der Rennen auf Messeständen auch die neuesten Errungenschaften der Radtechnologie besichtigt werden. Gerade E-Bikes und PG-Bikes für stromunterstütztes Radeln bereiten der Polizei in Münster neue Probleme. Touristik-Stände vermittelten den Eindruck, dass das Münsterland nicht nur ideale Bedingungen für den Radsport bietet, sondern auch eine hervorragende Infrastruktur für Radtouristen.

MünsterlandGiro

Freiheit – Ordnung – Wahrheit

Oktober 2, 2011

 – liberal-zentristische Perspektiven

Wahrheit und Freiheit scheinen einander zu bedingen: „Die Wahrheit wird euch befreien“ heißt es in der Bibel(Joh. 8, 32) und bei Marx.

Recht plausibel scheint mir persönlich die Umkehrung: Die Freiheit wird euch wahrhaftig machen bzw. Die Freiheit wird euch zur Wahrheit führen. Daraus folgt die Notwendigkeit der Unabhängigkeit des Richters.

Ordnung wiederum ist das Fundament für die Wahrheit und die Freiheit:

a)Ohne Ordnung in den Gedanken und ihrer Darlegung gibt es kein Durchdringen zur Wahrheit. Keine wissenschaftliche Abhandlung kann auf Gliederung, Nummerierung und Reihung verzichten.

b)Freiheitliche Gesellschaften stützen sich auf die Ordnung durch geschriebenes Recht.

Was folgert aus all dem politisch?

Die Freiheiten, die uns überliefert wurden, sind zu bewahren und zu verteidigen. Dies hat auch Vorrang vor der Kreation neuer Freiheitsrechte. Die Gleichheit vor dem Gesetz, die gleiche rechtliche Freiheit für alle,  muss verteidigt werden, auch gegen Aushebelungsversuche durch andere Gleichheitsverständnisse.

Werte beziehe ich aus dem Humanismus, der in Europa entwickelten Ethik, historischer Erfahrung und auch aus dem Christentum.

Überlieferte Lebensformen und neuartige Lebensentwürfe, religiöse und nichtreligiöse Vorstellungen koexistieren in der offenen Gesellschaft. Auch gegenüber traditionellen, konservativen und religiösen Werten, Lebensformen, -entwürfen und -stilen ist Toleranz einzufordern. Der eigene Lebensstil soll wiederum anderen nicht aufgezwungen werden und muss privat und auf freiwilliger Basis realisiert werden. Dies erfordert auch die Trennung von Kirchen und Religionsgemeinschaften einerseits und dem Staat andererseits, womit nicht die Schädigung der Religionsgemeinschaften intendiert wird, sondern die Anregung eines religiösen und weltanschaulichen Wettbewerbs, für den Wettbewerbsregeln festzulegen sind.

Ich befürworte Privatinitiative und die Freiheit des Marktes wo dies nur immer vertretbar und möglich ist, negiere den Staat aber nicht bis zur Anarchie. Daraus ergibt sich für mich auch die Übernahme des Prinzips der Subsidiarität, d.h. Probleme sind zuerst in den unteren Ebenen und in Privatinitiative anzugehen, ehe eine höhere Ebene und der Staat bemüht.

Mein Politikverständnis impliziert eine soziale Einstellung, die Schwächere und Unterprivilegierte durch Staat wie Private fordernd fördert und unter den Schutz vor Angriffen und Ausgrenzung stellt. Statt Schwache in die Kriminalität aus Verzweiflung zu treiben, sollen sie mit staatlicher Hilfe auf den Arbeitsmarkt hin orientiert werden. Was der Staat an Sozialhilfe streicht, würde er sich stattdessen Gefängniskosten und sonstigen volkswirtschaftlichen Schaden durch Kriminalität und Armutsfolgen einhandeln. Die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs muss offengehalten werden.

Konservativ ist an mir die Anhänglichkeit gegenüber alten Institutionen und Ordnungsgefügen und Vorsicht gegenüber institutionellen Neuerungen und revolutionärem Pathos und billigen populistischen Effekten und einfachen Lösungen.

Ich bevorzuge auch außenpolitisch in der Vergangenheit bewährte Bündnisse, die von gemeinsamen Werten getragen werden. Ich unterstütze die europäische Einigung auf freiheitlicher und dezentraler Grundlage. Der Wettbewerb der souveränen und historisch gewachsenen europäischen Staaten untereinander soll zum Wohle aller aufrechterhalten werden.

Ich tendiere zu vermittelnden Lösungen des Ausgleichs und auch zentristischen und moderaten Positionen.

Zentrale Werte sind für mich Freiheit auf der einen, Ordnung und Sicherheit auf der anderen Seite. Zusammen sollen sie eine wohlgeordnete Freiheit schaffen, in der sich der Bürger um Leben und Hab und Gut nicht sorgen muss, und sich ohne Angst vor Repressalien durch Staat oder Extremisten friedlich am politischen Geschehen und den gesellschaftlichen Diskursen beteiligen kann. Freiheit hat die Gewährleistung von Sicherheit zur Voraussetzung. Die freie Wirtschaft benötigt ein verlässliches und geordnetes Rechtswesen. Dabei muss Bewusstsein dafür gefördert werden, dass Chaos auch durch Überregulierung und zu viel Bürokratie entstehen kann und Bürokratie Kosten verursacht.

Wissenschaft, Politik, Publizistik und Jurisprudenz sollen sich stets um Wahrheit bemühen, der man so gut wie möglich ins Gesicht sehen muss, auch wenn es schmerzt. Missstände können und sollen in einer offenen Gesellschaft offen angesprochen werden. Dabei ist klar, dass in einer offenen Gesellschaft nicht nur verschiedene Vorstellungen darüber konkurrieren, was richtig, sondern auch was wahr ist. Der Erkenntnisprozess ist dabei nie abgeschlossen, alle Erkenntnis ist ein kritisches Raten.