Archive for the ‘Wirtschaftsgeschichte’ Category

Der Schatz vom Grafenbauernhof

Oktober 15, 2019

Die bayerische Adelsfamilie v. Grafenstein leitet sich genealogisch von der Oberpfälzer Bauernfamilie Graf ab, die seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges auf dem nach ihr benannten Grafenbauernhof in Oberweißenbach bei Vilseck, nördliche Oberpfalz, saß und im 18. Jahrhundert im Zusammenhang mit einer kleinen Nachblüte des Oberpfälzer Eisengewerbes durch den Betrieb von Eisenhämmern, Eisenhandel und Fuhrwerksbetrieb zu Wohlstand gelangt war. Durch ihr Geschick und glückliche Heirat brachten die Graf die Hammergüter Altneuhaus, Altenweiher, Heringnohe und Hammergänlas in ihren Besitz.  1757 ersuchte Johann Georg Graf (1718-1802), Besitzer von Altneuhaus und Hammergänlas und Landrichter zu Parkstein, den bayerischen Kurfürsten Max Joseph um Verleihung des Adelsprädikats, damit er zu patriotischen Diensten fähiger werde und seinen Gütern und Geschäften besser vorstehen könne. Dem Gesuch wurde im Frühjahr 1758 entsprochen und dem Johann Georg Graf der Name von Grafenstein verliehen. Sein Sohn Johann Georg jun. (1742-1823) wird von der Genealogie des in Bayern immatrikulierten Adels als Stammvater der Familie von Grafenstein genannt, da von dessen drei Söhnen alle drei Linien der Familie abstammen.

Grabstein in der Kirche St. Ägidius in Vilseck für (Johann) Georg von Grafenstein (1718 – 1802), der in zweiter Ehe mit der Anna Barbara Mayer (1707 -1792) verheiratet war. Beide wurden 85 Jahre alt.

Den Grafenbauernhof gibt es heute noch, er befindet sich seit rund 200 Jahren im Besitz der Familie Trummer, die eine alte Sage um ihre Vorgänger auf dem Hof überliefert hat, denn der einstige Aufstieg der einfachen Bauernfamilie Graf erzeugte in der Nachwelt Verwunderung, die nach einer Erklärung verlangte:

Der Grafenbauer Georg Graf (1675-1742) träumte, so die Sage, nachts von einer alten Frau, die ihm sagte, er solle nach Regensburg fahren, dort werde er auf der Steinernen Brücke sein Glück finden. Der Grafenbauer wusste zunächst nicht, was er vom Ratschlag der Hexe halten sollte, aber nach der Morgensuppe ließ er seinen Knecht die Kutsche für die Reise nach Regensburg anspannen. Nach der Fahrt durch das Vilstal Richtung Süden kam er nachmittags in Regensburg an. Zu Fuß begab er sich zur Steinernen Brücke und ging auf ihr lange Zeit auf und ab, ohne dass etwas passierte. Da kam am Abend ein Unbekannter auf den Georg Graf zu und fragte, ob er ihm helfen könne, anscheinend kenne er sich nicht in der Stadt aus. Der Grafenbauer erzählte ihm seinen Traum. Der Fremde entgegnete, dass auch er etwas Wirres geträumt hätte: In „Weisserboch“ beim Grafenbauern hinter dem Haus sollen drei Truhen Gold vergraben sein, aber er kenne weder dieses Weisserboch noch den Grafenbauern. Freudig rief der Georg Graf aus, dass er ja der Grafenbauer von Weisserboch sei, und eilte sogleich zu seiner Kutsche zurück, um nach Oberweißenbach zurückzufahren.  Am nächsten Morgen begann der Bauer mit seinen Knechten hinter dem Haus einen Graben auszuheben und tatsächlich: Er stieß auf eine Holztruhe, randvoll mit Gold und Silbermünzen, sodann auf eine weitere, ebenfalls voll mit Kostbarkeiten. Mit diesen Gold- und Silbermünzen, so die Sage, kauften die Grafenbauern und ihre Nachkommen all die großen Hammergüter, darunter später auch meinen Heimatort Röthenbach, und auch ihren Adelsnamen. Nach der dritten Truhe suchte der Grafenbauer jedoch vergeblich, sie soll noch heute auf dem Gelände des Grafenbauenhofes zu finden sein,  dieweil die Familie Trummer freilich schon viele vergebliche Anstrengungen unternommen hat, auch mit Sonargeräten, den Schatz zu entdecken.

Woher aber stammte dieser Schatz? Auch davon weiß die Sage zu berichten. Demnach soll der Grafenbauerhof bis in den Dreißigjährigen Krieg hinein Sitz eines Steuereintreibers gewesen sein. Dieser war sehr gefürchtet und unbeliebt, da er alle Bauern, die ihrer Steuerpflicht nicht nachkamen, in den Turmanbau des alten Wohnhauses einsperren und schmachten ließ. Als die Gegend von plündernden Horden unsicher gemacht wurde, vergrub der Steuereintreiber bei Nacht und Nebel die gehorteten Steuereinnahmen unter den Büschen, ehe er selbst von der Soldateska erschlagen oder verschleppt und das Haus niedergebrannt wurde. So geriet das vergrabene Gold in Vergessenheit.

Blick auf die Anhöhe in Oberweißenbach, auf der der Grafenbauernhof und der Jungbauernhof liegen, beides einst Besitz der Familie Graf, schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts aber der Familie Trummer gehörig.

Literaturhinweise:

Eckehart Griesbach: Truppenübungsplatz Grafenwöhr – Geschichte einer Landschaft, 2. Auflage, 1985.

Vereinigung des Adels in Bayern e. V. (Hrsg.), Genealogisches Handbuch des in Bayern immatrikulierten Adels. Bd. 21, Verlag Degener & Co., Neustadt an der Aisch 1996.

„Der junge Karl Marx“ – Historienfilm über die Anfänge des Kommunismus

März 3, 2017

2018 wird der 200. Geburtstag von Karl Marx gefeiert. In den Kinos ist jetzt schon der Film „Der junge Karl Marx“ von Raoul Peck gestartet, begleitet von Vorträgen von Prominenten mit Kommunismus-Bezug wie Gregor Gysi oder Jürgen Trittin.
Nach dem endgültigen Scheitern des Kommunismus durch den Zusammenbruch des Warschauer Paktes könne man wieder zugeben, wo Karl Marx auch Recht hatte –  diesen Gedanken aus der SZ trug bei der Filmpremiere in Münster der Politologe Hendrik Meyer vor. Der Kapitalismus als Forschungsgegenstand sei nicht verschwunden, er habe sich nur weiterentwickelt, heiße heute „Marktwirtschaft“. Aus Arbeitern seien „Arbeitnehmer“ und aus Kapitalisten „Arbeitgeber“ geworden. Mit Armut bringe man heute das sogenannte Prekariat in Verbindung. Die Grundprinzipien des Kapitalismus Wachstum, Profit und Eigentum seien nach wie vor in Kraft. Auch die Schere zwischen Arm und Reich gehe immer weiter auseinander. Die heutige Sozialdemokratie sei in gewisser Hinsicht die Vollstreckerin des kommunistischen Manifests, dessen Entwicklungsweg der Film aufzeige, denn der Sozialstaat mache den Klassenkampf unnötig, wenn er den Klassengegensatz auch nicht überwinde. Der Kalte Krieg, und damit indirekt der Kommunismus, sei ein Motor für die Sozialpolitik in der Bundesrepublik gewesen, die die Arbeiterklasse quasi in die bürgerliche Gesellschaft eingemeindet habe.
Marx hat nach Meinung von Meyer die Globalisierung zwar richtig vorhergesagt, als Prophet eines zwangläufigen Scheiterns der „Bourgeoisie“ sei er jedoch widerlegt.

Der Film selbst bekommt in den Medien nur mäßige Kritiken. Ein Theoretiker wie Marx (August Diehl) ist kein dankbares Objekt einer Verfilmung, auf dieses Problem der Philosophie-Darstellung wurde in diesem Blog schon hingewiesen. Einen größeren dramatischen Konflikt bietet schon die Figur des Industriellensohns Friedrich Engels (Stefan Konarske), der die Lebenslage der Industriearbeiter aus nächster Nähe kennen lernt und studiert, was ihn in Gegensatz zu seinem Vater und dessen Freunden bringt. Die Motivation von Marx bleibt im Film hingegen eher im Dunkeln, abgesehen von einer sehr dramatisierenden Szene, in der illegale Holzsammler von einer Reiterschwadron niedergeritten werden, was Marx zufällig als Zeuge erlebt. Letztlich thematisiert der Film eine Männerfreundschaft im politischen Aktivismus, umrahmt von kämpferischen Frauenfiguren wie Jenny v. Westphalen (Vicky Krieps), in Auseinandersetzung mit politischer Unterdrückung und Exil, aber auch mit anderen bedeutenden Linken der Zeit, wie dem Frühsozialisten Pierre-Joseph Proudhon, gegen die sich die beiden jungen Männer zu profilieren und durchzusetzen versuchen. Der Film gipfelt in der erfolgreichen Radikalisierung des „Bunds der Gerechten“: Marx und Engels erklären der Gedanken der Brüderlichkeit der Menschen für obsolet und setzen an seine Stelle den Klassenkampf.

Die schlimmen Folgen der kommunistischen Lehren der wohlmeinenden jungen Theoretiker, die im Film als sympathische Kumpeltypen von nebenan rüberkommen, Not, Verderben, Unterdrückung und Massenmord, symbolisiert durch Namen wie Stalin und Mao, werden im Film und auch im historischen Überblick des Abspanns nicht thematisiert, was bedenklich ist, da sich seit der Finanzkrise 2008 und dem Entstehen eines Niedriglohnsektors durch die Reformen der Agenda 2010 wieder ein Unbehagen an der Marktwirtschaft breitmacht, zu der aber bis heute keine sinnvolle Alternative bekannt ist.

Die Röthenbach-Chronik des Lehrers Anton Meindl

Mai 10, 2014

Die Geschichte meines Heimatortes Röthenbach bei Kohlberg, die der ehemalige Lehrer Anton Meindl(1895-1984) aufgeschrieben hat, ist mittlerweile im Internet veröffentlicht. Die Aufzeichnungen bieten ein reiches sozial- und wirtschaftsgeschichtliches Panoptikum:

 

http://www.köhlersiedlung-imb.info/anton_meindl_chronik.pdf

Hammerschloss in Röthenbach eingestürzt

Juli 17, 2012

Das eingestürzte Hammerschloss in Röthenbach

Quelle: THW Weiden

Das bis 2007 im Besitz meiner Familie befindliche barocke Hammerschloss in meinem Heimatort Röthenbach bei Kohlberg ist teilweise eingestürzt.

Unmittelbare Auslöser waren Erdarbeiten in 1,40 m Tiefe direkt neben der Fassade. Seit einiger Zeit werden Entwässerungsarbeiten auf dem Grundstück zur Auffüllung eines Weihers durchgeführt, die mich bedenklich stimmten. Architekten bestätigten mir jetzt auf Nachfrage,  dass auch der Entzug von Wasser aus dem Boden eines Geländes die Statik darauf stehender Gebäude gefährden kann (sog. Grundbruch).

Mutmaßlich aufgrund der Schießübungen am nahegelegenen Truppenübungsplatz Grafenwöhr wies das Schloss schon seit langer Zeit durch den Denkmalschutz dokumentierte Risse im Mauerwerk auf.  Die Vorgänger-Dachkonstruktion war als zu schwer eingeschätzt worden und unter der Ägide des Denkmalschutzes durch eine neue ersetzt worden, die trotz zusätzlicher Dachgauben das Gebäude weniger belasten sollte. In Folge von Restaurierungsarbeiten war es zu einem Wasserrohrbruch gekommen, der dem Gebäude vorab zugesetzt hatte.

Es handelt sich um die schwerste Katastrophe in Röthenbach seit Bruch des Rablmüherweiherdamms im letzten Jahrhundert. Wenigstens wurde niemand verletzt.

Das Unglück geschah am Freitag, den 13., wie ich, ohne den Aberglauben befördern zu wollen, festhalten muss. In der Nacht von Freitag auf Samstag träumte ich davon, das Hammerschloss bei einer Rückkehr als Ruine vorzufinden, ohne von den Vorgängen Kenntnis zu haben.

Allein für Sicherungsmaßnahmen müssen jetzt 30 000 Euro eingesetzt werden. Weiterer Teileinsturz und Gesamteinsturz droht.

Röthenbach wird aufgrund von Lage, Größe, Innenaustattung und kunstvoller Fassade zu den herausragenden Hammerschlössern in der Oberpfalz gerechnet. Noch bis 1880 war in Röthenbach ein Hammerwerkshochofen in Betrieb, der Roheisen produzierte, und im Grundriss noch steht.  Desweiteren befindet sich in Röthenbach noch ein sehenswertes Glaspolierwerksgebäude, unter Denkmalschutz stehen ein Brauereigebäude und ein Glasarbeiterhaus.

Bericht über den Einsatz der Feuerwehr:

http://www.bk-media.de/index.php?con=Thema&ID=1115&tab=tab1

Bericht des THW:

http://thw-wen.de/einsatz_meldung.php?id=58

Bericht der Weidener Lokalzeitung:

http://www.oberpfalznetz.de/zeitung/3329195-127-denkmalpfleger_vertrauen_auf_gott,1,0.html

Fernsehbericht von OTV:

http://www.oberpfalz.tv/nachrichten/zukunft-hammerschloss.html

Homepage der jetzigen Eigentümer:

http://www.hammerschloss-roethenbach.com/

Die Geschichte Röthenbachs ist durch das Schlossarchiv gut dokumentiert. Dieses befindet sich mittlerweile im Staatsarchiv Amberg:

http://www.gda.bayern.de/publikationen/nachrichten/pdf/heft_56.pdf

Send: Das Freiheitsschwert von Münster

Oktober 25, 2011
Sendschwert

Sendschwert am Rathaus

Vor der Münsteraner Altstadt hatte die Send ihre Zelte aufgeschlagen. Es handelt sich um eine große Kirmes, die dreimal im Jahr die Besucher auf sich zieht. Die Send ist eigentlich aus einem Markt hervorgangen, der an die Synode des Bistums angeschlossen war, für den besondere Freiheiten galten und die Privilegien der Münsteraner Kaufleute außer Kraft gesetzt waren. Dies wird seit Jahrhunderten (auch heute noch) durch das aufgepflanzte Sendschwert am Rathaus von Münster angezeigt. Laut Inschrift wurde es früher auch als Freiheitsschwert bezeichnet. Es zeigte den Marktkaufleuten den besonderen Rechtsschutz an, den die Stadt während der Send gewährte und damit den Markt ermöglichte. Die nunmehr zu Ende gegangene Herbstsend war bei strahlendem Wetter am Wochenende bestens besucht. Vor den Fahrgeschäften bildeten sich lange Schlangen. Es gibt kein Bierzelt, aber viele kleine Gelegenheiten auch den Durst zu löschen, daneben auch Marktstände.

Fahrgeschäfte für Groß und Klein lassen die Sendbesucher in die Luft gehen

Bei sonnigem Herbstwetter drängten sich die Menschen zwischen den Buden.

Geschichte der erneuerbaren Energien: Wie Hammerwerke in der Oberpfalz Wasserkraft nutzten

Mai 30, 2011

In die Geschichte der erneuerbaren Energien gehört zweifellos die Wasserkraftnutzung in der vormoderne Eisenindustrie, die seit dem Mittelalter, in Deutschland etwa in der nordbayerischen Oberpfalz, entstand. Wasserkraft setzte zum einen den Blasebalganlagen zur Anfeuerung vormoderner Roheisenhochöfen in Bewegung, zum anderen den schweren Eisenhammer, mit dem das Roheisen bearbeitet. Die frühen Eisenwerke, Hammerwerke genannt, entstanden daher an zum Teil zu Hammerweihern aufgestauten Wasserläufen in deutschen Mittelgebirgsregionen. Die Wasserkraft hatte ihre saisonalen Tücken und auch zum GAU konnte es kommen, wenn die Dämme der Hammerweiher brachen und nicht nur die Hammerwerke, sondern auch weite Landstriche unter Wasser setzten, Häuser und Menschen mit sich reißend. Ein Beispiel für einen noch in jüngster Vergangenheit gerissenen Damm ist der ehemalige Rablmühlweiher in meinem Heimatort Röthenbach(Oberpfalz), dessen zerstörtes Wehr heute einen wildromantischen Anblick bietet.

Ein gutes Beispiel für ein schön erhaltenes Hammerwerk samt Hammerschloss ist in Hirschbach / Oberpfalz, zu finden:

Hirschbach

Gemalte Geschichte in einem Stammbaum der Familie v. Grafenstein

Januar 27, 2011

 

Die Ausschnitte aus einer goßen  Stammbaum-Wandtafel für die Familie v. Grafenstein aus dem Jahr 1928 zeigen zwei Wappen. Auf der linken Seite das Wappen der Familie v. Grafenstein, auf der rechten das kurbayerische Wappen der Wittelsbacher, wie es sich Mitte des 18. Jahrhunderts präsentierte, als Johann Georg Graf, Stammvater der Familie v. Grafenstein, 1758 in den Adelsstand erhoben wurde und das Recht erhielt, den Namen „von Grafenstein“ zu tragen. Unter dem Wappen der Familie von Grafenstein ist das Gut Röthenbach/Oberpfalz zu sehen, im Jahr 1928 das größte Gut der Familie. Unter dem Wittelsbacher-Wappen ist die Burg Hohenparkstein zu erkennen, die Ende des 18. Jahrhunderts abgetragen worden ist und heute nicht mehr steht. In Parkstein findet man nur noch den spektakulären 24 Millionen Jahre alten „schönsten Basaltkegel Europas“ (Alexander von Humboldt), auf dem die Burg errichtet war, und die Bergkirche St. Marien. Auf  Hohenparkstein residierten zuletzt die Verwaltung und Rechtspflege vereinenden Landrichter von Parkstein, zu denen auch Johann Georg Graf  gehörte, dem noch zwei seiner Nachkommen (sein Sohn Johann Georg  jun., geb. 1742, gest. 1823) und der Enkel Eduard, geb. 1776, gest. 1824. später Landrichter in Nabburg) nachfolgten. In seiner Eigenschaft als Landrichter von Parkstein suchte Johann Georg Graf auch um die Nobilitierung beim bayerischen Wittelsbacher-Kurfürsten Maximilian III. Joseph nach, daher wird Hohenparkstein auch auf dem Stammbaum dargestellt, der Künstler verdeutlichte so die Umstände der Nobilitierung. Nach der Abtragung der Burg residierten die Landrichter von Parkstein im Amtsschloss, das heute noch – renovierungsbedürftig –  in der Ortschaft zu finden ist. Laut Angaben im Genealogischen Handbuch des in Bayern immatrikulierten Adels trägt der schwarze Löwe der Familie v. Grafenstein einen silbernen Quader in den Pranken. In der künstlerischen Interpretation auf der Stammbaumanfertigung trägt er allerdings ein Bündel von drei Eisenschienen und erinnert damit an den Aufstieg der Familie v. Grafenstein in der vormodernen Roheisenproduktion der Eisenhammerindustrie  im 18. Jahrhundert.

Basaltkegel, ehemaliger Standort der Burg Hohenparkstein

Offensichtlich ein erzählfreudiger Künstler, der die Wandausführung des Stammbaums malte.

Leseempfehlung zu den Umständen der Nobilitierung und den Ursprüngen der Familie v. Grafenstein: http://www.weber-rudolf.de/hammergaenlas.htm

Amtsschloss in Parkstein

Amtsschloss in Parkstein

 

Aus der Geschichte der Glasindustrie: Böhmische Glasmacher, bayerische Barone und Fürther „Spiegeljuden“ verwandelten Sand in Gold

November 11, 2010
Postkarte aus Röthenbach, (Kaiserzeit), Gut (links, mit Walmdach das Hammerschloss, recht davon Schornstein, der Branntweinbrennerei, Brauerei, Landwirtschaftsgebäude), Bahnhof, Arbeiterhäuser und Glashütte

Postkarte aus Röthenbach(Kaiserzeit), Hammerschloss (links oben) und Gut, Bahnhof, Arbeiterhäuser und Glashütte

Aufgewachsen auf dem stillgelegten Gut Röthenbach/Oberpfalz entwickelte ich schon früh Interesse für Geschichte, denn eine Umgebung, die derart in die Vergangenheit weist, regt die Phantasie an, sich vorzustellen, wie es früher war, als der Ortsteil um das Gut noch belebt war. Warum wirkte jetzt die Umgebung des herrenhausartigen Hammerschlosses wie ein verlassenes Goldgäbernest, und warum wurde ein so großes Gut Ende der 1960er Jahre aufgegeben?

Auf dem Dachboden des Hammerschlosses stieß ich  zwischen Spinnweben und Staub auch auf  Relikte und Unterlagen aus der Kaiserzeit. Aus Erzählungen wusste ich, dass im Ort einmal eine Glashütte mit böhmischen Glasmachern bestanden hatte, die große Bedeutung für den Ort gehabt haben musste.  Ende der 1990er Jahre fand ich mit dem 1914 geborenen Toni Schröpf den letzten lebenden Glasmacherlehrbub, der die Röthenbachhütte noch in Betrieb gesehen hatte, er erzählte mir alte Glasmachersagen und von Glasmacherbräuchen wie dem „Schimmelkauf“: Die Glasmacher zogen dabei zur Faschingszeit mit einer Pferdeattrappe vor das Schloss und der Baron als Hüttenherr musste bieten, den Erlös vertranken die Glasmacher gleich im Wirtshaus. Mit Geschichten wie diesen füllte sich der verwaiste Ortsteil des Dorfes aus der Glashüttenzeit vor meinen Augen mit immer mehr Leben.

Die Glasmacher vor der Röthenbachhütte in den 1920er Jahren.

Die Glasmacher vor der Röthenbachhütte in den 1920er Jahren.

Mundblashütten für Glasscheiben entwickelten sich noch im Zeitalter der Industrialisierung zu großer Blüte und konnten sich in Ostbayern bis Mitte der 1920er Jahre halten. Dies hatte verschiedene Gründe: Zunächst waren die alten handwerklich versierten böhmischen Glasmacherdynastien in regionaler Nachbarschaft Ostbayerns, sie mussten nur angeworben werden und kamen als eine Art frühe Gastarbeiter mit K.u.K.-Pass in den Bayerischen und Oberpfälzer Wald. In der ostbayerischen Oberpfalz selbst gab es seit alters her eine frühindustriell-wirtschaftlich tätige Schicht, die als Unternehmer auftrat: die zum Teil adeligen Hammerherren, die in sogenannten Eisenhämmern auf vormoderne Weise Roheisen produzierten. Dieses Gewerbe kam mit der Industrialisierung unter Druck, sodass sich diese kleinindustriell tätigen Land-Magnaten nach einer neuen Erwerbsquelle umsehen mussten. An den zahlreichen Wasserläufen der Oberpfalz wurden anstelle der mit Wasserkraft betriebenen Eisenhämmer Glasschleifen und Glaspolierwerke eingerichtet. Dort wurde das von den Glashütten aus Böhmen produzierte Glas auf dem Weg zum Absatzzentrum Nürnberg veredelt. Die in der Glasveredelung tätigen Hammerherren zogen vereinzelt auch Glashütten nach, wie etwa die Familie von Grafenstein im Hammergut Röthenbach mit der Errichtung einer großen Glashütte im Jahr 1873, die auf den Bau einer Bahnstrecke von Weiden nach Nürnberg und frühen Experimenten mit Glasperlproduktion im alten Hammerwerksgebäude folgte. Der Ausbau des Eisenbahnnetzes hatte es ermöglicht, Glashütten auch etwas außerhalb der traditionellen abgelegenen Hüttenstandorten der tiefen Wälder des Bayerischen und Böhmischen Walds zu errichten, die neuen Hütten rückten nach Nordwesten in die nördliche Oberpfalz an die Bahnlinien heran, wo sie die Rohstoffe und Brennstoffe heranfahren und die Produkte zum Transport geben konnten. Problem war zunächst gewesen, dass die Wälder, die das Brennmaterial hätten liefern können, für die vormoderne Eisenindustrie weitgehend gerodet worden waren. Die Brennstofffrage wurde mit lokal in der Oberpfalz entwickelten Torfbrennöfen für Glashütten gelöst, so auch in Röthenbach. Später wurde der im Moor um Röthenbach gewonnene Torf durch aus Böhmen mit der Bahn herangefahrene Braunkohle ersetzt. Sodann braucht man für die Herstellung von Glas auch noch Sand, der in der Oberpfalz in großen Sandgruben gefördert wurde.

Der Sand wurde im Hochofen eingeschmolzen und die Glasmacher formten aus der Schmelzmasse durch Einblasen von Luft mittels Glasmacherpfeifen zunächst geschlossene Zylinder. Dies war eine unglaublich schweißtreibende Arbeit, nicht nur durch Mobilisieren der Lungenkraft, sondern auch durch das Stemmen der schweren länglichen Glaszylinder und der großen Hitze am Ofen. Der Flüssigkeitsverlust wurde seit alters her  mit Bierkonsum erträglich gemacht, der aber nicht zur Trunkenheit führte. In Röthenbach kam das Bier dazu von der Gutsbrauerei des Hüttenherrn.

Die 1905 geborene Glasmacherstochter Anna Hofmann erinnerte sich, wie sie einmal zusammen mit dem Pfarrer die Arbeit in der Hütte beobachtete. „Siehst, Nani“, sagte der Pfarrer, „diese Menschen kommen einmal alle in den Himmel!“ „Warum?“ „Weil die das Fegefeuer schon auf dieser Welt haben.“

Von den durch Aufblasen geformten Zylindern wurde die Kappe abgesprengt, sie wurden an einer Seite aufgeschnitten und plattgewalzt (gestreckt). Anschließend kamen die entstandenen Scheiben (1,3 *1,5 m) in die Glasschleifen, mit Wasserkraft betriebene Werke, wo durch Bewegung auf Steinplatten und Zugabe von Schleifsand die Unebenheiten beseitigt wurden. Dabei wurden die Glassscheiben undurchsichtig. Mit Bereiben durch Polierrot wurden sie in ebenfalls mit Wasserkraft betriebenen Polierwerken wieder durchsichtig gemacht. Die Polierarbeiter wurden durch den Polierstaub selbst rot und gingen als Rothäute durchs Leben. Das entstandene Glas kam nach Nürnberg-Fürth, wo sich zahlreiche Spiegelmacher und -Händler niedergelassen hatten. Diese waren oft Juden, weshalb damals auch – nicht abwertend – von den „Fürther Spiegeljuden“ gesprochen wurde. Die Glasscheiben wurden durch Belegen mit Quecksilber oder Silber zu Spiegeln, gerahmt und häufig exportiert.

Zwischen 1878 bis 1890 gab es eine Vervierfachung des Fürther Spiegelexports in die USA. Mancher Saloonspiegel, also diejenigen Einrichtungsgegenstände, die in keinem Westernfilm fehlen dürfen und meist bei einer Schlägerei zu Bruch gehen, könnte in Bayern produziert worden sein. Dieser Exporterfolg führte zu einem großen Boom neuentstehender Spiegelglashütten mit Mundblasverfahren. Die Röthenbacher Glashütte wurde immer wieder ausgebaut und modernisiert. Die Bevölkerung des Ortes wuchs zwischen 1864 von 121 auf 260 im Jahr 1910. Die Hütte und ihre Tochterbetriebe hatte zu ihren besten Zeiten rund 50 Beschäftigte, auch Filialbetriebe zur Veredelung in anderen Ortschaften. Glasmacher konnten als nach Stückzahlen bezahlte Facharbeiter einen gewissen Wohlstand entwickeln, der auch zum Neid der bitterarmen bäuerlichen Bevölkerung führen konnte. Im Glasarbeiterwirtshaus wurden Feste gefeiert, Zither gespielt, mit benachbarten Glasmacherclans eigene Feste gefeiert, getanzt und gesungen. Glasmacher galten als weltläufiger, selbstbewusster und unabhängiger als Gutsarbeiter, auch wenn sie mal finanziell auf dem Trockenen saßen, wenn der Hüttenofen wegen Absatzflaute nicht rauchte. „Die Glasmacherleut´sind gar lustige Herrn, und wenn Sie mal kein Geld haben, klimpern sie mit den Scherb`n“, so ging ein Spruch in der Oberpfalz. Die Bauern verfolgten hier und da auch die Fabrikherrn der Glas- und Porzellanindustrie mit Missgunst, weil sie ihnen mit besseren Arbeitskonditionen Arbeitskräfte abwerben konnten. Die Arbeiter wohnten in für damalige ländliche Verhältnisse recht großzügigen Werkswohnungen.

Hermann von Grafenstein sen. (1840 - 1902)

Hermann von Grafenstein sen. (1840 – 1902)

Der rührige Hüttengründer Hermann v. Grafenstein sen., mein Ur-Ur-Großvater, konnte mit seinen Aktivitäten in der Glasindustrie seinen Familienzweig auf ein Gleis zu neuem Wohlstand setzen. Seinem Sohn Hermann jun. (1874 – 1955) gelang es, mit der Glashütte als Prestigebetrieb im Rücken, in die Porzellanfabrikantenfamilie Rasel einzuheiraten und mit Kapital seines Schwiegervaters Eduard Rasel sein rustikales Hammerschlösschen umfassend zu sanieren und zu modernisieren, sodass es im Innern im Jugendstil allen Wohnkomfort eines großbürgerlichen Haushalts der Jahrhundertwende bot. Hermann v. Grafenstein jun. war den Zeitzeugen als überaus leutselige Persönlichkeit in Erinnerung, der wie viele Landadelige die Jagd schätzte und als sozial eingestellter Patron seine lokale Beliebtheit wahren konnte. Der wirtschaftliche Wiederaufstieg der Oberpfälzer Hammerherren durch das Umsatteln auf eine andere noch teilweise mit vormodernen Methoden arbeitenden Branche konnte jedoch nicht für immer gutgehen. Mit Beginn der 1890er zogen die USA  Zollschutz gegen die Importe hoch, sodass diese Einnahmequelle langsam versiegte. Die ebenfalls durch staatliche Maßnahmen geschützte bayerische Mundblashütten-Branche rettete sich noch einige Zeit mit massiven Marktabsprachen über die Runden. In den 1920er kam es dann zum Sterben dieser kleinen Mundblashütten, aufgrund von Konzentrationsprozessen und der Durchsetzung von mechanischen Verfahren, insbesondere durch die Verbreitung des Ziehglasverfahrens. Der Ofen in der Röthenbachhütte wurde 1928 endgültig „kaltgeschürt“. Eine jahrhundertealte Glasmachertradition ging damit im Flachglasbereich zu Ende, auch den Röthenbacher Hüttenbaronen ihr letztes industrielles Standbein unaufhaltbar verloren. Später wurde auch die Landwirtschaft auf den oft sandigen und steinigen Böden für unrentabel erklärt und die Nutzflächen an den Staatsforst verkauft. Das landwirtschaftliche Gut hat sich hier über die Jahrhunderte nur als Zweitbetrieb zur Eisen,- dann zur Glasindustrie halten können. In einem alten Hüttenstandort wie Röthenbach findet man heute noch die alten vom Menschen angestauten Weiher, die zur Energieversorgung mit Wasserkraft genutzt wurden, hier und da noch faszinierend grünbläulich schimmernde Rohglasklumpen, ein altes denkmalgeschütztes Arbeiterhaus und das nach über 80 Jahren immer noch rot gefärbte Polierwerksgebäude, das im Grundriss auf das alte Hammerwerk zurückgeht. Die Hütte selbst ist leider nach dem 2. Weltkrieg abgetragen worden.

weitere Fotos: http://www.flickr.com/photos/vongrafenstein/sets/72157625637479152/

weiterführende Lektüre: Burkhard v. Grafenstein: Die Spiegelglasindustrie in Röthenbach, in: Oberpfälzer Heimat, Bd. 51, Pressath: Verlag Bodner, 2006