Posts Tagged ‘Zeitgeschichte’

Vor 75 Jahren: Auschwitz wird befreit

Januar 14, 2020

Münster (SMS) Auch fast 75 Jahre nach der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 und dem Ende der Herrschaft der Nationalsozialisten stellen sich elementare gesellschaftliche Fragen: Wie war der Holocaust möglich? Welche Rolle spielten die gewöhnlichen Menschen dabei in Deutschland und in Europa? Warum nahmen einige mit größtem Eifer an der Verfolgung von Jüdinnen und Juden teil, während andere Mitläufer waren? Warum haben so Wenige den Menschen geholfen, die zu Opfern gemacht wurden?
Die Villa ten Hompel präsentiert die Ausstellung „Einige waren Nachbarn“ vom 15. Januar bis 15. Februar im Foyer der Bezirksregierung Münster zusammen mit der Bezirksregierung Münster, dem Evangelischen Forum Münster, der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Münster, dem Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie“, der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und dem Verein „Spuren Finden“.
Die Ausstellung „Einige waren Nachbarn – Täter – Opfer und Mitläufertum“ des United States Holocaust Memorial Museum Washington D.C. soll herausfordern, über die Motive und Zwänge nachzudenken, die die Entscheidungen und Verhaltensweisen der gewöhnlichen Menschen während des Holocaust beeinflussten. Seit 2018 sind das United States Holocaust Memorial Museum Washington D.C. und der Geschichtsort Villa ten Hompel Münster offiziell Kooperationspartner.
Schirmherr der Wanderausstellung, die in NRW an mehr als 20 Orten auf Initiative der Villa ten Hompel präsentiert wird, ist Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet: „Diese besondere Ausstellung des United States Holocaust Memorial Museum Washington D.C. mahnt und ruft uns auf, aufzustehen gegen Rassismus und Antisemitismus, für Menschenwürde, Freiheit und das friedliche Zusammenleben in unserem Land.“
Der öffentliche Festakt zur Ausstellung findet am Freitag 31. Januar um 13 Uhr im Foyer der Bezirksregierung Münster am Domplatz mit Sara J. Bloomfield (Direktorin des United States Holocaust Memorial Museum Washington), Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (Antisemitismus-Beauftragte von NRW), Dorothee Feller (Regierungspräsidentin Münster), Markus Lewe (Oberbürgermeister der Stadt Münster) und Christoph Spieker (Leiter der Villa ten Hompel) statt. Gäste sind herzlich willkommen.
Info:
„Einige waren Nachbarn – Täter – Opfer und Mitläufertum“ im Foyer der Bezirksregierung Münster, Domplatz 1-3, 15. Januar bis 15. Februar. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 9 bis 16 Uhr, samstags 9 bis 13 Uhr. Der Eintritt ist frei.
Gruppen, insbesondere Schulklassen, aber auch Studenten und Gruppen der Erwachsenenbildung, können bei der Villa ten Hompel drei pädagogische Angebote buchen: Einen Ausstellungsrundgang, ein Kombiangebot aus Rundgang und lokalhistorischem Stadtrundgang und einen Workshop. Zudem wird ein umfassendes Begleitprogramm sowohl in der Villa ten Hompel wie auch in der Bezirksregierung angeboten: www.villatenhompel.de

Ausstellung in Münster

Blick in die Ausstellung „Einige waren Nachbarn – Täter – Opfer und Mitläufertum“ Foto: Stadt Münster

Jugend im Gleichschritt – Ausstellung über HJ

August 23, 2018
Kinder in HJ-Uniform

Diese Postkarte von Berta Hummel mit zwei Kindern in HJ-Uniform (Foto) trägt den Schriftzug „Lieb Vaterland, magst ruhig sein!“. Foto: Stadt Münster

Münster (SMS) Die offizielle Gründung der Hitlerjugend erfolgte am 4. Juli 1926 beim zweiten Parteitag der NSDAP in Weimar. Bereits 1922 hatte es einen Vorläufer gegeben, den „Jugendbund der NSDAP“, der allerdings verboten worden war. In den Jahren von 1926 bis 1933 hatte die Jugendorganisation nur eine begrenzte Anzahl von Mitgliedern, was sich durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 änderte. In der  NS-Diktatur war die Hitlerjugend eine der zentralen Organisationen zur Prägung nachfolgender Generationen im Sinne des Regimes. Im Stadtmuseum wird ab dem 30. August eine Ausstellung zur Hitlerjugend gezeigt. Die Präsentation „Jugend im Gleichschritt!? Die Hitlerjugend zwischen Anspruch und Wirklichkeit“ ist eine Wanderausstellung des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln. Sie wird durch münsterbezogene Exponate erweitert.

Die kritische Edition von „Mein Kampf“: Entmystifizierung eines politischen Symbols

Februar 17, 2017

2_ifz_mk_editionsbaende_stehendHeftige Kontroversen und Ängste rief die 2016 erschienene Kritische Edition von „Mein Kampf“  in der deutschen und internationalen Öffentlichkeit hervor. „Das absolut Böse“ lasse sich nicht durch Kommentierung neutralisieren, meinte etwa Jeremy Adler jüngst in der Süddeutschen Zeitung. Dies sah Othmar Plöckinger als Mitherausgeber der Edition bei einem Vortrag in der Villa ten Hompel anders: Niemand werde durch diese Veröffentlichung zum Neonazismus verführt. Im heutigen Rechtsextremismus habe „Mein Kampf“ ohnehin nur noch symbolische, aber nicht inhaltliche Bedeutung.

Die kritische Edition leiste einen Beitrag zur „Entmystifizierung“ dieses „politischen Symbols“. Die Anmerkungen zu Hitlers Text seien schon grafisch diesem „auf Augenhöhe“ gegenübergestellt, wollten nicht nur historisch und begrifflich erläutern und ergänzen, sondern, wo dies immer auch möglich sei, widerlegen und widersprechen. Der große Verkaufserfolg mit bisher 85 000 abgesetzten Exemplaren rühre aus dem Interesse des Bildungsbürgertums an einer historisch eingeordneten Quelle her. Auch der ungeheure Medienhype erklärt laut Plöckinger den Erfolg des sperrigen kiloschweren zweibändigen Werks, das zu einem relativ günstigen Selbstkostenpreis angeboten werde.

Dr. Othmar Plöckinger verteidigte die Kritische Edition

Dr. Othmar Plöckinger verteidigte die kritische Edition

Plöckinger gab auch Einblicke in die Arbeit an der kritischen Edition. Das Denken an die historischen Konsequenzen von „Mein Kampf“ habe es manchmal schwer gemacht, die Pose wissenschaftlicher Distanz durchzuhalten, zumal die Veröffentlichung einer solchen Edition neben politischen auch ethische Fragen im Hinblick auf die Opfer des Nationalsozialismus aufwerfe. Es sei aber ein tolles Erlebnis gewesen, Hitler durch akribische Recherche und neue Quellen-Funde Lügen und Verdrehungen nachweisen zu können.

Über sechs Jahre hatte ein  Team unter Einbindung von 80 Wissenschaftlern verschiedenster Disziplinen im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte an der Kommentierung gearbeitet. 70 Jahre nach Hitlers Tod konnte Sie dann veröffentlicht werden, da der Urheberrechtsschutz ausgelaufen war. Unkommentierte Nachdrucke von „Mein Kampf“ sind in Deutschland nach wie vor als Volksverhetzung mit Strafverfolgung bedroht, obwohl vollständige Textausgaben leicht aus dem Internet gezogen oder antiquarisch erworben werden können.

Lesung in Münster: Ein Buch führt durch die NS-Vergangenheit der Stadt

Juni 15, 2013

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Nach Stöbern vor allem in privaten Sammlerbeständen und Auswertung verschiedener Veröffentlichungen stellte  Christian Steinhagen seinen neuen  Stadtführer vor, der von Münsters Zeit im Dritten Reich handelt. In sechs Rundgängen werden mit Münsteraner Adressen akribisch nachgeforschte und pointenreich wiedergegebene Anekdoten, Episoden, Sachverhalte und Biographien mit entsprechendem zeitgeschichtlichen Bezug verbunden. Münster spielte zwar keine besonders zentrale Rolle im Dritten Reich, war jedoch eine Universitäts- und Garnisonstadt, in der viele einschlägige Karrieren einen Zwischenhalt einlegten und manchmal auch ihren Anfang nahmen. Bei der Lesung in der Buchhandlung Thalia herrschte großer Andrang: Ehe der Autor mit großem Beifall bedacht wurde, wurden in der Fragerunde aber auch die üblichen Besorgnisse und Abwehrreaktionen bemerkbar, die Veröffentlichungen über die NS-Zeit nach sich ziehen. Steinhagen beantwortete die Fragen recht knapp und kurz angebunden, gab sich als Profi-Schreiber ohne weitergehende Ambitionen. Warum er sich damit beschäftige? Es interessiere ihn halt. Nein, die heutigen Bewohner der erwähnten Adressen zu kontaktieren, habe er nicht für nötig gehalten. Eine von ihm als Arisierer angegriffene Lokalgröße, den längst verstorbenen Oberstadtdirektor Heinrich Austermann, werde heutzutage sowieso niemand mehr verteidigen.  Ob er sich da nicht täuscht? Steinhagen hat seit Veröffentlichung des Buchs mittlerweile schon eine Morddrohung erhalten.

Lesehinweis: Christian Steinhagen: Münster im Dritten Reich – ein Stadtführer,  Münster: Aschendorff Verlag 2013. Preis 19,80 Euro.

Top Secret: Das Spionagemuseum im Pott ist noch ausbaubar

März 7, 2013

Ein Spionagemuseum würde man in den alten Spionagedrehkreuzen Berlin oder Wien vermuten, aber nicht im Ruhrgebiet. Jedoch: Läuft man durch die weitläufige Mall des CentrO Oberhausen, gelangt man nicht nur an den Rhein-Herne-Kanal. Hinter einer Brücke rechts ist das im vergangenen Jahr eröffnete Spionagemuseum „Top Secret“ etwas abgelegen  zu finden. Puppen von  Geheimsoldaten klettern an der Fassade hoch, die von einem KGB-Hubschrauber gekrönt wird. Offenbar findet nicht gerade jeder Besucher des CentrO den Weg zur Spionageschau.  „Mit der Entwicklung der Besucherzahlen sind wir mittlerweile zufriedener“, so verhalten äußerte sich Marketing Manager Tanja Munzig,  die für die Betreuung der Presse zuständig ist.

Vor allem bei Schulklassen erreiche man mittlerweile eine bessere Resonanz, freute sich Munzig. Die Kinder spreche vor allem der Gegenwartsbezug der Ausstellung an, die auch Internet und soziale Netzwerke thematisiert.  Darin erkennen sie ihre Lebenswirklichkeit wieder, die immer mehr zwischen den Extremen Stalking und  Mobbing im Internet angesiedelt ist. Mit spielerischen Elementen wie einem Laser-Parcours und Geheimgängen preist das Erlebnismuseum auch Familien mit älteren Kindern die Auseinandersetzung mit dem doch heiklen und abgründigen Thema an.

Das Anliegen der Ausstellung in Oberhausen ist, einen Überblick über Spionage und ihre Geschichte zu geben und unterschiedliche Facetten von Spionage aufzuzeigen. Sie richtet sich in erster Linie an ein Laien-Publikum ohne größere Vorkenntnisse, das für die Tätigkeit der Nachrichtendienste und die Problematik  – ohne zu verängstigen – sensibilisiert werden soll. Man will unterhalten, dabei aber seriös bleiben. Der Besucher von jung bis alt sieht sich von der effektvollen Ausstellungsregie selbst in die Rolle des Agenten gerückt, erkennt immer wieder auf Bildschirmen, dass er selbst beobachtet wird, aber auch selbst vielleicht als Kind schon einmal spioniert hat, z.B. beim „Spicken“.

Langfristig plant der hinter der Ausstellung stehende Musical-Veranstalter „Mehr! Entertainment“ zu anderen Themen an weitere Standorten Unterhaltungs-Ausstellungen einzurichten, sich noch mehr jenseits von „Cats“ und „Starlight Express“ zu tummeln, laut Munzig nicht nur „mehr Entertainment“, sondern auch „mehr als Entertainment“ zu bieten. Die Ausstellungsmacher  in Oberhausen selbst haben noch eine ungenutzte Erweiterungsfläche von 200 Quadratmetern in der Hinterhand,  vor dem Haus parkende „Spymobile“ dienen dazu, auf Jahrmärkten und bei anderen Freizeitattraktionen temporär präsent zu sein.   Die Ausstellung soll immer lebendig und auch für den Wiederholungsbesucher interessant bleiben.

Ein Rundgang durch die Ausstellung findet sich hier.

Lesen Sie den ausführlichen Bericht in der kommenden Ausgabe des „Journal for Intelligence, Propaganda and Security Studies„.

Historische Bildungsstätten in Nordrhein-Westfalen II: Ruhr-Universität Bochum

Januar 16, 2013

Die von weitem sichtbare Ruhr-Universität Bochum (RUB) wurde eröffnet, als man auf konservativen Geschmack bei der Errichtung von Betonarchitektur keine Rücksicht mehr nahm – in den 1960er Jahren, als erste Universitätsneugründung in der Bundesrepublik Deutschland nach dem 2. Weltkrieg. Jetzt stand sie unverhüllt da, die Moderne. Die weitläufige Campus-Universität  des Architekten Helmut Hentrich ist aus der Vogelperspektive ein großer Wurf: Sie ahmt mit ihren langgestreckten Gebäudequadern samt Kaminen eine imposante Flottenformation großer Dampfschiffe nach, die in Reih‘ und Glied am Rande des Ruhrgebiets in die Landschaft sehen. Die Fakultäten der Universität verteilen sich auf die einzelnen „Schiffe“. Die Menschen, die dort studieren und arbeiten müssen, leiden freilich etwas unter der bei schlechtem Wetter sehr tristen Hässlichkeit und mittlerweile auch Baufälligkeit der Anlage, die aus der Nähe betrachtet sichtbar wird. Eine der Legenden, die sich um die Beton-Armada ranken, lautet, dass sich einige Studenten von den Geländern der Schiffen in den Tod stürzten  bis bauliche Sicherungsmaßnahmen eingeleitet wurden.

Durch den Bau der Ruhr-Uni sollten nunmehr die Bildungsreserven in der Arbeiterschicht gehoben werden, nachdem die große Zeit des Kohleförderung im Pott an ihr Ende gekommen war. Im Kaiserreich war man noch darauf aus, die Universitäten möglichst fern der „roten“ Kohlereviere zu errichten, damit sich Studenten und Arbeiter nicht aneinander revolutionär entzündeten. So entstand eine Art Universitätsring im heutigen NRW in einem Sicherheitsabstand um das Ruhrgebiet herum. Provinzmetropolen wie Münster wurden so Universitätsstandorte. Entgegen den Befürchtungen der einstigen Revolutionsangst war aber dann die RUB unter ihrem seinerzeitigen Rektor Kurt Biedenkopf, der eine junge Professorenschaft anführte, eine eher ruhiges Pflaster während der 68er-Studentenunruhen in Europa: In Bochum wirkten eher Pioniere als Revolutionäre. Zumal in den roten Siebzigern versuchten zwar kommunistische Gruppierungen von der RUB aus in die Arbeiterschaft der ebenfalls neu errichteten Opelwerke in Bochum hineinzuwirken, dies scheiterte jedoch wie alle diese illusionären Projekte.

Die Fotoserie zeigt die RUB bei durchwachsenem Wetter:

Ruhr-Universität Bochum

Historische Bildungsstätten in Nordrhein-Westfalen I: IP Vogelsang

Januar 14, 2013

Der Internationale Platz Vogelsang in der Eifel wurde als NSDAP-Parteischulungszentrum für NS-Nachwuchsführer errichtet und nach dem 2. Weltkrieg bis 2006 als Kaserne von Briten, dann Belgiern benutzt. Die einstige Benennung als „Ordensburg“ und die Abgeschiedenheit gab zu viel Legendenbildung um den Ort Anlass. Durch Bäume am Hang ist der landscharchitektonische Entwurf des Architekten mit dem sprechenden Namen Clemens Klotz heute etwas verdeckt, wie ein vom Dschungel umwucherter Azteken-Tempel. Die auf dem Gelände gemachten Fotos können die Wirkung der Anlage aus größerer Entfernung nicht ganz wiedergeben. Es handelt sich um die drittgrößte Anlage von NS-Herrschafts- und Kolossalarchitektur in Deutschland nach dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg und der KdF-Anlage Prora. Sie macht ganz besonders deutlich, wie die NS-Architektur durch historische – in diesem Fall mittelalterliche –  Verbrämung und Bemäntelung eines Betonbaukörpers damaligen konservativen Stimmungen den Eintritt der Moderne im Bauwesen erträglich zu machen versuchte.  Nach der seinerzeitigen Ruinenwerttheorie sollte NS-Monumentalarchitektur auch noch im zerstörten oder beschädigten Zustand geeignet sein, nachfolgende Generationen zu beeindrucken. Bildungsferne Nazi-Parteimitglieder hatten auf Vogelsang oft ihren ersten Kontakt mit wissenschaftlichem Lehrpersonal. Neben der weltanschaulichen Schulung standen Sport (Leichtathletik, Schwimmen, Reiten, Segeln) und militärische Übungen, aber auch Einübung gesellschaftlicher Umgangformen auf dem Lehrplan. Wegen schlechten Benehmens mussten viele Teilnehmer der Schulungen das Programm vorzeitig abbrechen und die Anlage verlassen. Ein großer Teil der Absolventen fiel an den Fronten des 2. Weltkriegs. Viele waren administrativ am Vernichtungs- und Kolonialprogramm in Osteuropa beteiligt. Der zukünftige Erhalt und die Nutzung der Anlage ist bis heute umstritten. Die Vorschläge reichten von ikonoklastisch motiviertem Totalabriss bis hin zu umfassendem Denkmalschutz. Bis 2014 soll jetzt ein Besucherzentrum mit drei Ausstellungen zur Geschichte und dem entstandenen Nationalpark sowie ein Kulturkino fertiggestellt sein. Bei meinem Besuch dort standen die meisten Unterkünfte allerdings leer. Eine Fotoserie findet sich hier:

Vogelsang

Fotoserie: Burgruine Flossenbürg

Januar 8, 2013

Die Burgruine Flossenbürg, ehemals eine Stauferburg, setzte ich 2002 fotografisch um. Die kühne Burgkonstruktion aus dem Mittelalter, die von den Schweden im 30jährigen Krieg niedergebrannt wurde, befindet sich auf einer Granitfelsformation oberhalb des KZ Flossenbürg. Ich entschied mich daher für SW-Aufnahmen von diesem düsteren Ort. Spannend fand ich Wechselspiel und Kontraste von Granitformationen und von Menschenhand erbauten Mauern bei guter Sonneneinstrahlung. Man kann hier auch weit ins bayerisch-böhmische Grenzgebirge sehen. Die Fotos zeigen einige interessante Details von der teils frisch restaurierten Anlage, so die Löcher in den verarbeiteten Steinen, die dem besseren Greifen durch die mittelalterlichen Baukräne dienten.

Die Fotoserie findet sich hier:

Burgruine Flossenbürg

Was ist das Erfolgsgeheimnis von James Bond?

November 30, 2012

Als ich vor einiger Zeit den finanzkritischen Thriller „The International“ von Tom Tykwer sah, dessen Plot als Anlehnung an James-Bond-Abenteuer gilt, wurde mir klar, was ein Grundmuster und wohl auch ein Erfolgsgeheimnis der James-Bond-Geschichten darstellt: Die Bösen sind in der Mehrzahl der Fälle übergeschnappte, kriminell tätige Unternehmer, die die Welt zerstören, Staaten erpressen oder sich eine anti-soziale private Utopie erfüllen wollen. Dazu zählen etwa Drax mit seinem Raumfahrtkonzern oder der Großreeder Stromberg.

James Bond hingegen repräsentiert eigentlich den Typus des kleinen Angestellten mit Anzug, und zwar so, wie viele kleine Angestellte in Staat oder Wirtschaft gerne wären, wenn sie sich trauten. Zu den Phantasien des ein oder anderen Angestellten mag es gehören, dem Chef einmal eine Bombe unter den Schreibtisch zu schieben oder ihn sonstwie zur Rechenschaft zu ziehen. Auch diese möglicherweise tief in der kleinbürgerlichen Psyche schlummernde Sehnsucht darf der Mann mit der Lizenz zum Töten regelmäßig am Ende des Films bedienen. Nach der Überwindung des Alpha-Männchens realisiert Bond dann im Abspann noch weitere Träume des Durchschnittsmannes mit leichtbekleideten Frauen im Gummiboot.

Bond steht durch und durch auf der Seite des Staates. Die Handlanger seiner Feinde sind nicht ideologisch, sondern monetär motivierte Kriminellen- oder Spionage-Netzwerke. Die Sowjets sind kaum ernsthaftes Feindbild in den James-Bond-Abenteuern, obwohl sie doch in der Zeit, als die Filme anliefen, offizielle Widersacher des Westens waren. Oft kooperiert Bond sogar mit ihnen gegen die Gangster und Geschäftemacher, die oft von mehr oder weniger blonden deutschen Darstellern verkörpert werden (Curd Jürgens, Gert Fröbe). Darin dürfte sich nicht nur die Prägung Ian Flemings aus der 30 Commando Assault Unit, einer Kommandotruppe für Geheimdiensteinsätze im Zweiten Weltkrieg, niederschlagen: Das britische Publikum wurde in der Serie unterschwellig auch immer positiv an die letzten militärischen und politischen Großerfolge Britanniens vor dem Niedergang des Empires erinnert. Zugleich bekommen gewichtige Figuren, die an Akteure des deutschen Wirtschaftswunders erinnern, vom Agenten aus dem ökonomisch abgehängten United Kingdom doch noch eins ausgewischt. In der Folge „Goldeneye“ ist das Motiv des zu bekämpfenden Bösewichts sogar explizit ein Relikt des Zweiten Weltkriegs: Ein Sohn Lienzer Kosaken, die auf deutscher Seite kämpften, will sich an Großbritannien für die Auslieferung seiner Eltern an Stalins Exekutionskommandos rächen.

Der Darsteller Daniel Craig bricht mit diesen typologischen Zuordnungen, da er selbst blond und blauäugig ist. Die Auseinandersetzung mit den alten deutschen Erzfeinden scheint also Schnee von gestern zu sein. Die Folgen mit Daniel Craig greifen aber auch nicht direkt die aktuellen Konfrontationen Großbritanniens mit dem religiösen Terrorismus und die Auseinandersetzungen auf neuen Kriegsgebieten auf, sondern erzählen alte Fleming-Stoffe noch einmal neu. Konflikten zwischen ideologisch-politischen Kontrahenten geht die Reihe also weiter konsequent aus dem Weg, allein die Folterszenen und die terroristischen Anschläge in den Craig-Folgen haben einen aktuellen Bezug. Es bleiben als verbrecherisch dargestellte Unternehmer und Großkonzerne als Bösewichte vom Dienst, die sogar über die Einsetzung von Bananen-Regierungen bestimmen können, wie in den neueren Folgen gezeigt wird. Politisch korrekt erklärt M in „Skyfall“, dass (politisch oder kulturell nicht zugeordnete) „Individuen“, die „uns“ den Krieg erklärt hätten, die neuen Feinde seien.

„Skyfall“ gilt als neuer Höhepunkt britischen Patriotismus in der Reihe, da hier britische Flaggen das Bild dominieren, die geheimdienstlichen Gefechte auf den britischen Inseln selbst ausgetragen werden und der „Villain“ diesmal ein unpatriotischer abtrünniger Geheimdienstverräter ist, während in Zeiten des hochkochenden schottischen Separatismus Bonds schottische Herkunft herausgestellt und gar der Grabstein der Eltern Bonds auf dem schottischen Landsitz Skyfall in einer Einblendung zu sehen ist. Die Welt ist schlecht und die Staaten sind schwach. Daniel Craig verkörpert einen zunehmend schlecht gelaunten, machtlosen und alternd-angegriffenen James Bond, der in sehr qualvolle Situationen gerät oder sich in zermürbenden privaten Rachefeldzügen aufreibt. Kühle britische Selbstkontrolle stellt man sich manchmal anders vor. In den Strudel der Globalisierung war Bond, wie gezeigt, aber schon geraten, als die echten Geheimdienste noch im Kalten Krieg erfroren.

Namensstreit in Münster: Hindenburgplatz oder Schlossplatz?

August 4, 2012

Aktuelle hitzige Debatten  in Münster um Straßennamen bereiten mir, auch wegen einiger geschichtsfeindlicher Tendenzen, Sorge. In Münster gibt es ein weiträumiges Areal, eine Art Niemandsland zwischen Stadt und Schloss, das aus alter Zeit stammt. Hier war einmal offenes Feld vor der Stadtmauer, dann ein Schussfeld (Esplanade) zwischen Schlosszitadelle und Stadt. Mitte 18. Jahrhundert wurde das Areal in Neuplatz umbenannt und ansatzweise zu einer Platzanlage ausgestaltet, was aber nicht zu Ende geführt wurde. Das Gelände diente lange Zeit als Exerzierplatz.  Das heute als Parkplatz genutzte aufwertungsfähige Areal heißt seit 1927 Hindenburgplatz. Für mich war das bisher immer eine Erinnerung an einen bestimmten Zeitabschnitt in der deutschen Geschichte  und notierte es als Hinweis darauf, dass die Hindenburgverehrungswelle einst auch nach Münster geschwappt war.  Diese gründete auf den nominellen Oberbefehl Paul von Hindenburgs in der siegreichen Tannenberg-Schlacht gegen die russische Narew-Armee, wodurch damals abgewendet wurde, dass Teile des Deutschen Reiches unter die zaristische Knute gerieten. Davon, dass die Mehrheit der Münsteraner damit eine gegenwärtige Ehrung dieses von Wolfram Pyta als passiv-charismatischen Kriegsherren und phlegmatischen OHL-Militärtechnokraten beschriebenen steinalten letzten Reichspräsidenten zum Ausdruck bringen will, ging ich bislang nie aus. Auch eine durch ein Straßenschild bewirkte breitenwirksame Vorbildwirkung einer heute derart fremdartig wirkenden Figur aus einer vorvergangenen Epoche nehme ich nicht an.

Jetzt soll der Platz nach Jahrzehnten erfolgloser antimilitaristischer Agitation aus dem links-universitären Milieu der Stadt gemäß dem Wunsch der Mehrheit der Lokalpolitiker, unterstützt von Universitätshistorikern, umbenannt werden, weil man nunmehr meint, die Platzbezeichnung bringe eine Ehrung zum Ausdruck, die vor allem aufgrund der Rolle Hindenburgs bei der Machtübernahme Hitlers nicht mehr aufrechterhalten werden könne. Offenkundig ist auch das an Marketing und Stadt-Image orientierte Milieu der Mitte die Auseinandersetzungen um den Platznamen satt und hofft, Ruhe durch eine neutralere Bezeichnung herzustellen. Von neueren geschichtlichen Erkenntnissen ist die Rede, die zu einer Neubewertung Hindenburgs geführt hätten – dabei ist Hindenburg schon seit Jahrzehnten immer wieder angeprangert worden. Selbst konservative Historiker wie Joachim Fest oder Golo Mann haben ihn kritisiert und in einem ungünstigen Licht dargestellt.

Straßennamen und Platzbezeichnungen können eine Ehrung zum Ausdruck bringen, sind aber vielfach nur Relikte aus vergangenen Zeiten, die einmal eine Ehrung zum Ausdruck gebracht haben mögen, was aber nicht in die Gegenwart fortgeschrieben werden kann: Sie sind dann historisch zu sehen. In Straßenverzeichnissen türmen sich so viele Straßenbezeichnungen aus verschiedenen Epochen und Systemen übereinander, darunter Benennungen nach Herrschern, Feldherrn und Schlachten, es ist unmöglich, dass sie fortlaufend vollständig oder nur umfänglich zum Ausdruck bringen, was aktuelle Bevölkerungsmehrheiten oder gerade tonangebende politische Kreise aus ideologischen Motiven geehrt sehen möchten.  Unmöglich kann sich in einer pluralistischen und arbeitsteiligen Gesellschaft auch jeder mit jedem Straßennamen identifizieren. Eine widerspruchsfreie normative Aussage kann all’ dem schon lange nicht mehr entnommen werden. Unbeirrt von den alten Straßennamen geht das Leben in den Metropolen seinen zeitgenössischen Gang.

Wenn Straßennamen sehr lange Zeit bestehen, der Hindenburgplatz etwa fast 100 Jahre, bürgern sie sich ein und können  – emanzipiert vom Namensgeber – Teil der Lokalgeschichte und des Heimatgefühls werden, was in Münster offenbar mit dem Hindenburgplatz geschehen ist, dessen Namensgeber doch in der historischen Erinnerung durch die Schrecknisse der internationalen Hassfigur Hitler überlagert und weithin in Vergessenheit geraten ist. Die Bezeichnung Hindenburgplatz ist in der ganzen Region bekannt, Verkehrsleitsysteme auf die Bezeichnung eingerichtet, der Name betrifft Adressen von vielen Geschäften und Universitätsgebäuden.  Das Umbenennung des Hindenburgplatzes stößt daher auf massiven Widerstand aus erheblichen Teilen der Bevölkerung. Die letzte Entscheidung wird daher in einer Volksabstimmung mit ungewissem Ausgang am 16. September gefällt werden, die auf Drängen einer scharf(-sinnig) konservativen Bürgerinitiative “Pro Hindenburgplatz – Contra Bilderstürmerei” angesetzt wurde. Bilderstürmerei ist in Münster sehr bekannt durch die historische Wiedertäuferbewegung. Der Hindenburgplatz wird in dieser Sichtweise als Art alte Heiligenstatue beschrieben, die man vom Sockel zu stürzen versucht.  Die Charakterisierung findet ihren Halt im dramatischen Höhepunkt der zurückliegenden Auseinandersetzungen um den Hindenburgplatz, als ein Kommando “Georg Elser” die Straßenschilder des Platzes entfernte.  Man könnte auch von einem Kampf gegen Windmühlen sprechen, weil gegen einen Gegner angerannt wird, der nur noch in der historischen Erinnerung und als Erfindung existiert. So versucht die örtliche Linkspartei, die Bevölkerung mit der abwegigen Vorstellung zu verängstigen, Neonazis könnten um ein Dutzend umstrittener Straßenschilder einen Kult zelebrieren.  Auch eine von Linken gebildete Satire-Gruppe “Hindenburg-Jugend” spielt mit dieser Vorstellung.

Da die Umfrageergebnisse und die Wortmeldungen der Bevölkerung so unterschiedlich ausfallen, steht nur eines schon fest: Sofern die finanziell klamme lokale Kommunalpolitik in der Umbenennung eine Möglichkeit zur günstigen Symbolpolitik gesehen haben sollte, um die sonstige Handlungsunfähigkeit zu überspielen, so ist ihr das schon aufgrund der Kosten des Bürgerentscheids von 285 000 Euro teuer zu stehen gekommen.

Die am 21.3.2012 vom Stadtrat aus geschichtspolitischen Gründen gewählte Bezeichnung Schlossplatz, die die Bezeichnung Hindenburgplatz ersetzen soll, erscheint undemokratisch, unhistorisch und unangemessen. Unangemessen ist die Bezeichnung in architektonischer Hinsicht: Der Schlossplatz bezeichnete bisher nur ein kleines Areal direkt vor dem Schloss. Der Hindenburgplatz ist ein Areal zwischen Schloss und Stadt, dass sich schlauchförmig am Schloss vorbei aus dem Gesichtskreis des Schlosses herausbewegt. Wie es aussieht, handelt es sich doch um zwei unterschiedliche Anlagen, denn jetzt ist auf der  Jump-Wiki der Umbenennungsbefürworter-Initiative die Bezeichnung “Ehrenhof” für den kleineren Platz vor dem Schloss aufgetaucht. Es besteht also offenbar weiterhin ein Bedürfnis, für die beiden Anlagen unterschiedliche Bezeichnungen zu verwenden, um sich über sie zu verständigen. Auf beiden Plätzen, die durch bauliche Elemente voneinander abgegrenzt sind, finden auch Veranstaltungen unterschiedlichen Zuschnitts statt. Das bisherige Schlossplatzareal wird dazu oft abgesperrt. Da das Schloss das Universitätshauptgebäude beherbergt, wird der Platz durch diesen Namen auch unangenehmen durch die Universitätsszene vereinnahmt, obwohl er auch an Militäranlagen, Gerichtsgebäude, Gaststätten, Geschäfte, Wohngebäude und Schulen angrenzt.

Unhistorisch wird durch die Namensausweitung Eindruck vermittelt, der Platz habe schon zu fürstbischöflicher Zeit so geheißen. Das Gelände hieß aber in der Geschichte nie so. In einem fragwürdigen Akt von Geschichtsverdrängung wird eine Platzbezeichnung, die an eine  bestimmte schwierige und schlimme Epoche, die Zeit des 1. Weltkriegs und Weimarer Republik, erinnert, einfach aus dem Stadtbild gelöscht und so getan, als hätte es diese Zeit nie gegeben. Aus der unangenehmen Erinnerung an die Stürme der preußisch-deutschen Geschichte verdrückt man sich und zieht sich auch im Sinne von Regionalismus in die Behaglichkeit münsterländischer Provinzialität zurück. Eine Anregung im Stadtbild, sich mit einem bestimmten Aspekt der Geschichte historisch zu beschäftigen, ginge damit verloren, wo doch gerade die Weimarer Republik reichhaltiges Lehrmaterial bietet, welche Fehler in einer Demokratie vermieden werden müssen. So gut demokratisch -im Sinne einer Mahnung-  ist in der Vergangenheit in Münster auch immer die Beibehaltung des Platznamens begründet worden. Auch wenn dies ohnehin schon deutlich geworden ist, könnte der Stadtrat eine Erklärung verabschieden, wonach die Platzbezeichnung in diesem Falle keine Ehrung (mehr) ausdrückt. Die Stadt Münster ist rechtlich ungebunden, in welchem Sinne sie Plätze widmen will, ob als Ehrung, Erinnerung oder Mahnung.

 Undemokratisch ist die Bezeichnung, weil hier heute das Volk den Platz als Festplatz, zum Flanieren und zum Aufbruch in die Stadt nutzt, und das schon seit langer Zeit, während er den Fürstbischöfen als Schussfeld  auf das Volk gut war. Auf eine Schloss-Symbolik “gegen antidemokratisches Denken” zu setzen, erscheint ähnlich abschüssig wie die Idee der SPD 1932, Hindenburg als Präsidentschaftskandidat zu unterstützen, um Hitler zu verhindern. Man kann sich also nicht mal zu einem politischen Demokratie-Symbol bewegen, obwohl man den Platz letztlich aus ideologischen und geschichtspolitischen Gründen umbenennt und Hindenburg den Untergang der Demokratie vorwirft, stattdessen konkurriert man mit den Hindenburgplatz-Befürwortern im Konservatismus und argumentiert mit “Ehre” und “Schande”. An der Bezeichnung Schlossplatz ist aber nichts demokratisch, weil die Münsteraner Fürstbischöfe bestimmt nicht die Demokratie erfunden haben und das Schloss aus der Zeit des antidemokratischen Absolutismus stammt.  Hingegen  gehört der ambivalent wirkende Hindenburg als Repräsentant einer Nation von Schönwetterdemokraten  auf jeden Fall in die Demokratiegeschichte, denn immerhin betrieb er die langsame Entmachtung Wilhelms II.  und war das einzige direkt vom Volk gewählte Staatsoberhaupt der Deutschen in ihrer Geschichte überhaupt.  Hindenburg setzte seine enorme Popularität dazu ein, mehrere Jahre die Demokratie zu stabilisieren. Er behauptete zwar später, dabei den Hintergedanken gehabt zu haben, bei einer Veränderung der Lage wieder auf eine Veränderung der Staatsform hinzuwirken, aber aufgrund seines hohen Alters konnte Hindenburg gar nicht davon ausgehen, dies noch mitgestalten zu können. Hindenburg wurde zusammen mit Friedrich Ebert, dem vorangegangenen Reichspräsidenten, bei einer zur Blütezeit der Weimar Republik vorgenommen überaus staats-  und republiktragenden Doppel-Widmung von Plätzen in Münster bedacht, deutlich vor der autoritären Wende Hindenburgs nach dem Einsetzen der Weltwirtschaftskrise. Die NSDAP war zum damaligen Zeitpunkt nur eine Randpartei gescheiterter Putschisten, die niemand auf der Rechnung hatte.

Die immer wieder vorgetragene primitiv-pazifistische Argumentation, Münster sei eine “Friedensstadt”, zu der ein Militär als Namensgeber überhaupt nicht passe, beleidigt alle Soldaten und entspricht so nicht der Realität, da Münster eine alte Garnisonsstadt ist, die bis heute auch stark vom Militär geprägt ist, was aber durch absehbaren Abzug der britischen Truppen abnehmen wird. Eine Friedensstadt im Sinne der Abwesenheit von Militär ist die vielleicht gerade wegen der Anwesenheit des Militärs durchaus friedliche Stadt jedenfalls nicht.

Platzbezeichnungen und Straßennamen stehen zu Recht nicht unter Denkmalschutz, und haben auch  – im Gegensatz zu Objekten von wirklichem Ikonoklasmus – keinerlei kunstgeschichtlichen Wert. Menschen jeder Epoche haben das Recht, ihre Vorstellungen in die Benennung von Straßen und Plätzen einzubringen. Das Straßenverzeichnis sollte aber, abgesehen von schmalen Zeitfenstern nach Revolutionen und Systemwechseln,  behutsam und evolutionär – etwa im Zusammenhang mit baulicher Umgestaltung – weiterentwickelt werden, weil seine primäre Aufgabe räumliche Orientierung und nicht Ehrung ist, was eine gewisse Konstanz der Straßennamen wünschenswert erscheinen lässt.  Lokalpolitisch interessierte Menschen müssen lernen, Straßennamen nicht zu sehr mit Erwartungen zu überfrachten, weil sie sonst aus dem Umbenennen nicht mehr herauskommen.

An Vorstellungen für so ein Areal kann man namentlich und architektonisch natürlich viele entwickeln: Mir persönlich würde “Platz der Freiheit” für das Areal zusagen. Diese Bezeichnung passt gut zu so einem jedwede Symmetrie missachtenden, vielfältig genutzten und offen begehbaren Gelände, das an unterschiedliche Gebäude angrenzt und weder Altstadt noch Schloss zugeordnet werden kann. Da die Nutzung des Platzes stark durch den Send, eine dreimal jährlich stattfindendes Volksfest, charakterisiert ist, würde auch die Bezeichnung “Sendplatz” vermeintlich gut passen.  Möglicherweise müssen die Anhänger der Umbenennung in Schlossplatz stärker kommunizieren, was aus ihrer Sicht die Umbenennung auch für die künftige Gestaltung des Platzes bedeuten soll, denn derzeit fällt es schwer, eine so schmucklose Parkplatzanlage und Volksfestmeile mit der Bezeichnung “Schlossplatz” zusammenbringen. Vielleicht will man dies aber auch gar nicht so in den Vordergrund stellen, da eine Umgestaltung ja noch eine viel stärker Beeinträchtigung von Vertrautheit und Heimatgefühl bedeuten würde als die schon so hart umstrittene Umbenennung.
Aussagekräftige Fotos vom Hindenburgplatz, wie er für Passanten aussieht:
https://plus.google.com/photos/105211582444391686432/albums/5773996416569400353/5773996423385109426?banner=pwa