Posts Tagged ‘Villa ten Hompel’

Vor 75 Jahren: Auschwitz wird befreit

Januar 14, 2020

Münster (SMS) Auch fast 75 Jahre nach der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 und dem Ende der Herrschaft der Nationalsozialisten stellen sich elementare gesellschaftliche Fragen: Wie war der Holocaust möglich? Welche Rolle spielten die gewöhnlichen Menschen dabei in Deutschland und in Europa? Warum nahmen einige mit größtem Eifer an der Verfolgung von Jüdinnen und Juden teil, während andere Mitläufer waren? Warum haben so Wenige den Menschen geholfen, die zu Opfern gemacht wurden?
Die Villa ten Hompel präsentiert die Ausstellung „Einige waren Nachbarn“ vom 15. Januar bis 15. Februar im Foyer der Bezirksregierung Münster zusammen mit der Bezirksregierung Münster, dem Evangelischen Forum Münster, der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Münster, dem Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie“, der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und dem Verein „Spuren Finden“.
Die Ausstellung „Einige waren Nachbarn – Täter – Opfer und Mitläufertum“ des United States Holocaust Memorial Museum Washington D.C. soll herausfordern, über die Motive und Zwänge nachzudenken, die die Entscheidungen und Verhaltensweisen der gewöhnlichen Menschen während des Holocaust beeinflussten. Seit 2018 sind das United States Holocaust Memorial Museum Washington D.C. und der Geschichtsort Villa ten Hompel Münster offiziell Kooperationspartner.
Schirmherr der Wanderausstellung, die in NRW an mehr als 20 Orten auf Initiative der Villa ten Hompel präsentiert wird, ist Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet: „Diese besondere Ausstellung des United States Holocaust Memorial Museum Washington D.C. mahnt und ruft uns auf, aufzustehen gegen Rassismus und Antisemitismus, für Menschenwürde, Freiheit und das friedliche Zusammenleben in unserem Land.“
Der öffentliche Festakt zur Ausstellung findet am Freitag 31. Januar um 13 Uhr im Foyer der Bezirksregierung Münster am Domplatz mit Sara J. Bloomfield (Direktorin des United States Holocaust Memorial Museum Washington), Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (Antisemitismus-Beauftragte von NRW), Dorothee Feller (Regierungspräsidentin Münster), Markus Lewe (Oberbürgermeister der Stadt Münster) und Christoph Spieker (Leiter der Villa ten Hompel) statt. Gäste sind herzlich willkommen.
Info:
„Einige waren Nachbarn – Täter – Opfer und Mitläufertum“ im Foyer der Bezirksregierung Münster, Domplatz 1-3, 15. Januar bis 15. Februar. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 9 bis 16 Uhr, samstags 9 bis 13 Uhr. Der Eintritt ist frei.
Gruppen, insbesondere Schulklassen, aber auch Studenten und Gruppen der Erwachsenenbildung, können bei der Villa ten Hompel drei pädagogische Angebote buchen: Einen Ausstellungsrundgang, ein Kombiangebot aus Rundgang und lokalhistorischem Stadtrundgang und einen Workshop. Zudem wird ein umfassendes Begleitprogramm sowohl in der Villa ten Hompel wie auch in der Bezirksregierung angeboten: www.villatenhompel.de

Ausstellung in Münster

Blick in die Ausstellung „Einige waren Nachbarn – Täter – Opfer und Mitläufertum“ Foto: Stadt Münster

Die Villa ten Hompel erforscht seit 20 Jahren die NS-Zeit

Dezember 19, 2019

Der Stab des Befehlshabers der Ordnungspolizei Heinrich Lankenau (fünfter von rechts) am 11.10.1941 (50. Geburtstag Lankenaus). Foto: Villa ten Hompel

Das Jahr geht dem Ende zu, Zeit, Bilanz zu ziehen. Besonders gilt dies für den Geschichtsort Villa ten Hompel, der gerade sein 20jähriges Bestehen mit einer Matinee beging. Die Villa ten Hompel, im 3. Reich Sitz eines Befehlshabers der Ordnungspolizei, ist nicht nur ein Museum, sondern auch Veranstaltungs- und Bildungsort, der nicht zuletzt historisch Forschenden vom Schüler bis zum Doktoranden mit Rat und Hinweisen zur Seite steht, wenn es um die NS-Zeit geht. Kernthema der Villa ist aber die Rolle der Ordnungspolizei in der NS-Zeit, insbesondere ihre Beteiligung am Völkermord an den Juden. Die Frage nach den Motiven der Beteiligten treibt die Historiker in der Villa bis heute um, allen voran Dr. Christoph Spieker, der mir einige Fragen beantwortete:

Wie bzw. warum kam es aus Sicht der Villa ten Hompel zur Entstehung des Nationalsozialismus? Was sind die Ursachen und die Beweggründe für den Völkermord an den Juden gewesen?

„Ihre Frage, wie es zur Entstehung des Nationalsozialismus kam, möchte ich exemplarisch mit zwei Hinweisen beantworten:

der Existenz und Propaganda einer nationalen Hybris,

der Konstruktion einer künstlich erzeugten sogenannten ‚Volksgemeinschaft‘, die politisch, religiös und gesellschaftlich Unerwünschte ausschloss,

dem ungebrochenen Militarismus ohne Akzeptanz der Kriegsschuld und -niederlage,

sowie einem Antisemitismus in einer Gesellschaft, die in demokratische Regeln nur flüchtig eingeübt war.

Im letzten Punkt sind auch Ursachen für die schrecklichen Gewalttaten gegen die Menschen zu suchen, die die Nationalsozialisten nicht in ihrer ‚Volksgemeinschaft‘ haben wollten und sie zwangsweise ausschlossen, sterilisierten und ermordeten.“

Wie verhält sich die Villa ten Hompel zur Aussage des Buchs Hitler’s Willing Executioners von Daniel J. Goldhagen, wonach ganz gewöhnliche Deutsche überzeugte Vollstrecker des Holocaust gewesen seien?

„Der Geschichtsort Villa ten Hompel entstand kurz nach der Diskussion um die Bücher von Daniel J. Goldhagen und Christopher Browning, die nicht nur in der Geschichtswissenschaft große Resonanz fanden. Beide Arbeiten basieren auf Ermittlungen gegen Polizeibataillone, wie Sie vom Befehlshaber der Ordnungspolizei im Wehrkreis VI mit Sitz in der Villa ten Hompel in den Jahren von 1940-44 aufgestellt und als Teilnehmer in den ‚Weltanschauungskrieg‘ entsandt wurden. In unserer Forschungs- und Bildungsarbeit im Geschichtsort Villa ten Hompel beschäftigen wir uns seit Gründung der Gedenkstätte vor knapp 20 Jahren mit nationalsozialistischen Tätern. Wissenschaftliche Grundlage bieten dabei Pionierarbeiten wie die Brownings, der (deutlicher als Goldhagen) individuelle Tatmotive und konkrete Handlungskonstellationen in den Blick nahm, um zu erklären, wie aus ‚ganz normalen‘ Polizisten (in Anlehnung an Brownings wegweisende Studie der ‚ordinary men‘) Täter werden konnten, die sich teils ohne eindeutige Befehle und für zahlreiche Fälle nachweisbar freiwillig an Kriegsverbrechen beteiligt haben. Darüber hinaus fragen wir nach der Verantwortung von ‚ganz normalen‘ Beamten, die als ‚Schreibtischtäter‘ eine zentrale Funktion im nationalsozialistischen Verfolgungsapparat übernahmen.

Je intensiver wir uns mit Motiven dieser Ordnungspolizisten beschäftigen, desto facettenreicher wird unser Bild von Tätern, aber auch von Opfern und so genannten ‚Bystandern‘ des Holocaust. Was wir zweifelsohne feststellen können: Ohne die ‚gewissenhafte‘ und ‚gründliche‘ Arbeit der Polizei und der Verwaltungen hätte der Völkermord nicht seine grausame, für die Opfer besonders tragische, bürokratische Effizienz erlangen können. Hier knüpfen wir an die so genannte neuere Täterforschung an. Dabei versuchen wir auch weniger ‚prominente‘ Täter in den Blick zu nehmen und beschäftigen uns auch mit den ‚kleineren‘ Verwaltungsbeamten aus der Region, um die Alltäglichkeit der NS-Verbrechen zu unterstreichen.

Warum wurde Ihr Institut ausgerechnet in Münster gegründet? Es gab doch auch höhere Ordnungspolizeikommandaturen andernorts. Geht das auf das Engagement einer bestimmen Person zurück oder zeichnete sich die Ordnungspolizei, die von Münster aus befehligt wurde, durch irgendwelche historischen Besonderheiten aus?

Ich denke beide Gründe spielen eine Rolle: Einerseits hatte der Geschichtslehrer Winfrid Nachtwei (später MdB der Grünen)  in seinen Forschungen die Villa als historischen Ort entdeckt, andererseits ist Münster mit mehr als 20 Bataillonen einer der ‚größten‘, personalintensivsten BdO-Standorte.

Aber die Zahlen sind erst im Laufe der Forschungen deutlich geworden, also hat Ersteres mehr Wahrscheinlichkeit.

Was wussten die ganz gewöhnlichen Deutschen vom Holocaust, bzw. war es möglich, dass sie im Einzelfall zumindest von den Vernichtungslagern im Osten nichts wussten?

„Ich bin immer davon ausgegangen, dass die Vertreibung der Juden sehr bekannt war, die ‚Greuel der SS‘ sprichwörtlich oft kolportiert wurden – z.B. ein Geistlicher in Südlohn von der Kanzel – die Dimension der Vernichtung  – mit den Massenerschießungen und Gaskammern – sich aber nicht allen erschlossen hat. BBC hat berichtet, die niederländischen Zeitungen auch, der Polizist Henneboel berichtet aus den Niederlanden, dass Kollegen gesagt hätten, die Deportierten kämen ‚bald aus den Schornsteinen‘ … usw.

Kurz: Fragmentarisches Wissen gab es, Zeugen sicher auch, der Historiker Heinz Boberach beispielsweise hat uns versichert, seit 1942 von der Vernichtung gewusst zu haben.“

AfD und kein Ende

Oktober 20, 2017

Trotz Austritten und Abspaltungen kann von einem Ende der AfD keine Rede sein, denn es treten mehr Leute in diese Partei ein, als sie verlassen, wusste der FAZ-Journalist und AfD-Experte Justus Bender auf einer Podiumsdiskussion in der Villa ten Hompel zu berichten. Insbesondere auch „Die blaue Partei“ der ausgeschiedenen Parteivorsitzenden Frauke Petry habe keine Chance und sei ein wenig durchdachtes Vorhaben mit noch geringerem Rückhalt als die Lucke-Abspaltung LKR(früher Alfa).

Justus Bender

Justus Bender (links) diskutierte mit Michael Sturm vom Mobilen Beratungsteam gegen Rechtsextremismus Münster (mobim)

„Nervös“ mache ihn die immer weiter voranschreitende Radikalisierung der AfD. Während die gemäßigten Kräfte um Bernd Lucke und Petry gingen, bleiben die Radikalen um Björn Höcke, der gegen Liberalismus und Pluralismus hetzte,  und ziehen immer weitere Sympathisanten und Anhänger dieser Richtung in die Partei, so Bender. Inhaltlich macht Bender die Radikalisierung der AfD am Umgang mit dem Islam fest. Habe Lucke noch ein differenziertes Bild des Islam gepflegt, bezeichne es der heimliche Parteichef Alexander Gauland heute als Konsens innerhalb der Partei, dass der Islam keine Religion sei. Da drohe die Beobachtung durch den Verfassungsschutz. Andererseits hofft Bender, dass der zivilisierte Diskurs im Bundestag statt Straßenkundgebungen die AfD künftig mäßigen könnte. Die AfD-Fraktion im Bundestag gehe jedenfalls mit großem Ernst an ihre Arbeit.

Vor allem aus der CSU kommt derzeit die Forderung, die rechte Flanke müsse geschlossen werden, um der AfD zu begegnen. Hier sieht Bender wenig Hoffnung, da AfD-Wähler die CDU und Merkel für ihr Verhalten in der Euro- und Flüchtlingskrise regelrecht „bestrafen“ wollten und einen Rechtsruck von CDU/CSU als Bestätigung ihres Urteils ansehen würden. Auch ein „Rundmachen“ von AfD-Politikern in Talk-Shows schade der AfD nicht, da sich ihre Anhänger dann in ihrer Ungerechtigkeitserfahrung bestätigt sähen. Die AfD biete mittlerweile eine „Generationenerfahrung“ ähnlich dem Rechtsradikalismus in den 1990er Jahren, an die sein Mitdiskutant Michael Sturm (mobim) erinnerte, und werde daher überdauern, auch wenn die politischen Probleme gelöst sind, die ihr ursprünglich Auftrieb gebracht haben.

Lektürehinweis: Justus Bender,Was will die AfD?, Pantheon Verlag, München 2017

Die kritische Edition von „Mein Kampf“: Entmystifizierung eines politischen Symbols

Februar 17, 2017

2_ifz_mk_editionsbaende_stehendHeftige Kontroversen und Ängste rief die 2016 erschienene Kritische Edition von „Mein Kampf“  in der deutschen und internationalen Öffentlichkeit hervor. „Das absolut Böse“ lasse sich nicht durch Kommentierung neutralisieren, meinte etwa Jeremy Adler jüngst in der Süddeutschen Zeitung. Dies sah Othmar Plöckinger als Mitherausgeber der Edition bei einem Vortrag in der Villa ten Hompel anders: Niemand werde durch diese Veröffentlichung zum Neonazismus verführt. Im heutigen Rechtsextremismus habe „Mein Kampf“ ohnehin nur noch symbolische, aber nicht inhaltliche Bedeutung.

Die kritische Edition leiste einen Beitrag zur „Entmystifizierung“ dieses „politischen Symbols“. Die Anmerkungen zu Hitlers Text seien schon grafisch diesem „auf Augenhöhe“ gegenübergestellt, wollten nicht nur historisch und begrifflich erläutern und ergänzen, sondern, wo dies immer auch möglich sei, widerlegen und widersprechen. Der große Verkaufserfolg mit bisher 85 000 abgesetzten Exemplaren rühre aus dem Interesse des Bildungsbürgertums an einer historisch eingeordneten Quelle her. Auch der ungeheure Medienhype erklärt laut Plöckinger den Erfolg des sperrigen kiloschweren zweibändigen Werks, das zu einem relativ günstigen Selbstkostenpreis angeboten werde.

Dr. Othmar Plöckinger verteidigte die Kritische Edition

Dr. Othmar Plöckinger verteidigte die kritische Edition

Plöckinger gab auch Einblicke in die Arbeit an der kritischen Edition. Das Denken an die historischen Konsequenzen von „Mein Kampf“ habe es manchmal schwer gemacht, die Pose wissenschaftlicher Distanz durchzuhalten, zumal die Veröffentlichung einer solchen Edition neben politischen auch ethische Fragen im Hinblick auf die Opfer des Nationalsozialismus aufwerfe. Es sei aber ein tolles Erlebnis gewesen, Hitler durch akribische Recherche und neue Quellen-Funde Lügen und Verdrehungen nachweisen zu können.

Über sechs Jahre hatte ein  Team unter Einbindung von 80 Wissenschaftlern verschiedenster Disziplinen im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte an der Kommentierung gearbeitet. 70 Jahre nach Hitlers Tod konnte Sie dann veröffentlicht werden, da der Urheberrechtsschutz ausgelaufen war. Unkommentierte Nachdrucke von „Mein Kampf“ sind in Deutschland nach wie vor als Volksverhetzung mit Strafverfolgung bedroht, obwohl vollständige Textausgaben leicht aus dem Internet gezogen oder antiquarisch erworben werden können.