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Rezension: „Mandarinen aus Jaffa“ von Patrizia Joos

Februar 10, 2019
Mandarinen aus Jaffa

Ein Buch über die Liebe, und was dazwischen passiert. Foto: Edel Elements

„Mandarinen aus Jaffa“ ist nicht ein Buch über Obst, sondern ein Liebesroman, wie es der Untertitel ausweist. Wer traut sich sowas heute noch zu schreiben, ohne zu fürchten, in den Ruf des Kitschautors zu geraten? Die Berliner Autorin Patrizia Joos hat es gewagt, und sich damit einen Lebenstraum erfüllt.

Denn die fiktive Handlung des Buches verarbeitet auch die eigenen Erfahrungen von Patrizia Joos mit einer großen Liebe, die sie vor einiger Zeit erlebt und verloren hat. Zum Verständnis des kleinen Romans ist dies unumgänglich. Gerade die Anfangskapitel, in denen die Protagonistin Rose Harper das Beisammensein mit ihrem geliebten Raphael Rosengarten erlebt, sind sehr authentisch geschrieben. Der Mittelteil des Buches, in dem Rose ohne ihren Geliebten, der sie verlassen hat, bestehen muss, wirkt etwas konstruiert, der schwelgerische Schluss, in dem sie nach Jahren wieder mit Raphael zusammenkommt und diesen sogar heiratet, als wäre nichts vorgefallen, wirkt vollends unrealistisch und als Erfüllung eines Wunschtraums. Der kurz vor Schluss eingeschobene vereitelte Terroranschlag hat keinen erkennbaren Zweck, der Handlung eine neue Wendung zu geben und wirkt überflüssig, immerhin ist noch eine Schrecksekunde geschaffen und gezeigt, wie schlecht auch alles im Leben ausgehen kann.

Spannend wird der Roman durch die vergeblichen Versuche der Liebenden, sich nach der Trennung doch wiederzufinden, wobei sie sich immer wieder knapp verpassen. Selbst ein Privatdetektiv wird eingeschaltet, kurioserweise von beiden der gleiche, der aber nicht am Erfolg der Suche interessiert ist.

Ein großes Thema dieses Buchs voller Weisheiten ist das wechselseitige Belehren und Lernen der Akteure, man merkt, dass die Autorin im Hauptberuf Lehrerin ist. Der Roman ist auch ein Entwicklungsroman, denn er zeigt die  Entwicklung einer jungen Frau, die eine Trennung verarbeiten muss,  Mutter wird, ihre akademische Ausbildung  vorantreibt und sich berufliche Erfolge erarbeitet – freilich unterstützt von Verwandten, Freunden, Bekanntschaften und neuen Liebschaften.

Der Roman spielt mit internationaler Besetzung an glanzvollen und kenntnisreich beschriebenen internationalen Schauplätzen wie Rom, Paris oder London, dies verdeutlicht die Reise der Protagonistin durch ihr Leben, ihre Entwicklung und was sie alles dazulernt.

„Mandarinen aus Jaffa“ ist ein flüssig geschriebener Roman in angenehmer Sprachmelodie und voll positiver Lebenseinstellung, der manchem wieder Hoffnung auf die Liebe machen könnte, der von ihr schon enttäuscht worden ist. Die glückliche Wiedervereinigung mit einer verflossenen Liebe ist sicher ein träumerisches Motiv, das ein breites Lesepublikum findet.

Patrizia Joos: Mandarinen aus Jaffa: Eine Liebe erwachte in Notting Hill. Edel Elements 2018. 196 S. 

Ernst Jünger als Untergangsvisionär und Luftkriegsbeobachter

März 30, 2015

Ernst Jüngers Kurz-Roman „Auf den Marmorklippen“, der zu Beginn des Zweiten Weltkriegs erschien, enthält eine reich ausgemalte Untergangsvision:

„Nun war die Tiefe des Verderbens in hohen Flammen sichtbar geworden, und weithin leuchteten die alten und schönen Städte am Rande der Marina im Untergange auf. Sie funkelten im Feuer gleich einer Kette von Rubinen, und kräuselnd wuchs aus den dunklen Tiefen der Gewässer ihr Spiegelbild empor. Es brannten auch die Dörfer und Weiler im weiten Lande, und aus den stolzen Schlössern und den Klöstern im Tale schlug hoch die Feuersbrunst empor. Die Flammen ragten wie goldene Palmen rauchlos in die unbewegte Luft, indes aus ihren Kronen ein Feuer-Regen fiel. … Als ob der Raum ganz luftleer wäre, drang nicht ein Laut herauf; das Schauspiel dehnte sich in fürchterlicher Stille aus. Ich hörte dort unten nicht die Kinder weinen und die Mütter klagen, auch nicht das Kampfgeschrei der Sippenbünde und das Brüllen des Viehes, das in den Ställen stand. Von allen Schrecken der Vernichtung stieg zu den Marmor-Klippen einzig der goldene Schimmer auf. So flammen ferne Welten zur Lust der Augen in der Schönheit des Unterganges auf.“

Thomas Mann Verdikt über Ernst Jünger lautete, dieser sei ein „eiskalter Genüßling des Barbarismus“, was sich hier zu bestätigen scheint. Das Leiden der Menschen erweckt im Erzähler keine Furcht, keine Trauer und kein Mitleid, stattdessen delektiert sich das Erzähler-Ich am „goldenen Schimmer“ der Untergangs-Brände, rückt sie distanziert als „ferne Welten“ von sich, erklärt sie sogar zum „Schauspiel“, entrückt sie als irreal. Amoralischer Ästhetizismus ist dies auch genannt worden. Die derart beschriebene Haltung des Erzählers der Marmorklippen beschränkt sich nicht auf diesen fiktionalen Text. Auch in seinen Tagebüchern des Zweiten Weltkriegs mit dem Titel „Strahlungen“ nimmt Ernst Jünger diese distanzierte Haltung ein. Zwar nimmt er Abstand davon, die Schönheit der brennenden Städte Dresden oder Hamburg im Feuersturm-Angriff britischer Bomberflotten zu preisen, jedoch wurde Ernst Jünger während des Frankreich-Feldzugs und als Besatzungsoffizier in Paris von den Hotels „Majestic“ und „Raphael“ aus Zeuge von Überfliegungen und Bomberangriffen, die ihn sehr beeindruckten. Jedes Mal verglich er sie mit einem Schauspiel (16. und 24. August 1943, 15. September 1943), am 15. September 1943 malte er sie opulent aus:

„Im ‚Raphael‘ aß ich auf meinem Zimmer, als etwas zwanzig Minuten vor Acht die Sirenen Alarm kündeten. Bald ertönte lebhaftes Feuer; ich eilte auf das Dach. Dort eröffnete sich den Augen ein zugleich furchtbares und großartiges Bild. Zwei starke Geschwader überflogen in Keilform von Nordwesten nach Südosten die Innenstadt. Sie hatten offenbar schon abgeworfen, denn in der Richtung, aus der sie kamen, erhoben sich in breiter Ausdehnung Rauchwolken, die bis zum Firmament hinaufragten. Der Anblick war unheilvoll und machte sogleich den Sinnen deutlich, daß dort jetzt Hunderte, ja vielleicht Tausende von Menschen erstickten, verbrannten, verbluteten. Vor diesem düsteren Vorhang lag die Stadt im goldenen Lichte des Sonnenuntergangs. Die Abendröte traf die Flugzeuge von unten; die Rümpfe hoben sich wie Silberfische vom blauen Himmel ab….“

Aus heutiger Sicht ist bemerkenswert, dass das Auftauchen von Fliegern nicht zum panikartigen Aufsuchen des Luftschutzkellers führt, sondern der Weg – wohl nicht nur Jünger – in die entgegengesetzte Richtung führt, um das neuartige Faszinosum besser beobachten zu können. Das Dach des Raphael löst die Marmor-Klippen als erhöhten Standort ab, von dem aus Jünger, gleichsam über den Dingen stehend, das Geschehen beobachtet. Die Schilderungen gipfeln dann in der berüchtigten und umstrittenen, scheinbar snobistischen „Burgunder-Szene“:

„Paris, 27.Mai 1944. Alarme, Überfliegungen. Vom Dache des „Raphael“ sah ich zweimal in Richtung von Saint Germain gewaltige Sprengwolken aufsteigen, während Geschwader in großer Höhe davonflogen. Ihr Angriffsziel waren die Flußbrücken. Art und Aufeinanderfolge der gegen den Nachschub gerichteten Maßnahmen deuten auf einen feinen Kopf. Beim zweiten Mal, bei Sonnenuntergang, hielt ich ein Glas Burgunder, in dem Erdbeeren schwammen, in der Hand. Die Stadt mit ihren roten Türmen und Kuppeln lag in gewaltiger Schönheit, gleich einem Kelche, der zu tödlicher Befruchtung überflogen wird. Alles war Schauspiel, war reine, von Schmerz bejahte und erhöhte Macht.“

Es scheint mir in der Szene wieder einmal darum zu gehen, dass Jünger die ihn „umgebenden apokalyptischen Zustände … durch die Haltung des unbeteiligten Ästheten konterkarieren“ will (Alexander Rubel). Hat der Text noch eine Bedeutungsebene, die nicht so leicht zu erschließen ist? Der Jünger-Forscher Tobias Wimbauer hat 2004 in einer Veröffentlichung, die großes Aufsehen erregte, die Fiktionalität des möglichen zweiten Luftangriffs am Abend ins Spiel gebracht: Am Abend des 27. Mai 1944 habe es gar keinen Luftangriff auf Paris gegeben. Jünger verarbeite in der symbolisch aufgeladenen Stelle die just in diesen Zeitraum eintretende neuerliche Eskalation einer Liebesaffäre, die er in Paris mit der Kinderärztin Sophie Ravoux hatte. Dass die Passage zu erotischen Assoziationen einlädt, scheint offenkundig, ob sie mit der konkreten Liebesaffäre zu tun hatten, will ich dahingestellt lassen. Über Städte allgemein notierte Jünger, sie seien „weiblich und nur dem Sieger hold“, Paris sei auf dem „Altar der Venus gegründet“.
Hinsichtlich des zweiten Luftangriffs am Abend hat Helmuth Kiesel darauf hingewiesen, dass der Text nicht zwingend einen solchen hergibt. Es kann sich auch nur um eine weitere Überfliegung gehandelt haben, die nicht Eingang in die genaue Buchführung der Weltkriegs-Chronisten fand. Wimbauers Auffassung, die Bezeichnung dessen, was sich da am Himmel abspielt, als „Schauspiel“ sei ein Hinweis auf die Fiktionalität der Szene, überzeugt nicht, da Jünger auch Eindrücke von vorangegangen Überfliegungen und Luftangriffen, die bislang nicht in Frage gestellt werden, als „Schauspiel“ kennzeichnet.
Überschlägig kann man festhalten, dass man Ernst Jüngers „Strahlungen“ nicht zu wörtlich auffassen und ihre Authentizität nicht zu streng nehmen sollte, sie sind ein Stück Literatur. Jünger hat in den veröffentlichten Tagebüchern seine Liebesbeziehung sorgfältig vertarnt, Tagebucheinträge unter andere Daten verschoben, welchen Sinn dies auch immer gehabt haben mag, und auch die „Strahlungen“ einschließlich der Burgunder-Szene mehrfach überarbeitet. Vielleicht gab es auch den abendlichen Luftangriff der Burgunder-Szene eigentlich an einem anderen Datum.
Was ist aber zur Person Jüngers zu sagen? Neben der distanzierten, kühlen und heiter-unerschrockenen Selbststilisierung gibt es im Gesamtwerk und gerade auch in den „Strahlungen“ genug Passagen, die zeigen, dass Jünger sogar ein sehr tiefgehendes moralisches und rechtliches Empfinden hatte, Mitleid und Trauer empfinden konnte. Und ja: Ernst Jünger konnte sogar lieben.

Literatur: Tobias Wimbauer (Hg.), Ernst Jünger in Paris, 2011

Ernst Jünger: Ein Egoschriftsteller wird durchleuchtet

Juni 16, 2014

In diesem Jahr besinnt man sich in Deutschland auf die Vergangenheit des vor hundert Jahren ausgebrochenen ersten Weltkriegs wie lange nicht. In Münster läuft derzeit die Vortragsreihe „Gelehrte im Theater“ zum Thema „Menschheitsdämmerung – der erste Weltkrieg und die Künste“. Ein Künstler, der den ersten Weltkrieg intensiv abbildete und reflektierte war auch Ernst Jünger, um den das Referat von Professor Helmuth Kiesel, Heidelberg, kreiste. Kiesel erwies dabei als ausgewiesener Kenner.

Kiesel hat die Veränderungen nachverfolgt, die Jünger über die Jahrzehnte an seinem Erstlingswerk „In Stahlgewittern“ vornahm. Außerdem hat er das Jüngers Report zugrunde liegende Kriegstagebuch ediert. Er konnte damit zeigen, wie Jünger dieses heroisierend verarbeitete. Zur Lektüre empfiehlt er die letzte Fassung der Stahlgewitter von 1978, da sie von Altersweisheit geprägt sei. Das Buch sei ein einzigartiges und stilistisch hervorragendes Egodokument mit hoher Authentizität, frei von Hass, Legendenbildung oder Politik. Nur die Fassung von 1924 enthalte nationalistische Ergänzungen, die 1934 zurückgenommen wurden.

Im Krieg hätten sich Jünger, der ein schlechter Schüler war, plötzlich Aufstiegschancen und Erfolgserlebnisse geboten. Obwohl daher positiv als „Heldenbuch“ konzipiert, hätten Linke in den „Stahlgewittern“ ein pazifistisches Wirkungspotential entdeckt, was Kiesel angesichts der Brutalität der Kampfschilderungen nachvollziehen kann, wenn er auch ins Bewusstsein ruft, dass Jünger triste Seiten des Krieges wie das Elend der Lazarette und Verbandsplätze weglässt, obwohl er sie durchaus miterlebt hat. Mit seinem Bellizismus, seiner naturwissenschaftlichen Kälte und seinem Ästhetizismus sei Jünger Exponent seiner Epoche gewesen.

Seine höchste Auflage erreichte das Buch in den 1930er und 1940er Jahren, als sich viele Menschen erneut mit dem Krieg auseinanderzusetzen hatten, jedoch bleibt es weit hinter der Auflage des Millionenbestsellers „Im Westen nichts Neues“ zurück.  Der zum geflügelten Wort gewordene Buchtitel „In Stahlgewittern“ hat Jünger übrigens aus dem Werk des Schriftstellers Hermann Stehr übernommen, so vermutet es Kiesel. Kiesel hätte gerne schon viel früher zu Ernst Jünger und seinem Bruder Friedrich Georg gearbeitet, jedoch war das Thema in der Germanistik lange Zeit tabuisiert und ein Karrierekiller. Gut, dass jetzt endlich die seriöse Aufarbeitung von Jüngers Frühwerks begonnen hat, die ja auch eine überfällige Entzauberung dieses umstrittenen wie wandlungsfähigen Egoschriftstellers mit sich bringt.

Zur Lektüre:  file:///C:/Users/Lenovo/Downloads/13851-28046-1-SM.pdf

 

Diederich Heßlings Erlebnisse als Corpsstudent

Mai 23, 2014

Mein Aufsatz „Die Darstellung des Corpsstudententums in Heinrich Manns ‚Der Untertan'“ ist in Einst und Jetzt – Jahrbuch des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung (Bd. 59) erschienen.  Er arbeitet heraus, dass die Schilderung der Erlebnisse des Diederich Heßling in der Studentenverbindung „Neuteutonia“ satirisch zu verstehen und vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Karikierung des Corpsstudenten in Blättern wie dem „Simplicissimus“ zu sehen ist.  Einige Sonderdrucke des Aufsatzes können auf Anfrage über mich bezogen werden.

Auf Hülshoff: Schaurig ist´s, eine verlassene Burg zu sehen.

Oktober 14, 2011

Besuchte erneut den Geburtsort der Dichterin und Schriftstellerin Annette von Droste-Hülshoff, die Burg Hülshoff im Münsterland.

Neben der Kriminalerzählung Die Judenbuche hinterließ die Dichterin auch diverse schauerliche Gedichte wie Der Knabe im Moor.

Bei der Ankunft schien noch die Sonne, aber dann zogen Wolken auf und setzten die Wasserburg in ein spannungsreiches Licht. Das untere Geschoß der Burg kann besichtigt werden. Angestellte geben gerne Auskunft zu allem. Die Burgherrin aus dem Geschlecht derer von Droste zu Hülshoff ist schon betagt und wohnt nicht mehr auf Hülshoff, sie hinterlässt keine männlichen Erben. Still ist es hier geworden, die wenigen Besucher können auch das Burglokal kaum füllen. Ringsum lädt ein englischer Schlossgarten zum Spazieren ein.

Burg Hülshoff

Paradiso – eine Odyssee nach Weiden in der Oberpfalz

April 20, 2011

Kürzlich stieß ich auf das Buch Paradiso, das einen Road-Trip von Berlin nach München beschreibt. Unfreiwillige Zwischenstation ist Weiden, das der Verfasser Thomas Klupp und der Protagonist des Büchleins als Heimat- und Schulstadt kennen. In Weiden entledigt sich die Hauptfigur des Buchs einer unbequemen Bekanntschaft, um dann ungeplant alte Bekannte wieder zu treffen. Paradiso ist ein Slang-Name für einen der vielen Weiher um Weiden, an denen sich die Jugendlichen zum Feiern treffen. An Thomas Klupp kann ich mich noch vom Sehen erinnern, auch wenn er nicht das gleiche Gymnasium besuchte wie ich. Sein Vater ist ein angesehener Arzt in Weiden. Das Buch enthält einige Insiderbeobachtungen, die man nur als Kenner dieses Oberpfälzer Provinzstädtchens mit idyllischen wie tristen Seiten einordnen kann. Alles wirkt überaus authentisch. Tränen gelacht. Ein geniales Erstlingswerk.