Posts Tagged ‘Erinnerungskultur’

Für die einen Kriegerdenkmäler, für die anderen Steine des Anstoßes

April 23, 2019

Farbbeschmierungen am häufig kritisierten Dreizehner-Denkmal. Foto: Stadt Münster/ Fritz von Poblotzki

Münster (SMS) Kein Jahrhundert brachte so viele Denkmäler hervor wie das 20. Jahrhundert. Auch in Münster und Umgebung prägte sich eine Gedenklandschaft mit zahlreichen Kriegerehrenmalen aus, die überwiegend nach dem Ersten Weltkrieg entstanden sind. Sie dienten der ehrenden Erinnerung an gefallene Soldaten. Ihre Erinnerungsmotive werden heute kritisch hinterfragt.
Max Twickler vom Institut für Didaktik der Geschichte der Universität Münster blickt am nächsten Themenabend des Stadtarchivs auch über Münster hinaus und führt in die Entwicklung der Kriegerdenkmalskultur in Deutschland ein. Im Mittelpunkt stehen dabei die Weimarer Jahre. Daneben geht es um die identitätsstiftende Funktion der Ehrenmale zum Zeitpunkt ihrer Setzung.
Wie stellen wir uns heute zu den Erinnerungsmotiven der Kriegerehrenmale? Welche Rolle spielen sie in der heutigen geschichtskulturellen Auseinandersetzung? Fragen, zu denen Denkanstöße gegeben werden sollen.
Im Kern befasst sich der Referent mit der münsterschen Denkmallandschaft und ihren Veränderungen. Er konzentriert sich dabei auf die Debatte um die steinernen Erinnerungsorte in Münster, wobei auch die Rolle verschiedener Gremien der Stadtpolitik angesprochen wird. Anhand themenbezogener Geschichten aus dem Münsterland zeigt Twickler Möglichkeiten des künftigen Umgangs mit den steinernen Zeugen ihrer Zeit auf und erläutert, wie sich die einzelnen Vorgehensweisen begründen lassen. Eine Diskussion schließt sich an.
Info: Der Themenabend beginnt am Donnerstag, 25. April, um 18 Uhr im Stadtarchiv, An den Speichern 8. Um Anmeldung wird gebeten per E-Mail an archiv@stadt-muenster.de oder unter Tel. 02 51/4 92-47 01. Detaillierte Informationen zu den Kriegerdenkmälern, Mahnmalen und Kriegsgräberstätten im Stadtgebiet von Münster finden sich im Stadtnetz unter www.stadt-muenster.de/kriegerdenkmale/startseite

Münsters Kriegerdenkmäler im Internet

September 9, 2018

Münster (SMS) „Es gibt nichts auf der Welt, was so unsichtbar wäre wie Denkmäler. Sie werden doch zweifellos aufgestellt, um gesehen zu werden, ja geradezu, um die Aufmerksamkeit zu erregen“, so beschrieb der Schriftsteller Robert Musil im Jahr 1927 seine Einstellung zu Denkmälern. Dies gilt auch heute noch für einige Denkmäler in Münster. Das Kriegerdenkmal am Mauritztor kann dagegen schon aufgrund seiner Größe kaum übersehen werden. Dennoch: wann ist es entstanden, wer hat es angeregt und wie dachten die Münsteraner über dieses mächtige Exemplar?
Antworten auf Fragen wie diese bietet ein neues stadtgeschichtliches Angebot des Stadtarchivs im Internet. Es gibt einen Überblick über die Denkmallandschaft Münsters. Alle im öffentlichen Raum vorhandenen Gedenktafeln, Ehrenmale, Kriegerdenkmale, Mahnmale und Kriegsgräberstätten sind darin nach einem einheitlichem Raster erfasst und beschrieben.
Die neue Website bietet die Möglichkeit, einen Einblick in die geschichtlichen Hintergründe und kurz gefasste Informationen als ersten Ansatzpunkt einer Beurteilung der Denkmäler zu erhalten.  Das in Kooperation mit der Online-Redaktion des Presse- und Informationsamtes entstandene Angebot findet sich ab sofort unter www.stadt-muenster.de/kriegerdenkmale.
Die Internetpräsentation geht über die vom Stadtarchiv 2013 vorgestellte gedruckte Dokumentation „Erinnern im öffentlichen Raum. Kriegerdenkmäler – Ehrenmale – Mahnmale und Kriegsgräberstätten in Münster“ hinaus und erfasst auch die seitdem eingeweihten Gedenkobjekte. Außerdem weicht es in der Einteilung der Denkmäler insofern ab, als zwei neuen Rubriken „Erinnern nach 1945“ und „Erinnern nach 2000“ in rein chronologischer Gliederung nach Datum der Einweihung entstanden sind.
Möglichst alle Krieger-Denkmäler, Erinnerungs- und Gedenkorte sowie Grabstätten und Friedhöfe, die in Zusammenhang stehen mit kriegerischen, gewaltvollen Auseinandersetzungen und Ausgrenzungen, ihren Opfern und Folgen, wurden systematisch erfasst, eingeordnet und einheitlich beschrieben. Dabei erfuhr auch die öffentliche Wahrnehmung der Gedenkorte in Ansätzen Beachtung. Denn die Interpretation eines Denkmals kann sich durchaus ändern; wie auch das Denkmal selbst, etwa durch das Anbringen ergänzender Texttafeln.
Für alle Erinnerungsmale ist gefragt worden, mit welcher Motivation sie errichtet wurden, wer sie initiiert und wer sie wie gestaltet hat. Auch den geschichtlichen Hintergründen widmet  sich das neue Angebot des Stadtarchivs.
Um in diese Sammlung aufgenommen zu werden, muss ein Denkmal oder Mahnmal an gefallene Soldaten oder zivile Opfer von Kriegen, von regime- und kriegsbedingtem Terror und Gewalt erinnern. Ebenfalls erfasst wurden Denkmäler, die als Mahnungen zum friedlichen Zusammenleben aufgefasst werden können. Formen des Gedenkens innerhalb weltlicher und kirchlicher Gebäude sind nicht erfasst worden.

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Das Kriegerehrenmal am Mauritztor ist ein Beispiel aus dem neuen Internetangebot des Stadtarchivs. Es wurde 1909 eingeweiht und soll an die Gefallenen der deutschen Einigungskriege erinnern. Foto: Stadtarchiv Münster

Kriegerdenkmäler in Münster: Bildersturm nach dem Schildersturm?

Februar 19, 2018

Foto: Grafenstein

Münster hat in der jüngsten Vergangenheit eine heftige Debatte um die Umbenennung des Hindenburgplatzes in  Schlossplatz erlebt. Nach den Straßenschildern aus vergangenen Zeiten haben die Fraktionen von CDU, SPD und Grünen in der Bezirksvertretung Mitte nun neue Steine des Anstoßes entdeckt: Die vielen Kriegerdenkmäler in Münster, die noch aus der Vergangenheit als bedeutende Garnisonsstadt stammen. Eine Diskussion um den Umgang mit diesen Relikten der Vergangenheit soll nun entfesselt werden, droht nach dem Schildersturm gegen Straßenschilder nun ein Bildersturm gegen Monumente und Standbilder?

Die Linkspartei versteigt sich zu dem verrückten Vorschlag, umstrittene Monumente abzutragen und auf einem Denkmalfriedhof der Stadt endzulagern. Das dürfte bei dem Kriegerdenkmal am Mauritztor, das an die Gefallenen der Einigungskriege 1864 – 1871 erinnert, ein ziemlicher Kraftakt werden, denn es hat einen Umfang von 23 Metern. Seit 1909 steht es da: trutzig, klotzig, Stein gewordener Zeitgeist. Auf den Reliefs sind Krieger und trauernde Frauen zu sehen, wegen der vielen nackten Haut bekam das Heldengrab im Volksmund den Namen „Schinken-Denkmal“ verpasst. Das dramatische von Bernhard Frydag geschaffene Denkmal war aber durchaus ernst gemeint, als es mit einer nationalen Feier, mit Fahnen und Schellenbaum eingeweiht wurde. Oberbürgermeister Max Jungeblodt sah die Aufgabe dieses städtischen Denkmals darin, „den Helden, die für Deutschlands Ehre kämpften und starben, im edelsten Sinne nachzueifern.“ Von Deutschlands Ehre und Helden wird man heute in der Stadt des Westfälischen Friedens wohl nichts mehr wissen wollen. Trotzdem haben die Denkmäler ihre Existenzberechtigung, weil sie an frühere Kriege erinnern und das Geschichtsbewusstsein wachhalten. Ob nun alle Denkmäler mit erläuternden Hinweistafeln versehen werden müssen, sei dahingestellt, denn auch das Internet kann mittlerweile zur Erklärung einzelner Denkmäler viel beitragen.

Auf der alten Fotografie von der Einweihung mit Honoratioren, Pickelhauben und Verbindungsstudenten erkennt man, dass das Denkmal ursprünglich noch einen kleinen Aufbau auf seinem Dach hatte, der heute fehlt.  Foto: Stadtarchiv Münster

Auseinandersetzungen um Straßennamen: Über den Schildersturm in Deutschland

Dezember 5, 2012
Occupy

Aktivisten der Occupy-Bewegung haben eine täuschend echt wirkendes Straßenschild aufgestellt.

Die Nachrichten über Straßenumbenennungen häufen sich. Was ist los in Deutschland? Wer ist da am Werk und warum? Es erscheint unglaublich, was für ein Gewese um Straßennamen gemacht wird, Zusatzschilder sind oft doppelt so lang wie das eigentliche Schild, Umwidmungen (Name bleibt, es soll künftig aber einer anderer gemeint), Doppelwidmungen (Name bleibt, aber zusätzlich soll noch ein anderer gemeint sein), Umbenennungen (Name bleibt nicht), Gedenktafeln, bilderstürmerischer Vandalismus und Schilderraub, Überklebungen sowie  kreative Projekte lassen die Straßenschilder nicht mehr einfach so stehen,  um sie ihrer banalen Funktion dienen zu lassen, die Orientierung in einer Stadt, die Zustellung  von Post und das Aufsuchen von Wohnungen zu ermöglichen.  Kommissionen, Gremien, Stadträte, Bürgerinitiativen, Anwohnerinitiativen und Künstler zerbrechen sich den Kopf über die richtige Wegweisung, Satiriker machen sich darüber lustig, Internetuser schalten sich ein. Da selbst Professoren ihre Fachautorität wirken lassen und erklären, Straßennamen seien von höchster Bedeutung, breitet sich das Interesse daran immer mehr aus.

Da ist der kritische, mündige und informierte Bürger aktiv geworden, der sich nicht mehr mit von Geschichte und Stadtverwaltungen gelieferten Straßennamen zufrieden geben, zugleich vielleicht seine Innovationsfähigkeit als kreativer Performer unter Beweis stellen will.  Das Internet macht es so leicht wie nie, Namensgeber von Straßen zu identifizieren und sich zu empören, über Mörder, Verbrecher, Wegbereiter des Faschismus, allzu moskowitische Sozialisten und Kolonialisten, die da vermeintlich geehrt werden. Dahinter steht  die denunziatorische Beschäftigung mit Geschichte, wie sie Bernhard Schlink als Kennzeichen unserer Gegenwart erkannt hat, diese Tendenz ist überall in der Gesellschaft wirkungsvoll, nicht nur im Straßennamenkampf.  Die Fähigkeit sich in die historische Vergangenheit einzudenken, die Bereitschaft, historisch zu relativieren, geht zurück. Das Verständnis der Generationen für ihre Vorgängergenerationen nimmt immer weiter ab, wie zum Beispiel der Historiker Eric Hobsbawm erkannt hat, denn der gesellschaftliche Wandel beschleunigt sich immer weiter. Es spiegeln sich also auch gesellschaftliche Umbrüche in den Umbenennungen. Straßenumbenennungen treten ja gehäuft bei Systemwechseln und Revolutionen auf, etwas derartiges scheint umzugehen, wenn auch niemand eine Revolution ausgerufen hat.

Stadtverwaltungen gehen dazu über, bevorzugt die bislang in der Geschichte so wenig berücksichtigten Frauen als Namensgeberinnen zu berücksichtigen, oder sich wie stalinistische Säuberer in Personengruppen festzulegen, die sich nicht mehr in Straßenschilder niederschlagen sollen. Zeitgenössische  Tendenzen können sich auch mit Opfern statt Helden auf Straßenschildern besser identifizieren.  Der Krieg hat als horrifizierender und anstößiger Inhalt von Straßenschildern sowieso ausgedient, sodass neben Personen auch Schauplätze von Schlachten, also Orte, von Straßenschildern verschwinden. Man spricht von Flucht aus der Geschichte, Angst vor der Geschichte,  Angst der Deutschen vor sich selbst.  Erkennbar sind eine in dieVergangenheit gewendete Demokratieverteidigung in alle Richtungen, und europaweit Political Correctness und verschiedene linke Ideologien und Bestrebungen als hauptsächliche  Triebfedern der Umbenennungen.

Straßenbenennungen dienen auch als Zankapfel. Auseinandersetzungen um Straßenschilder mobilisieren Menschen und markieren territoriale Ansprüche verschiedener gesellschaftlicher und politischer Gruppierungen und Milieus. Politische Gruppierungen junger Menschen, von Antifa bis Junge Union, sehen Straßennamen als irgendwie bedeutungsvoll und  als Mittel der politischen Auseinandersetzung an. Diese benennen Straßen eigenmächtig und provisorisch in Nacht- und Nebelaktionen nach Opfern ihrer Feinde um, jene wollen den historischen Bestand erhalten, vor allem natürlich den westdeutschen.  Da sind die Historiker, die mit ihrem Fach auch einmal etwas erreichen wollen, und wenn es die Umbenennung oder den Erhalt eines Straßenschildes geht. Die Vergangenheit bietet eine Fülle  irgendwie moralisch oder politisch aus heutiger Sicht missliebiger Menschen an, die auf Straßenschildern verewigt sind und aus dem Stadtbild entfernt werden könnten. Hinzu kommen Kommunalpolitiker, die sich in Zeiten knapper Stadtsäckel politisch profilieren wollen. Straßenumbenennungen gelten als günstig, und sonstige auftretende Kosten können auf die Anlieger abgewälzt werden. Alle wollen sie ihre Wirkungsmacht erbroben, Schlachtfeld ist die Geschichtspolitik. Verschiedene politische Gruppierungen können aneinandergeraten, verschiedene Geschmäcker, Aktionisten und als moralische Lehrmeister, Richter und Besserwisser auftretende Tugendbürger geraten  mit Besonnenen aneinander, die sich nicht vor Relikten aus anderen Systemen der Vergangenheit fürchten, die die heutige politische Ordnung vermeintlich in Frage stellen. Ältere wollen die vertrauten Schilder oft bewahren, während die mittlere Generation, die die Hebel in der Hand hält, die Gesellschaft mit Umbenennungen auf irgendeine Weise gestalten will.   Dabei kann die manchmal aufschimmernde Vorstellung, man könne und müsse die Gesellschaft mit Straßennamen in erheblichem Maße sozialpädogisch beieinflussen und dabei problematische Geschichte verschwinden lassen, mit einiger Berechtigung als tendenziell totalitär beschrieben werden, denn Angst und Kontrollsucht sind die Väter des Totalitarismus, der unter allen möglichen Vorzeichen  auftreten kann.

Der gesellschaftliche Zusammenhalt schwindet, es wird anscheinend immer schwieriger, dass sich alle auf einen Straßennamen einigen, der von allen akzeptiert wird. Gleichzeitig gerät Europa immer mehr ins Abseits des Welttreibens. Der alternde Kontinent mobilisiert wirtschaftlich nicht mehr so viel wie früher. Die Industrielandschaft verwandelt sich in  Museumslandschaft. In dieser gerät dann in den Fokus, wie die Museumsräume der öffentlichen Straßen und Plätze organisiert sind, welche Gedenkschilder, Tafeln und Kunstwerke an wen oder was erinnern.

Natürlich treten jetzt auch Gedanken auf, wie die Straßenumbenennerei auch wieder begrenzt werden kann. Straßen möglichst neutral nur noch sachbezogen, geschichtslos und apersonal benennen, wie es durchaus schon vielfach geschieht? Das wird den Revolutionären in irgendeiner Zukunft wieder zu wenig politisch sein. Rationale Systeme aus Zahlen und Buchstabenkombinationen, die ganze Städte überziehen, sind eingriffsfester, aber der Code aus Name und Hausnummer hat sich als sehr praktikabel erwiesen. Straßenumbenennungen nur unter bestimmten Bedingungen zu erlauben, wie das in einigen Kommunen geschieht, ist selbst wieder Gewese um Straßennamen. Das Thema wird uns also noch lange erhalten bleiben.

Auseinandersetzungen um Straßennamen: Schildersturm in Deutschland

August 23, 2012
Occupy

Aktivisten der Occupy-Bewegung haben eine täuschend echt wirkendes Straßenschild aufgestellt.

Münster hat gerade seinen weitflächigen Hindenburgplatz in Schlossplatz umbenannt, Oldenburg will 130 historische Straßennamen auf Untragbarkeit überprüfen, Freiburg gleich all seine 1300 Straßenschilder. Die Nachrichten über Straßenumbenennungen und umstrittene Versuche dazu häufen sich. Wer ist da am Werk und warum? Es erscheint unglaublich, was für ein Gewese um Straßennamen gemacht wird. Zusatzschilder sind oft doppelt so lang wie das eigentliche Schild, Umwidmungen (Name bleibt, es soll künftig aber einer anderer gemeint), Doppelwidmungen (Name bleibt, aber zusätzlich soll noch ein anderer gemeint sein), Umbenennungen (Name bleibt nicht), Gedenktafeln, schilderstürmerischer Vandalismus und Schilderraub, Überklebungen sowie  kreative Projekte lassen die Straßenschilder nicht mehr einfach so stehen.  Kommissionen, Gremien, Stadträte, Bürgerinitiativen, Anwohnerinitiativen und Künstler zerbrechen sich den Kopf über die richtige Wegweisung, Satiriker machen sich darüber lustig, Internetuser schalten sich ein, Professoren erklären, Straßennamen seien von höchster Bedeutung.

Da ist der kritische, mündige und informierte Bürger aktiv geworden, der sich nicht mehr mit von Geschichte und Stadtverwaltungen gelieferten Straßennamen zufrieden geben will. Das Internet macht es so leicht wie nie, Namensgeber von Straßen zu identifizieren und sich zu empören, über Mörder, Verbrecher, Homosexuellenhasser, Wegbereiter des Faschismus, allzu moskowitische Sozialisten und Kolonialisten, die da möglicherweise geehrt werden.

Stadtverwaltungen gehen dazu über sich wie politische Säuberer in Personengruppen festzulegen, die sich nicht mehr in Straßenschilder niederschlagen sollen. Zeitgenössische  Tendenzen können sich mit Opfern statt Helden auf Straßenschildern besser identifizieren, oder möchten eine Frauenquote erfüllt sehen. Der Krieg hat als horrifizierender, anstößiger, und möglicherweise missleitender Inhalt von Straßenschildern sowieso ausgedient, sodass neben Personen auch Schauplätze von Schlachten, also Orte, von Straßenschildern verschwinden.  Da sind die Historiker als Experten gefragt, die mit ihrem Fach auch einmal etwas erreichen wollen, und wenn es um die Umbenennung oder den Erhalt eines Straßenschildes geht. Da seit dem Zeitalter des Absolutismus die räumliche Orientierung durch Straßenschilder mit politischer Orientierung verbunden wird, bietet der Schilderwald eine Fülle  moralisch oder politisch aus heutiger Sicht missliebiger Menschen an, die auf Straßenschildern verewigt sind.

Hinzu kommen Kommunalpolitiker, die sich in Zeiten knapper Stadtsäckel politisch profilieren wollen, angefeuert werden Sie dabei aus den Medien und auch vereinzelt von Bundespolitikern. Straßenumbenennungen gelten als günstig, wie immer wieder hervorgehoben wird, und sonstige auftretende Kosten können auf die Anlieger abgewälzt werden. Alle wollen sie ihre Wirkungsmacht erproben, Spielwiese oder – verhärtet –  das Schlachtfeld der Kulturkämpfer und Politiker ist der Straßenschilderwald. Selbst Strafanzeigen, Klagen oder wechselseitige Morddrohungen kann es geben. Verschiedene politische Gruppierungen können aneinandergeraten, aber auch verschiedene Geschmäcke. Aktionisten und als moralische Lehrmeister, Richter und Besserwisser auftretende Eiferer geraten mit Besonnenen und Indifferenten aneinander, die Relikten aus anderen Systemen der Vergangenheit keine besondere Bedeutung zumessen oder sie historisch interessant finden. Ältere wollen die vertrauten Schilder oft bewahren, während die mittlere Generation, die die Hebel in der Hand hält, die Gesellschaft mit Umbenennungen auf irgendeine Weise gestalten will.  Es werden kollektivpsychologische Erklärungsmuster bemüht, man spricht von „Flucht aus der Geschichte„,  bei genauerem Hinsehen sind jedoch eine in die Vergangenheit gewendete Demokratieverteidigung in alle Richtungen und europaweit rückwirkende Political Correctness und verschiedene linke Ideologien und Bestrebungen (Antifaschismus, Antinationalismus, Antikolonialismus, Antimilitarismus usw.) als hauptsächliche  Triebfedern der Umbenennungen erkennbar.  Seit der Wiedervereinigung spielen insbesondere Befürchtungen eine Rolle, das geeinte Deutschland könne eine Gefahr für den Weltfrieden darstellen, und der Neonazismus  zu stark werden. Beispielweise wird bei den Auseinandersetzungen um die von-Seeckt- und von-Einem-Straße in Essen fortlaufend mit dem NSU-Terrorismus argumentiert.

Straßenbenennungen dienen auch als Zankapfel. Auseinandersetzungen um Straßenschilder mobilisieren Menschen und markieren territoriale Ansprüche verschiedener gesellschaftlicher und politischer Gruppierungen und Milieus. Politische Gruppierungen auch junger Menschen, von Antifa bis Junge Union, sehen Straßennamen als bedeutungsvoll und  als Mittel der politischen Auseinandersetzung an. Diese benennen Straßen eigenmächtig und provisorisch in Nacht- und Nebelaktionen nach Opfern rassistischer Gewalt um, jene wollen in Westdeutschland den historischen Erinnerungsbestand, so, wie er sich in der Geschichte ergeben hat, eher erhalten, während sie in Ostdeutschland manchen Kommunisten von den Schildern holen wollen.

Dahinter steht  die „denunziatorische Beschäftigung mit Geschichte“, wie sie Bernhard Schlink als Kennzeichen unserer Gegenwart erkannt hat, diese Tendenz ist überall in der Gesellschaft wirkungsvoll.  Die Fähigkeit, sich in die historische Vergangenheit einzudenken, die Bereitschaft, historisch zu relativieren, geht möglicherweise zurück. Das Verständnis der Generationen für ihre Vorgängergenerationen nimmt immer weiter ab, wie zum Beispiel der Historiker Eric Hobsbawm erkannt hat, denn der gesellschaftliche Wandel beschleunigt sich immer weiter. Es spiegeln sich also auch gesellschaftliche Umbrüche, sowie Veränderungen in der Bevölkerungszusammensetzung, in den Umbenennungen. Straßenumbenennungen sind in einem Straßennamensystem Teil des Alltags, treten aber gehäuft nur bei Systemwechseln und (Kultur-)Revolutionen auf.

Alles was übertrieben wird, muss Kritiker auf den Plan rufen: Die manchmal aufschimmernde Tendenz, man könne und müsse die Gesellschaft mit Straßennamen in erheblichem Maße sozialpädagogisch beeinflussen, durchgängig plakativ auf das politische System der Gegenwart einschwören und dabei problematische Dokumente der Geschichte, insbesondere vordemokratischer Systeme, vollständig verschwinden lassen, wird feuilletonistisch schonmal als totalitär kritisiert. Auch kommen Gedanken auf, wie die Straßenumbenennerei unter Zweckmäßigkeitsgesichtspunkten wieder begrenzt werden kann. Straßen möglichst neutral nur noch sachbezogen, geschichtslos und apersonal benennen, wie es schon vielfach geschieht? Rationale Systeme aus Zahlen und Buchstabenkombinationen, die ganze Städte überziehen, sind eingriffsfester, aber der Code aus Name und Hausnummer hat sich als sehr praktikabel erwiesen. Straßenumbenennungen nur unter bestimmten Bedingungen zu erlauben, wie das in einigen Kommunen geschieht, ist selbst wieder Gewese um Straßennamen.